A

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E

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G

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J

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Q

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X

X-Macher ·  xorg ·  Xotuln

Y

Yagir ·  Yagirette

Vorrede zum Alphazet

A
Das denkbare Maß dieser Fingerübungen sind die Möglichkeiten des Alphabets und die sind beträchtlich. Die Fülle dessen, was nachdrängt, überflügelt den Stand des Erreichten und lässt ihn größer erscheinen. Das Alphazet oder das allen Zugriffen entrückte Buch: so ließe sich eine Schreibabsicht umreißen, die von Umriss zu Umriss fortläuft, als liefe sie vor sich selbst davon. Was nicht so falsch ist. Wäre es anders, so ließe sich die Erfassung der Welt nur als Verrücktheit erklären – ein nicht ganz richtiger Ansatz, dem die Wirklichkeit der Lexika und ›Enzyklopädien‹ entgegensteht. Nicht sie allein: alles Geschriebene kann nur als Teil jenes Programms verstanden werden. Warum das so ist? Die Kenntnis der Welt mag beschränkt sein, aber sie lässt sich nicht beschränken, an allen Rändern geht sie über sich selbst hinaus. Schreiben ist Weiterschreiben. Der Mut dessen, der einmal mit dem Schreiben anfing, erscheint unfassbar. Nicht nur der Mut, auch das Erschrecken darüber, dass Schreiben nur im Weiterschreiben den kostbaren Denkstoff Sinn absondert, nach dem alle Welt hungert.

Vorrede zum Alphazet (Fortsetzung)

Daraus zu schließen, es sei immer die Gesamtheit der Schreibenden, die schreibt, sobald einer den Griffel rührt oder in die Tasten greift, banalisiert das Thema und schafft Verwirrung. In dieser Hinsicht berührt das Unternehmen ›Wikipedia‹ eine bizarre Grenze. Ein anonymer Schreiber, dessen Text durch seine Nachfolger ausgelöscht wird, während er noch schreibt: was ist das? Ein Soldat im Stellungskrieg, der tötet, um zeitversetzt an gleicher Stelle zu fallen? Ein sinnloses Opfer an Lebenszeit, die besser an Geld, Reputation und Fortkommen verwendet wäre? Aus der Distanz des Lesers jedenfalls ist der einzelne Anteil gleichgültig und vielleicht nicht einmal das. Er trägt einen Makel, denn er ist nicht reell. Erst wenn er, möglichst mehrfach, vollständig überschrieben wurde, bekommt er jene revisionsgesättigte Gültigkeit, die das Medium fordert. Überall, wo ein Verfasser erkennbar, sichtbar, fühlbar bleibt, wurde in der Sache zu wenig getan – oder zu viel. Ein Verfasser, der seine Identität nicht preisgibt, ist immer ein Ärgernis. Schließlich gibt es ihn und er hinterlässt seine Spuren. Diejenigen, die sie auslöschen, hinterlassen andere, schwerer zu identifizierende, anonymere: Abdrücke, die mehr und mehr denen eines Kollektivs ähneln oder einer Meute. Über kurz oder lang sind sie das Ärgernis und ihre Darstellung wird kassiert oder die Menschen wenden sich wortlos von ihr ab.
Wer schreibt, hinterlässt Spuren. Er ist der Einzelne, der wahrgenommen wird, ob als Person mit einer Biographie, mag dahingestellt sein. Wichtig ist es nicht, da der Text an seine Stelle getreten ist. Die Spur des Einzelnen in den Lineamenten des Sinns, die sich an jeder Stelle zum Welt-Sinn zusammenschließen (oder ihn fest umschließen, um ihn nicht preiszugeben) findet sich vielleicht am überzeugendsten in den Artikeln eines Lexikons. Jedes Hintereinander ist hier ein Nebeneinander, im historischen wie im hierarchischen Sinn. Es gilt auch in der Sache, da die lexikalische Ordnung, gleich welcher Art, die Sinn-Suggestion, die in der Folge liegt, nur als Unsinn zulässt. Der Einzelne ›findet sich‹ also in diesem wie in jenem Artikel, die Frage, ob er sich ›ganz‹ darin finde, entbehrt aller Bedeutung und ist daher nicht zugelassen. Einzelner und Einfall gehen hier eine Symbiose ein, die durch keine konstruktive Andacht gestört und gelähmt wird. Auch durch keine destruktive: ein destruktiver Artikel, ein Artikel ohne Artikel, selbst seine Negation, ist nichts weiter als ein Artikel. Was das Individuum erfährt, wenn es ›ich‹ sagt, kann es an ihm ohne weiteres ablesen. Ein Artikel hält sich nicht damit auf, seinen Gegenstand forschend zu konstituieren, also als Wechsel auf künftiges Wissen. Er ›gibt‹ diesen Gegenstand und er gibt ihn ganz. Wer liest, bekommt einen Artikel und ein Stück Welt-Sinn, beide komplett.
In gewisser Weise verwandelt das Netz, das nach und nach alles Geschriebene umfasst, es sei denn, es würde mit Vorsatz herausgehalten oder unwiederbringlich gelöscht, sämtliche Formen und Formate des Schreibens in ›Artikel‹, macht sie, gemäß den abgründigen Verfahren der Suchmaschinen, neben- wie hintereinander auffind- und nachschlagbar, lässt sie gleichförmiger erscheinen, als sie vielleicht zur Zeit und am Ort ihrer Entstehung gedacht waren. Ein und dieselbe Wahrnehmungsweise geht über sie hin, nicht so gleichförmig, wie ihre Verächter über sie reden, nicht so ausgefächert, wie sie Autoren gern hätten, die von sich behaupten, auf unterschiedlichen Planeten zu existieren. Sie lebt davon, auf und davon zu sein, sobald der Kitzel der einzelnen Lektüre nachlässt. Die spaßige Idee, man könne das Auf-und-Davonsein durch ausgeklügelte Verknüpfungssysteme einfangen, wurde gleich am Anfang der Netz-Ära durch das reale Verhalten der Leser kassiert. Insofern stellt auch das alphabetische Nacheinander einen Anachronismus dar, eine Formfassade, hinter der gleichmütig die Suchmaschine Dienst tut. Man könnte es eine Demutsgeste nennen, eine Huldigung an die Zeichen des Alphabets, wissend, dass es in Konkurrenz zu anderen Zeichensystemen steht, vorhandene und denkbare, die ohne weiteres ihre Stelle einnehmen könnten, einen Regionalismus, wie ihn auch die für den Schreiber unabweisbare Wahl einer Sprache bezeugt.
Nicht länger also ist das Lexikon die umfassende Form, als die es das Licht der Welt erblickte und über so lange Zeit existierte. Es ist ein Spiel geworden, ein Spiel mit Worten, ein Spiel mit obsoletem Ordnungsanspruch, einer obsoleten Sprache und einem komischen Zeigegestus, der nicht parodiert werden kann, weil er nur als Parodie überlebt hat. Doch nicht alles ist Parodie, was sich einer parodistischen Sprache bedient. Die Parodie selbst beruht auf solchen Übergängen. Alles nur Parodistische hat eine Tendenz zum Fürchterlichen. So gleichen auch die seltsamen, spielerisch erzeugten Wörter der Sprache eher Wissensverdichtungen, von denen der Witz ebenso zehrt wie die Analyse. Kein Auswahlgremium hat sie gebilligt, kein Vollständigkeitsanspruch hat sie berührt, es sei denn merkwürdig. Vielmehr geht die Berührung von ihnen selbst aus, nach dem Motto: erst der Autor, dann die Leser. Die Frage ist also, wozu sie sich fügen.
Hier kommt man ohne einen Begriff nicht aus, der, obzwar allen geläufig, selten gebraucht wird: den des ›Weltverhältnisses‹. Wer in Taten, Worten und Bildern nur seine Welt zum Ausdruck bringen möchte, wozu Designer und Therapeuten in schöner Eintracht raten, der ist rasch am Ende, weil nur Besessene eine Welt ihr eigen nennen. Der urteilsfähige Rest muss sich damit abgeben, sein Verhältnis zur Welt zu bestimmen, es sei denn, er verzichtet darauf aus unerfindlichen Gründen. Wie soll das gehen, wenn ›Welt‹ als Grenzbegriff auf einer nach oben offenen Skala der Überraschungen fungiert? Das zum Alphazet mutierte Lexikon gibt darauf Antwort. Jeder weitere Eintrag verändert es, ohne es zu verändern. Kein Eintrag bringt es einer Vollständigkeit näher, deren Fiktion über allen schwebt. Kein Eintrag ist ›Ertrag‹, der eine Lücke füllt. Jeder Eintrag ein Vorschlag zur Form: so könnte man es heute sagen, so könnte man es machen. Jeder Eintrag parodiert eine denkbare Parodie und eröffnet damit einen Merkraum zwischen Parodie und Nicht-Parodie, in dem jenes ›Weltverhältnis‹ vernehmbar wird, das sich der direkten Bestimmung verweigert. Jeder Eintrag? Aber sicher, welcher sonst! Doch jeder...? Nun denn: jeder zwischen seinesgleichen. Warum nicht Eulen nach Athen tragen? Dort sitzen schon andere und freuen sich. Vielleicht auch nicht, darüber zu befinden ist schwer.

A

A
Aus den Weisheitsbüchern des Homomaris:
Das A drängt, so weit wir erfahren konnten, allein durch den strikten Ordnungseifer Thomas von Aquins auf die erste Stelle im Alphabet, denn niemand vermag sich bis heute auf die Regeln seiner wirklichen Reihenfolge zu besinnen. Man kann Gestirne der Sprache nicht regeln. Man bedenke, das Alphabet war einmal auf mehreren mondhaften Schlitten über den Milchbart eines höheren Gottes hinabgefahren. In süßen Strömen flossen die Buchstaben zur Namensstiftung von Sternschnuppen und anderen Hustenanfällen des Himmels nieder in die frühesten Fangnetze aller wahrhaft großen Stiftungen bis zu den Zeiten Grabbeaus.
Unsere Fangnetze, eingeölt vom Malfett der Gnome, sind den Abdrücken des Himmels zugeneigt und bilden die ersten Landkarten menschlicher Abkunft, blau wie der Himmel, rot wie die Hölle und gelb wie die asiatischen Wiesen bei Lhasa. Gestern erst lasen wir zweimal ›Taipeh‹ und ›Karma‹ und empfanden den Widerspruch aller Schuld auf Erden. Davon später, wenn die Verwirrung genügend Worte erzeugt hat.
So nahm die frühe Magie das gespreizte A als passende Staffelei zu Hilfe, auf dass man die ersten Leinwände astrologischer Darstellungen, vor tellurischen Stürmen gesichert – auch sie durchpflügen ja schließlich den breiten Himmel –, aufrichten konnte. Noch lange hat es öffentlich unter Malern Wolken von oben und unten gegeben, die als himmlische Kissen, in Wahrheit als Polster der Inspiration, auf dem edlen Gerüst dieses Buchstaben ihren Platz finden konnten. Joseph Donner von Richter galt das gespreizte Gestell sogar als Criterium primum der Würde eines jeden Malers und er verlästerte in seinem Hauptwerk gegen die Muse von Cortona die späte französische Staffelei, deren Abdrücke er im Wachs dieses Bildes gefunden haben wollte. Sie galt ihm als infantiler Besenstiel mit verschiebbarem Unterkiefer.
- PM

ABENDLÄNDEREI

A
Das ist Deutschland: vergebliche Parole wie Das ist die Welt. Beide, so angesprochen, sind schon andere.
Alles, worüber man gerne sprechen würde, liegt in der Vergangenheit, die von der aktuellen Statistik ›festgehaltene‹ Realität ebenso wie die Gedanken und Eindrücke, aus denen sich Summen formen und zu Ländern, Erdteilen und Größerem addieren, sie sind, bestenfalls, Geschichte, größtenteils bereits Schrott, Abfall, Abhub, beiseitegetragen, beiseitegeschoben, zu Haufen getürmt und unterirdisch verfüllt, in Teilen verbrannt.
Verbrannte Erde – eine Horrorvorstellung und eine zutiefst menschliche Realität. »Ich könnte dort nicht mehr leben, wo es mir gerade noch gut ging.« Wie kann das sein? Die Verhältnisse fragen nicht danach, es ist einfach so. Auch ich bin bereits über den hinausgewachsen, der da soeben die Straße entlangging. Eine Strecke weiter, eine kleine nur, unmerklich fast und dennoch: radikal weiter, ohne Zugang zu dem, der ich gerade noch war, außer dem holprigen, löchrigen, rutschigen Pfad der Erinnerung, der kaum die Richtung hält, geschweige denn ein Versprechen.
»Aber so kann ich nicht leben« – wohl wahr, sehr richtig. Keiner kann so leben. Dazu bedarf es der Ideen, vergleichbar den vor öffentlichen Gebäuden aufgezogenen Fahnen, mit deren Hilfe Menschen sich Orientierung schaffen und, jeder für sich und alle gemeinsam, das ausbilden, was ›Welt‹ genannt wird und ebenso überzeugend als Rätsel tituliert werden könnte.
Die Welt wird durch Ideen geschaffen, manche sagen ›gestiftet‹, aber das klingt altertümlich und reizt den Lachmuskel. Ideen haben, wie gewisse Wörter, ihre Zeit, sie erfüllen das Denken und verblassen auch wieder, aber sie gehören nicht der Zeit – sie besitzen keinen Zeit- oder Verfallsindex.
Töricht mutet es daher an, Menschen vorzuhalten, sie lebten im Mittelalter, während man sich selbst im Heute zuhause glaubt. Das hört sich an, als gebrauche jemand Hausrecht in der Zeit, um unliebsame Mitbewohner zu entfernen oder zu unterwerfen. Ideen sind genau dann an der Zeit, wenn (und solange) sie in den Köpfen der Leute spuken. Wer das Abendland beschwört, um seine Idee von Europa zu ›konkretisieren‹, dem kann man im Namen anderer Ideen die Hölle heiß machen, aber man kann ihn nicht zur Selbstverbrennung zwingen. Nicht weniger hieße es zu verlangen, er müsse, aus Gründen eines imaginierten Heute, seine Begriffe ›bereinigen‹. Ein solches Verlangen ist sinnlos, es ist sogar widersinnig, weil Ideen, so kämpferisch sie auch gegeneinander gestellt sind, different-gemeinsam genannt werden können. Man kann sie nicht ablehnen, ohne sie zu reproduzieren, es sei denn, jemand lehnte aus purer Ignoranz ab, was er nicht kennt.
Wer annimmt, ›Abendland‹ sei ein Kampfbegriff, der bekämpft werden sollte, weil er in der heutigen oder in dieser Welt nichts zu suchen habe, der gerät in eine seltsame Schleife, aus der er ohne Kopfschmerzen nicht entrinnen kann. Kampfbegriffe oder ›Parolen‹ sind Verdinglichungen von Ideen, dem lebendigen Denken entzogen und für reale Kampfsituationen zurechtgezimmert, weil es nur wenigen Menschen gegeben ist, gleichzeitig zu denken und zu kämpfen oder gar denkend zu kämpfen. Kein Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte, der im Gefecht steht, treibt Institutionenkunde oder leiert (eine eher redundante Form des Denkens) die Charta der Vereinten Nationen herunter. Er kennt die Parole und das genügt – manchmal auch nicht, falls er am falschen Ort mit den falschen Freunden unter falschen Prämissen kämpft.
Das Abendland existiert als Idee und es existiert in den Köpfen derer, die es denken. So einfach ist das. Wie und zu welchem Zweck es in diesen Köpfen existiert, was daraus folgt (oder wird) und was nicht, das ist niemals ganz entschieden, es ist Auslegware wie bei allen Ideen. Im übrigen hängen irgendwo alle Ideen zusammen – andernfalls lebten wir nicht in einer Welt, sondern im Feuer radikaler Vernichtungsmaschinen, die einander nichts zu sagen und nichts zu geben hätten.
Ideen, die ihre Bezeichnung verdienen, bekämpft man nicht. Man streitet um ihre Auslegung. Die schlichten sind nicht immer die schlechtesten.

ABENTEUER

A
»Lust auf...?« »Aber nur ein kleines, für das man den Klee nicht verlassen muss.« »Das soll etwas Kleines sein? Ist das nicht groß? Etwas ganz Großes, für das man sich recken und strecken und schlagen muss?« »Sie reden irre.« »Und wenn schon. Ist das kein Abenteuer? Da haben Sie Ihren Klee, er geht nicht mehr heraus. Und ginge er einmal heraus, wer wüsste schon, welcher Anwandlung er dabei folgte. Nein, warten Sie. Ich habe Klee gesehen, der seine Farbe wechselte, so fiebrig war ihm zumute. ›Kein Klee, niemals mehr Klee‹, hörte ich ihn murmeln. Er wirkte so blass, so nervös, als wollte er sagen: ›Man kann nichts machen.‹ Seither beschränke ich mich darauf, den Reinigungskräften die Fünfziger zuzuschieben. Solange sie keine Siebziger wollen, bin ich zufrieden. Nützt es nichts, so schadet es nichts. Auch so kommt man voran.«

ABGANG

A
Das Paradies der Schrecken schließt seine Pforten, es weicht zurück, den Entronnenen dämmert ein neuer Tag – nicht so strahlend, wie die Hoffnung ihn zeigte, nicht so schwarz, wie die Angst ihn auf den Grund projiziert. In solch schlichten Bildern malt sich, was Leben und Weg heißt, als Flucht in eine Zukunft, deren imaginäre Anteile mit der vergangenen Welt verschmelzen, aus deren Abgang sie stammen. Das ist bestürzend, das ist normal, das ist enorm, da es die Normen aufs Äußerste spannt und ihr Zerbrechen kalkuliert. Erst die zerbrochene Norm setzt die Norm frei, der es zu folgen gilt, obwohl das unmöglich ist und jeder Tag den Beweis dafür liefert. Der Entronnene ist nicht entronnen, er spürt den eisernen Griff, dem er sich entwinden will, er trägt ihn als Halsband, als Ohrring, als Tätowierung, er ist stolz darauf, ihn zu tragen und belauert die Haut, die sich arrangiert, statt in Aufruhr zu geraten. Er bedauert und verachtet sie, weil sie stillhält, er verachtet sich, weil er verachtet, und bedauert sich, weil er bedauert.

ABGESCHRIEBEN

A
Bitte gehen Sie nicht zum Teufel. Ich frage Sie, was wollen Sie dort? Bleiben Sie hier, wo es Ihnen gut geht. Man hat Sie abgeschrieben? Sie sind doch keine Maschine, lassen Sie sich so etwas nicht einreden. Nie, unter keinen Umständen. Sie selbst haben abgeschrieben? Ach so, das wäre dann etwas anderes. Was haben Sie denn...? So eine kleine Abschreibung wird mit Ehrverlust nicht unter... wie?... nicht unter fünf Jahren... Sie haben gar nicht abgeschrieben? Jetzt wirds kompliziert. Sie haben abschreiben lassen? Aber wie denn, wo denn? Sie wissen nicht? Sie können sich nicht erinnern? Es tut Ihnen leid? Entschuldigen Sie, das verstehe ich nicht. Also von vorn. Nein, nicht von vorn? Unter keinen Umständen von vorn? Ich muss schon sagen, Sie haben Nerven. Wenn Sie jetzt damit durch sind, wie Sie sagen, dann frage ich mich, warum Sie die Sache nicht ruhen lassen. Einfach ruhen, verstehen Sie? Wie, Sie unternehmen ja nichts? Sind Sie von Sinnen? Machen Sie was. Einer wie Sie wird nie ganz abgeschrieben. Woher ich das weiß? Sie meinen, ich hätte auch...? Was soll die Andeutung? Was bilden Sie sich eigentlich ein? Glauben Sie, weil ich mich für Sie einsetze, lasse ich mich mit Ihnen in einem Atemzug...? Nein, das tut mir jetzt leid, ich glaube, wir müssen unser Gespräch jetzt beenden. Ich hätte Ihnen gern geholfen, aber nicht um jeden Preis. Sie wissen, ich war immer Ihr Freund, diesen Affront begreife ich nicht. Sie enttäuschen mich, mein Guter, Sie enttäuschen mich. Das wird Sie teuer zu stehen kommen. Bitte, halten Sie davon, was Sie wollen, aber halten Sie mich nicht auf. Wir sind hier nicht im Exil. Das Leben geht weiter, wissen Sie, und Sie, pardon, sind der Schnee von gestern.

ABGRUND

A
Es ist nicht wahr, dass, wer auf dem Kopf geht, den Himmel als Abgrund unter sich hat. Allein die Anstrengung, auf dem Kopf zu gehen, verhindert den freien Blick in die Abgründe. Den Rest erledigt die leichte Umstellung, die im Wissen darum liegt, auf dem Kopf zu gehen: Der Himmel bleibt oben, man selbst ist tiefer gerutscht, man ist abgerutscht – that’s all. Vielleicht nicht ganz, denn wer den Himmel aus den Augen verliert, dem wird die Welt fadenscheinig oder ›halbdurchsichtig‹, um ein neutraleres Wort in einer Sache zu wählen, die keine Neutralität verstattet. Die halbdurchsichtige, in einem Nebel von Befindlichkeiten schwimmende Welt trägt den Himmel in sich, aber als Bedrängnis. Man will hinaus, wohl wissend, dass dort draußen nichts ist. Man will das da hinter sich bringen, ohne es zu verlassen. Der Schmerz ist die schützende Hülle der Weltlosigkeit, die, zu sich selbst befreit, verfliegt – ein Seelchen ohne Zentrum, ohne Zusammenhalt, ohne Kontur, ohne... ja was denn? Ohne ›Fühligkeit‹, den Wetterlagen entronnen, in denen dergleichen sich herstellt.

ABLASSHANDEL

A
Irgendwie tut es gut zu wissen, dass pünktlich zur Fünfhundertjahrfeier der Reformation der Ablasshandel in voller Blüte steht und die katholische Kirche, die ›alleinseligmachende‹, damals wie heute die richtige Seite vertritt: von der Klima- bis zur Refugee-Rettung bleibt es nicht zuletzt den als Europäern verkleideten Deutschen auf Grund ihrer ›besonderen Verantwortung‹ auferlegt, durch erhöhten Mitteleinsatz dem allgegenwärtigen Bösen, dem ›Herrn der Welt‹, dem Junker Valand ein Schnippchen zu schlagen. Wo doch, streng alt-theologisch gedacht, diese Welt nicht zu retten ist – tut nichts, der Ketzer wird verbrannt, vorausgesetzt, man bekommt ihn rechtzeitig zwischen die Finger, was damals wie heute nicht immer so einfach geht. Dafür forscht heute auch die Wissenschaft, wie man weiß, auf der richtigen Seite, ein neuer Fall Galilei soll ihr nicht wieder passieren: undenkbar, unter einem Giordano Bruno 2.0 könnte aus Versehen ein Feuerchen prasseln, das die Welt erhellt, denn heute – weiß sie Bescheid. Wie sehr Wissenschaft Bescheid weiß, erfährt man, wenn man ihre Vertreter einträchtig neben den neuen Tetzels am Kartentisch sitzen sieht, versunken in ihre Modelle und doch hellwach, denn ohne Karriere kein Wissen, worum es geht, und darum geht’s doch, nicht wahr?

ABLEBEN

A
Neben dem gewöhnlichen Ableben oder Verscheiden tritt das aktiv betriebene Ableben weniger klar in Erscheinung. Nicht ohne Grund, denn es meint nicht, dass einer sein Leben so oder anders herunterlebt – vom berüchtigten Abreißen ganz zu schweigen –, sondern jenes Schattenhandeln des Lebensgefährten, das auf ein Leben nach dem Tode des Partners ausgerichtet ist, ihn zwar nicht aktiv herbeiführt, aber in einer Art Vorab-Gestorbensein bereits kassiert und konsumiert. Wie das zugehen soll? Die Frage an sich klingt heuchlerisch oder naiv, sie setzt einen Menschen mit sehr geringer Lebenserfahrung voraus oder eine entsprechende Praxis, die notgedrungen vieles verschleiert, auch vor sich selbst – was nicht so sehr erstaunt, da es für viele ökonomische Praktiken gilt. Vielleicht verschleiern Praktiken generell mehr, als sie zeigen, vielleicht sind sie mehr oder weniger auf das Ableben eines Anderen ausgerichtet, jedenfalls hat der Lebenswille der meisten Menschen etwas Todbringendes. Am deutlichsten zeigt sich das in der Politik. Hier ist der wahre Tummelplatz der Ableber: Abzulebende und Ablebende sind identisch, sie fügen einander zu, was sie erwarten. Doch bleibt ein Hoffnungsschimmer für jeden, solange politische und biologische Existenz auseinander klaffen. Im Privaten ist das anders. Wo immer abgelebt wird, ist Politik im Spiel, große Politik wohlgemerkt, die sich in kleiner Münze ausgibt, also nicht in Haupt‑ und Staatsaktionen, sondern in Ansprüchen, deren Begründung jenseits der kleinen Person liegt, die sie in ihren Praktiken formuliert. Wer eine schöne Rente erwartet, der sieht manches gelassener. Seine Steuerungskapazität – wunderbares Wort! – ist anders gefordert als die eines Menschen, der den anderen lebend braucht. Es existieren Renten im Gehirn, die von keiner Kasse ausgezahlt werden können, Bezüge an Status, Bewegungsfreiheit und ‑lust, ja Prestige, gegen die kein lebender Organismus ankommt, selbst der scheinbar gesunde.

ABNAHME

A
Wann immer dich der Schlund verschlang und, nach gehöriger Zeit, wieder freigab, gingst du als weniger aus ihm hervor: du merkst es nicht gleich, weil du dich erst einmal wichtiger nimmst, aber mit der Zeit ist hier kein Zweifel möglich. Du wirst weniger, du nimmst ab, du achtest den Rest, aber nicht zu sehr, du siehst die Schlangenhaut und ahnst, dass du sie abstreifen wirst. Nein, du ahnst, dass du selbst die Schlangenhaut bist, die abgestreift werden wird. Das beunruhigt, aber es lullt auch ein. Kaum einer bemüht gleich das Universum, wenn er die Instanz ermitteln will, die ihn loswerden möchte, den meisten genügt schon der Nachbar oder die nahe Verwandtschaft. Glücklich die Naturgläubigen, die darauf bauen, dass die Erde sich häutet, sie hoffen darauf, dass sie einen guten Dünger geben und sterben gern, wenn es den Artenschwund aufhält. Andere tun sich da naturgemäß schwerer. Merkwürdiger Ausdruck: sich schwer tun. Das ist, als gäbe man heimlich etwas hinein. Dabei nimmt man sich nur weniger als andere heraus. Das Ende ist leer.

ABSCHAUM

A
Offenbar kann Gesellschaft nicht auf Dauer existieren, ohne sich auf irgendeine Art des Abschaums – z. B. im Sexuellen – geeinigt zu haben. Die Bilder wechseln, ebenso die Methoden des Aussonderns und der Übertreibung, ebenso die Formen des Durcheinander­schüttelns und ‑rüttelns, ebenso die Praktiken der Benennung und des Aussparens, der aussparenden Benennung und der benennenden Aussparung. Was bleibt, ist der ewige Pranger, das Erzeugen der Meute, die Gier nach Bezichtigung, die Stunde der Leute, die sich ›genau erinnern‹, das zwielichtige ›Geradestehen‹ von Menschen, die zufällig gerade da stehen, wo sie stehen, schließlich die Arbeit für Polizei und Justiz, die dem allem nachgehen und es wieder in die nicht ganz unvertraute Proportion zurückbringen müssen. Die liberale Gesellschaft ist liberal gegen ihre Kaprizen, solange sie stürmt, geht man ihr besser aus dem Weg. Die Wogen gehen hoch, wenn ein Zeitgeist einen gewesenen hetzt oder am besten gleich aufknüpft. Der nächste steht ihm schon in den Hacken und lernt seine Lektion: er wird sie nützen, wenn die Zeit gekommen ist.

ABSTAND

A
»Eine Armlänge Abstand!« – wer das verstanden hat, hat viel verstanden, deshalb sträubt sich das Gros der Menschen so, es anzunehmen. »Bleib mir vom Leibe!« – so schreien sie und wollen dabei nur das eine: berührt werden, wo und wodurch auch immer. Ohne Abstand kein Anstand, ohne Anstand kein Stand, ohne Stand kein Darüberstehen, ohne Darüberstehen kein Aussicht, vor allem auf Besserung. Sich im Bett wälzen und den Arzt beschimpfen, der Besseres zu tun hat – was ist das für eine Art? Nicht jeder, der sich fernhält, ist säumig. Zwar ist die Armlänge kein Maß, aber sie enthält eine Idee: Kommt sie heraus, dann schnellt die Faust nach vorn und vollendet das zaghaft Angedachte. Im Faustrecht verkehren wir alle auf eine Armlänge Abstand, das ist nicht verkehrt, bloß verkehrte Welt, die Abwesenheit der Ordnung als Ordnung, in der das Recht dessen gilt, der auf Abstand zu halten weiß, und sich Respekt verschafft, wer weiß, wie man die Faust auf den Tisch legt, ohne dass ein anderer sie abhackt.

ABSTURZSIEG

A
Die größten Siege, schreibt Rilke, werden im Fallen errungen. Geht es einmal bergab, gerät jeder Maulwurfs- zum Feldherrnhügel und derjenige, der ihn zuerst besteigt, dünkt sich Herr der Zukunft. Leider gleicht jeder Maulwurfshügel dem anderen, er ist schneller zertreten als bestiegen, jedenfalls sinkt ein, wer zu steigen glaubt, und darin liegt die egalisierende Kraft solcher Siege. Am Ende ist aus dem Sieger einer wie ich und du geworden, ein Ritter ohne Fortune, ein Husar ohne Pferd, eine Schaluppe ohne Segel, ein Hansdampf, dem man die Gasse stibitzt hat und der jetzt im Wohnzimmer röhrt, bis ihn einer am Ohr packt und an die frische Luft befördert, zur Abkühlung, wie es heißt. Absturzsieger benützen das Blaue vom Himmel als Packpapier, die Blessuren schlagen aber durch und der Himmel, der Himmel … wo ist er hin?

ABWAHL

A
Eine Regierung fällt auseinander und die Regentin sucht sich eine andere: wo bleibt da die Demokratie? Besser gesagt: wo steckt sie? In der Klemme, gewiss, vorausgesetzt, das herrschende Volk hat zwar die Regierung abgewählt, aber die Regentin gemeint – es hat aber, der Parteienlogik zufolge, nichts zu meinen, sein einziger Ausdruck ist die Wahl und die ist unendlich interpretierbar. Interpretierbar durch wen? Die bezahlten Interpreten der Macht leben von der Macht, also folgen sie ihren Bocksprüngen willig. Wer das Wahlvolk behandelt, als sei es Luft oder, besser noch, eine übelriechende Substanz, der attestiert ihm, gelinde gesagt, Ohnmacht, gepaart mit Dummheit. Der geläuterte Antidemokrat mokiert sich über den Ausdruck ›Volksherrschaft‹, er würde ihn gern für ›diskreditiert‹ erklären und schwafelt von der ›Gemeinschaft der Demokraten‹, als handle es sich um einen Klub von Verschwörern, dem nur ein Ziel heilig sein darf: Machterhalt um jeden Preis. Gewiss, es gibt sie, die Gemeinschaft der Demokraten – in Diktaturen, unter feudalen Regimen, überall dort, wo das Volk nicht ›die Macht hat‹, wie immer man diesen Ausdruck verstehen mag. Sie will, dass Demokratie sei, nicht, dass sie ihr gehöre. Der geläuterte Antidemokrat schwärmt von Führung und meint das Gleis, aus dem er ohne Gesichtsverlust nicht mehr herauskommt. Er hat verlernt, was es heißt abzutreten: er begreift’s nicht. Der Demos mag verführbar sein, aber dumm ist er nicht … vornehmlich, weil sich Intelligenz nicht addieren lässt. Parteien müssen verführen, aber auf intelligente Weise, so dass die Bürgerintelligenz mit an Bord ist und die Mannschaft weiß, was zu tun sei. Bleibt die Frage, woran es fehlt.

ABWEHRZAUBER

A
Dass eine Gruppe unterdrückt ist, wenngleich nicht ganz, erkennt der versierte Leser daran, dass ihre Angehörigen einander einen höheren Wert beimessen als dem Personal, das sie umgibt. Stefan George, der im Gedicht die Keuschheit eines römischen Strichjungen gegen die ›Feilheit‹ der zeitgenössischen Frauen ausspielt, wäre da nur ein Beispiel unter vielen. Er wird kaum damit gerechnet haben, dass ein junger Revolutionär darin Verachtung der Zeitgenossen zu erblicken glaubte. Was George schrieb, sollte als Abwehrzauber gegen die gefühlte Verachtung der Mitwelt wirken, während bereits eine Generation heranwuchs, der, jedenfalls in den klügeren Köpfen, diese Verachtung verächtlich vorkam. Die Dümmeren allerdings… In dieser Geschichte sind die Gerechten Freiwild, das den Mördern den Weg zeigt. Zwei Lebensalter später hat nur der ›höhere Wert‹ sich erhalten und nährt das Ressentiment, bei dem sich jede Seite für ›etwas Besseres‹ hält und Kompensationen fordert.

ADOLFINE

A
Der Deutsche greift zum Vornamen wie andere Leute zur Waffe. Er richtet ihn auf die Brust des Nachbarn und bellt kurz und knapp: »Adolf«. Da fällt der andere um. Wem das nicht gefällt, der soll auswandern. Manche tun es, manche lassen es bleiben, denn es ist teuer und verheißt Scherereien, denen nur der Starke gewachsen ist. Unter denen, die bleiben, genießt Adolfine einen seltenen Ruf. Zückt der andere den Namen, zückt sie ihr Geschlecht: So stehen sie einander gegenüber, zu allem entschlossen, von allen guten und bösen Geistern verlassen – ein Bild, gedacht für die Ewigkeit, doch zu schlecht in der Ausführung, um auf Dauer genossen zu werden.

ADORF

A
Der Neid der Bs auf die As (Asse?) ist unerträglich, doch nicht aus der Welt zu schaffen. Wer sich im A eingerichtet hat, blickt mit einer gewissen Gelassenheit auf das, was sich hinter ihm tummelt. Im B existiert keine Gelassenheit, sie ist dort nicht möglich, weil das B außer der Eigenschaft, nach dem A zu kommen, nichts Positives enthält. Auf dem Land liegen die Dinge einfach, indem man sich in sie vertieft, werden sie kompliziert. Vor den Bedörfern liegen die Adörfer, sie liegen dort seit geraumer Zeit – seit Urzeiten, sagen die Adörfler, seit letzter Nacht, sagen die Bedörfler und wollen, dass sie verschwinden, am besten auf der Stelle. Vergebliche Mühe! B kommt dahinter, ist dahinter, bleibt dahinter. Das nennt man allgemein Schicksal, manche nennen es Karma, das sind Bedörfler, die sich heimlich beadorfen, als handle es sich um ein Deodorant. Dächten Bedörfler souverän, sie könnten in den Adörflern die wahren Ignoranten erkennen. Sie ignorieren z.B. den Fortschritt, weil er mit Sicherheit über sie hinausginge. Doch wissen erstere, in Unkenntnis der befreienden Kraft des C, nicht, wie es weitergehen könnte, und bleiben deshalb auf die A-Formation fixiert, eine, genau besehen, bescheidene Hüttenkette zwischen ihnen und dem Meer des Immergleichen, dem sie beide mit knapper Not entronnen sind. Die Adörfler haben gute Gründe, den Fortschritt zu ignorieren, die Bedörfler nur schlechte. In den Bedörfern herrscht die nackte Erregung, dauernd findet sich jemand, der mit langem Finger auf einen Adorfiker im Gelände zeigt, auch wenn die Entfernungen riesig sind und das Tun des anderen unergründlich bleibt: Bedörfler haben scharfe Augen und kurze Schaltwege. Das zahlt sich aus und das zählt.

ADORNO

A
Winkelschriften sollte man lesen, solange es Winkel gibt, also immer. In einem entfernten Winkel der philosophischen Welt, fernab von den gelehrten Strömen, auf denen die denkerische Fracht des Jahrhunderts in riesigen Kähnen abwärts dem Meer der allgemeinen Verwertbarkeit zugeführt wird, ruht dieses Werk, das seinerzeit zu den aufregendsten zählte und seither Gelegenheit fand, auch die Gelassenheit kennenzulernen und in sich einzulassen. Ein dekapitiertes Corpus, wenn man so will, denn seine Hauptsache war der Zeitgeist selbst, und der Verräter, der mit ihm auf und davon ging, wusste wohl, welche Folgen seine Tat zeitigen würde. Ein paar Blumen, jahreszeitlich erneuert, schmücken das Grab des Entsorgten, und einige unsterbliche Seiten, keiner weiß sie zu deuten, wie es der Meister gewollt, zieren die Stätte zur Linken wie zur Rechten. Hier herrschen Popeia und selige Eintracht, nur lebendig soll nicht mehr werden, was da vergraben wurde. Man hat dem Meister Melancholie attestiert, als sei das ein Tadel. Was sicher stimmt, aber nur dann, wenn man hinzunimmt, dass er sich unmittelbar gegen den Tadelnden wendet und ihn richtet. Man nimmt dem Verblichenen übel, dass er die Verzweiflung kennen gelernt und herausgelassen hat; das Herauslassen des Eiters, an dem sich die anderen langsam selbst vergiftet haben und nun zugrunde gehen, könnte immerhin als die unkonventionelle Schönheit durchgehen, der dieser Ästhet anhing und von der er einen seltsam unvollständigen Begriff besaß – zum Schaden seines Werks, das just an der Stelle zur Unform anschwoll und kein Ende fand. Zum Ruhme des Autors hingegen sei es gesagt: er kam mit der Kunst nicht zu Rande und zu keinem Ende – das scheidet ihn dauerhaft von den auf Kritik abonnierten Banausen, die ihn beerbten.

ÄNGSTLICHKEITSWÖRTER

A
Wörter, die Ängstlichkeit ausdrücken, könnte man ›Ängstlichkeitswörter‹ nennen. Das würde auch bereits die erste Ängstlichkeit nehmen, die darin besteht nicht zu wissen, ob man angesprochen ist oder nicht. Ängstlichkeitswörter kennen diese Ängstlichkeit nicht, sie fehlt ihnen also, und darin liegt schon ein erstes Paradox. Wie können sie es wagen…, etwas auszudrücken, das ihnen explizit fehlt? Grammatiker kümmert das nicht, für sie sind Wörter nichts als beliebige Zeichen, X für U undsoweiter, dabei weiß jeder Gebildete, dass sie Gemütswerte bergen und die Welt ins Gemüt holen. Nehmen wir das Wort ›Beben‹ – beben Sie nicht? Das Wort ›Beben‹ funktioniert in etwa so wie das Wort ›Freibier‹ – Sie hören davon und schon ist es konsumiert, manche sagen ›inkorporiert‹, aber es bebt nicht der Körper – außer bei den Sensibelchen –, vielmehr die Seele, das Organ für Erschütterungen, die nicht nach außen dringen sollen, außer in Not- oder Begehrensfällen. ›Beben‹ ist ein Ängstlichkeitswort erster Güte. Das Nachrichtenwesen bringt es mit sich, dass Angst vor Beben auch in Weltgegenden grassiert, denen Erschütterungsforscher nicht die kleinste Chance einräumen. Die Menschen wollen aber erschüttert werden, um jeden Preis, solange es sie nichts kostet – mit diesem Paradox müssen sie leben. Die meisten Ängstlichkeitswörter sind allerdings konjunkturabhängig, manche sind längst bekannt, bevor sie einen Ängstlichkeitsindex tragen, irgendwann jagen sie keinem Kind mehr Angst ein, nicht die geringste. ›Klima‹ zum Beispiel, oder ›Asteroid‹: Spüren Sie, wie Angst in Ihnen hochkriecht? Wir leben auf einem gefährlichen Planeten, das ist allgemein bekannt, alle paar tausend Jahre passiert, menschlich gesehen, etwas Furchtbares, dagegen muss man sich unter Einsatz aller verfügbaren Mittel wappnen. An der Zeitkante leben – das nimmt dem, was Menschen einander antun, den Schrecken, man zieht nur die Braue hoch und verlangt Rechte für Opfer, obwohl gerade Rechte dem Opferwesen kritisch gegenüberstehen, es sei denn, es betrifft sie selbst. Darin treffen sie den Nerv der Gesellschaft, die ›Opfer‹ sagt und ›Einkünfte‹ meint, auch wenn es sich oft nur um symbolische Beträge handelt. Kann, wer totgefahren wurde, Opfer sein? Natürlich nicht. Opfer sind immer die Hinterbliebenen, denn sie wollen entschädigt werden, zumindest bildet sich die Allgemeinheit das ein. Deshalb verhält sie sich ängstlich gegenüber Hinterbliebenen, da sie die eigene Tendenz zur Maßlosigkeit kennt und nicht überfordert sein möchte. Vielleicht liegt darin der Kern aller Ängstlichkeit: sich zu kennen und zu wissen, man ist nicht allein. Ängstlichkeitswörter sind Streu- und Schiebewörter: sie decken das Feld der Angst und lassen nur die minderen Ängste durch, nicht um die Hauptangst zu bändigen, sondern um sie zu bedienen: die Angst davor, der Bequemlichkeit verlustig zu gehen.

ÄRGER

A
All diese Leute, sagt G., sind durch eine Phase des Verhaftetseins hindurchgegangen, die es ihnen nicht erlaubt hat, ihr Wort zu sagen. Sie waren gebannt durch ein Ich-weiß-nicht-was, das sich ihnen in immer neuer Form darbot, aber als Tendenz konsumiert wurde, als unaufhaltsamer Zug in der Zeit, ein Zug, nicht der Zeit selbst, sondern, wie soll ich es ausdrücken, eines Denkens, einer Sprech- und Machweise, hinter die man nicht zurückfallen durfte. Und das, obwohl man gegen jede einzelne Form, ja praktisch gegen jedes Detail sofort Vorbehalte hätte geltend machen können. Man tat es ja auch, und diese Vorbehalte wurden aufgenommen, sie wurden ein Bestandteil der Maschinerie, die alle vorwärtsstieß und ihnen das Gefühl gab, trotz allem aufgehoben und dabei zu sein. Nun, da sie gereift sind, ist die Verbindung gebrochen und sie gestehen sich ein, dass sie ein Leben lang gefoppt wurden und, was mehr bedeutet, sich selber foppten. Sie waren nie gemeint und sie haben ihre Aufgabe versäumt. Manchmal überfällt sie das Gefühl, auf einer Bühne zu stehen. Sie wissen nicht, welches Stück gerade gegeben wird und lungern im Grunde nur herum, weil sie schon bisher keine Rolle spielten und deshalb auch keinen geregelten Abgang bekommen. Sie breiten die Arme aus und fallen jungen Schauspielern ins Wort, die ihr Bestes geben und es schon gewöhnt sind, sich im Gedränge zu behaupten. Keiner will Ärger, das ist das Ärgste und kränkt am meisten.

ÄRGERNIS

A
Mit der Abschaffung des Greisenalters als fester sozialer Größe – keine wirkliche Abschaffung, sondern eine der üblichen Überblendungen – diffundiert auch die Figur des unwürdigen Greises, man könnte sagen, sie taucht unter in der Masse all derer, die sich ohne Sinn und Verstand die seltsamsten Blößen geben, als hätten sie es vorsätzlich darauf angelegt, mit Hilfe kleiner und großer Intrigen aus allen Verhältnissen herausgeschossen zu werden, in denen sie sich eingenistet haben, weil man sich ihrer anders nicht zu entledigen wüsste. Aber das ist nur die eine Seite der Sache. Der Wahn, mitten im Leben zu stehen, entsteht ja nicht zwingend in diesen Personen selbst, er fliegt ihnen aus der Gesellschaft zu, er ist auferlegt und sie tragen ihn um den Hals wie ein Elefantengeschirr, das blankpoliert ihr Elend verhöhnt. Für die etwas Jüngeren, die nicht so genau hinsehen wollen, mag darin eine Beruhigung stecken: Es geht doch, weiter geht’s, aber sicher, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Nur die Konkurrenz mit den Alten wünschen sie zu gewinnen, darauf bestehen sie und fühlen sich ungewöhnlich vital. Der banale Widerspruch, der darin liegt, ist den wenigsten merklich: eine sonderbare Taubheit flüstert den meisten zu, was geht und was ›wirklich‹ nicht geht. Die Alten sind, alles in allem, folgsam, wenn sie ein Ärgernis geben. Das macht den Umgang mit ihnen nicht leichter.

AFFENOLYMP

A
Wirf jemanden, der auch nur entfernt die Wonnen der Prominenz erfahren hat, aus dem Betrieb, der ihn trägt und nährt, und du bannst ihn auf ewig an den Affenfelsen seiner rausgeworfenen Majestät. Kein Unberufener darf sich ihm nähern, ohne das leise Fauchen zu vernehmen, das signalisiert: ›Abstand! Hier hockt ein Berufener.‹ Er wurde wie zu seinem Glück so zu seinem Unglück berufen und nun ist er ein Unberührbarer. Von daher: Haltet Abstand, Leute! Wenn’s hoch kommt, verfügt er über eine Entourage, die ihn anhimmelt und ihm täglich versichert, er sei der Olympischen einer, sein Tag werde kommen und die höchsten Ämter stünden ihm offen, während die Feinde im Staube sich vor ihm ringelten etc. Er nimmt es huldvoll zur Kenntnis und schreitet lächelnd darüber hinweg. Wohin er schreitet? Keiner weiß es. Manchmal kreuzt sein Weg den eines neuerlich Abgehalfterten. Ihre Hoheiten heben die Braue, wer will, kann den Gruß erkennen, der hinter halb geschlossenen Lidern glimmt. Aber keiner verringert das Tempo und so schreiten sie aneinander vorbei ins turbulente Nichts. Dort wartet das Interview mit einem der üblichen Medien, sie bereiten sich sorgfältig vor und haben zu allem, was aktuell passiert, eine passable Bemerkung bereit, die, da nicht abgerufen, wieder im Orkus des Nichtstuns verschwindet, der sie hervortrieb. Aber gewiss, übers Stadium des Beleidigtseins sind sie längst hinaus. Die beleidigte Majestät hängt im Privatmuseum mit dem Eingang gleich neben der Garderobe, im restlichen Haus bewegt man sich ungeniert. Vieles wüsste man über vergangene Zeiten zu sagen, nichts fiele leichter, als den Bruch zu kitten, nachdem die Scherben der Vase wieder zueinander gefunden haben, sie ist eben doch eine Vase und gehört, wie es sich gehört, in die Vitrine.

ALLTAGSTRAUMA

A
Wörter gibt es, die haben gesellschaftlichen Biss –: jeder kennt sie, jeder benützt sie (oder verspürt den Drang, sie zu benützen), jeder beutet sie auf seine individuell-vertrackte Weise aus, als handle es sich um eine Goldmine mit öffentlichem Zugang, an der man sich nach Lust und Laune bedienen darf. Solchen Wörtern, nicht selten der Wissenschaftssprache entschlüpft, eignet, sobald sie den öffentlichen Raum bevölkern, die Aura des Maßlosen, die Menschen erzittern unter ihnen wie unter einem Keulenschlag: Soviel Unheil, das man schon kannte, und nun das: Alltagstrauma!
Musste das sein? (Die Frage ist insofern kompromittierend, als sie Glaubensprobleme aufwirft und den nicht wegzuschaffenden Prozentsatz Ungläubiger ausweist, die jeder öffentlichen Erregung per se misstrauen.) Natürlich musste es sein. Dem Maßlosen musste, aus Absorptionsgründen, ein Maß gegeben, es musste klassifizier- und beschreib- und vor allem therapierbar gemacht werden.
Auch dieser Erfahrungssprengsatz wurde einmal Erfahrung. Damit gehört er zur Menschheit und sie darf sehen, wie sie damit zurechtkommt. Es kommt die Zeit, da will jeder daran teilhaben wie an einem Familienschatz, das Schreckliche selbst bildet einen Bodensatz an Gewöhnlichkeit, der gewöhnliche Mensch darf alles schrecklich finden, schrecklich gewöhnlich, wie er nun einmal ist, findet er immer Abnehmer für seine Visionen, und sollte die Phantasie einmal nicht zureichen, so findet er leicht einen Therapeuten.
Auf solche Weise fügt sich auch das Trauma ins Selbstbild der medial Gebildeten ein, als sei es ganz normal, dergleichen aufzuweisen, normaler jedenfalls als ein elfter Zeh oder eine Eins in Mathematik. Ein Trauma findet sich immer, schließlich hat es einmal den Ödipuskomplex beerbt und trägt mit Anstand an seiner Bürde. Alles Schreckliche kehrt im Kleinsten wieder, das darum auch das Gemeinste genannt wird.
Als ›Alltagstrauma‹ bezeichnen Experten dies wunderbare Phänomen, schließlich wollen sie den Menschen ihre Selbstbeschreibung nicht nehmen, sondern sie nur veredeln. Wo jeder schon weiß, was er verdrängt, ist schärferes Geschütz vonnöten, ein bisschen Bohren rechtfertigt keinen Arztbesuch, hier muss gezogen werden. Erst das gezogene Trauma erzeugt die Anwesenheit der Abwesenheit der Anwesenheit, in der sich die ganz persönliche Leere vollendet, als Offenbarung. Ein Deutungsmuster, ganz recht, ein bewährtes dazu – kein Grund, das zu verschweigen. Am Quell deiner Leiden sitzt ein Frosch, geh hin und erlöse ihn.

ALPHA’S ZET

A
Nein, nicht vom Zetern soll hier die Rede sein, sondern von Alpha-Nöten … den unnötigen, aber beileibe nicht unbedeutenden. Im Schatten von Alpha steht Zeta, die schmale Nichte, deren dürftiges Lächeln meldet: Alles ist aus. Das mächtige Alpha, dem nichts gebietet außer dem Drang zu gebieten, muss sich das bieten lassen, teils aus Familiensinn, teils aus Ratlosigkeit, denn dort, wo nichts mehr geht, ist auch sein Pulver verschossen.
So weit reicht die Buchstabenlogik, ab jetzt wird es ernst. Alpha’s Zet, ein Pub in einem der schäbigsten Winkel der Hauptstadt – das Wort ›Pub‹ ist, wie der Geschmack, den die Einrichtung atmet, geborgt, auch dem Gros der Kundschaft, die zahllos die Pforte durchströmt, scheint das rückgabefreie Borgen keine ganz fremde Tätigkeit zu sein –, Alpha’s Zet also, dem der sogenannte Deppen-Apostroph, Liebling aller Gastwirte, real oder imaginiert, so kunstvoll den tiefrot glimmenden Schriftzug scheitelt, Alpha’s Zet zum dritten: ihm steht, bildlich gesprochen, das Wasser bis zum Hals. Längst sollte es geschlossen sein. Manche behaupten: am besten von Anfang an. Verantwortungsbewusste Mitbürger finden dort das Ärgernis, das sie sonst anderswo suchen müssten. Ein wenig Haschisch, das eine oder andere Amphetamin-Säckchen, ein gewisses Maß an politisch motivierter Randale, mehr bedarf’s nicht, um dem gesellschaftlich Unmusikalischen den Umschlagplatz anzuzeigen: »Der muss weg.« Kommt dann noch ein auf dem Klo gefundener Drogentoter dazu, pro Monat, wie Eingeweihte unter der Hand verraten, aber das ist nicht leicht verifizierbar, so ginge im Grunde alles seinen gerichtlichen Gang, setzten nicht gerade an solcher Stelle Gegenkräfte an, die sich niemals verraten und deren stilles Wirken dahin führt, dass Alpha’s Zet bleibt, wie und wo es ist – ein Hauptstadtwunder. – Alpha’s Zet ist ein Politikum, ein Neutrum der Politik mit unbestimmtem Artikel, was sich dort abspielt, wird von vielen beobachtet, die selbst gern im Dunkeln bleiben, jedoch weitergeben, was sie gesehen haben. An wen? Nun ja, an wen schon.
Alpha’s Zet: eine Bombe im Herzen der Stadt, die entschärft werden muss, eine von vielen bekannten und unbekannten, die Fachleute sind am Werk, aber das kostet Zeit, es kostet auch Nerven. Manche betrachten es daher, mitsamt seinen Gästen, den dubiosen wie den dubitierenden, als Kunstwerk, nur an die Wand hängen wollte es sich keiner. Wozu gibt es Museen? Die Gegenwart gehört ins Museum – heraus mit dem, was seine Zeit bereits hatte und so vergeudete! Das Gezeter möchte man hören.

ALPHAZET

A
Man darf das Etzeterarische der Grundbegriffe nicht willkürlich übertreiben, doch man darf es auch nicht verkleinern. Sie werden nachgeliefert, daran besteht kein Zweifel. Niemand beginnt mit ihnen, wo käme er denn da hin? Grundbegriffe führen nirgendwohin, wer auf dumme Gedanken kommt, kann ihnen nachgehen, aber nur vage, auf unbestimmte Zeit, man fängt sich leicht den Spott der Leute dabei. Eher gehen sie einem nach, in ihrer eigenen Ordnung und in ihrem eigenen Rhythmus. Doch keiner sollte darauf vertrauen, dass sie schon nachkommen, man kann sich da arg täuschen und manchem bläst es die Ausrüstung weg, ohne dass auf Ersatz zu hoffen wäre. Viele halten es mit der Ansicht, Grundbegriffe seien einfache Begriffe, aus denen sich die anderen dann zusammensetzen. Das ist keine Täuschung, das ist eine Dummheit. Grundbegriffe sind, wie ihre Bezeichnung, zusammengesetzte Begriffe, jeder von ihnen enthält das volle Alphazet, aber in der Nussschale. Man blickt auf sie wie auf die Steine auf dem Grunde des Wassers, die Gedanken fließen darüber weg und sie liegen ruhig auf ihrem Platz, aber das scheint nur so. Auch sie wandern, wie der Dichter schreibt, mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in unterschiedliche Richtung, und nicht nur am Grunde der Moldau, das ist ganz normal. Man erkennt sie zwischen den anderen, im Verbund. Allein, auf dem Trockenen, geben sie nichts her. Sinnsucher, die barfuß auf ihnen zu laufen versuchen, empfinden sie leicht als spitz und versuchen, rasch wieder Land zu gewinnen. Was nicht so leicht ist! Aber was ist schon leicht. Ein Leichtsinn vielleicht, er ist schon weg.

ALPHAZETISMUS

A
Es gibt kein Alphazet, außer man schreibt es. Der Alphazetismus besteht darin, einen Gedanken, den man lange gedacht hat, zu ergreifen, sobald er sich flügge zeigt, als eine Geste der Erschließung all dessen, was Menschen mangels überzeugenderer Konzepte niemals aufhören werden, als wirklich zu bezeichnen. Ins Gehege des Alphabets findet die Wirklichkeit kaum anders hinein als eine Daphne in den Lorbeer – rasch, aus einer gewissen Atemlosigkeit heraus, im Sich-Umwenden, im Entgleiten der Bewegung, die eben noch alles beherrschte und jetzt den Körper in Wellen verlässt, die den Betrachter wie Windgekräusel anmuten. Das Alphazet will betrachtet werden. Bereits darin liegt ein Alphazetismus, ein Unwille, sich zu bedienen und bedienen zu lassen, ein Verweilen, das darüber hinausgeht und still steht, jedenfalls der Tendenz nach. Denn der wirkliche Stillstand ist auch der Stillstand des Wirklichen, seine Auflösung in etwas, das sich dem Leben entzieht, eine fürchterliche Windstille, in der ein Blumentopf auf die Straße fällt, bloß damit etwas passiert. Etwas passiert immer, im Alphazet liefert es einer anderen Gangart, einer anderen Passierweise das Geländer, an dem sie das bisschen Halt findet, dessen sie bedarf.

ALYMENTE

A
Abgaben intellektueller Art an die Kirchengemeinde zur rechten Wegweisung, sogenannte Zuarbeiten zu einer umfassenden Sicht der vergangenen Dinge, darunter derjenigen, die nie vergehen, weil sie sich im Schmerz der Generationen erneuern. Die Sekte (denn um eine solche handelt es sich) ›zur rechten Wegweisung‹, auch die Sekte der Darüberstehenden genannt, scheidet reinlich zwischen ›den Deutschen‹ und sich selbst, während sie ihre Kompetenz just daraus bezieht, sich das Recht, als Deutsche zu sprechen, von niemandem nehmen zu lassen, schon gar nicht von den aggressiven Verteidigern, Verheimlichern und Vertuschern des wahren Deutschtums, welches das falsche ist, weil es des moralischen Impetus ermangelt, der es berechtigen würde, ›im deutschen Namen‹ zu argumentieren. Verstehe das, wer will. Andererseits: so schwer ist das alles nicht zu verstehen, wenn man erst weiß, dass dieselbe Sekte auch einen Hintereingang besitzt, über dem steht: »Zur unbefleckten Empfängnis«. Wer sich zu ihr bekennt, der hat sein ›Deutschsein‹ per Wiedergeburt ohne Makel empfangen, so dass er ohne weitere Skrupel sich über seine eigene und seine Vorgängergeneration erheben kann, um mit ihnen abzurechnen, wann immer er ihrer ansichtig wird – was oft geschieht, da die Generationsansprache sein eigentliches Metier bildet. Das Erstaunliche ist, dass er in seine Gegner wie in einen Spiegel hineinblickt, ohne sich selbst jemals in ihnen zu erkennen. Darin wiederum ähnelt er – entfernt, entfernt! – jenen Weltbrandstiftern, deren grauenhaftes Erbe er und seine Mitstreiter in gleicher Weise, wenngleich andersherum, ebenso gern und gut verwalten wie die Relativierer der anderen Seite, die finden, einmal müsse Schluss sein mit den Selbstanklagen und -bezichtigungen: auch er will Schluss machen, so wie praktisch alle Schluss machen wollen mit irgendetwas, warum nicht mit irgendwem, um die reine Welt zu erschaffen, in der alle Rainer heißen, am besten Candidus oder Candida hinterher oder gleich Pura, obwohl sich hier das angelsächsische Wörtchen ›poor‹ ernüchternd einmischt, so dass sie in letzter Sekunde Abstand nehmen und in ihre Studierstuben zurückkehren, als habe die Berührung mit der gemeinen Wirklichkeit sie soeben verletzt. »Leck m…« soll einer von ihnen gesagt haben, nicht wirklich, sondern per Götz-Verweis, wie es sich im Deutschen, wo es zu den kulturellen Wurzeln geht, gehört.

ANALPHABETEN

A
Wer sich informieren will, geht nicht ins Kino. Man kann diesen Satz auch umdrehen: wer ins Kino geht, will sich nicht informieren. Aber wer spricht vom Kino. Die visuelle Zunft hält die Leute im Griff, weil Sehen und Wissen, Wissen und Handeln so entsetzlich auseinander klaffen. Doch kein Griff hält ewig. Die Menschen merken bei alledem, was sie angeht, es fließt, wie alles Bemerkte, in ihre Wahrnehmung ein und gibt ihr langsam, mäandernd eine andere Richtung. Die allzu smarten Regenten des Medienzeitalters, vollgesogen mit Bildern der von ihnen gefütterten Fernsehanstalten, haben gute Chancen, als die letzten Analphabeten in die Geschichte der menschlichen Saurier einzugehen.

ANALPHAZET

A
Das Analphazet wäre das Alphazet noch einmal, aber rückwärts, doch da diese Vorstellung unbefriedigend bleibt, entspricht jedem Artikel des Alphazet ein zweiter, unter einem anderen Stichwort, als Gegenstück, das die Information enthält, die dem Leser gerade abgeht. Das wurde so eingerichtet, weil Information von Haus aus paradox ist und nur Leute anspricht, die schon informiert sind. So ruft ein Gedanke Aha!, wenn ein weit entfernter gemeint ist. Der entfernte muss also gefunden werden, aber keine Suche bringt ihn dem Suchenden näher.

ANGST

A
Das ängstliche Angekettetsein der Philosophen erweist sich, aus der Nähe besehen, als leerer Schein. Er ist zweifellos ihr größter Trick. Sie werfen ihn in die Luft und fangen ihn mit dem bloßen Munde auf. Entfesselungskünstler, die sie sind, reizen sie mit ihm das Problem.
Je enger er am Körper geführt wird, desto gewisser winkt der Beifall des sachkundigen Publikums. Keiner macht sich Gedanken darüber, dass so ein leerer Schein lebt – anders als das rote Tuch der Toreros. Man behandelt ihn, als sei er so gut wie tot, also schlecht. Dabei hat er Geschwister, allen voran den vollen Schein, den die Winzer lieben und die Eigenbrötler des Denkens vorsichtig umgehen, als neide er ihnen ihr Asseldasein.
Man sollte wissen, dass beide, der leere Schein und der volle, miteinander in einer weitgehend unenträtselten Verbindung stehen, die niemals abreißt und vermutlich auch im Tod nicht erlischt. Das Hervorgehen der Theorie aus der Selbstverhedderung des philosophischen Gedankens ist das Leben des leeren Scheins. Solange sein Auftritt währt, vergnügt sich der volle Schein im Schatten der Versorgungsfahrzeuge, wo die Probleme auf Abruf lagern. Manchmal tritt er in die Sonne, ruft lässig ein Taxi herbei und entschwindet gen Westen. Das ist die Stunde der wirklichen Angst. Matter werden die Griffe der Denker und hektischer, das Publikum fragt sich, ob der Problemdruck, der auf den entferntesten Sitzen spürbar ist, sie alle in einer gewaltigen Explosion hinwegfegen wird. Die Veranstalter gehen im Geist die Sicherheitsvorkehrungen durch und überschlagen die Einnahmen. Entweder sind sie tot oder sie werden es binnen kurzem sein.

ANGSTHABEN

A
Angst gehört, auch wenn das nicht immer deutlich wird, zur Klasse der undeutlichen Besitzgegenstände (indiscretae). Angst hat einer, sofern sie ihn hat. Die Sprache ist in diesem Fall merkwürdig, man ›hat‹ Angst, aber man ›hat‹ nicht Liebe, sondern man liebt. ›Liebe haben‹ bedeutet die Fähigkeit, lieben zu können, die analoge Aussage verbietet sich praktisch von selbst. Ängstlich sein bedeutet nicht, Angst haben zu können, sondern sie an der falschen Stelle zu haben, vorne links zum Beispiel, wo sie nicht hingehört, wo, im Gegenteil, des Lebens Pulse schlagen oder schlagen sollten. Auch hier führt die Liebes-Analogie in die Irre, denn lieblich sein bedeutet gerade nicht, an der falschen Stelle zu lieben, sondern zur Liebe zu verführen – nicht aktiv, durch ergriffene Mittel, sondern von innen heraus, durchs bloße Dasein, nichts weiter. Wer hingegen zur Angst verführt, ist ein Angstmacher, das besagt alles. »Du solltest mir besser keine Angst machen«, sagt das Märchen-Kind zum Märchen-Drachen. Darin liegt eine Drohung, die dem Drachen, in dem ein Angsthase schlummert, unmittelbar eingeht. Dabei kann, was Angst einflößt, völlig unbeteiligt dahinplätschern. Unbeteiligt am Einzelnen zum Beispiel geht das Universum seinen Gang. Das scheint bloß so, aber es ist die Wahrheit, und sie ruft Angst hervor. »Stirb nicht, liebes Universum«, murmelt das sterbliche, das allzu sterbliche Menschenwesen, »stirb nicht, jedenfalls nicht jetzt, wo alles so schön ist!« Und es richtet sich auf zu seiner vollen Größe und schwingt die Fäuste gegen die bösen Mitwesen, die das schöne, schaurige, allzu sterbliche Universum durch ihre bloße Überzahl und ihr ekelhaftes Glücksbegehren in echte Bedrängnis bringen. Wenigstens aufpassen sollten sie, dass ihm nichts passiert, dafür lohnt sich’s zu kämpfen. Die Welt so klein und das Verlangen so groß – wie passt das zusammen? Niemals und nirgends. Dieses Missverhältnis, nun, findet in der Angst seinen Ausdruck. Zur Kunst erhoben, hängt sie in den Museen, füllt die Bibliotheken, rauscht in Form elektronischer Klänge durch die Weiten der Milchstraße. Wer weise ist, bekämpft die Angst nicht, sondern verwandelt sie in Überschuss. So muss er keine Angst haben, dass sie zurückkommt, im Gegenteil, er darf sich ihrer erfreuen, sobald es ihn anwandelt. Wer die Pulks aus älteren Mitbürgerinnen sieht, wie sie mit ihren Klapphockern durch die Museen ziehen, eine erklärungswütige Plaudertasche vorneweg, der weiß Bescheid. Sie wollen die Angst sehen, aber nicht deutlich, scharf, klar, sondern blinzelnd, plaudernd, nebenher und unterwegs. Seit die Bildung die Bilder vergessen hat, gehören sie ihnen. Vielleicht gehörten sie ihnen immer und die Kenner, die sich dazwischen drängten, waren nichts als verkappte Hüter einer tyrannischen Ordnung, die den Auftrag bekommen hatten, sie abzudrängen. Heute, da die Museen, abseits der großen Ausstellungen, auf ihre anthropologische Funktion beschränkt sind, haben sie freie Bahn. Man versteht unmittelbar, dass sie hier zu Hause sind, man merkt es an Stimme und Gang.

ANNAHME

A
»Angenommen also...« – Was ist das überhaupt, eine Annahme? Doch wohl die Entgegennahme eines adressierten Gegenstandes, einer ›Sendung‹. Aber nicht irgendeine Entgegennahme, bewahre, vielmehr eine, die rechtmäßig erfolgt oder unrechtmäßig, also eine, die durch Recht und Gesetz geregelt ist... Das sind ein wenig viel Annahmen für so eine kleine Annahme, die leicht durch die Maschen schlüpft und mit unterläuft, wie man sagt. Angenommen also, es fände sich ein Briefträger und er hätte recht mit der Annahme, den rechtmäßigen Abnehmer seiner Sendung vor sich zu haben, und die Annahme erfolgte nach Recht und Gesetz: angenommen, es handle sich, alles in allem, um eine formal korrekte Annahme, so könnte man sich ja bequem über die Inhalte beugen und darüber die Kautelen des Empfangens vergessen. Aha! Man muss also vergessen, um zu begreifen, worum es in der Sendung geht. Aber angenommen, man kann nicht vergessen...? Wer kann denn glauben, er begreife im Ernst den Sinn der Sendung, wenn er bereits vergisst, woher sie kommt? Wenn er es auch nur einen Augenblick lang vergisst? Aber warum ist es denn nicht gleichgültig, woher die Sendung kommt? Wenn sie zum Beispiel eins meiner Kinder in meiner Abwesenheit erbricht, wäre sie dann nicht mehr dieselbe? Man bedenke auch den Fall, die Annahme erfolge unrechtmäßig, dafür in einem höheren Sinne rechtmäßig: alsbald steht Sinngemäßheit gegen Buchstabentreue, Begreifen gegen Begriff, der wahre Empfänger gegen den supponierten – da tauchen also neue Annahmen auf, man kann nicht einmal sagen, am Rande des Blickfelds, sondern buchstäblich dahinter, dahinter... Das muss man sich einmal vorstellen. »Was sagen Sie? Eine Annahme wäre eine Supposition? Eine Unterstellung? Moment mal. Wer unterstellt hier wem was? Ich Ihnen? Wie kommen Sie dazu, so etwas... Schauen Sie doch unter sich. Da ist doch gar kein Platz. Und überhaupt: ich kenne Sie nicht. Ein Untergestell, das könnten Sie brauchen, ich sehe jetzt Ihr Problem. Aber ist es meines? Sagen Sie mir das eine: ist es meines? Ich nehme an, was ich will, damit entferne ich mich von Ihnen beträchtlich. Lassen Sie mich ausreden. Ich nehme an, was man mir eingibt. Oder auch nicht. Nicht jede Eingabe zählt, wenn Sie verstehen... Manche sind dringlich, die lege ich beiseite, für später. Es hat keine Eile.«

ANÖDE

A
»Streck deine Füße, die Langsamkeit fliegt uns voran«: ein Jubelwort aus der Litanei der Anöde, der Zuflucht aller, die, mit Helmen und Lanzen bewaffnet, im Kampf mit den Windmühlen erlagen und nun ein sicheres Plätzchen wittern. Da sitzen sie, rundum gepolstert wie Armlehnen und hören einander zu, während sie ihre Wunden versorgen. Die alte Versorgungsmentalität beherrscht sie noch immer. Und warum alt? Wunden müssen versorgt werden, zu allen Zeiten, immer. Von daher, wie mein Vertreter sagt... Die Wunden bluten ja, sie tropfen den schönen Kirschboden voll, auf dem jedes Sandkorn knirscht, als sei es ein großer. Ein Großer? Ein großer was? Ein Brocken, sage ich Ihnen. Diese da waren Kämpfernaturen, sie haben Anstoß genommen, wie es ihrer Natur entsprach, ihrem Naturell, sozusagen. Sie hatten wohl etwas zu sagen und sagten es laut und vernehmlich, mehrfach, in einem fort. Nun ist es fort und kommt nicht zurück. Sehen Sie den Horizont? Der lange schwarze Strich, da steht es, äugt herüber und bewegt sich nicht mehr. Vielleicht äugt es auch nicht, sondern blickt unverwandt in die Zukunft.

ANPASSUNGSKRISE

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Die Krise, ungleichzeitig wie stets, überkommt den, der sich in Sicherheit weiß, der sich in sie gerettet hat – mit einem Sprung, einer letzten verzweifelten Anstrengung, einem leichten Heben des linken Zehs, unmerklich für die Umgebung, mit was auch immer. Sie überfällt ihn hinterrücks; je größer die Anstrengung des Entrinnens, desto vehementer der Aufprall. Angekommen und nicht angekommen zugleich, weiß er weder, wie ihm geschieht, noch, was von ihm verlangt wird. Vor allem letzteres beunruhigt ihn sehr. Er möchte sich gern erkenntlich zeigen für die neu erworbene Sekurität, leider enthält sie die größte Täuschung. ›Aber ich bin doch dankbar‹, ruft, nein, intoniert er in allen Tonlagen, vergebens. Es hört ihn auch keiner, denn äußerlich bleibt er stumm.

ANSCHÄRFUNG

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Die öffentliche Anschärfung aller Sachverhalte dient, unter anderem, der kulturellen Entleerung: der Feind bestimmt, wo es langgeht. Kultur ist Reichtum in der Entfaltung. Erbärmlich – oder fanatisch – ist, wer in allem nichts weiter zu sehen vermag als Freund oder Feind. Es mangelt ihm an Kultur. Wenn ich Kultur höre entsichere ich meinen Browning – genauer ausgedrückt hat es noch keiner als jener Präsident der Reichsschrifttumskammer von Hitlers Gnaden.
Postmoderne Kulturverächter beschmieren Gemälde und fühlen sich, gleichgültig, was sie treiben, im Recht. Diese Gleichgültigkeit ist ihr Erbe (oder das, was sie sich davon nehmen). Auch die Kulturhüter treibt es dorthin, wo ›Kultur‹ bloß noch ein Wort ist, das Hass und Niedertracht befördert. Die Inhalte hingegen haben sich längst auf und davon gemacht und lachen sich einen Ast. Wenn also … gesetzt … eine Regierung jagte das Volk von einer Feindbesessenheit in die nächste und sähe darin die hohe Kunst des Regierens, so wüsste man mit Sicherheit eines: Sie ist ein Feind der Kultur.

ANSCHLUSSFÄHIGKEIT

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Die Hasenfüßigkeit macht vor den Toren der Wissenschaft nicht Halt, sie schlüpft vielmehr mit der ihr eigenen Behendigkeit unmittelbar hinein. Ihre ersten Opfer sind die Helden des Alltags, die davon träumen, einmal im Leben einen Trend zu inaugurieren. Man muss die herrschenden Trends stark empfinden, um diesen Wunsch zu hegen, das heißt, man muss den beherrschenden Anspruch, der von den Inaugurationstexten ausgeht, in einem Maß respektieren, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert, dass der tief gehegte Wunsch in Erfüllung geht. Es sind tüchtige Arbeiter, gut konditioniert, sie wollen die Verhältnisse ändern, zumindest in ihrer Disziplin, sie wollen dazu beitragen, dass sich etwas bewegt. Sie haben ein starkes Ego, ihre Auftritte sind durchdacht, sie verlangen, dass man ihnen zuhört, aber im Entscheidenden zeigen sie sich taub und richtungslos. Es ist nicht die Zeit für das, was zu sagen bliebe – den Rest, den sie sich nur über das entschiedene Urteil aneignen könnten, das sie sich versagen. Die Urteilsabstinenz ist über sie verhängt und manche tragen ihr Los mit Grazie. Was für Leute wie sie ›ganz normal‹ ist, drückt Standorte, an denen ein solches Verhalten endemisch wird, in die Zweitklassigkeit oder in die Bedeutungslosigkeit. Das Spiel machen andere. Da hilft kein Förderwille

ANSCHLUSSFLUG

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Ein Land, das für sich in Anspruch nimmt, als Schlachtfeld der Ideologien den Gang der Welt zu beeinflussen, braucht Leute mit starken Nerven. Hier wurde der große europäische Religionskrieg ausgetragen, der die Hälfte der Bevölkerung das Leben kostete, hier fand das Armageddon der drei Welt-Ideologien statt, auf das fromme Amerikaner noch immer warten, hier importiert man die letzte kriegerische Religion des Erdballs, damit den Kommentatoren nicht langweilig werde, hier ist man davon überzeugt, genügend Moral zu besitzen, um anderen davon abgeben zu können, vor allem, wenn sie an den Brennpunkten des Welthandels sitzen und ihre Rüstung auf dem neuesten Stand halten. Man ist, mit einem Wort, sich für nichts zu unbedeutend und kann sich nicht vorstellen, eines Tages wirklich angegriffen zu werden, das wäre, dem zwanzigsten zum Trotz, tiefstes neunzehntes Jahrhundert und gilt mittlerweile als überholt. Dieses Land glaubte lange Zeit, seine Geschichte noch vor sich zu haben, inzwischen ist es davon überzeugt, sie hinter sich zu haben und möchte dieses Modell exportieren. Als Exportweltmeister prüft es seine Bestände, sobald sich etwas findet, das man verwerten könnte, beginnen die Sondierungen. Ich erinnere mich an eine Diskussion zwischen ein paar Literaten, die den Konflikt zwischen Palästinensern und Israel unter sich beilegten, als handle es sich um zwei rabiate Fanclubs, die ihren Vereinsbetreuern entglitten sind und ›zurückgeholt‹ werden müssen. Eine seltsame Tätigkeit, dieses Zurückholen – mit dem Ausdruck versierten Bedauerns geht sie über Leichen und Ansprüche zur Tagesordnung über: hier liegen ihre Stärken, hier weiß jeder, was zu tun bleibt und wieviel Zeit zur Verfügung steht, damit keiner den Anschlussflug verpasst.

ANSEHEN

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Es ist, unter Menschen, nicht schlecht, ein gewisses Ansehen zu genießen, was nicht heißen muss: ein gutes. Das Ansehen unterscheidet Völker wie Menschen, es schert sich wenig um Staatsgrenzen und Bevölkerungsmix. Zum Beispiel haben die Deutschen stark unter ihrem Ansehensverlust gelitten und sind erleichtert, etwas davon wieder ihr eigen zu nennen. Sie bauen, mit einem Augenzwinkern wird es gesagt, ›fine cars‹. Leider schmeckt das Lob verdächtig nach jenem Aber die Autobahnen, mit dem der geistig-moralische Wiederaufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg begann. Und ein gewisser Zusammenhang ist schwer zu leugnen. Eine Industrie, von der die Hälfte der Bewohner eines Landes abhängig ist, muss etwas Ungemeines besitzen. Sie birgt den Tempel und vielleicht auch die Bundeslade, um die das geheime Leben aller zirkuliert. Aus dem Ansehensverlust der Kultur haben forschere Zeitgenossen geschlossen, dass sie nichts wert sei – ein klassischer Fehlschluss, der mühsam die Einsicht verdecken half, dass die anderen sich ein paar Jahre lang von denen da nicht über die heikelsten und bedeutsamsten Elemente des Menschseins belehren lassen wollten. Die Kultur hatte das da nicht verhindert, wozu sollte sie gut sein? Vielleicht war das da sogar aus ihr herausgekrochen, so dass man mit Fug sagen konnte, sie habe sich in ihm entpuppt? Ein Hauch von Krieg gegen das eigene Herkommen liegt über den Jahrzehnten nach ’45, ein zeit- und objektversetzter Widerstand gegen wehrlose Klassiker, von toten Lebenden gegen lebendige Tote geführt, als gelte es, eine bereits von den Vorgängern demolierte Sache gemeinsam mit den Alltagszeugnissen der Schande zu verscharren. So sind die Deutschen in dem, was sie ihren Lernprozess nennen, erneut die Barbaren Europas geworden – fleißige Lieschen ohne Alltagskultur, mit viel Kunst und Events, ohne eine nennenswerte Literatur, ohne eine nennenswerte Philosophie, ohne nennenswerte Humanwissenschaften, sogar ohne ein Bewusstsein, etwas verloren zu haben. Auch hier glauben sie sich, nach einer langen, frenetischen, blutigen und sterilen Stunde Null, endlich angekommen, endlich des Makels ledig, etwas Besonderes zu sein. Ein Irrtum? Nein, kein Irrtum, ein Grobianismus.

ANTICHRIST

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Das ist der von einem nicht mehr personifizierbaren Gott-Teufel künstlich geschaffene Gegenbruder Christi zum Schutze all derer, die Jesus den Nazaräer verstoßen haben. Jene und ER gelten als antispirituelle Zerstörer der klassischen Feste im Kirchenjahr und überhaupt im weiteren Sinne als Verwirrer der Kathedralen der Seelen. Man findet IHN und seine Anhänger mit schwarzen, übergroß nachgeahmten Priesterkappen, Pantoffeln und Stolen auf Glasfenstern und Wandgemälden, vornehmlich der Tempi sancti, innerhalb mediterraner Orte, etwa auf jenem Bild vom Umbau Jerusalems zur Schädelstätte durch Al Chumä den Lästerer. Von hier aus fuhr dieser, als Begleiter des Antichristen, sehr häufig, wie von französischen Kreuzrittern bei ihren Prozessen bezeugt, nach Westen in gewisse Seelen phantastischer Prägung. Voller Wut behauptete Ernst Hello, dieser niedere Knecht sei jeden Tag »voller Schmutz an den Stiefeln« in die Köpfe der französischen Dichter gefahren. Lautréamont war sich jedoch der köstlichen Gestalt des Inspiration durchaus bewusst und erwähnt Al Chumä in Briefen als den humoristischen Überbringer aller Aufträge des Antichristen, deren Purifikation ihn allerdings immer viel Zeit gekostet habe. »Meine Gesänge Maldorors wären fünfmal länger geworden, hätte Al Chumä nicht soviel geschwätzt. Manchmal sprach er sogar von den unterschiedlichen Marktpreisen für Brennholz auf den verschiedenen Plätzen von Paris oder selbst von Grenoble.« Man kennt zahlreiche Rezepte einer fleischlichen Wiedererweckung des Antichrist nach 1789 bei Gegenaufklärern und Satanisten in Frankreich durch Pottasche und tierischen Leim, Weihwasser und Quecksilber. In Barcelona zeigte man bis in die Neuzeit seine Mumie, vom Speer eines Glaubensritters der ›vier Gelübde der Cavalleria andante‹ durchbohrt. Er wurde dort Don Spirito Diavolo contra Jesum genannt und auf Verlangen nach Beiwohnung einer frommen Messe gezeigt. Er war mehrere Meter lang und weiß wie Kreide, überhaupt vielleicht eine Gipsfigur aus den Händen eines frommen oder besessenen Künstlers. Er lag in einem Gefäß aus Kupfer und wurde gerollt wie eine Tonne, wenn er sich offenbaren sollte.
Dehio fand ihn aber schon 1903 nicht mehr an der bekannten Stelle und vermutete seine Abschaffung durch den frommen Erzbischof Trivolo Maria sul davantorre del Christobal di Alicante. In einem tieferen Sinne ist der Antichrist eine Hoheitsgestalt der älteren Wissenschaften, die sich bewusst oder unbewusst auf ihn berufen. Dreimal sei das Haupt, umflossen von den Primzahlen, zur Wurzel Jesse gelangt und so zur Mutter aller Zahlen geworden. Dies lehrte man noch für gebildete Berggänger unter den Goldsuchern der Solothurner Bergakademie zu den Zeiten Lavaters. Von dieser magischen Dreierreihe gingen hypnotische Kräfte aus, die Kranke heilten und Schlaflose müde machten.
Eine neuere Forschung durch die freie religiöse Phantasie gibt es leider bis heute nicht. - PM

ANTWORTEN

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Wo immer einer hinkommt, wollen die Menschen wissen, wie es weitergeht. »Die Menschheit hat ein Recht auf klare Antworten.« So las man es gestern, so liest man es heute. Die Menschheit, das sind die Leute, denen das Fernsehen das kleine Einmaleins beibringt, bevor es sie mit ein paar Kindergeschichten zu Bett bringt, dazu jene Unverdrossenen, die sich aus dem öffentlichen Medium nichts machen und stattdessen zu Vorträgen laufen, bloß um hinterher mit dem Autor zu diskutieren oder sich ein Autogramm abzuholen. Jeder, der sie kennt, weiß, dass sie nichts weniger befriedigt als klare Antworten. Sie lieben es, ihre Vordenker in die Klemme zu bringen. Die Menschheit weiß in einem Ausmaß Bescheid, das denen, die ihr etwas bieten möchten, mehr Stoff zum Nachdenken böte, als sie verkraften könnten. Nein, die Menschen wollen keine klaren Antworten. Sie wollen auch nicht belogen oder betrogen werden, jedenfalls nur nach dem Maß dessen, was sie sich selbst zumuten. Sie wollen … alles Mögliche, und immerhin wäre es möglich, dass sie beim Zuhören auf ihre Kosten kommen. Manche wollen sich etwas dabei denken, wenn andere reden, im Hinterstübchen, dort, wohin sie niemanden blicken lassen. Sie sind, wie man hört, in der Minderzahl, aber diese Annahme ist vielleicht ebenso töricht wie der Appell an die Menschheit. Was sie zu denken gedenken, ist unabsehbar, und selbst wenn es ein Immergleiches wäre, hätte niemand ein Recht, es ihnen zu verwehren. Dieser Niemand, das ist die unsichtbare Figur im Spiel, sie kreuzt die Bahnen der Akteure und mancher trägt eine lahme Ferse davon.

APHOSACK

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Sagen wir, so ein Aphorismus ist eine feine Sache – fragt sich, für wen, fragt sich wozu? Ein coltello ist ebenfalls eine feine Sache, warum nur misstraut man dem, der ihn in der Tasche mit sich herumträgt? Und dann: Warum ein stumpfer? Warum einer, der so klein ist, dass er nicht einmal dazu dienen kann, ein Brot sorgfältig in zwei Hälften zu zerlegen? Geschweige denn, ihn dem Gegner zur rechten Zeit ins Herz zu bohren? So ein coltello ist, recht betrachtet, zu gar nichts nütze.
Betrachten wir die Sache von einer anderen Seite. Für viele Mitmenschen ist es eine Notwendigkeit, der sie sich nicht entziehen können, gefährlich zu erscheinen. Nur: in einer Gesellschaft wie unserer erscheint man nicht lange gefährlich, ohne auf die eine oder andere Weise aus dem Verkehr gezogen zu werden. Die Nachbarin hat es genau bemerkt und die Polizei – gehen Sie mir mit der Polizei! Das ist ein unnützer und gefährlicher Aufwand, anderen gefährlich erscheinen zu wollen. Er bleibt auch vergebens, da die Leute einen gefährlichen Menschen ungefähr so ernst nehmen wie einen ausgebrochenen Zirkuslöwen oder einen Braunbär auf Urlaub. Ein Anruf genügt und mit der Gefährlichkeit ist es aus.

APOKALYPSE

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Die Apokalypse ist, auf ihre alten Tage, Schauspielerin geworden. Ihre Spezialität: der Totentanz vor weit geöffneten Kamera-Augen, zu dem ein Klangbrei aus Politiker-Statements, Kenner-Kommentaren und, über, neben und unter allem, journalistischem Dauerabgang die Gehirne des Publikums flutet. ›Nicht mehr beherrschbar‹, ›außer Kontrolle‹, ›nicht mehr aufzuhalten‹, ›Ereignisse überschlagen sich‹ ....... abschalten, abschalten, wummert des Volkes Seele, sie meint die Kraft, die in ihren Adern kreist und hier und da auszutreten beginnt. Völlig verseucht, wie sie sich vorkommt, will sie den erlösenden Schnitt jetzt. »Geht doch«, sagt die Apokalypse und packt ihre Klamotten in den Wander-Rucksack, bevor sie verduftet, »man muss das Unglück der Menschen packen und etwas daraus machen, etwas Großes, Mächtiges, in die Zukunft Weisendes. Welche Zukunft soll man Leuten schon weisen, die alles glauben, weil sie die Zukunft hinter sich wähnen? Diese tiefsitzende Überzeugung, dass es ›im Grunde‹ vorbei ist, während doch alles vor dem Einzelnen liegt, ist eine Goldgrube, sage ich Ihnen. Die Lust am Untergang wächst im Quadrat der Entfernung vom Geschehen. So gesehen, befinde ich mich auf der sicheren Seite. Im Grunde wollen die Leute nicht, dass sich etwas ändert, sie wollen es nur sofort. Das Unglück der anderen ist eine Kompression: alles, was gewöhnlich Jahre auseinander liegt, schiebt sich in ein paar Sekunden, Stunden oder Tage zusammen. Manchmal wirkt es wie eine Kompresse, der Effekt greift schon, ehe alle Toten gefunden, geschweige denn begraben sind. Man muss das Eisen schmieden, solange es heiß ist. Wir sind alle Opfer, wissen Sie, wir haben ein Recht darauf, uns von Worten erschlagen zu lassen.«

ARMLÄNGE

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Habe Mut, dich deines langen Arms zu bedienen! Kein Klassiker hat diese Maxime formuliert, kein Philosoph sie begründet, und doch ist sie der Klassiker unter den Handlungsmaximen, die Urmaxime schlechthin, ohne die hinieden nichts blüht und gedeiht, geschweige denn ausschlägt, zu unser aller Besten zum Beispiel oder zu anderen, verzwickteren Zwecken. Dabei ist, woher dieser spezifische Mut kommen soll, genauso unerfindlich wie das Vertrauen in einen langen Arm, wovon manche Langarmige unter den eher Kurzgewachsenen ein Lied singen könnten, deren Hände so schnell in fremden Taschen stecken, dass es kaum lohnt sie herauszufischen. Dem Hochgewachsenen dient der lange Arm dazu, die Dinge zu sich emporzuheben. Das kräftigt die Rückenmuskulatur, vor allem, wenn es regelmäßig ausgeführt wird, wovon selten die Rede sein kann und nie auf Dauer – am Ende zerstört es das Rückgrat und bereitet all jene Scherereien, vor denen die Ratgeber Ost seit altersher warnen. Die Ratgeber Ost, wo sind sie geblieben? Ein paar Kassandren im Lande, sollte das alles sein? Dafür das welthistorische Experiment? Dabei wusste keiner wie sie, wozu so ein langer Arm fähig sein kann und welche Organe ihm zuarbeiten.

ARMLEUCHTER

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Der Armleuchter hat einen bescheidenen Ruf und einen noch schlechteren Stand. Nicht umstoßen lautet seine Devise, damit meint er: Bitte verstoßt mich nicht, ich hab’s auch ohnedies schwer. Und das ist wahr. Wie wahr, das versteht seinesgleichen immer dann am besten, wenn ihm wider Erwarten ein Licht aufgeht: »Hab ich’s nicht gesagt? Hab ich’s nicht gesagt?« Natürlich hat er’s gesagt, alle Welt hat es gesagt, warum nicht er? Er jedoch trägt schwer daran, es gesagt zu haben, und beschwert sich übers geziemende Maß hinaus. Er sollte philosophische Bücher schreiben, das hülfe ihm über die Zeit. Doch er kann nicht schreiben und traktiert die Tastatur der Gedanken wie das Nachbarskind das unlängst angeschaffte Klavier. Lebenslang üben hält jung. Unter Wissbedürftigen: Wer lernte nicht gern dazu?

ARMUTSFALLE

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Seit Adler arm ist, beschränkt er sich beim Kaufen aufs Nötigste. »Sieh her, was ich brauche«, sagt er, »das ist nicht der Rede wert.« »Welcher Rede?« fragt G. interessiert, es freut ihn, wenn einer Ausflüchte gebraucht, sie liegen dann nicht so am Boden herum und er kann sicherer auftreten. »Dummkopf«, sagt Adler, denn er kann Sophisten nicht leiden und kehrt gern den Wisser heraus. »Armer Adler«, seufzt G., nachdem er in Würde geschwiegen hat, »er sitzt in der Falle und merkt nichts davon. Er glaubt noch, er könne fliegen, wann immer er wolle, und es liege am Auftritt. Lassen wir ihm seinem Glauben. Es ist besser, er stößt sich den Schnabel, als dass er uns abstürzt.« »Adler stürzen nicht ab, mein Lieber«, ruft Adler hinter ihm her, »sie bewachen den Mond.« »Wie er sie«, murmelt G. und rudert zurück in die Armutsfalle.

ARTGENOSSEN

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Was Sie hier sehen, ist ein neues Jahrhundert, was sage ich, ein neues Jahrtausend, keine Schiefertafel, stattdessen ein riesiger leerer, von keiner Kondensspur durchzogener Raum über unseren Köpfen, unbetretbar, er jedoch hat Besitz von uns genommen und lässt keinen mehr los. Unbeschrieben, nein unbeschreibbar, ist es das? Ist es das, was lockt? Andere mögen das nicht so krass empfinden, sie stehen in Kontinuitäten, die in unseren Breiten niemand so recht übersieht, sie halten vielleicht nicht soviel von Wenden oder sie wenden gerade das Schicksal der Welt, sind also praktisch beschäftigt, aber Europa, das seinen Aufstieg und Abgang in die Nussschale eines nun vergangenen Jahrtausends packen kann und gerade anfängt, erdgeschichtlich zu denken und, was mehr zu denken gibt, zu empfinden, weiß um den Moment und ist bereit, sich ihm anzutragen. Der eitle Drang, seinen Schriftzug in die leere Fläche zu setzen, möglichst als erster, sieht sich durch die Fülle an Aussicht sonderbar gebremst. Eine leere Aussicht am Ende? Eine Aussicht aufs Ende, eine Aussicht, die rasch zum Ende kommt? Niemand glaubt im Ernst, dass die Menschheit das angebrochene Jahrtausend überlebt. Das ist ein seltsam starker Glaube, der als Unglaube maskiert zwischen den Leuten herumgeht. Das neue Jahrtausend wird das Verschwinden der Gattung bringen und wir sind die, die es ihr beibringen müssen. Das Ende des Menschen ist also wirklich angebrochen, nachdem es lange bedacht und auf den verschiedenen Schlachtfeldern der Zivilisation eindringlich geübt worden ist. Es schmerzt auch nicht mehr, dieses Stadium haben wir hinter uns. Ehrlich gesagt, es wird von vielen ersehnt. Sie wollen der stummen, aus allen Rohren feuernden Natur zurückgeben, was sie so unerbittlich zu fordern scheint: die Ruhe nach der Schlacht, das reine An-sich-sein ohne jedes Für-sich, so winzig es sich auch, kosmisch gesehen, ausnehmen mag. Das sind Puristen, wie immer von der Mehrheit belächelt, die ihren Verstand, wie sie sagt, noch beisammen hat. Er wird schon auseinander fallen, auch dafür ist gesorgt. Unter uns: er fällt täglich mehr auseinander, aber das ist nur ein Bild.
Mehrheiten ändern sich, das ist der Lauf der Welt, dafür sorgt schon die Biologie, wo sie ausbleibt, meldet die Medizin sich zur Stelle. Der Glaube an die Menschheit ist eine seltsame Machination, die nur auf Zeit glücken konnte und durch den Glauben ans physische Ende künstlich gestreckt wird. Niemand glaubt an ein Ende, das bereits im Gang ist. Die Bereitschaft zu glauben richtet sich auf künftige, wichtige Dinge. Wie sieht sie aus, diese Welt ohne Menschen? Sie liegt in uns, sie liegt unter, neben und über uns, sie muss nur hervorgeholt werden. Ein starker Forscherimpuls ist hier am Werk. Der fromme Wunsch, die Menschheit möge sich, bilanztechnisch gesehen, so verhalten, als gäbe es sie nicht, markiert bloß den Anfang, er haftet überall an der Oberfläche, vergleichbar dem Wunsch des Todeskandidaten, er möge noch eine Zeitlang unbemerkt fortexistieren, um zu sehen, wie es ohne ihn weitergeht. Nichts fühlt sich leichter an als so eine Fortexistenz, in der Lug und Trug ihren lange angemeldeten Anspruch auf Wirklichkeit glücklich einlösen dürfen. Ein poetisches Pärchen, mancher wünscht ihm, neben einem energetisch gesunden Gefühlsleben, die endliche Einsicht, dass ein Jegliches gut sei, bloß als sich erneuernde Aufgabe. Allein ein paar Astrophysiker, die extra dafür bezahlt werden, hoffen auf den Zwillingsplaneten im All, auf dem alles gleich und anders ist und auf dem deshalb alles neu beginnen kann. Auch sie erwarten also das Ende, sie sind verblendet genug, es nur als Anfang begreifen zu können. Vielleicht auch nicht, denn alles ist Auftrag, auch hier. Die genossene Art ist die beste.

ASTLACHEN

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Sich einen Ast lachen: soviel wie sich krumm lachen, einen ungewöhnlichen Heiterkeitsausbruch hinlegen, auf Kosten anderer triumphieren, aber im Verborgenen (oder auch nicht), einen vom anderen übersehenen Vorteil einstreichen, unverhofft auf seine Kosten kommen, dem (den) Mitmenschen das Nachsehen geben. Dass bei solcher Gelegenheit etwas zum Vorschein kommt, gleichsam aus einem herauswächst, scheint zunächst einmal nichts Außergewöhnliches an sich zu haben, es versteht sich fast von selbst. So ein kleiner Auswuchs – wo darf es sein? Unterm Ärmel? Aus dem Kopf? Aus der...? Nana. Und doch... vielleicht. Die... hören Sie, ich kann mich vor Lachen nicht halten, worauf wollen Sie hinaus? Wo wollen Sie hin? So ein Aphorismus ist rascher entführt als die Vorstellung, die er enthält. Allein gelassen, kauert sie einsam am Wegrand. Lachen Sie ruhig, das ist die Wahrheit, nicht die ganze, aber ein Gutteil. Die Vorstellung ist die Falle, die der Astlacher seinen Mitmenschen stellt. Die Vorstellung, dass sie da draußen sitzt, erheitert ihn in der Seele. Er hat sie gut sichtbar versteckt, man könnte sie einen Fetisch nennen, einen Wegweiser vielleicht oder eine Grabrede für niemanden. ›Lust, niemandes Grab zu sein‹ unter soviel Plünderern.

ATTENTISMUS

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Leicht schockiert, wie die Menschen sind, bleibt ihre Realitätsverankerung schütter. Tritt ein stärkerer Eindruck in seine Rechte, dann kommt es zu einem Attentismus, der alles für möglich hält, gleichgültig, ob das Netz der Kategorien es hergibt, in dem sich Menschen normalerweise bewegen. Physikalische Gesetze? Technische Daten? Psychologische Kenntnis? Das weit geöffnete Auge, das jede Bewegung registriert, kennt keine Gesetze, keine Daten, keine gesicherten Begriffe: es ist offen für alles, was kommen mag, gleichgültig, ob es überhaupt kommen kann. Ein Überlebens-Mechanismus, kein Zweifel, aber auch ein Einfallstor für Panikmacher und Scharlatane. Immer vorneweg der Sensations-Journalismus, der gerade die sensibelsten, offensten, beweglichsten Menschen im Handumdrehen in einen Haufen Narren verwandelt, die mit jedem Unsinn stürmen, in bar und auf Pump, ehe so etwas wie Scham einkehrt und sich das nüchterne Alltagsbewusstsein wieder zu Wort meldet.

AUFBRÜCHE

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Du siehst ein Kunstwerk und bist entzückt. Du liest die Theorie, die vom Künstler ausgeheckt wurde, um seine Richtung begreiflich zu machen, und bist gelangweilt, befremdet, irritiert. Du fragt dich: Wie konnte dieser schwache, offenkundig leicht zu verwirrende Geist so ein Werk hervorbringen? Und du liest weiter. Du findest die Theorie mit anderen im Bunde, die den gleichen Geist atmen: Ansichten einer Clique, einer Schule, einer Bewegung. So geschieht, was geschieht: auch die dazugehörige Praxis kann nicht länger überzeugen. Du siehst das Gewollte, das sinnlos Erzwungene, du siehst, wo du hinsiehst: falsche Theorie. Wohin ist das Sehen entschwunden? Welche Sicht der Dinge hat es unaufhaltsam verzehrt? Geht das Gedachte dem Gesehenen so weit vor? Ah, da kommt es zurück. Beginnen wir also von vorn. Nein, du bist nicht länger entzückt, aber du lässt gelten. Du lässt gelten, weil du nicht mehr gefordert bist. Eine naive Sicht der Dinge lullt dich ein. So geht es den Künsten, so geht es der Kunst. Man muss ihr die Aufbrüche nachsehen, wie sonst käme sie zustande? Am Ende gilt, was du siehst. Es gilt nicht wirklich, nur ein wenig vermindert, du muss dich darein versehen, sonst siehst du nichts.

AUFPASSER

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»Pass auf«, riet der Aufpasser, »dass du nicht abgepasst wirst und eine verpasst bekommst!« »Das will ich nicht verpassen«, murmelte der Boxer im Schlaf und und legte sich den Pass unters Genick. »Passt schon!«, rief der Schaffner dem Fahrgast nach, der den Zug verpasst hatte und seine Beine in die Hand nahm. Na wenn schon. Wer aufpasst, dem passieren Dinge, die anderen nicht einmal auffallen würden, geschweige denn zustoßen. Dabei ist nur das Zugestoßene echt, alles andere Plunder. Deshalb glaubt, wer das Zustoßen in die eigene Hand nimmt, er sei den anderen stets eine Armlänge voraus. Was, wenn er recht hätte? Nein, er hat unrecht. Die Welt ist voller Aufpasser. Wer aufpasst, dem kann praktisch nichts passieren, es sei denn, er geht seinesgleichen ins Garn. Da passen sie aufeinander auf, dass es eine Freude ist, andere meinen, es sei nicht zum Hinschauen. Und schon ist es passiert. In einem Staat, der die Zahl seiner Aufpasser unauffällig vermehrt, wird alles auffällig. Das Unscheinbare zeigt seinen Wundercharakter und benimmt sich scheinbar daneben. Warum? Weil nur daneben noch Platz ist. Der Hauptplatz, der eigentliche, ist der Platz, den die Aufpasser brauchen, weil sie sonst leer nach Hause gingen und wegen Unbrauchbarkeit ins Visier gerieten. Lehrsatz: Wenn alle aufpassen, passiert nichts. Wenn aber die eine Hälfte der Menschen auf die andere aufpasst, dann füllt das auf diese Weise erzeugte Wissen das Universum: alles Menschliche ist darin enthalten und alles Weitere bleibt ihnen fremd. Ihnen? Gewiss: den Aufpassern und denen, die sie, so oder so, kontrollieren.

AUFREGEND

A
Warum die aufregenden Schriftsteller die langweiligen sind. Auffällig ist: was in seiner Zeit ankommt, vergeht mit ihr. Später, unter der Lupe kulturhistorischer Untersuchungen, mutiert es zum Exempel von Trivialkultur. Alles, was den Zeitsinn stimuliert, wirkt aufregend, es steigert das Bewusstsein der Gegenwart, die Empfindung, gerade jetzt durch offene Türen zu gehen. Da in der Regel niemand Zeit hat, um auf sein Pfingsten zu warten, lässt er es sich vermitteln. Die Agenturen, die dieses Geschäft betreiben, wissen, was an der Zeit ist, sie können sich auch täuschen, aber das lässt sich rasch reparieren, ein Hauch genügt und sie stehen auf dem Plan. Ein kleiner Ableger dieser Agenturen sitzt in den aufregenden Schriftstellern, sie vibrieren gleichsam mit ihrem Schreiben mit und verlangen von sich das Äußerste: Aktion. ›Die Aktion‹ hieß das von Pfemfert vor dem Ersten Weltkrieg herausgegebene, übrigens bis 1932 existierende Organ, in dem die Aufgeregten sich sammelten, um Aufregung zu verbreiten. ›Irgendwie links‹ geriert sich das bestehende Aufgeregtsein bis heute. Manchmal kommt kurzfristig richtige Aufregung auf, wenn ein Aufgeregter über die Stränge schlägt und alles zurücknehmen muss oder rasch von der Bühne gezerrt wird, zurück ins Dunkel, wo das Zwielichtige siedelt. Am aufregendsten ist natürlich der kühle Typ, um den herum das Publikum in Wallung gerät. Überhaupt gilt: die aufregendsten Menschen schreiben die aufregendsten Bücher. Ist das nicht aufregend? Mitnichten. Jedenfalls darf sich die Aufregung legen, wenn das Leben sich legt, teils zum Schlaf, teils zum Entschlafen. Eine verblichene Aufregung gilt zwei geschälte, mit denen sich ein paar Saurier bewerfen, zwischen denen man ein Netz gespannt hat.

AUFRUHR

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Solange die Toten fehlen, herrscht Aufruhr, denn sie sitzen unsichtbar mit an den Tischen. Wo immer aufgetragen wird, verlangen sie ihr Recht, dabei zu sein. Erst wenn sie nach allen Regeln des Menschseins gestorben sind, ändert sich das. Wer gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde, lebt es in seinen Nächsten zu Ende. Wer zusammen mit seinen Nächsten aus dem Leben gerissen wurde, der lebt es in den Fernsten zu einem Ende, das keiner kennt.

AUFSAGER

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Du sollst nicht aufsagen! stand in großen Lettern über den Schulstunden der Kindheit, in denen es doch um nichts anderes ging als ums Aufsagen des Gelernten. Gern hätte ich meinem Banknachbarn eingesagt, der, unfähig zu größeren Merkleistungen, unter dem lauernden Blick des Lehrers bloß darauf wartete, stockend und gierig ein paar seitwärts geflüsterte Brocken lauthals zu wiederholen. Doch lieber hätte ich aufgesagt, nicht aus Eitelkeit oder Ruhmsucht, nur weil nun einmal aufgesagt werden musste, damit, was zu sagen war, hell und klar im Raum stehen würde. Der Pauker allerdings – ich muss ihn so nennen – war anders unterwegs: eingedenk des vor ihm kauernden Wunsches, der nicht nur Wunsch war, sondern Befehl, ein Hilferuf der gemarterten Wörter, machte er sich ein finsteres Vergnügen daraus, das zu seinen Füßen spielende Miniaturdrama zu ignorieren und, offen die Stümperei der Mitschüler verhöhnend, die Übung ergebnislos abzubrechen. Heute ist meine Stimme ausgebleicht, kaum zu verstehen, wie man mir andeutet, wann immer sie Erwünschtes aufsagen soll, weicht sie aus, auch bedarf sie der fordernden Instanzen nicht mehr und sie scheut keinen Umweg, um das bitter Gelernte zu bestreiten: Kausalität.

AUFWURSTELN

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Du brauchst mir doch nicht deine Meinung aufwursteln – Ausruf einer in die Defensive geratenen Mutter, die weiß, was eigenem und fremdem Nachwuchs frommt. »Ich kann doch positiv Vorbild sein, auch wenn ich selbst nicht daran glaube?« Wer das nicht einzusehen vermag, unterschlägt die positive Funktion der Sitte oder interessiert sich nur für die Sittenpolizei. So verderbt sind die Sitten nicht, dass jeder Versuch, sie zu emendieren, zwangsläufig an den Verhältnissen scheitern müsste. Und wenn schon! Den Versuch ist es wert und das Leben wird dadurch wertvoll. Wem? Dem Leugner natürlich, der den Gesinnungsspagat tadelt und sich am Anblick des Fleisch und Rede gewordenen Widerspruchs berauscht. Nur aufwursteln, das will er nicht, brav und ordentlich will er zur Sache gehen.

AUFZIEHTHEORIE

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Da ich ein Knabe war, ach...! Damals gab es diese Spielzeugautos mit einem Loch in der Seite, aus dem ein kräftiger Stift herauslugte: man steckte einen Schlüssel hinein und zog damit eine verborgene Feder auf, die Antriebsräder musste man währenddessen festhalten, am besten mit dem Finger, ein Tipp für später, den keiner verstand. Leider reichte die Spannung nur für kurze Sprints – genug, immerhin, um die bange Frage aufzuwerfen, ob einer auch rechtzeitig losstürzte, um das rasende Vehikel aufzufangen, sobald es über die Tischkante hinausschoss. Stärker beeindruckten die Aufziehmäuse aus grau lackiertem Blech, die mutig in Buchseiten hineinfuhren, aber an einer nicht genau vorhersehbaren Stelle umkippten und sich um sich selbst zu drehen begannen, weitergetrieben durch einen geheimnisvollen Kraftschluss zwischen dem dünnen, biegsamen Gummischwanz und der nur scheinbar glatten Papierfläche, die hinreichend Haftung für das Spektakel bot. Später habe ich Menschen hochgemut zwischen die Seiten eines Buches geraten und zum Ergötzen und endlich zum Erschrecken ihrer Umgebung nicht mehr herausfinden sehen. Ob sie allerdings um sich selbst kreisten oder um einen geheimnisvollen Punkt des Entsetzens, der nicht weiter benannt werden konnte, blieb in den meisten Fällen unerfindlich. Immerhin hatte das Buch etwas bewirkt: die Geburt eines Wesens, das einem Perpetuum mobile erstaunlich ähnlich sah und am Ende doch nur liegen blieb. Ein schlimmes Los, ein schönes? Einen, der das wüsste, könnte man auch nach anderen Dingen fragen, zum Beispiel, woher es kommt, dass die Klingel stumm bleibt, solange man auf sie hört oder warum es keinen Zweck hat, auf die Straße zu laufen, wenn man Besuch erwartet – lauter Dinge, die einen flüchtig zwischen zwei Abwesenheiten beschäftigen.

AUGENBLICK

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Die Zeit zwischen zwei Wimpernschlägen vergeht, wie man weiß, im Nu. Das ist leicht gesagt, im Bedenken stockt nicht allein die Zeit, sondern auch der Gedanke. Im Nu ist einer bei sich, denn er ist außer sich. Mehr zu sagen hieße, den Wimpernschlag herausfordern, der den Gedanken unterbricht wie ein Glockenschlag. Zwischen zwei Glockenschlägen findet der Gedanke keine Ruhe, ihm fehlt das Widerlager, auf dem er sich strecken und in seiner natürlichen Proportion zeigen kann. Stattdessen zeigt er seine Panikfigur. Es soll Menschen geben, denen die Wucht des Glockenschlags die Besinnung raubt. Der Augenblick besitzt seinen unnachsichtigen Widersacher im Erz, das zur Besinnung ruft.

AUGENVERDREHEN

A
Das Augenverdrehen ist eine Kulturtechnik, vergleichbar dem Wettermachen oder dem Wettrüsten. Irgendwann zeigt sich ein Ergebnis, aber keiner begreift, wie es dazu kam und wie die wirklichen Bahnen zwischen Ursache und Wirkung verlaufen. Der klassische Augenverdreher weiß nicht, was er will. Er nimmt auch nicht wirklich übel, er dreht sich vielmehr heraus – aus einem Gespräch, einer Wendung, einem Gedanken, einer Stimmung oder einem Gefühl –, und zwar so, dass derjenige, der zufällig einen Blick auf ihn wirft, Bescheid weiß. Im Grunde geht es ihm um nichts weiter als diesen Zufall. Er will, dass der Blick, der auf ihn fällt, etwas zu sehen bekommt. Er weiß sich nicht anders zu helfen als dadurch, dass er den Blick, den er auf sich ziehen möchte, mit einem Schabernack im voraus belohnt. Also sucht er in einem Spiel, das zu spielen er keine Sekunde lang vorhat, den Verbündeten. Eigentlich möchte er unsichtbar sein und aus dieser sicheren Position heraus auftrumpfen. Besser, er möchte aufgetrumpft haben, um es desto sicherer leugnen zu können. Noch besser: Er möchte sich hier und heute aus seinem künftigen Grabe davonstehlen, um den anderen das Nachsehen zu geben. Oder: Er möchte sich lieber begraben lassen, als sich all das ungerührt anzuhören, was seine Mitmenschen in ihrem täglichen Wahn von sich geben. Er hat eine gute Haut, warum sollte er eine sein?

AUSFÄLLE

A
Der Ausfall der Männer, bemerkt Adler, geht hierzulande ins dritte Glied. Ich sah die Geschlagenen zurückkehren, sofern sie zurückkehrten, woher und wohin auch immer. Sie hatten dem Staat alles gegeben, aber er war mit ihnen noch nicht fertig und verlangte den Wiederaufbau. Übrigens taten sie es aus freien Stücken, die Ruinen schmerzten in ihren Augen und erinnerten sie an etwas, das sie nicht wirklich verstanden hatten. Sie wussten, wie alles richtig war, so wie ihre Söhne, nur nichts voneinander. Unter sich blieben sie, was das Mordhandwerk aus ihnen gemacht hatte, alte Kameraden, die sich das eine oder andere zuschustern konnten, wenn sie es selbst nicht brauchten. Reden wir nicht von den Söhnen! Eitle Sieger in einem Krieg, der zu Ende war, als sie noch in die Windeln schissen. Gerade sie entdeckten, immerhin, das Gedächtnis. Die wahren Gedächtnismeister aber scheinen die zu sein, die jetzt das Heft in die Hand nehmen. Um sie zu verstehen, muss man vergessen können. Wer kann vergessen? Bitte sagen Sie mir: wer kann vergessen? Die Leute tun so, als hätten sie alles vergessen, es sind Heuchler, die nicht zurückstehen können.

AUSSATZ

A
Ist die Jagd auf Indigene einmal eröffnet, ist das Land schon verloren, denn die Auszeichnung wirkt wie ein Aussatz und jeder, der seine Sinne beisammen hat, flieht die Berührung. Deshalb ist Hohn die Grundnorm einer Kultur, die sich, der Gewalt der Waffen oder einem inneren Zwang gehorchend, zurücknimmt: gestern noch Träger eines reichen Erbes, herkommenssatt und institutionensicher, ist der sogenannte Indigene das biologische Überbleibsel einer Vergangenheit, die mehr oder weniger rasch vergeht, die in den meisten Zeitgenossen bereits vergangen ist, denn Bewusstsein ist großenteils Antizipation. Ein Land, leidend unter einer Vergangenheit, die nicht vergehen will, mag darin Erlösung finden, Erlösung von dem Übel der Welt, wie es in sakralen Texten heißt, die keiner liest und fast jeder lebt, gerade weil er sie nicht liest und deshalb auch nicht verständnislos das Haupt schütteln kann, denn Leben und Verstehen schließen einander bekanntlich aus. Als ›indigen‹ gezeichnet zu sein und auf das Überleben der Institutionen hoffen – das ermöglicht jenen Abgang ›in Würde‹, der so nicht genannt werden darf, denn das wäre falsches Bewusstsein und erzürnte die Mitwelt.

AUSSENSEITER

A
Wer außerhalb der Zäune läuft, der gewinnt kein Rennen, auch wenn er schneller läuft als die anderen. Der Grund: Es gilt nicht. Warum läuft er überhaupt, wenn es doch nichts zu holen gibt? Die Antwort ist einfach. Die Lust an der Bewegung hält ihn am Laufen. Warum nicht innerhalb der Umzäunung, also dort, wo es gilt? Vielleicht deshalb, weil er Zäune nicht mag. Vielleicht läuft er in einem anderen Rennen, dessen Regeln, auch wenn das Gros seiner Mitmenschen sie nicht kennt, ebenso streng oder strenger sind als die der professionellen Läufer. Nicht jeder, der die übliche Professionalität für sich ablehnt, ist deshalb ›unprofessionell‹. Der eine findet sich vor einem größeren Richter wieder, den anderen verschlingt die eigene Nichtigkeit. Die Figur des Richters ist unserem Denken so eigen, dass es sich verantworten muss – auch dort, wo es jede Verantwortung ablehnt. Man könnte diesen Gedanken anschärfen, indem man sagte: Erst wer jede Verantwortung von sich weist, steht in der Verantwortung, aus der einen niemand befreit.

AUSSETZER

A
Man muss seine Gedanken aussetzen, wie man Fische aussetzt – nicht der obligaten Kritik, diesem Gesäusel unter dem Einfluss widriger Analgetica, sondern dem Element, in dem sie ihre natürliche Regsamkeit unter Beweis stellen, in dem sie sich paaren und irgendwann absterben, so wie man ihrer ab ovo eingedenk bleiben sollte, falls sich einige Prachtexemplare darunter finden. Ich persönlich – sagt G. – gehöre ja einer Generation an, der die Lust am Gedanken abgeht – man könnte auch sagen: fremd ist, aber das zu behaupten überschreitet dann doch jede Kompetenz. Nein, sie geht ihr ab. Darum handelt es sich: eine tragische Geschichte. Man sollte von solch einem Abgang viel mehr Aufhebens machen. Nicht, dass er von der Öffentlichkeit unbemerkt bliebe, aber das ist es ja – dieses schier unendliche Gesäusel und Geflüster, dieses Hand-vor-den-Mund und Darf-man-das, dieser Anschlusswille vor jeder Fähigkeit, dieses zäh und stur Tertiäre, in jeglichem Sinn des Wortes, wo kommt das her? Wo strebt es hin? »Auf den Friedhof, mein Freund, auf den Friedhof. Gondwana stirbt«, krächzt dunkel die Stimme Waputas. Aber – wäre das nicht zu leicht gedacht? Dieser Generation (vielleicht ist es auch nur eine Halbgeneration, und darin liegt bereits die ganze Tücke) eignet eine Behäbigkeit des Urteils, der allein mit Gedankenschwere begegnet werden kann. So wankt der Gedanke langsam, auf hohem Kamele reitend, herbei und gleitet herunter, als berge er eine Kostbarkeit, dabei ist er nur unförmig. »Nietzsche sagt –«: so beginnen viele ihrer Sätze, zu viele, an die sie sich in der Wüste gewöhnten. Auch andere bedeuten ihr manches, haben sie erst einmal volle Zitatreife erreicht. Im Land der getrockneten Feigen schmeckt das Leben süß.

AUSZUG

A
Das Bewusstsein für Kontinuitäten schärfen – so etwas sagt sich leicht und trifft schließlich die, die sich als erste dafür erwärmten. Vielleicht zu recht, schließlich haben sie den Stein ins Rollen gebracht, wohl wissend, dass immer etwas nachkommt, wo keiner etwas erwarten konnte. Was kann schon kommen? Das ist die Frage all derer, die sich aufmachen, die sich bereits aufgemacht haben, weil sie es zu Hause nicht mehr aushalten konnten, weil sie es nicht länger als ihr Zuhause betrachten, schließlich, weil sie nicht länger nach einem Zuhause trachten, aus welchen Gründen auch immer. Unter der Oberfläche wächst das Verbindende nach, es wächst unaufhörlich, eine subkutane Realität, die der äußeren an Dichte und Zusammenhang in keinem Punkte weicht. Warum das so ist? Keine Ahnung. Oder doch? Betrachten wir den Vorzeichenwechsel: das Negierte schielt über den Negator hinweg und ruft sein »Hier bin ich«. Damit lässt sich vieles erklären, wenngleich nicht alles. Ein anderer Grund: wer will, findet immer umfassendere Kausalitäten, die sich per Willensentscheid nicht aushebeln lassen. Die Konstellation frisst ihre Kinder. Auch sollte nicht übersehen werden, wieviel Energie sich in Auszügen und Aufbrüchen verbraucht. Woher sie stammt, wohin sie geht, ist das eine, ihre schiere Bilanz das andere. Manch einer dünkt sich am Anfang und ist schon am Ende: soviel hat es ihn gekostet, einen neuen Anfang zu machen. Und was heißt schon neu? Mancher, der sich unvergleichlich vorkommt, müsste sich verschämt in die Ecke drücken, wüsste er um die verborgenen Motive in den Anfängen derer, die er verachtet. Der Manichäismus zwischen den Generationen, dieses verzweifelte Ringen ums Sagen-können und Sagen-haben, endet auf dem Richtplatz der Gefühle, mit dem Eingeständnis der eigenen Niederlage dort, wo er begann. Solange der Hochmut regiert, solange regiert auch die Not, der er entstammt, die Not all derer, denen alle Wege versperrt erscheinen, außer dem der Schande. Die Schande ist ein feiner Begleiter, sie durchdringt die Metamorphosen, die sie initiiert, sie ist urheberisch beteiligt an allen Urheber-Streitereien, sie ist causa sui und causa causarum, Ursache einer Ursachenkette, die über die Erde wegläuft, scheinbar glatt, aber ›dumpf in der Erde / wandert es mit‹. So kommt es zur Figur des Verlorenen Sohns, dem unerwarteten Wiederauftauchen dessen, der sich selbst enterbte, inmitten des Erbes, das ihn aufnimmt, als sei er niemals fort gewesen, obwohl... ihm dieses Fremde anhaftet, das nicht weggeht, etwas Befremdliches, spürbar genug, damit man ihm Platz macht. Und das wollte er ja: Platz.

BABELFRITZ

B
Die verwirrende Neigung der heutigen Deutschen, jedes Wort, das ihnen nicht oder nur wenig geläufig ist, ›englisch‹ auszusprechen, führt hin und wieder zu Komplikationen, vor allem, wenn das Missverständnis Ausdrücke der eigenen Sprache betrifft. Solche Sinnknäuel, in denen mehrere Sprachen an einer partizipieren, sind Sprachwissenschaftlern eine Lust, doch nicht nur ihnen. »Vom Vergnügen an faden Witzen«: so ein Titel träfe manchen nicht-beamteten Sprach-Transmitter mitten ins Herz. Da den Deutschen gleichzeitig immer größere Teile des heimischen Wortschatzes abhanden kommen, ist der Zeitpunkt absehbar, zu dem sie ihr Idiom aussprachemäßig ganz und gar umgekrempelt haben werden. Sie werden dann immerfort Wörterbücher wälzen müssen, um nichts zu finden. »Aber da steht doch nichts«, könnte ein gutmütiger Mensch einwerfen, doch da es ihm vermutlich an Aussprache mangelt, dürfen sie ihn nicht verstehen.

BABEROWSKI-EFFEKT

B
Der B.-Effekt ist eine Art stiller Post, bei der einer vorn eine Ansicht äußert, um von hinten niedergebrüllt zu werden. Benannt wurde er nach dem Historiker B., dem es gelang, bloß mit dem Ratschlag an seine Regierung, sich nicht leichtfertig an einem Krieg zu beteiligen, der ihr eines Tages über den Kopf wachsen könnte, als Kriegstreiber und Radikaler im öffentlichen Dienst am Pranger zu landen. Dergleichen geschieht, wenngleich nicht alle Tage, und selten ohne rechtliche Gegenwehr. Daher bedurfte es eines geeigneten Unter- und letztlich auch Überbaus, der, als Rechtsgrundsatz gefasst, wie folgt lauten müsste: Nemo contra B nisi C, auf deutsch: Niemand gewinnt gegen B., außer die Chemie stimmt, z.B. zwischen Richter und Kläger, denn etwas muss doch stimmen, wenn sonst nichts stimmt. Ehrabschneidung wird eher selten dadurch geheilt, dass ein Gericht sie durchgehen lässt, voraussehbarerweise vervielfacht sie sich. Es soll Richter zwischen Himmel und Erde geben, die erkennen in ihrem Beruf nur das kleine Ich, das ihnen unentwegt zuflüstert: Verrücke, was dich verrückt macht. Was gibt es Verrückteres als Gesetze? Sie weichen nicht, sie wanken nicht, und sie verändern sich doch. Zwischen zwei Rechtsgütern klafft heute vielleicht eine Wunde – morgen ist sie verheilt. Wer das im Kopf aushalten will, muss einen zweiten in Reserve halten, und sei es als Spucknapf. Man braucht kein Jurist zu sein, um die Anspielung zu verstehen. Man muss nur offenen Auges die Anschläge an deutschen Universitäten betrachten. Ein AStA (Allgemeiner Studenten-Ausschuss) zum Beispiel ist in seinen Ansichten nicht halb so allgemein wie die katholische Kirche katholisch, nur das Wort ›Ausschuss‹ müsste sorgfältig erwogen werden, da sonst der Schuss leicht nach hinten losgeht. Dein AStA erklärt dir die Welt – basta. Damit ist schon geklärt: der Professor, der sich aufs Meinungsparkett wagt, ist immer der Bastard, gemeinfrei, er kann nur darauf hoffen, dass ein Schmutzfinger hin und wieder den Abdruck beseitigt, den sein Vorgänger hinterließ. Politiker kennen das, dem Professor geht es gegen die Ehre, aber so ist die Welt. – Wer das Verdrehen nicht schätzt, der kann dem B.-Effekt aus naheliegenden Gründen nicht viel abgewinnen, es sei denn, er gehört zu jenen seltenen Zeitgenossen, die ihr Glück darin finden, das Verdrehte zurückzudrehen, so dass es anschließend, als sei nichts geschehen, so daliegt wie am ersten Tag, als die Welt noch frisch war und nach Babyöl roch.

BÄRENHÄUTER

B
Dichter, sagt mein Freund TK – er sagt es nicht wirklich, aber ich sehe es ihm an –, wird man nicht durch Dichten, sondern durch diese Fähigkeit, die Zeit in Worte zu fassen. Ich weiß, die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie so, wie sie ist, zu werfen. Manche tragen das Fell des Bären über der Schulter und man erkennt sie am Hasenfuß. – »Besser am Hinkfuß. Das wäre doch ein Zeichen.« – »Man muss etwas drauf geben, von nichts kommt nichts.« – »O doch. Eine ganze Menge.« – »Das mag sein, aber unter Brüdern, da muss geteilt werden.«

BAHNBRECHEND

B
Der Ausdruck ›bahnbrechende Forschungen‹ ist ein Re-Import aus der Gesellschaft in die Wissenschaft. Er wird dort kaum benützt, aber gern vernommen. Schon der verbindliche Plural zeigt an: Exaktheit ist dabei nicht gefragt. Für die Informationsorgane der Gesellschaft gilt die in ihrer Mitte betriebene Forschung als Zauberkasten, aus dem von Zeit zu Zeit erstaunlich schlichte Erkenntnisse purzeln. Hätten Sie’s gedacht? Es darf gekichert werden (hinter vorgehaltener Hand, versteht sich), aber nicht öffentlich gelacht. Mag sein, die Erkenntnisse sind, von einem menschlichen Standpunkt gesehen, banal, aber wenn man zuletzt damit auf dem Mond landet, dann hat sich die Reise gelohnt. Mit der Opakheit ihrer Methoden verschafft Wissenschaft sich Respekt. Zu Recht, denn in den sogenannten Ergebnissen fürs staunende Publikum, bei laufender Kamera, verkauft sie ... ihre Seele? Ihre Kultur? Ihre Wissenschaft, also sich selbst? Die Methode steht zwischen der Wissenschaft und der Gesellschaft: ein Damoklesschwert, bereit, auf jeden nieder­zusausen, der die Ergebnisse der einen an die andere Seite verkauft. Wissenschaft produziert Antworten auf Fragen, die außerhalb ihrer Areale niemals gestellt werden, Gesellschaft kauft ihr ab, was sie so nie behauptet, geschweige denn bewiesen hat.

BAHNHOFSVORPLATZ

B

Im Yagir soll ein Bahnhof unter die Erde verlegt werden und die Bevölkerung steht Kopf: nicht, um besser sehen zu können, was unten geschieht, sondern um zu verhindern, dass es geschieht. Eine ratlose Politik drischt auf die Köpfe ein, Blut fließt und einer vertraut sein lose baumelndes Auge dem Fernsehen an, wo er es sicherer wähnt. Die Politik gewinnt das Spiel und verliert die Wahl. So kann es kommen, so ist das Leben. Derweil dämmert der Bahnhof im Zwischenreich der gemischten Empfindungen: der alte ist der alte nicht mehr und der neue will nicht hervorkommen. Ist das ein Bild? Wenn ja, wofür? Vielleicht ein Test – im Yagir wird viel getestet und dann verworfen, aber nicht wirklich, manchmal nimmt die Wirklichkeit Züge von Verworfenem an, dass einem angst und bange werden kann. So erfährt man, an Stelle des Bahnhofs könnte schon bald eine shuttle station für den Verkehr in den erdnahen Raum entstehen. Die Bewohner des Yagir hören das gern und befinden, dann habe der Kopfstand sich doch gelohnt. Befragt, wie sie das meinen, schütteln sie den Kopf und liebkosen die Bäume, die bald gefällt werden müssen.

BALTHUS

B
Die Entdeckung des Struwwelpeter für die Malerei lassen wir Ihnen gern durchgehen, das ist hübsch, das hat Verve, das macht Laune und besitzt sogar Farbe, mit einem Schuss Gouvernanten-Familiarität à la Hogarth, vorsichtig modernisiert, und die Mädchen in ihren Söckchen und all die Engelchen mit einem aufgemalten Geschlecht, das zu ist wie der Bankschalter am Sonntag und einer mit einer klitzekleinen Karte in der Hand darf sich Hoffnungen machen, unberechtigte hoffentlich, das ist alles hübsch und sogar recht schön und sehr schön gemalt, das muss einer sagen. Aber was Sie hier angestellt haben, ist eine Wucht, da mag sich einer heraussehen, wenn er mag, was er will. Das hat eine Klasse, die zur ewigen Malerei gehört, und warum? Ich will es Ihnen sagen. Es ist eine stille Raserei in diesem Bild, die sich dem Malakt verdankt, einem langen, vollständig ausgeführten, nirgends überdehnten oder gar überschrittenen Akt, in dem ein Pinsel Gelegenheit erhielt, alles auszudrücken, was in ihm lag und vielleicht noch liegt, vielleicht noch liegt. Ein äußerlich bescheidenes Bild mit einem ruhigen, unaufregenden, gewissermaßen banalen Motiv, das hier nicht verraten werden soll, denn irgendwo muss das Sehen beginnen, jenseits der nachvollzogenen Urteile und dem Suchen nach dem, was alle Welt kennt.

BAU-KÖRPER

B
Für einen Architekten muss es seltsam sein, zu Füßen eines Gebirges aus Beton und Glas entlang zu schlendern, das keiner sieht, weil es erst in seinem Kopf existiert, und auch dort nicht richtig: jetzt, auf diesem Spaziergang, fiele es ihm schwer, die Berechnungen zu reproduzieren, geschweige denn alle Detaillösungen, und dass an diesem sonnigen Wochenende keine der Schwierigkeiten, die sich beim Bau einstellen werden, den Finger hebt, versteht sich von selbst. In so einer Situation ist ein Schriftsteller alle Tage. Der Bau, den er sich ausgedacht hat, wächst, aber es wächst nur die Masse an Geschriebenem, der Bau bleibt immer gleich abgedunkelt. Er existiert im Kopf, er existiert in unterschiedlichen Spannungszuständen, er existiert in Spannungsbögen, die notwendig immer wieder aufsetzen müssen. Im entspannten Zustand ist der Bau zwar da, aber nicht vorhanden, es fehlt jeder Zugang zu ihm, er ist hier und heute nicht zu realisieren. Das schreibt sich so leicht, aber es grenzt an Selbstvernichtung.

BEBENKUNDE

B
Wenn ein Gebäude zu wanken beginnt, das man lange bewohnt, an dem man selbst mitgebaut, an das man zumindest, gefragt oder ungefragt, mit Hand angelegt hat, wenn seine Fugen sich lösen und Teile des Fundamentes ins Unbekannte entgleiten, wenn in dem, was immer noch da ist, vage die Umrisse dessen erscheinen, was künftig an gleicher Stelle Haltbarkeit und Dauer ausstrahlen wird, dann ist es Pflicht des Historikers, diesen Moment festzuhalten, wissend, dass auch die eigene Existenz soeben zu bröckeln beginnt und er Gefahr läuft, von Trümmern erschlagen zu werden. Pflicht? Lust? Sagen wir, er weiß sich nicht anders zu helfen und behilft sich mit dem, was er gelernt hat.

BEDENKEN

B
Irgendwann verläuft sich jedes Argument und die natürliche Bizarrerie des Bedenkens tritt hervor. Es handelt sich, ganz recht, um einen Akt der Wegelagerei. Zumindest könnte man es so sehen. Aber wer will das schon. Man kann eine Sache zudenken, bis sie verschwunden ist, und wenn man sie dann befreit, ist etwas anderes aus ihr geworden, etwas, von dem man Stein und Bein schwören würde, man habe niemals daran gedacht. All diese Schwüre sind nichts wert. Auch im Aufdenken ist das Bedenken groß, es bedarf kaum eines Schlüssels und das Bedachte geht auf, groß wie ein Sarg, und entlässt ein Blütenmeer. Schwerer geht das Entdenken, das Abziehen der Gedanken, und selten ohne Getöse, an dessen Ende ein Wimmern zu vernehmen ist, das dem eines Neugeborenen gleicht oder zu gleichen versucht. Man weiß nicht und man wird niemals wissen, was in solchen Momenten wirklich geschieht. Das Entdachte, seiner natürlichen Würde zurückgegeben, erhebt sich augenblicklich und geht. Im Fortdenken bleibt das Denken sich selbst überlassen, es ist ganz bei sich, ganz forte. Nur mit dem Ankommen hapert es; so wie die großen Seeschiffe weit draußen vor den Häfen ankern, hat das starke Denken seine Anlegepunkte, wo die meisten nichts sehen.

BEDIENWESEN

B
Bedient werden möchte jeder, nur die Bedienungen kommen nicht nach und die Selbstbedienung leidet an dem nicht auszurottenden Selbstwiderspruch, dass, wer sich bedienen muss, in der Regel bereits bedient ist, wenn das Diner beginnt. Das liegt daran, dass der Selbstbediener mit vollen Backen zum Mahl kommt, während Distinktion keinen Hunger kennt, nur den feinen. Fazit: nur wer sich bedienen lässt, kann dem Drang einzusacken, wo es ums Zupacken geht, einigermaßen erfolgreich Paroli bieten. Man sieht das z.B. in der Politik, wo die Tantiemen vor der Wahl eine andere Brisanz besitzen als nach der Abwahl. Ein anderer Anschauungs-Bereich wäre die Drittmittelwissenschaft, in der das Einsacken vor der Erkenntnis steht und diese substituiert – eine ausgewiesene Erkenntnis, was soll das sein außer einer, die schon jeder kennt und die alle Schalter offizieller Billigung bereits durchlaufen hat? Solche Durchlauf-Erkenntnisse sind teuer, weil ihre Zahl begrenzt ist. Man braucht einen guten Leumund, um in die erlauchten Zirkel vorzudringen, in denen man Eigentumsrechte an ihnen hält und untereinander zum Tagessatz tauscht. Was Politik, was Wissenschaft! Wer die Straße kennt, weiß in der Regel auch zu beurteilen, wer von seinen Mitmenschen die Regeln gefressen hat, statt sich an sie zu halten. Bereitwillig lässt er ihn – vorbei. Oder auch nicht.

BEFORSCHUNGSOBJEKT

B
Man stelle sich vor: eine Spezies von Männern, die so beseelt sind vom Gedanken der Gleichheit aller Gesellschaftsglieder, dass sie darüber das eigene Leben versäumen. Jene winzige Ungleichheit, die sie ins Spiel brächten, wenn sie sich ausspielten, empört ihren Sinn und lässt sie in unendliches Grübeln verfallen. Schrecklich ist immer das Los der anderen, das eigene ist und bleibt auf die eine oder andere Weise, in der einen oder anderen Bedeutung, verhängt. Sich selbst als jemanden konstruieren, der anderen schrecklich wird, sollte er sich einmal entschließen, den schützenden Kordon der Familie, die ihn hält und hätschelt und verdirbt, zu verlassen, was ist das? Wozu taugt ein solches Konstrukt? Wozu es nicht taugt, ist offensichtlich, aber in einer Gesellschaft, in der Familien untergehen, um als Familienbande wieder zu erstehen, erlaubt es auch ein Leben, und schließlich: Gesellschaft ist alles. Was die Freundin verhindert, nützt der Mutter, was die Mutter verhindert, nützt dem Arbeitgeber oder seiner Partei, was die Arbeit verhindert, nützt dem System von Trägern, das auf Zufluss angewiesen ist und seine Klientel zusammenhält. Schließlich dient alles der Wissenschaft, die ihre Freude an dem hat, was sie beforschen kann. Hier kommt ihr ideales Objekt. Auch wenn sie nichts zu finden begehrt: etwas Nützliches findet sich immer.

BEFREMDEN

B
Was soll ich sagen? Dass ich euretwegen gelitten habe, wie ein Tier meinethalben, und dass ich es nicht einmal sagen darf, weil es euch nur befremden würde? Das ist ein schönes Wort: befremden, ein Wort voller Heimtücke, voller Fußangeln, voller Blaff und Bluff, ein Radauwort auf leisen Sohlen, ein Fortgänger im Ankommen, ein Unbelangbarer. Befremdet? Das kann ich mir vorstellen. Ein Hauch fällt auf die Rede und löscht ein Gesicht aus. So etwas geschieht, es geschieht andauernd, es trotzt aller Aufklärung und allem Bedenken, es ist das Unbedachte im Bedachten, aus dem einfachen Grund, weil es die Grundform des Bedenkens darstellt. Im Befremden ersteht die Welt, wie sie ist, mit ihren Schärfen und Kanten, ihrem Sortieren und Sortiertsein und Umsortieren, ihrer Kälte und dem, was man unvorsichtigerweise ihre ›Unbewohnbarkeit‹ nennt. Das Befremden absorbiert jede Theorie, jeden Ansatz, so wie es jedes Gesicht zum Verschwinden bringt. Es absorbiert sich selbst und das Spiel geht weiter. Manche bleiben befremdet, sie gehen ein oder werden entrückt. Das Befremden annulliert jeden Fortschritt, es stellt die intimsten Beziehungen auf NN und ermöglicht den Neuanfang. Es bewirkt, dass das Entsetzliche nur auf Augenblicke sichtbar wird. »Das klingt doch positiv.« Sagte ich’s nicht? Nun, was soll...?

BEGRIFFSSCHLEUSER

B
»Wer das Denken beherrscht, beherrscht die Menschen. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht das Denken. Wer die Begriffe beherrscht, beherrscht die Sprache.« Bei so viel Herrschaft wird der Zeitgenosse nervös – nicht zu Unrecht, nicht zu Unrecht. Sehen wir zu. Wer das Denken der anderen beherrscht, der muss nicht zwingend das eigene ... beherrschen. Das Gegenteil wäre eher der Fall. Und erst die Sprache! Mein Gott, die Sprache! Jeder denkt, er beherrscht sie, sobald er nur ein paar Ausdrücke kennt und anwendet, wie es ihm in den Sinn kommt. In den Sinn! Darin liegt schon der Ärger. Die Sprache spielt mit den Menschen Katz und Maus und die Sprachregler sind die größten Hasenfüße. Zu Recht! Das Publikum staunt, wenn sie im Gelände ihre Haken schlagen, darüber vergisst es den Weg, den sie eben noch nahmen. Zickzack! Jawohl, Zickzack! Im Zickzack vergisst es sich schneller, woher einer kommt und wohin die Reise geht. Wer das Vergessen beherrscht, der, ja der... – Schade dass, wo es sich rasch vergisst, das Vergessene flotter wieder aufersteht als geglaubt. Das gilt in vielerlei Hinsicht. So jagen die jungen Hasen dahin und halten sich für die Jäger, während die alten Hasen dem Treiben zusehen, als ginge es sie nichts an. Oder kaum. Unterdessen beherrschen sie die Szene, ein Wink von ihnen und die Jagd gewinnt ein anderes Aussehen. Schleuser sollte man sie nennen, warum nicht? Sie lassen fallen – ein Wort hier, ein Wort da, erwogene Wörter und vergiftete dazu, Wörter wie Juckpulver, sie brennen sich ein und gehen nicht weg. Ihre Spur geht nicht weg, auch wenn sie selbst längst entsorgt, pardon: versorgt sind. Das Einschleusen von Begriffen sollte unter Strafe gestellt werden. Nur so wäre Denken, was es niemals war: ein duftendes Paradies, ein wogendes Meer törichter Jetztgedanken, im husch! entsprungen und im herrje! dahin.

BEHÄNDIGKEIT

B
Die Behändigkeit ist ein besonderes Gut, ein Selbstläufer unter den Gütern (und den Begüterten), entfernt der Beidhändigkeit verwandt, aber doch nicht so sehr, dass sich daraus Schlüsse ergäben. Überhaupt hält sie es weniger mit der Ergebung als mit deren Mitläufer, der Ungeschert- oder Ungescheutheit, die an der Scheu wie am Gescheitsein gleichermaßen partizipiert. Wie das? Gescheitsein ist, wie es scheint, ein hohes Gut, das wird den Kindern von früh auf eingebläut und sie wissen es auswendig. Was sie keinen Deut gescheiter macht, aber in die Lage versetzt, nicht so dumm zu sein, wie es nötig wäre, um zu dem zu stehen, was der Verstand einem eingibt. Ungescheut das Rechte sagen, das wäre was Rechtes, das könnte manchem so passen, der sich besser bedeckt hält. Ein unerquickliches Wortfeld, fürwahr. Behände ist einer über das hinaus, was ihn flugs einholt und hurtig verspeist, zur Nachtzeit, sobald der Uhu schreit.

BEHAUPTUNGSMASCHINE

B
Das Gegenstück zur Enthauptungsmaschine ist die Behauptungsmaschine. Die Behauptung geht dahin, dass jede Enthauptung eine Behauptung nach sich zieht, eine Behauptung nach Maß, und dieses Maß gibt eben die vorausgegangene Enthauptung. Ich erkläre das so: kein Haupt existiert ohne ›Träger‹, soll heißen: die etwas trägere Masse, als deren Haupt es figuriert. Die Enthauptung lässt diese Masse nicht verschwinden, im Gegenteil: sie wird, während sie in sich zusammensinkt, kraft irgendeiner sozialen Formel, größer, unförmiger vielleicht, aber auf jeden Fall größer, massiger, fordernder, selbstbehauptender. Gerade darauf läuft es hinaus: die enthauptete Masse hat ein Selbstbehauptungsproblem, das muss sie lösen. Wo Köpfe rollen, läuft die Behauptungsmaschine auf Hochtouren. Das Gros der Behauptungen verschwindet im Nirgendwo, deshalb ist Nachschub immer gefragt. Unter uns, er ist schneller zur Hand als die Nachfrage. Der Behauptungsstau ist die Grundform der Freiheit, die aus der Enthauptung entspringt. Wie ihm entkommen? Das wäre die Frage. Zu vieles drängt hier zusammen, schon ein Nebensatz gilt als Parade und zieht Enthauptungen nach sich, die jede Fassungskraft überschreiten. Behauptung, Enthauptung – irgendwo sind beide ununterscheidbar und das Haupt, als Spielball, springt zwischen allem, was Hand und Fuß hat, hin und her: diese Kurve möchten wir haben, auf dem Schirm, wo sonst.

BEIFALL

B
Als es darum ging, die menschliche Sprache vor dem Vergessen zu bewahren, kam der Beifall von der falschen Seite und behauptete, er sei der rechte. »Etwas ist faul im Staate Dänemark!« rief der Schauspieler von der Bühne – und tausend Nicht-Dänen trappelten mit den Füßen. Mancher von ihnen wäre gern nach Hause gegangen, aber die Faulheit bannte ihn auf seinen Platz. »Was fällt Euch bei?« flüsterte mein Nachbar zur Linken, es schien ihm ernst zu sein. Erstaunt blickte ich auf seine schwieligen Hände, die so gar nicht zu seinem Aristokratengesicht passen wollten. Rechts von mir gähnte die bürgerliche Leere. So rückte ich ein bisschen von ihm ab, doch nicht weit genug, um ihn nicht zischen zu hören: »Geht nur nach rechts. Da heulen schon die Wölfe.« Es heulten aber nur die Sirenen. Warum? Ich weiß es nicht. Resigniert entnahm ich meiner Hose ein Taschentuch und reichte es ihnen hin. »Reicht es? Reicht’s noch?« Stumm drückten sie mir die Hand und wischten sich die Tränen aus dem Gesicht. Ein Krankenwagen fuhr vorbei und sammelte die Verletzten auf, aus dem letzten Bürgerkrieg, wie die Umstehenden versicherten. Es war aber keiner da, der sie fragte, so versicherten sie es der Straße, der Ampel, den Tauben und der Kanalisation, die sich bedeckt hielt. War es der letzte? War es wirklich der letzte? Mit letzter Gewissheit weiß man dergleichen nie, die Ver- und Vorletzten stechen die Letzten aus, da gibt es kein Zuhause.

BEINHART & SPRACHLOS

B
Mörderduo aus dem faschistischen Untergrund. Zwischen ihnen: Angelita, die Schöne als Biest in der Rolle der Schweigerin. Duldete sie’s (aus Liebe?) – oder stiftete sie’s an? War sie, ganz banal, Handlangerin eines Verbrechens, das seinen Gang auch ohne ihr Beisein genommen hätte? Die verhandelten Gesinnungen mögen der Steinzeit entstammen, aber: eine Emanzipierte ist schon vonnöten. Nur die aktive, selbstbewusste und ideologisch firme Frau kommt als (Mit-)Täterin in Betracht, gleichgültig, was man sonst von ihr hält. Gleichgültig auch, um welche Ideologie es sich gerade handelt. – Dieses Schweigen vor Gericht: die Mimesis darin ist mit Händen zu greifen. Überhaupt die RAF-Parallele, mit einer Ausnahme: damals wussten es alle, wenn letztere zuschlug. Wahr ist: ihre Leute haben sich gegenseitig gedeckt, wenn sie vor Gericht schwiegen. Wenn diese hier schweigt, redet ihr Schweigen: »Da war was, aber ich sag’s nicht, weil es sich so gehört. Was wisst ihr denn schon? Falls wir gemordet haben, was geht’s euch an?« Politischer Mord, von dem niemand weiß: Ist das Kampf? Krampf? Verdeckte Mimesis? Apropos verdeckt: zum verdeckten Terror gehört die verdeckte Operation der verdeckten Ermittler vor verdecktem oder verschaukeltem Publikum. Urteilsfindung mutiert zum Spießrutenlauf. Auch das geht: vorbei. Die Spießruten ruhen, verpackt gegen die Nässe, um Fäulnis zu verhindern, das Gefühl, etwas sei faul im Staate Dänemark, hat sich, seiner Allgegenwart ungeachtet, etwas gelegt, verständlicherweise, denn es ist ein Sinkgefühl, das aufgerührt werden muss. Naht das Urteil, springt alles an seinen Platz. Fehlt nur das Duo: weggefault, kaum der Betrachtung wert. Gäbe es keine Über­wachungs­kameras, wo wäre es dann?

BEISSRÜPEL

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Der Beißrüpel ist überzeugter Europäer, nach wie vor. Warum er letzteres so betont? Er will sich nichts vormachen. »Ich entstamme dieser Kultur«, pflegt er zu sagen, »ich kann nicht anders. Wäre ich Brite, ich hätte Alternativen. Aber so – was soll ich tun?« Als Europäer ist er Atlantiker. »Der Atlantik«, sagt er und schneuzt sich, »darf kein Graben werden, er muss Brücke bleiben.« Dann sieht er sich um und forscht, ob die Mienen Widerspruch zeigen. Die Mienen freuen sich, dass er wieder in Form ist, und hüten sich, etwas zu zeigen. Der Beißrüpel ist von Haus aus Mienenforscher, das hat er nicht abgelegt, seit sein stürmischer Aufstieg begann, vermutlich blieb keine Zeit. Seine Karriere geht auf die Zeiten des Kalten Krieges zurück, an den er sich mit Freude und ein bisschen Stolz erinnert. »Das war eine gute Zeit«, seufzt er nicht selten, »wohin gehen die guten Zeiten, vielleicht in den Abgrund?« Im Grunde hat ihn das von Homomaris gezeichnete Porträt nicht schlecht getroffen, sogar zweimal, was einiges heißen will. Oder so manches. – Als Atlantiker ist der Beißrüpel Pharisäer. Er weiß, das ist kein Beruf, nur ein Wort, aber auch hier gilt: Er kann nicht anders. »Wo ich bin, muss Klarheit herrschen«, herrscht er seine der Melancholie ergebenen Untergebenen an, »völlige Klarheit, verstehen Sie? Wir können und dürfen uns keine Zweideutigkeiten leisten. Dafür stehe ich mit meinem Wort. Wieso übrigens ›stehe‹? ›Dafür sitze ich...‹? Hm. Das scheint nicht zu gehen. Scheißsprache. Muss reformiert werden.« Schon macht er sich an die Arbeit, ist tagelang nicht zu sehen. Seine Frau kennt das und geht auf Sauftour, die Mitarbeiterin beschließt definitiv, in den Bundestag einzuziehen, sobald sie ›das hier‹ hinter sich hat. Langsam, Stückchen für Stückchen, gewinnt die Sprachreform Profil. O unsere Beißrüpel! Wenn wir sie nicht hätten, welche Unkultur! Welche Friedhofsruhe! Welcher Abfall! – Als Pharisäer ist der Beißrüpel Exzentriker. Er leistet sich seine Ausfälle wie andere eine Reise nach Panama. Oder Honduras. Oder Afghanistan. Brandgefährlich, aber es zieht ihn hin und er denkt nicht daran, sich zu sträuben. Schließlich bevorzugt er Gruppenfahrten, die er Inspektionsreisen nennt. »Ich muss wissen, was da unten los ist«, bellt er auf Anfrage. Was wird schon sein? Ein paar Scherereien, das bringt einen Kerl zum Anfassen nicht aus der Fassung. Da muss er durch. Vor seinem Konterfei stehend, gefragt, wie er sich fühle, bricht es aus ihm heraus: »Alles Lüge! Alles Fratze! Ich ist ein anderer.« Auch das: geklaut. Als Exzentriker ist der Beißrüpel... Aber das steht schon auf einem anderen Blatt.

BEKENNTNISZANGE

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Niemand lässt sich gern in die Bekenntniszange nehmem, doch steckt er erstmal darin, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Wohlgemerkt: wir reden hier nicht über Folter, sondern nur über Menschen, die guten Willens sind. Der gute Wille... wo trägt er uns hin? Über Dämme und Deiche, über Nachbars Hausschwelle, wenn es sein muss, über Wüsten und Wüsteneien, über Schock und Schein, über Leichen sowieso, warum denn nicht? Wer über die passenden Instrumente verfügt, will sie auch einsetzen, das ist ganz natürlich. In Verfolgung der Menschenrechte erweist sich so mancher als unerbittlich, der in minderen Angelegenheiten zwischen Mein und Dein nicht recht zu unterscheiden vermag. Und was heißt schon mindere Angelegenheiten? Lasset uns also bekennen. Als kulturelle Errungenschaft ist das Bekennen an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Eine davon ist der Glaube, von dem es keinen Dispens gibt. Keinen Dispens? Keine Instanz, die eine Lösung verspricht, wenn es knirscht zwischen den Bekenntnissen? Nein, es kann sie nicht geben, weil es sie nicht geben darf, zum Beispiel beim Recht auf Unversehrtheit, das ist sonnenklar. Wir können das nicht immer durchsetzen, auch klar, vor allem nicht gegen uns selbst, aber: mach dir mal darüber keine Gedanken. Wir verändern gerade die Welt. Wusstest du das nicht? Gerade jetzt, hier und heute, und du darfst dabei sein. Die Völker lassen sich nicht länger bevormunden und wir preschen vor, um ihnen zu zeigen, wie es geht. Gewaltprävention, ein altes Thema, wir praktizieren sie in großem Stil. Wie wir das machen? Rechtzeitig eingreifen, das ist so eine Formel, die Menschen bewegt, seit sie ihre Zunge bewegen. Man muss sich zum Herren der Zeit machen, dann weiß man, was recht ist, denn: es ist an der Zeit. An der Zeit ist, was in meiner Macht steht, ergo: ich halte das Recht in meinen Händen. Was ich damit mache? Zukünfte austauschen, die schön schaurigen gegen die schönen – nur dafür rasen wir göttergleich über die Erde und klinken aus, was wir haben. Besser als Klinkenputzen ist es allemal.

BELLTÜRME

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Belltürme? Aber nicht doch... Wo bitte wollen Sie die denn aufstellen? Am Stadtrand? In die Stadt hinein...? Das ist nicht Ihr Ernst. Nun gut, wenn Sie es wünschen... welche Ausführung darf’s denn sein? Die klassische, hölzern, immer noch sehr... sehr robust, möchte ich sagen. Bringt so eine Art Klangkörper mit, old style, fürs Melodische. Wird gern genommen. Aber falls Sie einen gerichteten Schall vorziehen, kommen Sie, da habe ich etwas Besseres. Sehen Sie: hier durchläuft das Bellen ein System von Kammern und Reflektoren, ein Labyrinth, wenn Sie so wollen, und kommt am Ende gebündelt heraus. Sie können daneben stehen und hören nichts. Solange Sie nicht in den Bellkanal treten, hören Sie nichts. Dort allerdings wird’s infernalisch. Was?? Keine Sorge. Die Reflektoren sind wartungsfrei. Sie werden sie nie zu Gesicht bekommen, sie sind fest in den Kammern montiert und praktisch unsichtbar, sie reflektieren nicht bloß, sie verstärken das Bellen ganz ungemein. Schicken Sie einen Seufzer hinein und Sie erhalten – im Bellkanal, wohlgemerkt, denn sonst merken Sie nichts –, das Angriffsgekläff einer Staffel Rottweiler, den Rest können Sie locker... Wieviel sollen es sein? Zwei? Zwanzig? Hundert? Aber sagen Sie mal, bekommen Sie dafür auch die Genehmigung? Wie, die haben Sie schon? Von wem, bitte, nur aus Neugier, wenn ich fragen darf? Von ganz... oben? Wer ist das? Sie haben die Erlaubnis, uns das Leben zur Hölle zu machen und schneien hier so einfach herein? Gehen Sie, gehen Sie, den Vertrag schicken wir Ihnen zu. Einen guten Tag noch, einen guten Tag, jaja.

BENNPHASE

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Eine Stimmungskanone –! Ein ZDF ganz für sich allein, für nicht Anschlusswillige, die an allem sparen, selbst an dem, wofür einer steht. Dieser hier steht für nichts, das gefällt den Adepten. Was einfällt, muss doch einmal gestanden haben. So ein Geständnis... Ein Glück, dass die Hüter des Missbrauchs kein Verhältnis zum Geschriebenen haben, längere Partien stehen sie nicht durch, das sind die glücklichen.

BEOBACHTERSTATUS

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Eine gewisse Superiorität in kulturellen Belangen lässt sich der DDR posthum nur schwer absprechen. Es waren ihre Schriftsteller, die im Westen die größte Aufmerksamkeit genossen. Natürlich nur solche, die den Dissidenten-Nimbus mit dem Kulturbotschafterposten zu vereinen wussten, speziell ausgesuchte Leute von erlesenem Lebenswandel, die nach der Wende überwiegend in die Krise gerieten oder ins Gerede. Die Misere des ersten sozialistischen Staates auf ... Boden brachte es mit sich, dass auf der anderen Seite des Vorhangs eine kritische Öffentlichkeit auf dem Posten blieb und Beachtung produzierte – ein rares Gut, um das man im liberalen Staat kämpfen muss wie die Löwin um ihr Neugeborenes, was die einschlägigen Kreise spät, aber gründlich begriffen haben.

BEOBACHTUNG

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›Beobachtung zweiten Grades‹ ist selten, sie ist nicht institutionalisierbar, jedenfalls nicht auf dem Weg einer auf Dauer gestellten Produktion hochgestochener Thesen. Sie tritt in der Gefahr hervor oder gar nicht. Die besten Beobachter vergangener Jahrhunderte waren ihren Zeitgenossen fast vollständig unbekannt. Warum sollte das inzwischen anders sein? Die Kaste derer, die sich heute den zweiten Grad attestieren, produziert für das Vergessen. Das sollte nicht vergessen werden, wenn sie sich öffentlich auf die Schultern klopfen, als käme gleich darunter das alte Lametta zum Vorschein.

BERATERTÄTIGKEIT

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Zu den bedenkenswerten Vorgängen der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts gehört auch die nachhaltige Abdankung der Intellektuellen, die Einschmelzung dieser Spezies zu etwas, das man ›beratende Intelligenz‹ nennen könnte, wäre man nicht besser beraten, es zu lassen. Nicht dass hier Zweifel an der Beratertätigkeit im Allgemeinen oder an der Intelligenz gewisser Berater geschürt werden sollen! Aber den beratenden Typus hat es immer gegeben und das sonderbare Verhalten der neuen Freibeuter, die sich plötzlich in seine Jobs drängen, verdient vielleicht doch eine deftigere Charakterisierung. Wahrscheinlich wären schon frühere Zeiten darüber erstaunt gewesen, wie wenig die Vorgänger der heutigen Pseudoberater in concreto zu verändern gewusst hätten, hätte man ihnen die entsprechenden Rollen angedient. Aber da man die Intellektuellen stets als Statthalter des Feindes im eigenen Lande wahrnahm, an denen die Herrschenden ein – friedliches, entspanntes, offenes, liberales, deutliches, strenges – Exempel zu statuieren hatten, bestand das Spiel, in dem alle Seiten sich trefflich einrichten konnten, doch eher darin, sie von den Schalthebeln dieser Welt fernzuhalten. Das galt im Westen, das galt, mit anderer Skalierung der Werte und Mittel, östlich des Eisernen Vorhangs. Seither haben die Kassandren des Weltgeists gelernt und sind fort – ein seltsamer Zusammenhang, der jeden Gedanken daran verbieten sollte, Vögeln in großem Stil etwas beizubringen. Nein, nicht alle sind fort, ein paar Invaliden sind zurückgeblieben und vertreiben sich die Langeweile abwechselnd damit, von den alten Zeiten zu schwärmen und sich gegenseitig zu denunzieren. Auch sie juckt gelegentlich die Beraterei, aber da sie die Epochen im Flug überblicken, genügt es, ihre guten Ratschläge mit Verwunderung und einem warmen Gefühl unirdischer Beglückung zur Kenntnis zu nehmen.

BERECHENBARKEIT

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Sollten wir irgendwann – es kann ja nicht ausgeschlossen werden, dass einmal dergleichen geschieht –, sollten wir irgendwann in die Lage kommen, selbst zu entscheiden, worauf es mit uns hinauswill, so wäre es vielleicht nicht so prickelnd, auf die bewährten Standards zu setzen. Aber es hätte den Vorteil zu wissen, woran der Andere mit uns ist – vor allem im Ernstfall. Nein, schlecht wäre es nicht, als berechenbar zu gelten, es am Ende sogar zu sein. Berechenbarkeit und Verlässlichkeit sind bekanntlich fast dasselbe, vor allem dann, wenn jemand selbst sich für berechenbar hält.
– Wie, das wäre unmöglich? Das kommt alle Tage vor, daran ist nichts unmöglich.
Der Berechenbare, sagen Sie, ist leicht auszurechnen. Gewiss, darum geht es ja. Jedes Kind soll wissen, woran es mit ihm ist – so denkt der Berechenbare. Die Welt besteht nicht aus Kindern? Das stimmt – zwar nur in Maßen, aber es stimmt. Erwachsen ist, wer es gefährlich findet, wie ein Kind zu denken? Sagen wir: blind zu vertrauen, ohne Hintergedanken? Das mag sein, darüber könnte man nachdenken... Der verlässliche Mensch will, dass man ihm vertraut: so etwas erzeugt Misstrauen. Wer Vertrauen erzeugt, erntet Misstrauen? Traurig, aber wahr. Vertrauen will gewonnen, nicht erzeugt werden. Wie also gewinnt man Vertrauen? Durch Berechenbarkeit? Zugegeben, das ist schwieriger, als man denkt. Genau betrachtet, schließt eines das andere aus. Der da will als berechenbar erscheinen? Verdächtig, höchst verdächtig. Er hält sich selbst für berechenbar? Seltsam: leidet er unter Realitätsverlust? Gefährlich, höchst gefährlich. Gegenprobe: Jemand hält sich für unberechenbar. Er will unberechenbar wirken, er will unberechenbar sein: nichts leichter auszurechnen als das. Unberechenbar sind wir alle in unseren Hintergedanken. Nun, wer sich auskennt, der kennt sie alle.

BESCHISS

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»Beschissen seid ihr!« Wer so redet, hat nicht alle Tassen im Schrank oder er sieht etwas, das außer ihm niemand sieht (oder auszusprechen wagt). In der Regel ist bereits der Versuch, es auszusprechen, sanktioniert, so dass jede Anspielung sich von selbst verbietet. Dieses Selbstverbot weist Gesellschaft als solche aus: Gesellschaft ist, was beim Einzelnen Selbstverbote auszulösen vermag. Er mag dann auch nicht mehr hinsehen. Das Sehen gleitet über das verbotene Objekt hinweg, als existiere es gar nicht, der Anreiz, es zu bemerken, fehlt und also bleibt es unbemerkt. Man nennt dergleichen ›Tabu‹. Aber Tabus existieren selbst dort, wo das Selbst nichts weiter ist als ein kümmerliches Anhängsel von Stammesverhältnissen und keine weitergehenden Ansprüche stellt. Der Mechanismus, von dem hier die Rede ist, erscheint in reifen Verhältnissen – dort, wo das Selbst es zu einer gewissen Beständigkeit gebracht hat, mit einem eigenen Kopf sowie der Bereitschaft, ihn zur Geltung zu bringen. Ein solches Individuum kann prinzipiell jederzeit zur BSI-Formel greifen, stellt daher eine ständige Gefahr für den sozialen Körper dar. Der vollendete Doppelsinn der Vokabel ›Beschiss‹ zeigt den Übergang des Sozialen zum Körperschaftlichen an, zum Verbund. Nur wer sich körperschaftlich verbunden weiß, kennt den kollektiven Schmerz, der aus dem Gefühl des Erkanntseins fließt, und schaltet auf Abwehr um. Merke: beschissen werden kann jeder. Sich stellvertretend für alle der Einsicht in den Beschiss zu verweigern gelingt nur, wenn aus den Tiefen der Gesellschaft etwas heraufdrängt, was sich als ›Denken in Körpern‹ umschreiben ließe, so wie es ein Denken in Zahlen oder in Stellungen gibt, die eingenommen und behauptet werden wollen – zu gegebener Zeit, am gegebenen Ort.

BESCHREIBUNG

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Man bekommt es in Europa schnell mit Leuten zu tun, die denken können, so weit ihre Englischkenntnisse es ihnen erlauben, das heißt, nicht sehr weit. Diese Leute sind überall zu finden, wo man auf die eine oder andere Weise über die Realitäten des Kontinents verfügt. Da sie nicht wirklich verstehen, was sie tun – oder, sofern eine Ahnung davon in ihren Köpfen spukt, diese nicht ausdrücken können und daher lieber heimlich entsorgen –, geschieht, was geschieht, hinter ihrem Rücken, zwischen zwei Entscheidungsgängen. Man sollte nicht glauben, sie hätten die Verhältnisse, die sie produzieren, im Griff. Das Im-Griff-Haben ist ihre schwächste Stelle – wer immerfort neue Beschreibungen ordern muss, um den Griff nicht zu lockern, bleibt irgendwann auf ihnen sitzen. Auch das Unverkäufliche hat seinen Preis; es strapaziert die Nerven der Anbieter. Da haben sie die Realität, die sie meinen.

BESTIMMUNG

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Das ist ein großes Wort und Grabbeau bediente sich seiner oft unter Tränen. Im Wilhelm Meister hat Goethe diesen Begriff mit tiefen Worten gedeutet. »Sie ist es«, lässt er Wilhelm am Bett des Flötenspielers gestehen, »die uns einfängt wie ein Netz, uns niederwirft und aufrichtet, sodass unser Brot, in Tränen genossen, nach den Feldern und Bergadern jenes anderen zweiten Mondes schmeckt, von dem das wahre Getreide der Kunst oft so unheilvoll auf uns niederrieselt. Wohl dem, der eine Mühle hat, es süßer zu mahlen.« Auch kennt die wahre Bestimmung keinerlei Grenzen. Jemand ward früh verworfen und später mit Hilfe Grabbeaus erhoben, ein anderer stieg mit jämmerlichen Kunststücken auf, aber Grabbeau warf ihn nieder und so ward sein Name für immer getilgt.
In Marbach zeigt man, wenn auch nur ungern, die oft sehr zahlreichen und über Nacht völlig verdörrten Zeitungsartikel der ›Frankfurter allzu kleinen‹, die niemand mehr lesen will. »Aus«, sagt der berühmte Schneider der Hölle, der Infant mit dem Ziegenbart, und zeigt seine gelben Zähne. Wir müssen ihn nicht beschreiben, wir kennen ihn alle, auch er hat seine Bestimmung im unteren Grenzenlosen. - PM

BETRACHTUNG

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Siehe –: die Lilien auf dem Felde haben Anzeige erstattet und bewegen sich in großer gedanklicher Schnelligkeit auf den Betrachter zu. Ich finde sie aggressiv heute morgen, obwohl ich zugeben muss, dass etwas herausspringen sollte, so wie sie sich hergeben. Ich bin keine Lilie, ich weiß nicht, wie man sich fühlt, wenn man wie sie in der Betrachtung lebt – so versunken in sie, dass der Boden, in dem sie stehen, nicht weiter in Betracht kommt, es sei denn, sie laufen Gefahr zu vertrocknen. Da springen die Helfer herbei, hurtige Burschen, denen kein Weg zu weit und keine Bürde zu schwer ist. Ein Leben in der Betrachtung, genauer (was beinahe auf dasselbe hinausläuft): im Betrachtetwerden, fördert zweifellos den Verdacht, die andere, abgedunkelte Seite führe etwas im Schilde. Was ja auch stimmt. Wer im Blickpunkt steht, steht auf Nägeln, und man weiß nie, wohin die Spitze weist.

BETRIEBSAUSFLUG

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Das Wirksamste am Betrieb ist die vollkommene gedankliche Leere, in der er sich vollzieht. Das heißt nicht, dass in ihm nicht gedacht würde. Im Gegenteil, nirgendwo wird vielleicht so viel gedacht wie im Gewimmel der Termine und Interessen. Das betriebliche Denken vollzieht sich im Modus des Im-Bilde-Seins, und es wäre doch erstaunlich, den Engel die Jungfrau fragen zu hören, in welchem Bild er sich jetzt eigentlich befinde und ob sie ihm aus dem Rahmen hülfe, damit er sich ein Bild machen könne. Nein, er beugt das Knie und überbringt seine Botschaft, Tag für Tag, Nacht für Nacht, er denkt nicht daran, davon abzulassen, sein Blick glitte an jedem ab, der ihn zu ein wenig Reflexion anhalten wollte. Man nennt das die Macht der Rituale, aber da täuscht man sich. Das ist kein Ritual, nichts, was sich wiederholte, das geschieht, einmal und unwiederholbar, aber – und das ist das Unfassliche – ununterbrochen, ohne Unterlass, bis in alle Ewigkeit. Es ist mit dieser Ewigkeit nicht weit her, wie man sagt, sie liegt gleich um die Ecke, man biegt einmal ab und ist schon angekommen für immer. »Das weiß doch jeder«, sagt G., »aber was das Schönste ist, sie werden unruhig, wenn sie die Ecke nicht gleich finden, sie werfen ihre Hände und Füße und finden es unerhört, so dass man nicht unterscheiden kann, ob sie nun hinein wollen oder sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben.« »Weder – noch«, meint A., dem die Pfeife nie ausgeht. »Sie glauben, sie müssten sich sträuben, aber es reißt sie dahin, sie finden die Schwelle, wenn sie zu stolpern meinen und richten sich als andere auf wie in einem Bild von Max Ernst: auf einmal tragen sie Vogelfedern im Gesicht und sprechen die Sprache ihrer Hundsnatur.« »Das ginge noch an«, sagt G., »könnten sie auch schweigen. Aber wer ihnen zuhört und die Melodie der Leere vernimmt, ist gebannt für immer. Er müsste sich freikaufen, doch da wäre eine Schwierigkeit: solche Summen kommen selten in einer Hand zusammen.«

BEVÖLKERUNGSWACHSTUM

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Erste Regel für Politiker: Nie die Wahrheit sagen.
Zweite Regel: Die Wahrheit, falls nötig, sagen, aber im Folgesatz wieder verschleiern.
Dritte Regel: Der Wahrheit alle Fetzen vom Leib reißen und auf den Publikumsreflex vertrauen, der diesen Anblick, als unerträglich, dem Auge aller zuverlässig entrückt.
Wer diese drei Regeln verstanden hat, sollte keinerlei Mühe haben, dem öffentlichen Diskurs zu folgen, der sich mit bestimmten planetarischen Wirkungen befasst, aber jede Erwähnung ihrer Ursachen mit der Bemerkung Darum geht’s nicht einkassiert. Zum Beispiel zählen sowohl das ungleich verteilte Bevölkerungswachstum auf dem Planeten als auch das Bedürfnis der Menschen nach Wohlstand oder zumindest nach einer gewissen Grundsicherung zu den treibenden Faktoren der Weltwirtschaft. Erklärt man das ›unkontrollierte‹ Wachstum der Weltwirtschaft zur Ursache gewisser Umweltmiseren, ohne die Gründe der Begehrlichkeit dabei zu erwähnen, so ist klar, dass die Wirtschaft, die noch keiner gesehen hat, zum Feind der Menschheit mutiert, welche bekanntlich keinen anderen Wunsch hat, als sich im Stande der Unschuld mit der Natur zu vermählen. Ein solcher Feind muss bekämpft und auf Kurs gebracht werden, damit wir nicht alle untergehen. Am besten bekämpft man ihn durch neue, noch unbelastete Formen des Konsums, also dadurch, dass man gezielt neue Begehrlichkeiten, zum Beispiel mit einem schicken Ökologie-Index versehene, in der Bevölkerung weckt. Die einen Länder haben die Kinder, die anderen den ökonomischen Erfolg. Das ist so und daran arbeiten wir. Daher sind letztere des Teufels, während auf ersteren der Glanz einer Zukunft liegt, die wir ihnen schulden. Wer weitere Fragen hat, möge sich melden. Antworten gibt es gratis, doch nur freitags und sonntags.

BEWEIS

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Dieser Beweis ist das Papier nicht wert, auf das er notiert wurde, jener ist so kostbar, dass ihm alle Papierbestände der Welt geopfert werden könnten, ohne dass jemandem Einbuße widerführe ‒ Beweise, Beweise, nichts als Beweise... Was sonst? Das Schöne an allen Beweisen ist, dass sie etwas vorausssetzen, selbst das Voraussetzen ist vor ihren Nachstellungen nicht sicher und lässt sich voraussetzen, als habe es hinten herum nicht genug zu tun. Der Beweis ist das Salz der Erde, der Mensch wäre ein Nichts ohne einen Beweis, dass es ihn gibt, und nichts hinderte ihn daran, die fälligen Konsequenzen zu ziehen. Einen Beweis ohne Konsequenzen gibt es nicht, kann es nicht geben, Konsequenzen sind indirekte Beweise, so wie es indirekte Fortschritte gibt, die nichts bedeuten dürfen, während sich alle Welt an ihnen bedient. Ja, man kann sagen, an diesen Fortschritten, die keine sind, die den Fortschritt ausschließen, sofern man ihnen glaubt, hängt die Welt, zumindest ihr Schicksal, wenn nicht mehr. Ein Fortschritt, der keiner sein darf, der nach nichts schmeckt, aber das große Fressen verhindert, zumindest hinausschiebt, lässt den Beweis, dass es so nicht weiter geht, alt aussehen. Zu Recht, denn auch er nimmt am Alterungsprozess der Welt teil, ein sich selbst verzehrender Terminkalender, stets aufs Neue zusammengestellt, denn Büros sind erfinderisch und schrecken vor keiner Planung zurück.

BEWUSSTSEINS-WELTEN

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Wie wenig die öffentlichen Verteidiger der Vernunft gewillt sind, die Büchse der Pandora zu öffnen, für die sie geräuschvoll eine Lanze brechen oder auch zwei, erweist sich am Schicksal von Büchern, die nicht bloß vor Vernunft strotzen, sondern sich den Grundlagen aller Vernünftigkeit widmen, dem Denken in seinen Möglichkeiten und Gliederungen, seinen Funktionen und Wirkmechanismen, seinen Fähigkeiten und Modi der Weltverhaftung. Diese – wenigen – Werke liegen wie Blei in den Regalen, die Bibliothekarin blickt auf das Anschaffungsdatum und bläst besorgt den Staub von den Kanten. Ein schönes Buch, warum wird es nicht angenommen? Es liegt ein bisschen still da, es ist vielleicht schon ein wenig dick für sein Alter, aber sind das Gründe? Das Denken denken – vor dieser Parole laufen alle davon und halten sich noch auf sichere Distanz die Ohren zu. Was nicht schlecht ist, weil sich so manches Geschrei erübrigt.

BILANZHOHEIT

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Warum wohl steigert sich so oft die kritische Nachlese zum Berufsleben, die Bilanzierung von Licht- und Schattenseiten einer gelernten Praxis, zum Rausch des Verwerfens? Die einen, wollte man sie befragen, würden angeben, sie hätten schon immer so gedacht, aber aus pragmatischen Gründen geschwiegen, die anderen, das hätten sie in jüngeren Jahren so nicht gesehen, erst die Distanz des fortgeschrittenen Alters habe ihnen die Binde gelöst: zwei Altersattitüden, die einander an zweckhafter Verblendung nicht nachstehen. Wahrscheinlich war es gerade umgekehrt und denjenigen, die behaupten, sie hätten nie anders gedacht, wäre vorher nie in den Sinn gekommen, was ihnen jetzt so geläufig von der Zunge geht. Wäre es anders, so wären ihnen die schleichenden Veränderungen im Denken, seine Um- und Neudispositionen, die meist nur Ausdruck veränderter Lebensumstände sind, nicht heute noch ein fremdes Terrain, das sie nur mit Widerwillen und der Bereitschaft, sich davon auszunehmen, betreten. Gern möchte man jenen Alterserleuchteten entgegenhalten, dass die großen Umschwünge in den Denkweisen der Menschen, von einer externen Warte aus betrachtet, bloß Akzentverschiebungen sind – die große Masse des Gedachten bleibt davon unberührt oder schmiegt sich willig den neuen Deutungsverhältnissen an. Worin bestehen die neuen Verhältnisse? Der Pensionär ist in die Wüste gegangen, teils aus eigenem Antrieb, teils ungewollt. Wie Jesus kehrt er nach einem Jahr zurück. Er ist sehend geworden oder geheilt und bereit, Wunder zu wirken, um seiner neuen Lehre Nachdruck zu verleihen. Wer dann sein Buch mitbringt, der hatte noch etwas nachzutragen oder er war allzu begierig, die Fesseln des Gewohnten abzuwerfen – beides im Grunde unproduktive Attitüden, die durch starke Effekte aufgehübscht werden müssen. Die Weisheit des Alters, sollte sie jemals kommen, hätte reifen sollen. Die Angst des alten Eisens vor dem Durchrosten wirkt da wie ein verlässliches Präservativ.

BILDERBERG

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Auf einem Berg aus Bildern sitzen die Reichen und Mächtigen dieser Welt und spielen Karten. Warum sie das tun, bleibt unklar, klar ist nur, dass sie alle dabei gewinnen. Alle? Alle. Allmächtiges Kartenspiel, das du denen, die dich zu spielen niemals innehalten, alles zuschiebst, was sie begehren, ist das gerecht? Andererseits: was begehren sie denn? Nichts kannst du ihnen geben, was sie nicht bereits hätten, außer dem ewigen Weiter!, das sie vorwärts treibt. Ihr Treiben also ist es, was du ihnen gibst. Dafür der Aufwand, wer hätte das gedacht. Vielleicht hält sich ja auch der Aufwand in Grenzen. All die zerbrochenen Bilder, wer sonst höbe sie auf? So dienen sie, auf einen Haufen geworfen, noch einem guten Zweck.

BILDERHANDLUNG

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Dass Bilder eine Geschichte erzählen, ist ein frommer Wunsch, der viel damit zu tun hat, dass sie so müßig herumhängen. Nicht anders der Film: die bloße Abfolge von Bildern erzeugt keine Handlung. Dennoch redet man von der Handlung eines Films, als sei gerade sie das Reale daran. Jeder ist eingeladen, sich eine zu denken und folgt spontan. Diese Folgsamkeit, die beim Kinogänger größer ist als beim Bildbetrachter, erschreckt, sie zeugt von einem Mangel an Phantasie oder ihrer willkürlichen Beschneidung. Dabei gibt es Unterschiede. Das Bild zeigt eine Handlung, der Film hat eine Handlung. Über den Unterschied lohnt es sich nachzudenken. Schließlich hat der Film seine Handlung nicht verschluckt, so dass sie jetzt in ihm steckt und herausgezogen werden kann wie ein Knochen oder ein Tennisball, er hat sie auch nicht zur Hand, eine solche Vorstellung wäre ganz widersinnig, man sagt, er besitzt sie. Das lässt aufhorchen: der Film als Handlungsbesitzer erinnert an einen Kioskbesitzer oder den Besitzer eines Juweliergeschäftes, in dem die Auslagen diskret andeuten, was es alles zu kaufen gibt. Der Film verkauft eine Handlung, dafür ist er gedacht, es ist seine Aufgabe. Zusammen mit dieser Handlung verkauft er noch andere Dinge: den Geschmack an bestimmten Landschaften oder Stadtvierteln, an teuren Autos, an ausgefallenen Klamotten, an Gesten und Blicken, am Typus der Schauspielerin oder des Schauspielers und natürlich das ›Image‹ genannte Bild dieser Person, das kein Bild ist, sondern ein Phantasma, mit dessen Hilfe die Kundschaft zur Selbstbefriedigung schreitet. Dies alles hängt an der Handlung, die er verkauft. Sie muss gut sein, damit der Film glaubwürdig wirkt und die restlichen Verkäufe nicht ins Stocken geraten. Gut ist eine Handlung dann, wenn man zu wissen glaubt, was der Regisseur sich bei seinem Streifen gedacht hat. Wem das zu schwer ist, der hält sich an die Schauspieler: wenn sie überzeugen, dann muss auch am Ganzen etwas dran sein. Dieser Schluss vom Teil aufs Ganze, von der darstellenden Person auf den Sinn eines Ablaufs, ist widersinnig. Aber das stört nicht – es hebt die Stimmung. Ein guter Film liegt leicht auf, er verfliegt. Er ist schon verflogen, nur die Schauspielerin war süß, sie würde man gern kaufen, aber man muss warten, bis ihr nächster Film kommt.

BILDUNGSAUFGABE

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Gegen eine journalistische Ungeheuerlichkeit stehen hundert andere, aus allen erdenklichen Lagern. Das gehört zum Journalismus dazu, es ist sein Markenzeichen oder wäre es, wenn die von ihm Porträtierten keine Ungeheuer wären. So finden die Ungeheuer sich gut getroffen, nur ihre gegenwärtige Rolle scheint ihnen ein wenig verzeichnet. Der Journalismus weiß also Bescheid, wenn er lügt, fälscht, unterdrückt. Die Leute nehmen ihm dieses Bescheidwissen ab, ansonsten fühlen sie sich allein gelassen. Sie kaufen alles, heißt das, aber sie glauben nicht, dass sie davon etwas haben. Eine gesunde Internet-Recherche befördert die gegenteilige Einstellung: die Leute denken, etwas dabei zu erfahren, für das sie um nichts in der Welt etwas geben würden. An dieser Stelle entdeckt sich der Internet-Journalismus als unendliche Bildungsaufgabe: dem Volk einzureden, es müsse für etwas bezahlen, was es umsonst gibt, weil es sonst nichts wert sei – das scheint nicht unmöglich, es scheint durchaus vorstellbar, aber eben nur als Aufgabe, vielleicht sogar als Selbst-Aufgabe. Man wird sehen.

BILLIGKEIT

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Nicht jede Demonstration beweist Stärke, manche bringt den Gegner gleich mit, der sie niederschreit. Ein kluger Schachzug, der beweist, dass es ums Ganze geht, mit all seinen Antagonismen und Widersprüchen. Der Schreier weiß, dass der Niederschreier sein Werk vollendet, der Niederschreier, dass der Sieg sein ist, solange er nur, organgestärkt, den Platz behauptet. Und das ist bloß die geringste aller Behauptungen: Jeder Schuss ein Russ’. Die guten Bürger, weit davon entfernt, sich wegen Ruhestörung zu beschweren, blasen die Backen auf und knallen munter mit, manche werden darüber so rot wie seit Jahren nicht mehr, aber nicht vor Scham, sondern aus Druck. Ein guter Bürger empört sich nur gegen sich selbst, aber auf Zuruf. Kaum fühlt er, dass sich der Antityp in ihm regt, geht er gegen sich auf die Barrikade und sagt, was Sache ist. Maßlos ärgert ihn das lose Mundwerk der anderen, zerschossen, wie es ist, lässt es Laute frei, die allerdings besser in der Brust des Einzelnen verborgen geblieben wären, vielleicht auch in anderen Körperteilen, wer weiß. Der Mensch ist des Menschen nicht wert, das macht, er ist sein eigener Gegen-Wert, auf der Waage der Billigkeit tendieren alle gen Null.

BINKAPUT

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Binkaput, eine Meisterin ihres Fachs, zögerte nie lange, wenn es galt, sich eines Gegners hinterrücks zu entledigen. »Warum von vorn?«, pflegte sie zu fragen, »was soll das bringen?« Außer Scherereien natürlich, aber die wurden ausgeblendet, sobald sie ihre großen stahlblauen Augen in die ihres gewöhnlichen Gegenübers versenkte. Binkaput und ihr gewöhnliches Gegenüber, ein unzertrennliches Paar, gondelten durch die USA ihrer Jahre, stets einen joke im Gepäck, als bereisten sie die Galaxis: auf exakt vorausberechneter Bahn, mit majestätisch gehisstem Sonnensegel, von einer Massenansammlung zur nächsten sich schwingend, deren jede ausgereicht hätte, sie spurlos zu verschlucken, Kälte verströmend und Kälte empfangend – frenetische Kälte, die ein Beobachter leicht für Hitze hätte halten können, doch Naturwissenschaftler sind schwer zu täuschen. Das Ziel ihrer Reise: ein weißer Zwerg, kaum zu entdecken im Sternengewirr der Milchstraße. Ein Zwerg, ganz recht, manche nennen ihn ausgebrannt, aber welche Anziehungskraft! Einer für alle! Wer ihn einmal entdeckt hat, kommt von ihm nicht mehr los. Mag ruhig hier ein Bein, dort ein Arm verlorengehen in den Weiten des sogenannten Alls, why not? Ah, mein Gebiss – ich hätte es brauchen können, kein Zweifel, da braust es hin, möge es in Jahrmillionen einer ins Maul fliegen, der es steht, wem fehlt schon ein Gebiss? Aufgeben einer solchen Lappalie wegen? Nie und nimmer. Niemals und nirgends.

BIODEUTSCHE

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Nein, er ist nicht lustig, der Ausdruck ›Biodeutsche‹, er ist faschistisch, ohne Abstriche, ohne Wenn und Aber. Hervorgekrochen aus Regionen der Gesellschaft, in denen gestänkert werden darf, weil der Gestank aus den Poren des vorbereiteten Bewusstseins quillt, hat es der Vorsitzende einer etablierten Partei sich nicht nehmen lassen, ihn in die feine Welt der ›wertebezogenen Auseinandersetzung‹ und des medialen Gerangels um die beste Lösung des Zukunftsproblems emporzuheben – zum stillen Vergnügen mancher Gesinnungsfreunde, deren Hauptaugenmerk auf einer gesunden Gülle liegt, zur lauteren Freude von Zwangsneurotikern, die, weil es zur Selbstscham nicht reicht, sich ihrer Mitmenschen schämen und dafür nach dem ideologisch korrekten Ausdruck fingern, zur heimlichen Befriedigung quergestrickter Bevölkerungsplaner, die mit dem Gedanken an künftige Reservate hausieren gehen (»Rosenheim Ost«, »Uckermark«, »Prenzlauer Berg«) und gern schon einmal die Eintrittkarten drucken, zum Was-auch-immer von Masochisten, die blinzelnd ihre waidwunde Seele nach außen kehren und dafür Beifall von der falschen Seite einfordern. Er ist nicht lustig, weil er das Fortleben giftiger Distinktionen in den Köpfen ihrer angeblichen Überwinder bezeugt: Es darf, vorerst verbal, gefoltert werden. Er ist nicht lustig, weil im Hintergrund ein Modell der ›Landnahme‹ aufscheint, dessen Vorhandensein anzudeuten unmittelbar in die glitschigen Gefilde der politischen Inkorrektheit und des ›Hate Speech‹ führt. Zu Recht! In einem von allen Landesbewohnern gewollten demokratischen Gemeinwesen darf und kann es dergleichen nicht geben. Darf und kann…? Parallelgesellschaften mit der Tendenz sich auszubreiten und zu konsolidieren, Inseln patriotischer, rechtlicher, kultureller Inaffiziertheit und herkunftsstolzer Separation, von ideologisierten Sprücheklopfern bewirtschaftet, die auf den ›biologischen Gang der Dinge‹ setzen, sind weder harmlos noch lustig noch ›kulturell bereichernd‹, wie manche zu glauben wünschen, sondern, ganz recht, Zeugnisse gelingender Desintegration.

BIOGRAPHIE

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Dass etwas von A bis Z erlogen sein könne, ist ein Philologentraum. ›Alles Lüge‹ steht über den eifrig geschriebenen Biographien der Künstler, der Autoren, der Menschen von außergewöhnlicher Kompetenz. Glaubt ihnen kein Wort, denn den bedeutenden Menschen gibt es nicht. Kennen Sie das Wort ›Litanei‹? Ein bisschen? Das reicht nicht. Die Herstellung der Lügen erfordert eine eherne Stirn und das Absingen immer derselben Strophen aus einem Buch. Und das ist wahr. Über das Wunder der inversen Wahrheit wurde viel geschrieben, überwiegend von Menschen, deren Biographien selbstredend aus lauter Lügen bestehen, weil niemand die Wahrheit kennt. Biographien sind Würfe. Ob sie ins Ziel gelangen, hängt von der Art und Beschaffenheit des Ziels ab wie von der Art des Wurfs, der bei Linkshändern anders aussieht als bei einem Neurodermitiker, der trotz eifrigen Forschens nicht weiß, was ihn reizt. So wird ein Leben emporgeschleudert und ein anderes in den Abgrund versenkt, beides sinnlos. Dazwischen bewegen sich die Schlaumeier mit der Unbefangenheit von Kröten oder Eidechsen: ein kleines Vergehen, eine kleine Entlarvung, eine kleine Verächtlichmachung, eine Andeutung, jemanden wie dich und mich vor sich zu haben, berechtigt bereits zu den unsinnigsten Zuschreibungen. Jeder, der sich im Leben halbwegs kundig gemacht hat, ist ein Kompendium seines Jahrhunderts. Darin liegt nichts Besonderes. Fragt sich, wie beschlagen der Biograph ist und woran ihm liegt. Entsprechendes gilt für die Tat, die ihre Bedeutung aus flüchtigen Konstellationen empfängt und deshalb mit der Zeit sinnlos erscheinen muss. Der Biograph, der sie aus der Sinnlosigkeit erlöst, ist immer ein Heiland. Oder ein Nussknacker. Die kleinen knackt er, die großen lässt er unter dem Vorwand liegen, sie bestünden aus lauter Missverständnissen. Wir wissen noch nicht, wie wir verstehen sollen, was damals geschah. Es ist mir eine Ehre, jedem künftigen Verständnis vorgearbeitet zu haben, das als solches wird auftreten können. Amen.

BLÄTTERFALL

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Glücklich die Zeiten, in denen das Wort ›Weltblatt‹ ohne ein Grinsen passieren konnte. Heute versteht es vermutlich ohnehin keiner mehr. Die Blätter, wie wir sie kannten, sie existieren nicht mehr. Sicher, sie existieren noch, aber man muss, um sie zu entdecken, den verzweifelten Blick von den Kronen lösen und den mürben Haufen braunen Materials zu seinen Füßen zuwenden. Doch, da liegen sie: das einst stolze konservative Vorblatt, jetzt Vorreiter in puncto Lächerlichkeit, das liberale Wochenblatt, jetzt der Abscheu der Welt, stets bereit, Halali zu blasen… Ja, sie blasen und prusten, sie pusten, zwitschern und pfeifen und sind doch nur Abfälle einer langen Saison. Genau genommen ist es der Herbstwind, der sich in ihrem Getue regt, sieht man vom Rascheln ab, das entsteht, wenn ein einsamer Fuß sie durchquert. Am schlimmsten hat es die hyperkritischen Blätter von einst erwischt, sie treiben ziellos dahin, als schlügen sie Purzelbäume für Kinderherzen. Aber auch die Kinder haben jetzt andere Pläne.

BLEIGESTALT

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Die Literatur, wie wir sie kannten, hat eine Bleigestalt, sie ist schwer, sie zieht nach unten, es braucht Ablagen, um sie festzuhalten. Irgendwann verwechselt man sie mit den Ablagen, das viele Blei scheint angewachsen, es wächst die Lust, sie sich selbst zu überlassen und zuzusehen, wie die Natur sie zurückholt. Die Literatur, wie sie heute entsteht, hat kein Gewicht, sie ist federleicht und jeder versteht sie – vielleicht nicht jeden Buchstaben, aber den Geist, der aus ihr spricht, auch wenn das Wort ›Geist‹ zu denen gehört, die auf der Ablage vermodern. Man liest, um zu verstehen, das ist richtig, das Wort Blei gemahnt an den Berg aus unverstandenem Zeug, auf dem man, recht bedacht, steht, auch wenn er längst abgesackt ist und eher einer Kuhle gleicht, in der das Regenwasser sich sammelt. Nie wieder Blei! ›Wir verstehen uns‹, das ist der Satz, der das Zeug hat, verstanden zu werden, er enthält alles, was von der Buchform übrigblieb, er ist das Buch. Oder doch Blei? Es bleibt schwer, ein Buch zu lesen, es ist eine Kulturleistung, für die nur belohnt wird, wer bei der Stange bleibt. Nicht aufhören! – so klingt der leise Sermon des Buches, wenn der ermüdete Arm es sinken lässt und die Sinnfrage weicht. Nicht aufhören! – so klingt es zwischen den Seiten, wenn der Leser, erschöpft ob all des Überflüssigen, das er in sich hineinschaufelt, die Notbremse fixiert. Dies hier ist Überfluss und Überfluss ist Kultur. »Soviel Kultur«, denkt der Leser, »ist das nicht anstrengend?« Kultur ist anstrengend, zwitschert das Buch, zwischen den Seiten ruht das Vergessen. »Kultur ist anstrengend, weil man vergisst?« denkt sich der Leser, »ich hätte gedacht, Denken strengt an, damit das Gedachte nicht mehr weggeht.« Dummkopf, flüstert das Buch, wer redet vom Denken? Literatur denkt nicht, sie regt das Denken an. Welches Denken kann das sein? Denk nach! »Aber wenn ich nachdenke, muss ich mich konzentrieren. Wenn ich lese, konzentriere ich mich, wie du sagst, auf nichts. Was soll denn dabei herauskommen?« Das kann ich dir sagen, schwatzt das plötzlich vertraulich gewordene Buch. Wenn du denkst, du liest, liest du dann nicht? Wenn du aber liest und denkst, dass du denkst, denkst du automatisch, dieser Bleiberg, auf dem du stehst, befinde sich in dir selbst, in deinen Eingeweiden, in deinen Muskeln, in deinen – achte auf meine Worte! – Gedanken. Wenn die Literatur eine Frage ist, dann bist du die Antwort. Wenn du die Frage bist, ändert sich daran nichts. Du bist also die Frage und die Antwort, doch nur, solange du liest. Noch Fragen?

BLINDGÄNGER

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Die Waffe der Unaufrichtigen ist die Unaufrichtigkeit. Das ist allgemein bekannt. Weniger bekannt sind die Gründe der Unaufrichtigkeit (das liegt in ihrer Natur) – eine missliche Situation, vor allem, wenn es sich um Unaufrichtigkeit, begangen im öffentlichen Interesse, handelt wie zum Beispiel das Beschweigen und Beschönigen bestimmter Aspekte der Verbrechensstatistik, wobei mit den betroffenen Tatbeständen auch, bedingt durch den Wandel des Zeitgeistes, die Gründe wechseln können – können, denn, wie gesagt, Genaues erfährt man nicht, wenn es sich nicht gerade um Schreibregeln für Journalisten handelt, die dann und wann an die Allgemeinheit durchsickern. Solche Regeln werden gern ›ethisch‹ genannt, nicht ganz zu Unrecht, da sie Verhaltensweisen vorschreiben und dafür Grundsätze anführen, die auf der Sonnenseite der allgemeinen Überzeugungen zu Hause sind. So den der Nichtdiskriminierung: wer nicht diskriminiert, also nicht unterscheidet, der bezichtigt auch nichts und niemanden, der hält sich heraus.
Die Frage wäre also stets, wer sich wo heraushält, mit welchen Folgen, bedachten und unbedachten, gerechtfertigten und ungerechtfertigten, und welcher Regel er dabei folgt. Wenn bei einer Gerichtsverhandlung herauskommt, der wegen Mordes und Vergewaltigung Angeklagte habe eine Schreinerlehre absolviert oder arbeite bei einem bekannten Bankhaus, dann geht das in Ordnung und niemand, der bei Verstand ist, wird daraus Vorwürfe gegen den Schreinerberuf oder besagtes Bankhaus ableiten. Diese Regel ist außer Kraft gesetzt, sobald sensible Bereiche der aktuellen Opfermythologie gestreift werden, wenn also der Täter einem bestimmten – unaussprechlichen – Personenkreis angehört, wenn seine Gruppe, mit einem Wort, der unterstellten Verletzlichkeit wegen privilegiert wird. Also versucht, wer kann, zu verhindern, dass eine entsprechende Linie gezogen wird, und der ethische Kodex bietet eine ausgezeichnete Handhabe dazu. Am Ende liegt auf der Welt ein Tabu, das nur zu berichten erlaubt, irgendjemand habe irgendein Unrecht an irgendjemandem verübt, denn das Opfer oder seine Verwandten und Erben könnten ebenfalls Verschwiegenheitspflichten anmahnen und verstehen sich oft genug dazu. Die Unterstellung in diesem Fall lautet, dass ›dort draußen‹ niemand bei Verstand ist und deshalb die einfachsten Zusammenhänge unerörtert bleiben müssen, um die Volkswut zu bändigen, selbst wenn die Erörterung im Interesse des Gemeinwohls zwingend geboten wäre.
Sinnigerweise nährt sich die Volkswut, wie jedermann wissen sollte, am besten an Kaum- und Halbwissen und an Gemunkel, womit sie im gegebenen Fall blendend bedient wird, während die genauestens Informierten, die es immer und überall gibt, sich ins Fäustchen lachen. Das Ergebnis der Operation besteht also darin, dass die Informierer sich selbst blenden, indem sie nicht mehr zu wissen wagen, was sie doch wissen können und wissen müssten – aus Angst, dem Feind in der eigenen Brust Vorschub zu leisten. Denn sie bewegen sich, wie sie glauben, in Feindesland, sozusagen von Berufs wegen und ohne die Möglichkeit eines Rückzugs. Die Unaufrichtigkeit ist ihnen zur ersten Natur geworden, sie sind sich keiner Machenschaften bewusst, sie attackieren diejenigen, die sie für uninformiert und ›schlimm‹ halten und die doch nur, von Unruhe für das Gemeinwesen gepackt, die Decke zu lüpfen versuchen, unter der die mit Fleiß zurückgehaltene Wahrheit lagert. Dafür sollen sie büßen.

BLOCH

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Es gibt Stunden, da holt der alte Schallmeier seinen Bloch heraus, putzt sich die Brillengläser und beginnt zu lesen. Drei Sätze nur und er ist wieder im Rhythmus, dem eckig, ruck-zuck und dabei so geschmeidig sich wälzenden Strom von Undurchdachtem, Verdautem, Unverdautem, Verschrobenem und Gestemmtem. Er liest nicht lange und er hält inne, die Erinnerungen haben ihn überwältigt, es glänzt die Backe und eine Träne läuft darüber hin, als wollte sie sagen: Was soll ich tun? – Und wirklich, was sollte sie tun? Eine Träne dem Universum, der brodelnden Materie, dem prometheischen Feuer und der Mission: Er war der letzte, der sie seinen Deutschen entlockte, der sie ihnen entrang oder entriss, ja, entriss, das wird es sein, denn eigentlich war, was da stand, komisch – es war schon immer komisch, nur heiter, das war es nie. Schrecklich dagegen der gütige Apologet des ›schon immer‹, der hinauswatete, wo dieser unterging. Dass der sozialistische Held eines Tages sogar den Tod besiegt, das Skandalon – diese Große Marotte des Denkers sagt viel, wenngleich nicht alles. Immerhin verdeckt sie den Käfig, in dem der Unsterbliche sitzt, abgewandt, bleich, mit erloschenen Augen angesichts all der Tode, die aufgewandt wurden, um ihn für eine Weltsekunde hervorzubringen – ein Untoter unter seinesgleichen, ein Toter unter Toten und Lebenden. Zwischen diesen da und das All passte nichts als eine Trompete.

BLÖDHALTUNG

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Wie blöd muss einer denn sein, um endlich auch für blöd gehalten zu werden? – Das ist eine Preisfrage. Wer die Antwort weiß, der heimst alle Preise ein, die das Leben zu bieten hat, jedenfalls dann, wenn er es geschickt anstellt und nicht zu blöd für den Erfolg ist wie alle die anderen. Die meisten Menschen sind zu blöd, um Erfolg zu haben. Daran erkennt der Gerechte, wie positiv diese Eigenschaft ist. Ohne sie wäre Gesellschaft ein einziges Hauen und Stechen und der Erfolg bliebe auf der Strecke. Medien zum Beispiel halten ihre Kundschaft notorisch für blöd, solange sie sich auf der Erfolgsspur wähnen, sie begreifen nicht, dass die Kundschaft sie nur ersatzweise frequentiert, solange die richtigen Informationen noch ausstehen, die richtigen Analysen, sogar die richtigen Ansichten, denn das öffentlich-rechtliche Kommentatorengeschwätz kann es nicht sein. Das heißt sich von Tag zu Tag informieren. Information entsteht aus Desinformation, wer halbwegs informiert ist, misstraut jeder Information. Mit wachsendem Misserfolg, das weiß jeder halbwegs kluge Kopf, greifen alle Medien unter sich, sie begnügen sich nicht länger damit, ihr Publikum für blöd zu verkaufen, sondern versuchen es zur Blödheit zu nötigen: ein Circulus vitiosus mit bekanntem Ausgang. Es geht ja mit, das werte Publikum, so wie ein Gesunder mit einem Kranken mitgeht, in der Hoffnung, es ginge dann besser, doch wenn alles nichts nützt und der nächste Termin drängt, lässt er los und schon bleibt der Kranke mit seinem Gebrechen allein zurück. Das mag bedauerlich sein, aber so grausam ist das Leben, jedenfalls von Zeit zu Zeit. Meine Zeitung zum Beispiel, wie hieß sie nicht gleich? Blödgehaltene aller Länder – nein, bitte, vereinigt euch nicht! Es wäre furchtbar.

BLONDE BESTIE

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Man muss den Leuten nur sagen, der und der ist ein großer Denker, dann klauben sie den größten Schwachsinn aus seinen Sprüchen heraus und merken ihn sich. Überzeugungstäter gehen dafür durch dick und dünn, Berufsdenker nerven ihre Mitmenschen generationenlang, vor allem vom Katheder herab. Das ist nicht zu verhindern, da die schwierigeren Gedanken den meisten Verehrern verschlossen bleiben und alle an Größe partizipieren wollen. Der wirksamste Denker ist daher der gemischte, einer, der sich nicht scheut, krasses Zeug zu notieren, weil das sichernde Denken ihn nicht auslastet und er den Erfolg sucht, schon um zu spüren, was Leben heißt. Die blonde Bestie war die Erfindung eines, der auszog, die Menschen das Fürchten zu lehren, allein mit der Botschaft ›Fürchtet euch nicht‹. Zu diesem Zweck musste sie ein wenig umgestaltet werden, sie musste invers wirken, dafür durfte sie gern pervers sein. Übrig blieb von seinen feuchten Träumen der blonde Engel, der durch die Welt der Kinematographen geisterte, bis ihn der Serienkrimi zum Geständnis zwang.

BLUMENBERG

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Wir fanden, das sei ein treffender Name, als wir daran gingen, das kopernikanische All neu zu justieren, und nach einem Ort suchten, an dem diese notwendige Operation mit Leichtigkeit vollzogen werden konnte. Der Ort selbst war rasch gefunden: ein sanfter Hügel in einem Gelände voller Bauschutt, durchzogen von gurgelnden Wasseradern. Hier aber fanden sich Krokusse und, Glück eines neuen Tags, wiegten sich Butterblumen im Wind. Auf diesem Hügel saßen und redeten wir viel mit uns selbst, wir redeten uns die Tage weg, als seien es Stunden. Jahre vergingen so wie nichts und Bücher entstanden, von denen wir vordem kaum etwas ahnten, dickleibige, wie es sich an einem solchen Ort gehört, wir aber ließen die Finger unserer Gedanken wie Elfen durchs Gras laufen und dünkten uns glücklich. Nur hier konnte es geschehen, dass einer, inmitten restrukturierter Trümmer, die Legitimität der Neuzeit fand, diesen ebenso bestechenden wie zeitlos gültigen Gedanken, in den sich alle eintragen können, die noch vor Ablauf ihrer Frist seufzen möchten: »Wir waren es auch.« Und das ist sogar legitim. Denn angenommen, es wäre anders, so bliebe doch der Verdacht, es könne alles mit rechten Dingen zugehen, die gezinkten Karten müssten so sein und es komme nach und nach auf den Tisch, was darunter verkauft wurde. Neuzeit ist immer, wie sollte gerade diese nicht legitim sein? Welche Wucht steckt hinter einem solchen Gedanken? Man denke hier an die stete Brise, das Säuseln der Gedanken im Denken selbst, aus dem sie selten, und nicht zu ihrem Vorteil, herausbrechen. Von diesem aber lernten wir viel.

BLUTZUCKER

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Zweierlei Ekel: der erste angesichts des besinnungs- und grenzenlosen Auskostens eines Weltzustandes, in dem den Deutschen der allgemeine Scham-Part zufällt. Der zweite davor, wie schamlos die Deutschen dieses Geschäft betreiben. Es scheint, sie betrachten es als ihr Glücks-Los. Das mag psychologisch und ›moralisch‹ richtig (und gut fürs Geschäft) sein. Aber: was für eine Moral ist das? Nirgends ist Scham gleich Moral. Allenfalls darf sie Handlangerdienste verrichten. Erst die gebändigte, die für die ›richtige Sache‹ mobilisierte (und kanalisierte) Scham wird moralisch – oder sollte es. Scham zeigt sich – als was? Erzwungene Scham wird Beschämung, Beschämung Gefolgschaft, Gefolgschaft jener bedenkenlose Fanatismus fürs Gute, der jeden Einwand beiseiteräumt und, sofern man ihm freie Bahn lässt, schon den Ansatz von Fairness mit eigentümlicher Wut verfolgt. Was also wäre eine zur öffentlichen Anstalt mutierte Scham? Vermutlich: archaische Un-Moral, als Sensibilität getarnt. Bei soviel (gedoppelter) Anfälligkeit fürs Gewesene blüht der Manichäismus der Gegenwart. Immer auf der richtigen Seite zu stehen, das kommt, aufs Ganze gesehen, teuer zu stehen, vor allem, wenn die moralischen und ökonomischen Ressourcen der richtigen Seite schwinden. Die Schlauen wissen es wohl und wechseln die Seiten wie öffentliche Verkehrsmittel – Hauptsache, die Selbstgerechtigkeit des in dritter Instanz Geläuterten kommt mit. Wo alle Volk sind, sind die Antideutschen die Erwählten. Zu was erwählt? Erwählt wofür? Vor allem: Erwählt wogegen? Erwählt von wem? Kinder, stellt Fragen. Schließlich seid ihr erwachsen. Auch das geht, wie vieles andere, vorbei.

BOCKSHORN

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Bockshörner gibt es in allen Größen und Preisklassen. Das, hier, so klein, so weich, so biegsam, noch kaum Horn zu nennen, für die lieben Kleinen: geht reißend weg, denn auch sie wollen schon verschaukelt werden, und nicht nur von den eigenen Eltern. Das dort ist ein edles, geradezu klassisches Stück. Man beachte die Krümmung. Damit lässt sich jemand in die Wüste schicken, der selbst sein Handwerk versteht, aber damit findet er seinen Meister. Es geht nichts über ein gutes Arbeitsgerät. Ein gutes Bockshorn verrät den Meister der Intrige. Oder soll ich sagen: die Meisterin? Es ist nicht alles Geschlecht, was sich unter einem Dach zusammendrängt, schon gar nicht unter dem eines Hohen Hauses. So ein Bockshorn… Wer weiß schon, was ein Bockshorn wiegt? Bockshornjäger oder -jagende, wie sie neuerdings nach offizieller Lesart heißen, bleiben deshalb meist unerkannt, weil ihr Opfer alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch gilt das bloß, wenn die Operation auch gelingt. Scheitert sie, möglichst sogar in Serie, so heißt es in der Politik dann gleich, klar doch, FDP. Als ob eine Partei ein Monopol auf Niedertracht besitzen könnte! Noch dazu gegenüber verantwortungsbewussten Bürgern, die ihr am Wahltag die Stimme geben. Was ist eine Stimme gegen eine Parteispende? Frei sein heißt eben, so frei zu sein, dass die eigenste Überzeugung als nichts Besonderes gilt, vor allem vor oder nach einer Wahl. Es gibt aber auch andere Anlässe. Wenn die Redner anderer Parteien am Parlamentspult rödeln und pinschern, um der Regierung zu Diensten zu sein, die längst schon vergessen hat, wen und zu welchem Ende sie regiert, dann ist es eine Freude, dem freien Menschen bei der freien Entfaltung seiner freiheitlichen Weltsicht zuzuhören und zu ‑sehen. Und wenn er dann seine Papiere zusammenlegt, sich umdreht und geht, dann weiß man, dass man einem Ereignis beiwohnen durfte – einem von denen, die neuerdings immer seltener werden. Wie gesagt, Bockshörner, in die Jahre gekommen, sind die edelsten Trinkgefäße. Man muss sich nur auf sie verstehen.

BODENSEE

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Ein Ritt über den Bodensee kommt selten allein. Schon bei paarweisem Aufritt verdoppelt sich die Annehmlichkeit des Versagens. Darin liegt ein Geheimnis, das vielen bekannt und kaum einem recht ist. So sieht man sie gekrümmt dahinjagen, auf Tuchfühlung fast, aber ohne Blick. Wie das Eis trägt! Verblüffend, ganz verblüffend.

BOTAMIN

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Der fein zu verteilende Stoff – BW, das Salz der Erde, Be-Wusstsein: kein käufliches Produkt, dem es nicht beigemengt wäre, in niedrigen Dosen, versteht sich, unterhalb jener Grenze, an der die Hüter der Werte Einspruch erheben, obgleich sie beweglich ist und in Gefahrenzeiten leicht erhöht werden kann, so dass die Gefahr, wie jeder weiß, der im Bilde ist, augenblicklich zurückgeht. In der Gefahr weicht die Gefahr, um als Chance wiederzukehren. Das ist eins der Geheimnisse, vor denen die Misstrauischen zittern. Hölderlin hat es gewusst und Reagan, der Schauspieler, auch. Im therapeutischen Raum wird BW noch immer als Spritze verabreicht, man glaubt hier stärker dosieren zu dürfen und die Effekte ergeben ein rasch lesbares Bild. Vernünftigerweise lässt man es nicht dazu kommen. Was immer einst Psychoanalyse und Marxismus bezweckten, Designer können es besser und werden auf diesen Punkt trainiert. Die Welt steckt voller Bewusstsein, wussten Sie das? So lassen sich z.B. durch kleine Täfelchen Religionen verbreiten oder zerstören, eine geschickt gestaltete Website kann eine Region in den Wahnsinn treiben und, wer weiß, den Weltbrand entfachen. Daran arbeiten viele.

BOTSCHAFTER

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Der Botschafter ist die Botschaft. Da schreitet er die Treppe herab, der alternde Neue, der neue Alte, denn auch dieser hat viel gestalten müssen, um in der Gestalt des Botschafters erscheinen zu dürfen. Nur die Botschaft wandelt sich nicht, sie ähnelt ein wenig der des Jüngsten Tags, wenn endlich alle Zukunft aufgebraucht sein wird. Nein, so weit ist es noch nicht. Aber der Verbrauch an Zukunft hat ein bedenkliches Maß angenommen und wird jetzt auf ein bedenkliches Maß zurückgenommen. Gleich fühlt die Gegenwart sich bedrängt und fordert ihr Recht. Welches sollte das sein? Welches Recht sollte die Gegenwart haben, wenn nicht das auf Gestaltung der Zukunft? Zukunftsfähig wollen sie sein und alles jetzt, das geht, unter Währungshütern, nur um den Preis der Falschmünzerei. Ganze Staaten lassen sich dabei erwischen und spielen mit ihren Flügeln, um Reue anzuzeigen und die Luft zu testen, vielleicht können sie noch entwischen. Der Botschafter kennt seine Kameraden, er ist einer von ihnen, er ganz allein, ein Staatswesen mit einem linken und einem rechten Flügel. Er weiß, wie man die Gewichte verteilen muss, auf dass niemand sich erhebt. Er weiß es gut, denn er ist gewarnt. Die Geschlechtslosen starren auf sein Geschlecht, als erwarteten sie dort ihr Los. Wenn es bitter kommt, tut es doch gut zu wissen, wo so einer den Most holt.

BRABBELSUMPF

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Im Brabbelsumpf geht es uns wohl. Warum das so ist? Keine Ahnung. Ein richtiger Brabbler benötigt den Sumpf um voranzukommen ohne voranzukommen, aber das Rudern ist herrlich. Das Material ist zäh, es klebt an den Seiten, es klebt zwischen den Zehen, es verschmiert den Mund, sobald er sich öffnet, sieht es so aus, als öffne der Sumpf selbst seinen Schlund, oder besser: als öffne sich Schlund an Schlund, denn ein Brabbler kommt selten, eigentlich nie allein. Diese leuchtenden Zahnreihen haben etwas zu erzählen, etwas Großes, zu dem jede ihr Scherflein beiträgt, den Brabbelcent, erkennbar an seiner Unerkennbarkeit, die mancher für bare Münze hält. Keine Spielereien! Die Brabbler haben die Welt nicht erobert, sie haben sie nur verändert. Und das gründlicher, als sie es jemals verstanden. Verstehe einer die Welt.

BRANDT, PETER

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Zu den überragenden Verdiensten Willy Brandts wird man einmal seine drei Söhne zählen müssen, von denen einer als Schauspieler die Nation allabendlich mit den Schrecken ungesetzlicher Handlungen versöhnt, während der andere, als Historiker, die Schrecken der Geschichte, ohne ihnen ein Jota abzunehmen, als lebbare Mitgift der Menschheit behandelt. Denn tatsächlich blieb es dieser Generation vorbehalten, die Lebbarbeit der Geschichte neu zu erproben, insbesondere desjenigen Teils, den ihr die Vorgänger (und Vor-Vorgänger) hinzugefügt hatten. Dem Leben im Schatten der Bombe entsprach in diesem Weltteil symmetrisch das Leben im Schatten der mühsam geteilten Einsicht in die Realität des absoluten Grauens. Fälschlicherweise nahm man an, es sei an der Grenze des eigenen Daseins gestoppt worden, während es doch auf anderen Kontinenten fort- und koexistierte: eine doppelte Virtualität, die ihre eigenen Virtuosen hervorbrachte, Bewältigungsathleten im Zeichen der moralischen terreur, die bei einigen, wie zu erwarten, in physischen Terror umschlug, bei anderen in eine Art von dauerhaftem Wundstarrkrampf mündete. Dass man im geteilten und geschrumpften Land die Nation zum Müllschlucker des Gewesenen deklarierte, lag wohl am Wege, in einer Welt der gelernten Lektionen blieb dies die gelernteste und gelehrigste. – Nicht das So-Sein, sondern das Sohn-(und Tochter-)Sein war über diese Generation verhängt, der noch immer etwas Blasses, Verwaschenes, Unfertig-Altbackenes und, ehrlich gesagt, bei aller vorgetragenen Entschiedenheit Unentschiedenes anhaftet. Der Sohn des zum Repräsentanten des ›anderen Deutschland‹, dann seines Landes und schließlich der sich restituierenden Nation aufgestiegenen Exilanten, des ersten und bislang einzigen Kanzlers, der nicht ›beliebt‹ war, sondern geliebt wurde, musste irgendwann wohl oder übel Historiker werden und die Linie, die der Vater in der Politik zog, ins Gewebe der Fußnoten und der gelehrten Parenthesen übertragen. Und wohl oder übel musste es die Nation sein, die ihn dabei beschäftigte: die besudelte, aber eben auch lebbare, jene geteilte, deren Einheit lange Zeit denkbar, aber praktisch unmöglich schien, die erneut vereinte, deren Ruhelosigkeit sich sofort neue Formen der Selbstnegation verordnete, auf dass sie ihrer Funktion als ideologische Schaltstelle Europas nicht verlustig gehe. Wer Peter Brandt für einen Apologeten des Ausgleichs hält, hat etwas grundlegend missverstanden. Wenn ›Verständigung‹ den rationalen, ›Ausgleich‹ den (macht-)ökonomischen und ›Versöhnung‹ den ethisch-religiösen Aspekt der Aufgaben umreißt, die nach Vernichtung und Aufbau anstanden, dann ist ›Entwahrlosung‹ vielleicht nicht der heikelste, aber subtilste, da unmittelbar auf den Wandel der Selbstverständigung im jeweiligen Ganzen zielende Teil. Das ist, alles in allem, ein kollektiver Vorgang, dem vorzugreifen gefährlich, dem hinterherzutrotten tödlich sein kann. Wie alle historischen Prozesse braucht auch dieser Symbolfiguren. Voilà – bedient euch!

BRATENWENDER

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Wer den Braten riecht, der muss ihn wenden. Das ist eine alte Regel, herüberschallend aus Bereichen, in denen ›Kultur‹ weniger mit einem Theaterabend assoziiert ist als mit den Fingerzeigen einer nahen, nichtsdestoweniger schwer zu fassenden Gottheit, wie es denn geht, das Leben, oder meinethalben: wie Leben geht. Die intellektuelle Ableitung kommt demgegenüber spät, fast zu spät, aber sie bleibt deutlich, es handelt sich um eine der letzten Zuckungen der Wahrhaftigkeit, bevor sie in der Fülle des Gleichgültigen ertrinkt. Also: Wer den Braten riecht, muss ihn wenden. Oder: Es geht nicht an, in einem Gehäuse aus Überzeugungen weiter zu leben, dem bereits das Dach davonfliegt. Doch das ist ein grobes Bild – wer sich auskennt, dem sagen weit subtilere Zeichen Bescheid, er ist bereits im Bild, bevor es entsteht. Wer kennt sich da aus? Ist es der, der unruhig wird bis in die Zehenspitzen, weil ihm heiß und kalt ist, weil er es nicht mehr aushält im gesicherten Heim? Oder ist es der, der in Ruhe den ersten Streich führt? Welche Motive sind da im Spiel? Auch die Nachwelt ist kein genauer Herold, sie kann sich schwer täuschen, wie man so sagt. Und wer ist die Nachwelt? Den Braten riecht keiner und mancher, der sich als Verhängnis ausposaunt, sähe sich als Fliegenbeinzähler rasch überrundet.

BRINGSCHULD

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Diese Frau ist eine Heuchlerin, na und? Sie ist Alleinerziehende. Der Mann an ihrer Seite, der als Vater konsumiert wird, weiß davon und schweigt. Er schweigt nicht nur, sondern ist eifrig dabei, geleitet von dem sonderbaren Gefühl, nicht hinter das Erreichte zurückfallen zu dürfen, weil es sonst aus wäre. Was wäre wohl aus, wenn er sich zurückzöge? Die Täuschung, was sonst. Die unerhörte Täuschung, Vater sein zu können unter Konditionen, die von ihm nicht gemacht wurden und die er nicht verantworten kann. Er akzeptiert sie aber und versucht, mit ihnen ›zurechtzukommen‹. Das Zurechtkommen ist eine merkwürdige soziale Tugend, die das Fußvolk nicht gern analysiert. Man verdankt sie Trümmerlandschaften, von denen manche glauben, sie existierten nicht mehr. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und wirklich: seit draußen alles so geleckt aussieht, als stünde die große Flut gleich bevor, spielen sie Innenwelt. ›Erlaubt ist, was sich ziemt‹: der Zurechtkommer darf sich aufbrauchen. Dafür gibts Urlaub extra. Vaterschaft ist Bringschuld – ein Geschenkartikel, der sich im Geben verzehrt. Am Ende der Seifenoper erstrahlt aus den Kulissen die Fratze der Kindheit, die keine war. Erwachsene, gewillt, niemals erwachsen zu werden, reichen einander die Hände und ein auf X-Beliebigkeit heruntergedrückter Idiot murmelt bühnenreif: »Aber ich will doch...« Sein Double nervt derweil die Gäste des Stammlokals, sofern er nicht die Bedienung anmacht. Sie bringt das Zeug, das er dringend benötigt.

BRODER-EI

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Wäre Broder nicht Broder, er wäre dennoch Broder geworden. Das ist keine Kritik, sondern eine Feststellung. Sie zieht die berechtigte Frage nach sich, was aus Broder geworden wäre, hätte er nicht von Beginn an Broder sein müssen. Solche Fragen sind, ihrer Natur nach, nicht zu beantworten. Sie leben vom Paradox, lebendiger sein zu müssen als das bewegte Bild, das sie hervorruft, während sie doch nur seinen blassen Widerschein liefern. So wirkt die Vorstellung eines anderen Broder schlechterdings widersinnig: Sie beleidigt den guten Geschmack und tritt den schlechten mit Füßen, statt ihn zu hofieren, wie es sich doch gehört. Es gehört sich, Broder als Broder zu betrachten, als das Absolutum, zu dem der Mensch nicht heranreift, sondern als das er in die Welt eintritt, jedenfalls in die Welt des Feuilletons, wo er hingehört. Broder, das ist: das Ei des Kolumbus, auf sich selbst gestellt. Broders fundamentale Entdeckung, sein Einstieg in die Welt derer, die, nun ja, zählen, bestand darin, den fleißig-kritischen Geistern der Republik ihre Kolumbus-Eier zu entwenden und dem Publikum lachend unter die Nase zu halten: Seht her, damit machen sie’s! Und alle sahen her. Bekanntlich entsteht ein Kolumbus-Ei dadurch, dass einer den Mumm hat, hart aufzusetzen, was partout nicht stehen will, und dadurch einen künstlichen Stand zu erzeugen: Geht doch! Der künstliche Stand der Kritik ist der Kritizismus: ›Da Juden Opfer sind, sind wir alle Juden. Da Opfer Opfer sind, sind wir alle Opfer. Da alle Opfer sind, sind alle wir.‹ Die künstliche Jagd nach dem leeren Täter, der mittels abstrakter Worthülsen wie ›Kapitalismus‹, ›Imperialismus‹, ›Neoliberalismus‹, ›alte weiße Männer‹ etc. fluktuierenden Täter-Imago, erheitert Broder und lässt seine professionelle Zornader schwellen. Einer wie er wird nicht müde, unter den Wortkaskaden des Opferdiskurses und der durch ihn hofierten Unfähigkeit zu trauern die wirklichen Opfer hervorzuklauben und auf die Delle zu deuten, die der Kritizismus der Wirklichkeit zufügt. Kritizismus ist der Konformismus derer, die von der Kritik leben. Wovon lebt Broder? Von der Kritik des Kritizismus? So kann man es sehen, so sieht es Broder, falls er zu sehen geruht. Wie kann einer immer neu kritisieren, was sich im Kern immer gleicht? Broder, dem auf Dauer gestellten Kulturlärm dauerhaft attachiert, kann nicht anders, als die eigene Kritik auf Dauer zu stellen. Das ist das Broder-Ei, wie die Republik es kennt. Kein Wunder, dass ihre Grenzen in ihm, gegen den enthemmten Konformismus, einen ihrer eifrigsten Verteidiger finden. Sie ist sein Lebenselixier, sein Jungbrunnen, sein Haus ohne Hut, sein Eierlieferant: Knirscht, aber steht.

BRÜCKENKLAU

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Offiziell besitzt Berlin 961 Brücken, leidenschaftliche Zähler kommen, laut Tagesspiegel, auf 1600 bis 2100, wer weiß, welche Zahlen Nachtzähler vorzeigen könnten, ließe man sie zu. An der Zulassung scheitern viele. Diese Diskrepanzen…, denkt Adler, das muss einen Grund haben, einen einzigen am besten, aber wir kennen ihn nicht und deshalb bleibt er geheim. Ein geheimer Grund ist so gut wie viele Gründe, er ersetzt sie im Handumdrehen, man muss nur drauf kommen. Der geheime Grund, denkt Adler, wäre ich auf allen Brücken präsent, ich hätte ihn schnell entdeckt, so muss ich mich auf meine alten Tage mit Mutmaßungen herumquälen. Was z.B. unterscheidet eine offizielle Brücke von einer inoffiziellen? Nichts, denn das Amt lässt keine inoffiziellen zu; sobald es von einer erführe, wäre der Abbruch beschlossene Sache und die Brücke registriert. Trotzdem scheint es immer wieder zu passieren, dass eine Brücke nicht registriert wurde, vielleicht eine Nachtgeburt, die sich tagsüber versteckt, in hohen Gräsern womöglich, oder im Schilfgürtel. Vielleicht sollten einige der leidenschaftlichen Zähler besser ›Brückenseher‹ genannt werden: sie sehen Brücken, wo für andere nur Wasser strömt, und das keineswegs metaphorisch – es strömt ja, es stromert, es bewegt sich doch und wer hineinspringt, kommt als ein anderer heraus, mit gebrochenem Genick bisweilen oder als halbwegs verfaulte Wasserleiche, jedenfalls verwandelt. Auch er ist hinübergegangen, er hat seine Brücke gefunden, im Mondschein meinetwegen, aber es geht auch bei Nieselwetter. Solche Menschen gibt es zuhauf. Natürlich werden sie registriert, nur die von ihnen benützte Brücke bleibt dem Amt ein Geheimnis. Ist es immer dieselbe? Vermutlich nicht, denkt Adler, das wäre unnatürlich. – Berlin, Stadt der Brückenbauer. Bekäme jeder, der diesen Ehrentitel zu Recht trägt, seine eigene Brücke, die Spree wäre Publikumsblicken auf ewig entzogen. Bloß das Bootswesen hätte Konjunktur. Nein, denkt Adler, die wirklichen Brücken sind unsichtbar, sie verbinden Menschen, die einander sonst nichts zu sagen hätten, es sei denn Beleidigungen. Jetzt sind sie verbunden und reden miteinander all das dumme Zeug, das sonst ins Wasser gefallen wäre, es holt ja keiner heraus. Man sollte auch jene Über-Brücken nicht vergessen, die nur gebaut werden, damit die Zeit rascher vergeht, vermutlich, weil sie sich unter ihnen durchzwängen muss, anschließend erholt sie sich schnell und beginnt zu trödeln. Über-Brücken fallen unter die Rubrik ›nicht zählbar‹, damit käme man den Diskrepanzen schon näher. Nimmt man den seit Jahren grassierenden Brückenklau in die Statistik auf, dann rundet sich das Bild: selten zerfällt eine geklaute Brücke im Gelände, die meisten verrichten ihren Dienst wie gewohnt, nur versetzt. Kein Wunder, dass sie doppelt und dreifach in der Statistik erscheinen. Das LKA sollte, denkt Adler, entschlossen nach der Brückenkönigin fahnden: zigfach entführt und hundertfach wieder aufgebaut – das ist Berlin.

BRÜLLABEND

B
Anspielungen gibt es, bei denen das Publikum brüllt, ohne dass es verstünde, worum es geht. Warum? Weil das Brüllen in seiner Natur liegt? In seiner Theaternatur? Das Publikum besitzt keine Theaternatur, es fordert sie nur – von anderen, aber natürlich auch von sich selbst, wozu säße es sonst an diesem Ort, wo es bekanntermaßen laut zugeht? Natürlich nicht im Zuschauerraum, hier geht es still zu und unbeweglich, schließlich sitzen hier die Verhältnisse ein, die da vorne am Pranger stehen, doch keine Regel ohne Ausnahme. Warum brüllt das Publikum? Weil es sich vor Eifer nicht anders zu helfen weiß? Nein. Es muss nur einmal heraus. Alles muss einmal heraus. All das Ungesagte, einmal muss es gesagt sein, damit es gesagt ist, und wenn es gesagt ist, dann hat es doch einer gesagt, oder? Applaus! Genauso gut muss heraus, was alle dauernd sagen, wenn man genau hinhört, das Mitgeplapperte, das Geplappere überhaupt, das alle kenntlich macht. Selbstgenuss im Ekel, Sie wissen schon. Kommt so ein Ekel auf die Bühne … we love it. Schon brüllt der Laden. Manchmal geht nur ein Stöhnen durch ihn hindurch, das ist dann grausiger als alles, was die Welt draußen zur Kenntnis nimmt, das geschieht nur hier.

BUCHDENKER

B
Wie sie lauthals das Ende der Gutenberg-Galaxis verkündeten und anschließend in die Hülle des Buches zurückkrochen … sie müssen ihre Gedanken entwickeln, den Faden ziehen, von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel, um anschließend wieder von vorn anzufangen. Sieht so Denken aus? Gewiss nicht. Gewiss gibt das Netz andere Möglichkeiten an die Hand, ihm nahe zu sein. Warum werden sie nicht ergriffen? Vielleicht ist es mit dem Denken der notorischen Buchdenker nicht so weit her, wie sie behaupten? Vielleicht ziehen sie auch nur das Prestige dem Gedanken vor, die Schnecke Prestige, die dem Stand der Dinge stets hinterherkriecht, aber in ihrer Schleimspur alle Bedenken ertränkt. Respice finem! Bedenke das Ende! Im einen wie im anderen Sinn.

BUCHFRONT

B
An der Buchfront wird munter gekämpft, es geht dort zu wie auf dem Basar, wenn die Preise verrutscht sind und dem Handel der Untergang droht. Das Buch schweigt zu diesen Kämpfen, es hat, wie zu allem, eine Meinung, und schwitzt sie aus, denn es geht um die Existenz. Was andere Front nennen, gerät ihm zur Fron, seit es die Welt nicht mehr abbildet, sondern verarmt. Die Welt ist mehr als ein paar Blätter Papier zwischen zwei Deckeln, das hat man immer gewusst, aber sein Wissen brav zwischen besagte zwei Deckel gepackt. Damit ist es vorbei. Was sich noch immer zwischen den Blättern tummelt, ist Betrug: man sieht sich von Marktschreiern hineingenötigt und strebt enttäuscht dem Ausgang entgegen, müde des Aufschubs, der sich im Wenden der Seiten kundtut, und entsetzt taumelnd angesichts des Versuchs, dem kindlich gebliebenen Gemüt das alte Quidproquo anzudienen. Schmeckt denn keiner die Asche? Nein, an der Buchfront wird nicht mehr gekämpft, man hat dort andere Sorgen.

BUCHSTABENLABYRINTH

B
Dass man aus Buchstaben Labyrinthe bilden kann, wissen alle, das ist nichts Besonderes. Dass man Buchstaben aus Labyrinthen verfertigt, wissen die wenigsten. Wie viele Labyrinthe gehen in einen Buchstaben? Viele, sehr viele, die meisten vielleicht. Nicht nur, dass man sie unter Buchstaben bringen kann – das geht immer, aber es bleibt ein bisschen beliebig –, sondern auch, dass die Grade ihrer Verschlingung nie zu hoch ausfallen können, um nicht irgendeiner Figur zuzuneigen, macht sie anfällig: irgendeine Figur ist bereits genug, um eine der robusten Typen hineinzulesen, welche die Welt regieren. Da geht es den Labyrinthen nicht anders als den Zeichen ohne Sinn, die sich eine sinnlose Deutung gefallen lassen müssen. Apropos: Sind Labyrinthe sinnlos? Doch nur, insoweit sie Buchstaben ähneln. Mit ihrer Hilfe lässt sich jeder Sinn erzeugen: durch Legen und Deuten. Nur die Freizeitlabyrinthe, an denen ein Schild hängt, das darauf hinweist, wie bedeutsam sie sind, bleiben stumm. Das versteht sich von selbst, der Buchstabe L, an dem ein Schild hinge mit der Aufschrift: Man kann damit lesen, böte einen ähnlich traurigen Anblick. Labyrinthe gewinnen ihren Sinn wie die Kopula für den, der nicht stehen bleibt, sondern weiter geht. Wer sie anstarrt, kann lange warten: da rührt sich nichts. Wer hineingeht, um eine Belohnung zu erhalten, dem winkt der Hirntod.

BUCHSTABENWISSEN

B
Wir wissen wenig darüber, was Buchstaben wissen, und dennoch vertrauen wir ihnen unser Liebstes an. So sind die Menschen: leichtfertig bis zum Exzess. Vor Jahren las ich eine Abhandlung mit dem Titel Können Buchstaben denken? Sie war, wie Sie sich vorstellen können, das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt war. Können Sklaven denken? Stumm schleppen sie die Buchstabenfracht über den Appenin und weiter bis nach Zeppelinheim, dort können sie verschnaufen, aber äußern dürfen sie sich nicht. Zur Qual verurteilt, dass sich andere bei ihrem Anblick etwas denken, leiden sie erstaunlich wenig. Ihr Anblick, ließe sich raten, straft das Denken Hohn. Wäre es nicht so selbstbezüglich, flösse etwas davon in es ein. Nein, mit dem Wissen der Buchstaben ist es nicht weit her, es lebt von der Hand in den Mund und freut sich, wenn der Fernseher geht. Dann haben sie frei. Schriftzeichen nennt man sie, das ist ungerecht, es unterschlägt ihren Eigenanteil an dem, was recht ist. An ihren Zeichen erkennt man die Schrift, an seinen Buchstaben hat man das Wort. Man kann es hochheben und wegtragen, man kann es auf den Markt tragen und verbrennen oder es tief vergraben, nur nicht in der Brust, die sich physiologisch nicht dafür eignet. Zeichen lassen sich übermitteln, ein Buchstabe erscheint, wenn man ihn am wenigsten erwartet. Das erscheint wenig plausibel, doch es ist die Wahrheit, mit der keiner rechnet.

BUDGETSCHLACHT

B
Die wahren Schlachten des asymmetrischen Krieges sind Budget-Schlachten. Sobald Berichte über bewaffnete Konflikte in den gängigen Einflusszonen hochgefahren, sobald Gefechte, Niederlagen oder Massaker an Zivilisten in den ›Fokus‹ der allgemeinen Aufmerksamkeit gerückt werden, schreiten die Budget-Planer zur Tat: ein Fenster der Bearbeitbarkeit hat sich geöffnet, für eine kleine Weile lockert sich der Griff, der den Säckel des Finanzministers fest verschlossen hält ... gerade so lange, wie die Wogen einer diffus gefühlten Bedrohung durch die Bevölkerung laufen. Rasch und entschlossen müssen die Akteure zu Werke gehen, denn eine belanglose Nachricht lässt die Unruhe rasch wieder verebben. Bürger ist, wer morgens aufsteht und ganz vergessen hat, dass er sich gestern abend noch in tödlicher Gefahr befand. Das Leben geht immer weiter, das Büro ruft und die Kinder müssen zur Schule gebracht werden. Am Budget erweist sich die Wahrheit des Satzes, dass Krieg in bestimmter Hinsicht vor allem aus Warteschleifen besteht. Wer dem anderen an den Beutel will, muss nicht bloß auf eine passende Gelegenheit lauern, er sollte auch seine Zuarbeiter kennen und sich mit ihnen auf Zuruf verstehen. In der gekonnten Budgetschlacht wirken alle Faktoren, die sich sonst gegenseitig blockieren, in eine Richtung – wer auch jetzt nicht mitzieht, wird zum Mitwirkenden, ja zum Mittäter: das Ärgernis, das er den anderen gibt, fungiert als Katalysator, es regelt die Gemüter ein. Selbst ein Nichtsnutz, zum Beispiel ein Politik-Professor, findet dabei seine Aufgabe, indem er von postheroischen Gesellschaften fabelt, die sich mental irgendwie aufgegeben haben. Nichts peitscht die Wehrbereitschaft junger Männer mehr als dieser leise aus der Ampulle tröpfelnde Hohn, nur eben zu seiner Zeit, denn immer ist nimmer. Wo Männer sich wehrhaft fühlen, steigen die Ausgaben, übrigens auch die Unfallzahlen, also die Ausgaben: der Zyklus stimmt, das Leben hat alle wieder.

BÜCHERVERBRENNUNG

B
Da sich die Praxis der Bücherverbrennung nicht eindämmen lässt, wären alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen darauf zu verpflichten, eines jeden Autors, dessen Bücher auf seinem Territorium dieses Schicksal erleiden oder in der Vergangenheit erlitten haben, binnen Jahresfrist an einem zentralen öffentlichen Ort unter Angabe der einschlägigen Titel in würdiger und fortdauernder Form zu gedenken. Auf diese Weise wäre sichergestellt, dass sich die Verfolgung des Wortes nicht lohnt, es sei denn... Aber der an dieser Stelle keimende Gedanke ist trivial: ein Schriftsteller, der mit Verfolgung rechnet, kalkuliert ihre Wirkungen ein, einschließlich der erwünschten Umkehr der Verhältnisse. Er errichtet sich sein eigenes Denkmal und stünde gerührt vor dem staatlichen Monument – erstaunt darüber, das Herz aus Stein gerührt zu haben. Vielleicht wäre dies der Moment regierungsamtlicher Rührung und beide lägen sich in den Armen, bis die aufkommende Dämmerung und die allgemeinen Schalterstunden sie trennten.

BÜCHSENSPANNER

B
Vom Spanner zum Büchsenspanner – alle paar Jahre erfindet die journalistische Meute sich neu und vergisst, was zu erweisen davor als eins ihrer höheren Ziele galt: die Korruptheit des Krieges, die heuchlerische Bemühung von Recht und Völkerrecht auf Seiten derer, die da am Drücker sind. Das Vergessen kommt und geht anfallsweise, so bleibt immer zu tun und zu schauen, vom Durchreichen einmal abgesehen.

BÜNDNISFALLE

B
Ein Bündnis ist nichts für Leisetreter. Nur ein Bündnis, in dem es rappelt und knallt, ist etwas wert. Ansonsten fliegt es auseinander, sobald der Bündnisfall eintritt, und der Fall wird zur Falle. In der unendlichen Privatheit ihres Urteils lesen die Menschen ›Bündnis‹ als ›Beziehung‹ und fürchten sich vor dem, was sie selbst zielstrebig ansteuern, sobald sich Konflikte zeigen: dem Schlussmachen. Vor dem Schlussmachen steht das Alleinsein. Wer in der Beziehung allein ist, fürchtet sich davor, das leuchtet ein und es ist der Irrtum. Wer sich im Bündnis allein wähnt, der begeht die ernstesten Fehler. Ein Bündnis ist etwas für den Ernstfall. Der Ernstfall... Schon vergessen, worin er besteht? Der Fall, an dem nichts zu deuteln ist? Vorausgesetzt also, er tritt ein und der, den es trifft, vertraut darauf, dass alle sich ›ihrer Verpflichtung bewusst‹ sind, dann zählen nicht die Zeiten des gefahrlosen Miteinander. Dann zählt, wer zählt. Wie kann einer zählen, dessen Wort nie gezählt hat? Jedes größere Bündnis besitzt seine Mitmacher. Nicht der Eifer macht den Verbündeten, sondern der Verbund, man kann auch sagen: das Einvernehmen, das seine Differenzen austrägt, solange es Zeit ist. Immer gibt es Verbündete ersten, zweiten und dritten Grades und immer sind es die Eifrigen, die den ersten Grad verfehlen.

BURQUISE

B
Kaum erhebt sich irgendwo ein Geschrei über ein archaisches Kleidungsstück, das den Mindestanforderungen an die Beweglichkeit des menschlichen Körpers widerspricht und seinen Trägerinnen buchstäblich die Welt-Sicht nimmt – um von elementaren physischen Bedürfnissen wie dem nach Licht und Sonne, vor allem in nördlichen Breiten, ganz abzusehen –, tritt eine Modetheoretikerin ans Mikrophon und belebt die Debatte mit dem Hinweis auf das weibliche Ur-Recht, sich Männerblicken zu entziehen und dadurch dem über sie verhängten Dasein als Sexsklavinnen des anderen Geschlechts wenigstens ansatzweise Grenzen zu setzen. Im übrigen regle die Mode das diskrete Spiel aus Zeigen und Verhüllen viel wirkungsvoller als jedes Gesetz. Man werde sich des neuen Accessoires schon annehmen – Raffinesse toujours, please!
Wer so sehr von der Asymmetrie des Blicks zwischen den Geschlechtern überzeugt ist – der Mann blickt, die Frau wird erblickt –, der sollte seine Aufmerksamkeit doch auch für einen Moment auf den Umstand lenken, dass eine Person, die glaubt, sich den Blicken anderer durch Verkleidung zu entziehen, nicht weniger, sondern mehr Aufmerksamkeit erregt – und damit mehr Blicke, mehr Empfindungen, mehr Fragen wie zum Beispiel die nach dem Männerbild der betreffenden Dame oder nach der Art von Männergesellschaft, in der sie sich zu bewegen wünscht und vielleicht wirklich bewegt. Da spritzt der Saft, wo nur ein Näschen oder Härchen sich zeigt, und es wächst der Wunsch, die Maskerade vom Leib zu reißen, an welchen Ecken und in welchen Häusern auch immer, ins Ungeheure.
Wenn Mode darauf zielt – pansexuelle Eindeutigkeit anstelle des diskreten Spiels der Blicke, der Begehrlichkeiten und der Freude am schönen Dasein –, dann ist sie bereits Komplizin der Überwältigung und Unterwerfung, der Vergewaltigung durch die Männergesellschaft und ihre Sendboten, gegen die sie angeblich aufbegehrt, Teil des großen Sado-Maso-Spiels, das in minder gesitteten Kreisen selten als Spiel ausgetragen wird und oft genug in Mord und Totschlag endet. Die Parodie der Sittsamkeit ist die Orgie, die Parodie der Selbstbestimmung die Unterwerfung aus Kalkül. Die Parodie der Mode trägt viele Namen, ihr Klarname heißt: Demütigung. Es existieren Lehrstühle in diesem Land, auf denen frau sie lehrt.

CAHIERS

C
Abschreckendes Beispiel der Cahiers Valérys: Gymnastik des Geistes, jeden Morgen die gleichen Griffe, die gleichen Sparten, das Bedienen derselben Fasergruppen. Brillant sein, ohne vom Fleck zu kommen, weil das die Regel des Spiels ist. Das Umschlichenwerden durch die Diplomaten des Intellekts, die untrüglich wittern, woher heute der Geist weht, während sie artig ihren Tee nehmen. Die Zumutung, zu erarbeiten, was hier geschieht, der ganze aufgesetzte Unfug des hermeneutischen Dünkels. Geistverstopfung, es sei denn, einer hat gute Kanäle und kann das Wasser nicht halten.

CASTRATIO DEI

C
Das Geheimnis der Endstation Gottes unter seinesgleichen, Demiurgenallee ohne Hausnummer. Wir fahren auf, erschrecken und gedenken der üblen Schöpfung, der creatio mala. Er aber schweigt, sitzt im Schatten seines Gartens nicht weit entfernt vom einstigen Paradies und bewundert in vergangener Feierlichkeit seine Irrtümer. Vor den zahllosen Hunden mit Federn oder wilden Hühnern mit schwarzem Fell, die sich einmal angemaßt hatten, die Nachfolge göttlicher Adler anzutreten und jetzt durch die Büsche streichen, liest er Brehms Tierleben.
Die Straße, von Staub bedeckt, geht an dieser Stelle zu Ende. Die Sonne ist untergegangen. Die Villa, fast schon im Dunkeln, scheint auch deswegen unvollständig, weil der Baum der Erkenntnis Teile der Mauern verschluckt hat. Ein rötlicher Schein wohnt in seinen Zweigen. Vielleicht stammt er von den Äpfeln der Erkenntnis oder vom Rücken des wahren Herrn dieser Welt in Nähe seines Bruders, denn von hier aus, in den ewigen Zweigen des ersten Rätsels spendet er Päpsten und Künstler die neuesten Moden, so wie er zugleich die Uhr jedes Langschläfers oder Demagogen heimlich zu korrigieren versteht, damit das Ende der Zeiten näher komme. Dann nämlich gäbe es Neuwahlen in seinem Sinne.
Das Bild des Gottes im Schatten seiner Villa erscheint wie gemalt von Hans von Marées. Solche Schatten kennt nur Italien. Unbedingt ist es ein Abend vor Rom in den Albanerbergen, der alte Mantel des Greises verschmölze wohl kaum an einer anderen Stelle der Welt so tief mit den schwärzlichen Blättern der Stechpalme und des Hollunders. Auch flüssige Sarkopharge aus den Auszügen des wilden Lorbeers erstarren niemals an anderen Orten so gründlich zu Malerei und verlassen das Auge mit solchen elegischen Sprüngen und Rissen der Leinwand wie hier. Kaum spürt man ja noch das alte Neapelgelb des Gemäuers, das bloß dahingewischt im verderblichen Asphalt zum römischen Kubus geworden ist. Vielleicht hat es Gott hier ganz gut. Die meiste Zeit über schweigen die mißlungenen Tiere und die brüllenden Löwen hat Gott in sich selber zurückgeholt. Sie hatten ihm trotz der eindrucksvollen Gemälde friedlicher Gärten im Stile Rubens, an Regenbögen befestigt, die kostbaren lieben Protogeschöpfe, Männlein wie Fräulein, niedergerissen und schwer beschädigt. Er vermochte auch nicht mehr, sie neu zu bilden. - PM

CAVE!

C
Man kann ein Volk belügen, einsperren, systematisch misshandeln, aber einige Vorsichtsregeln gilt es dabei zu beachten, sonst geht die Sache nach hinten los, was immer das in einem solchen Falle bedeuten mag. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Wo es sich um so zerbrechliches Zeug handelt wie Ketten im übertragenen und im wörtlichen Sinn, da kann man wohl des Einzelnen habhaft werden, doch nicht der Masse. Man muss also verhindern, dass Masse entsteht.
Andererseits bedarf diese Art der Behandlung der Masse, allerdings der fügsamen. Man braucht also Psychologie. Glücklicherweise ist die Psychologie der Gewalt gut beforscht und an Fachleuten herrscht kein Mangel. Gewinne die Eliten! bedeutet: Schmeichle denen, die kraft ihres Berufes über den Mitmenschen zu stehen wähnen: den Schauspielern, den Wissenschaftlern, den Priestern, den Lehrern und überhaupt jedem, der ein kleines Amt ausübt und stolz darauf ist. Doch schmeichle ihnen nicht zu sehr, da sie sonst wähnen, die Schmeichelei gelte ihrer Person. Die Technik der leisen Drohung an die Adresse der Paladine ist die Ur-Technik aller Politik. Wer sie beherrscht, beherrscht das Land.

CELSIANISSIMI

C
Zu den putzigen Einfällen der letzten Jahrtausendwende gehörte die Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf die berühmten zwei Grad Celsius – frenetisch gefordert von ein paar Dutzend Karriere-Wissenschaftlern mit besten Verbindungen und einer nach Erlösung ächzenden und nach Millionen zählenden Weltgemeinde, als Planziel verkündet von ein paar Regierenden mit Pokerface und in nächtlicher Kleinarbeit formuliert von Stäben aus Sprachkünstlern, die wissen, wie man schein-eindeutige Verpflichtungen aus der Retorte zaubert, ohne sich dabei nass zu machen.
Zwei Grad Celsius – das entspricht, legt man die in diesen Kreisen herrschenden Mentalitäten zu Grunde, vielleicht allzu genau der statistischen Mess-Ungenauigkeit im empirischen Unterfutter des Standard-Weltklimamodells. Auch hat man schon von Theorien gelesen, denen zufolge die Erderwärmung aus physikalischen Gründen besagten Wert nicht überschreiten dürfte, gleichgültig, welche ›Anstrengungen‹ zur Erreichung dieses Ziels unternommen werden. Ein Schelm, wer sich dabei etwas denkt. Es war nur folgerichtig, irgendwann die 2 Grad durch 1,5 Grad zu ersetzen. Da hat man den Erfolg praktisch schon in der Tasche.
Schließlich sollten, neben der zweifelhaften Effektivität der Programme, auch die Zeiträume nicht unbedacht bleiben, für die hier geplant wird. Wer, nach verstrichener Galgenfrist, von den heute Handelnden Rechenschaft über die Diskrepanz zwischen realem und prognostiziertem Klima fordern wollte, könnte sich genauso gut unter Alzheimer-Patienten oder auf Friedhöfen umtun. Wo es derart ums Ganze geht, wird Verantwortung umgehend zur leeren Hülle.
Doch man kann nicht jahrelang die Massen mit ›wissenschaftlich validen‹ Weltuntergangsszenarien versorgen, ohne krasse Reaktionen zu provozieren. Die Illusion, Politik ließe sich am Gängelband einer Theorie punktgenau steuern, sprich: gegen die Konsum- und Freiheitsphantasien der Regierten durchsetzen, gerät auf Glatteis, wenn es gilt, den Fanatismus der Überzeugten wieder einzufangen und sie mit neuen, nach geänderten Prioritäten verlangenden Lagen vertraut zu machen. Ob dann die Glaubwürdigkeit der Politik oder der Wissenschaft auf der Strecke bleibt, hängt von allem Möglichen ab, vor allem vom beiderseits vorhandenen Vertrauensbestand. Jedenfalls hat die Wissenschaft in diesem frommen Wettlauf mehr zu verlieren, als ihren Vertretern zuträglich ist. Das lässt sie ängstlicher werden und abhängiger als zuvor.

CE-OH-ZWO

C
Eins, zwei, drei, zählt der Kinder-Coach und schon braust sie dahin, die wilde Kinderschar, denn das Gelände ist groß und wer am weitesten rennt, kommt als letzter dran oder gar nicht, was natürlich das Beste ist, obzwar langweilig. Letztlich will jedes Kind gefangen werden, der Moment, in dem es geschieht, ist der aufregendste in seinem kurzen Dasein und nur im Widerstreben liegt wahrer Genuss. Draußen, ja draußen, weit draußen lauert der böse Riese Ce-oh-zwo, der Kinder einfängt, wenn sie sich nicht rechtzeitig fangen lassen. Natürlich kennt jedes Kind die Geschichte von Ce-oh-zwo und seiner glücklichen Kindheit, die ihm zum Unglück ausschlug, weil er sich nicht rechtzeitig fangen ließ. Nun ist er zum Riesen herangewachsen, vor dem sich alle Welt fürchtet. Alle Welt? Abweichler gibt es, die ihn für einen Scheinriesen halten, aber die gibt es immer. Nur böse Jungs, die es auch immer gibt, finden es toll, Riese zu sein, und wollen dahin.

CHARONAUTEN

C
Wer im Beruf steht, ist selten Apokalyptiker. Die Apokalypse ist etwas für Kindsköpfe und alte Leute. Die einen schreckt’s, die anderen treiben ihre Umgebung damit in den Wahnsinn. Beruf und Apokalypse schließen sich aus. Ablesen kann man das an den berufsmäßigen Apokalyptikern: kein selbstgefälligeres Volk unter der Sonne ist denkbar.
Wer mit der Apokalypse hantiert, sollte verstehen, dass er ein Schmierengeschäft betreibt. Nur das könnte ihn davor bewahren, schmierig aufzutreten: Leuten ohne Distanz sieht man an, was sie treiben, und rechnet es umstandslos ihrer Person zu. Bei Politikern und Vorständen sieht man die gegenläufige Tendenz am Werk. Zu dem, was ihre Tätigkeit unterm Strich bewirkt, haben sie so wenig Verbindung, dass sie mit einem Pokerface die gröbsten Verstöße gegen den gesunden Menschenverstand begehen können, von der wissenschaftlichen Vernunft ganz zu schweigen.
Auf diesem Feld treibt auch die Feminisierung des Spitzenpersonals ganz eigene Blüten – das schwung- und hingebungsvolle Engagement für alles und jedes hinterlässt auf weiblichen Gesichtern allenfalls Spuren, die eine aparte Frau sonst gern zu vermeiden sucht. Frauen haben kaum Beruf zum Apokalyptiker. Leserinnen halten die Offenbarung des Johannes für ein schönes Buch, das man am besten im Bücherschrank lässt, damit ein bibliophiler Freund bei Gelegenheit darin blättern kann. Die Apokalypsen des Lebens sind keine. Sie sind zeitlich und räumlich begrenzt.
Selbst die Auslöschung der Menschheit durch ein seltenes Naturereignis ließe genügend unbetroffene Lebewesen auf diesem oder anderen Planeten zurück, um als lokales Ereignis durchzugehen. Damit muss man leben. Es schickt sich nicht, davon Aufhebens zu machen. An diesem unerschütterlichen Leben, das weitergeht, weil es nichts anderes kennt und zu nichts anderem fähig ist, zerschellen alle Torturen, mit denen Natur und Technik die Menschheit bedrohen. Schreckt ein grausamer Mord oder ein Terroranschlag die Menschen auf, dann fügen sie sich gern den Anweisungen der Behörden und gehen weiter. Nichts ist menschlicher als dieses Weitergehen, das ein sensibles Gemüt zur Verzweiflung treibt. Dann geht es weiter.
Charonauten

CHIRICO

C
Wir machen aus Chirico ein Idol. Wir fragen nicht: War Chirico ein Renegat (einen Künstler, der das Antlitz seines Jahrhunderts gemalt hat, einen Abtrünnigen zu nennen, ist schon ein ziemlicher Schwachsinn), hat er diesem oder jenem Maler der ›klassischen‹ Moderne in seinen späteren Aufsätzen, in denen er die Rückkehr zur Malerei fordert, Unrecht getan, einen Cezanne beleidigt, einen Picasso gekränkt? Solche Fragen sind von Haus aus kindisch, unter uns: genauso kindisch wie die Sprache der Dekadenz, deren er sich in seinen Tiraden bedient – mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie Nietzsche übrigens, dem sie nicht geschadet hat. Ein Klassiker beleidigt niemanden, er taxiert durch Erwähnung. Nennen wir den späten, nahezu unsichtbaren Chirico einen Klassiker und entklassifizieren wir ihn im gleichen Zug. Dann wird sichtbar, dass dieser Ikonoklast im Namen der Bilder um – beinahe – jeden Preis verhindern wollte, dass die Malerei aufgegeben wird, wie es irgendwann wirklich geschah. Er hat den nächsten Schritt gesehen, als ihn noch – fast – keiner sehen wollte, und er wollte nicht, dass er gegangen wird. Er ist einer aus der Ordnung derer, die nicht wegsehen, wenn noch Zeit ist. Das gibt seinen Texten das Konvulsivische, das nicht zu ihren Inhalten zu passen scheint – den Ausdruck einer gewissen Beklommenheit aus Sorge, zu spät zu kommen. Eine hypertrophe Sorge, wie uns scheint, denn niemand, es sei denn der Engel der Malerei, erscheint rechtzeitig, um das Äußerste zu verhüten, wenn es sich doch darum handelt, es zu realisieren. Gesetzt, in ihm wäre der Engel der Malerei erschienen, in der einen Hand den Pinsel, in der anderen die über die Köpfe der Menge gehaltene Schreckschusspistole – was ist so wichtig an der Malerei, dass sie um – fast – jeden Preis bewahrt werden muss? Das ist die Frage, die er selbst nicht beantworten konnte, sein stummes Geheimnis. Hüten wir uns, es als ›erledigt‹ zu betrachten.

CHOMSKY

C
Der Preis des Etabliertseins besteht darin, dass man Noam Chomsky niemals erwähnt, es sei denn als netten Vorgartenzwerg, der grüßen lässt und schnell einmal selber grüßt, wenn man es eilig hat mit den Auftritten. Das gilt nicht überall und es gilt nicht immer, aber es gilt unter den ›obwaltenden‹ Umständen – man vergebe ihrem Walten das Ob. Es wird nicht immer so bleiben, man wird sich aus gebührendem Abstand wieder mit dem ›großen Linguisten‹ befassen und sein ehrenvolles Engagement für die gepeinigte Menschheit herausstreichen. Man wird diese eigentümliche Wirkung, die darin besteht, dass alle wissen, wovon er redet und schreibt, und so tun, als seien es Gemeinplätze, die das Problem hoffnungslos unterbieten, in ihr Gegenteil verkehren. ›Wir alle haben damals von ihm gelernt‹ – so wird es heißen und es wird die blanke Unwahrheit sein, es sei denn, man lernt so, wie ein Staubsauger Krümel vom Boden saugt: gleichgültig, lärmend, die leisen Geräusche, gleichsam die Abschiedsgeschenke des Weggesaugten, mit links übertönend, den Grund freimachend für anderes. Das ist die ›am häufigsten zitierte lebende Person der Welt‹. – Der geschluckte Chomsky oder: Der Heuchelei eine Gasse – ein solcher Titel könnte über vielen hochtrabenden Beiträgen zur Analyse der Gegenwartskultur stehen, also etwa zu dem, was bei Jaspers die ›geistige Situation der Zeit‹ hieß und mittlerweile zusammengeschnurrt ist zu einem Hände-weg-Appell an Leute, die in keine dieser von Amts wegen gesponsorten Kulturveranstaltungen gehen, es sei denn, um Käsehäppchen zu klauen und aufkommenden Ärger mit Sekt wegzuspülen.

CIORAN

C
Ein Held, dem es nicht genügte, gegen Windmühlen zu kämpfen, der unentwegt neue erfand, für den Hausgebrauch und für den Versand in alle Welt. »Aber man muss Windmühlen nicht erfinden, sie sind ja längst erfunden und funktionieren immer nach den gleichen Prinzip!« Das sagte ihm vor langer Zeit ein Besucher, als sie zusammen den Boulevard Saint-Germain entlangschlenderten. Es war ein Tag, an dem die Sonne den Regen wegblinzelte und die Straße im Nu mit Müßiggängern bevölkerte, deren zerknitterten Gesichtern man noch das Warten ansah. Der Weise blieb gelassen, blinzelnd auch er. »Man erfindet sie nur, solange man noch nicht weiß, wie sie funktionieren. Ich stehe nicht für den Erfolg, sondern für den Misserfolg. Sobald die Leute sich etwas Gutes tun wollen, verweise ich sie an die Konkurrenz. Ich spreche ihnen Mut zu und verspreche, mit ihnen zu weinen, wenn der Mut sie verlässt. Der erste Brief, in dem steht, es hat funktioniert, verwandelt mich unwiderruflich in einen von denen da.« Der Besucher sah die Inschrift über der Tür des Leidverwöhnten, sah, wie der Eingang zu diesem neuen Inferno sich öffnete und verschwand unter gemurmelten Worten, die heißen mochten »Ich komme gleich wieder« oder »Der Trommler kommt nieder«, Lautfolgen ohne Verstand, einzig der Not geschuldet, sich verständlich zu machen und keine Geste zu provozieren, die es ihm schwer machen würde zu gehen.

CHLADENIUS

C
Der Erfinder des Sehepunktes hat der akademischen Nachwelt ein Kuckucksei ins Nest gelegt, das sie bis heute nicht richtig ausbrüten wollte: den ›Sehepunckt eines akademischen Lehrers‹. Gemeint ist damit der synthetische Kathederbericht über vergangene Ereignisse, in dem alle verfügbaren Quellen zusammenlaufen, um eine mehr oder minder stringente Erzählung zu bilden. Die Kritik am Historismus hat den Objektivitätsanspruch dieser Art von Erzählungen gründlich in Frage gestellt und die Unhintergehbarkeit der ›subjektiven‹ Erzählungen bei der Erforschung der Vergangenheit ins Licht gehoben. Aber sie hat die Frage unerörtert gelassen, in welchem Maße all diese subjektiven Erzählungen selbst vom Bemühen um Objektivität ihre Färbung erhalten, das heißt bereits einen ganz eigenen synthetischen Charakter besitzen. Das Bewusstsein dessen, der berichtet, ist ein Niemandsbewusstsein, es scheitert bereits an der Aufgabe, den Generationsstandpunkt festhalten, geschweige denn eine bestimmte Perspektive. Niemand hat erlebt, was hier berichtet wird, am wenigsten der Berichtende. Der Vergangenheitsbericht geht über den Erlebnisraum des Berichtenden hinaus; wer berichtet, ist bereits außer sich. Man kann das Außer-sich-Sein als eine physiologische Gegebenheit oder als gesellschaftliche Tugend hinnehmen, man kann bei jeder passenden Gelegenheit seine Notwendigkeit und seinen Wert herausstreichen, aber man wird nicht verhindern, dass es eine Nonsens-Komponente mit sich führt, die sich aus keinem historischen Erzählen herausfiltern lässt. Nimmt man das mimetische Bedürfnis hinzu, das zwingend gebietet, vergangene Konstellationen nachzuspielen, als seien es eigene, dann ergibt sich zwar nicht die Banal-Idee von der Vergangenheit als ›Konstrukt‹, wohl aber die Realität einer ›Lehre‹, eines Belehrenwollens, das aller Rechenschaft beigemischt ist und in erster Linie als Selbstbelehrung, also als Arbeit an einem Selbstverhältnis verstanden werden will, das unübertragbar bleibt.

Contraportrait

C
Jeder Mensch kann auf zweierlei Weise beschrieben werden: als respektable Person oder als erbärmliches Subjekt. Man nennt das: ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen und: die Wahrheit über ihn an den Tag bringen. Kaum einmal treffen Wahrheit und Gerechtigkeit so erbarmungslos auseinander wie hier. Hat die Gerechtigkeit keine Wahrheit? Aber ja doch: auch sie will Wahrheit. Ist die Wahrheit ungerecht? Keineswegs. Sie will Gerechtigkeit. Gerechtigkeit wollen und widerfahren lassen sind zwei Handlungen, die zueinander in einem feindseligen Widerspruch stehen. Sagen wir der Einfachheit halber, es sind Feinde. Wie kann das sein? Wie steht die Wahrheit zu diesem Widerspruch? Besitzt sie Mittel, ihn aufzulösen? Will sie keine Gerechtigkeit? Ist Wahrheit grausam? Nein, sie ist es nicht, aber sie muss es sein, denn es wird von ihr verlangt. Man verlangt ein Gorgonenhaupt, um ihm eine andere, kleinere Wahrheit entgegenzusetzen: die Wahrheit der Person. Die persönliche Wahrheit ist die kleine Schwester der furchtbaren Wahrheit, die keiner aushält. Dennoch muss sie heraus. Die kleine Schwester wird es schon richten. Aber richtet sie es? Und: Was wird hier gerichtet? Ist die Wahrheit einmal heraus, wird sie zugerichtet, verflacht, in Geschichten verpackt und in die Wiederholungsschleife geschickt. Sie wird zur Lüge. Um der Gerechtigkeit willen: Zerschlagt sie! Um der Wahrheit willen: Zerschlagt sie! Aber vergesst sie nicht: Sie ist die Wahrheit. Wenn die Gerechtigkeit siegt, siegt nicht die Wahrheit, sondern ihr erträglicher Teil. Wird sie grausam, so wird sie: grausamer als die Wahrheit selbst.

CORRECTNESS

C
Das Leiden an der normierten, gleichsam hartpolierten Oberfläche der politischen Sprache wird von den Akteuren selten geteilt. Es gehört zu den Berufsrisiken von Vordenkern, die Konzepte jenseits der Realisierbarkeit testen – im Schlagabtausch unter ihresgleichen, aber in steter Fühlung mit der Macht und den Prozessen, in denen sie sich zerstückelt und wiederherstellt, auf der ewigen Suche nach der verloren gegangenen Legitimität. Diese Legitimität ist es, die von den Akteuren wütend verteidigt wird und ihnen von der Zwischenschicht der ›Meinungsmacher‹ – ein Ausdruck, der nur noch achselzuckend Verwendung findet, weil die Sache zu groß für den Einzelnen zu sein scheint – nicht anders zugeteilt wird als den in Nationalparks zur Gesittung verdammten Raubtieren ihr täglicher Fraß durch die allgegenwärtigen Wildhüter. Wären wir nur politisch korrekt, so wäre die Sache damit abgetan, vor allem, wenn man bedenkt, dass die politischen Ideen seit langem als bekannt gelten und vermutlich wenig kreative Spielräume enthalten. Wir sind es aber nicht, wir sind wütend, weil wir die unsichtbaren Gitterstäbe in der Luft zu sehen glauben, gegen die wir weniger verzweifelt als zweifelnd anrennen, um dann doch lieber zum rechten Zeitpunkt das werte Haupt in Sicherheit zu bringen. Die Politik ist das Spielfeld – dieser Afterglaube eines unglücklichen Jahrhunderts mobilisiert zwar die Massen, aber er demoralisiert ihre Denker. Es macht sie nervös, wenn sie sehen, wie mindere Intelligenzen das Spiel machen. Nichts hindert sie einzugreifen, nur das Wissen um das Befremden, das sie unweigerlich auslösen, hält sie zurück. Sagen wir ruhig: es schlägt auf sie zurück, so dass sie wechselweise die herrschende Politik oder sich selbst als monströs empfinden. Der vollständig politisierte Mensch kann nur an der Politik leiden, es sei denn, er sitzt an den Hebeln der Macht oder unter seinesgleichen.

CURRYGESCHICHTE

C
Mann und Frau gehen durch den Covid-Winter. Hand in Hand, wie es sich im Märchen bewährt hat: er männlich, mutig, beherzt, 3x ge*pft, sie skeptisch, stichfrei – wie sie da gehen, ein Inbild inniger Verbundenheit im innerfamiliären Dissens, das ist schon sehens‑, mehr, das ist bemerkenswert, denn es vollzieht sich … es vollzieht sich in einem Land und zu einer Zeit, da solche Gesten sich im Absterben befinden und unbedingt staatlicher Fördermaßnahmen bedürften. Aber nichts da. Lieber wirft man das Geld anderweitig zum Fenster hinaus.
Mann und Frau gehen – nun ja, es ist noch nicht Nacht, es dunkelt nur, Grauen senkt sich auf das kleine ostfriesische Städtchen, ein Lichtpunkt funkelt… Ei ei, sprach die Hexe, wer knuspert an meinem Häuschen, es ist aber nur der Pommes-Verkäufer, er fragt die beiden nach ihrem Begehr, den fremden Herrn und die fremde Dame und beugt sich dabei über die von ihm verwalteten Kostbarkeiten. Denn es ist kalt und er nützt die Gelegenheit, um die Hände übereinander zu schlagen. Ei ei, spricht der Herr, er verfügt über einen angenehmen Bariton und schüttelt bedächtig die Eiskristalle aus ihm heraus, eine Currywurst wäre schon recht, oder hätten Sie zwei? Wie Sie wünschen, spricht der Hüter der Würste, die auf dem Grill unter seinen rissigen Händen brutzeln, Mayo oder Ketchup? Beides, beides, spricht der Herr, die Dame macht runde Augen dazu und senkt den Blick, denn sie rechnet in Kalorien.
Wir dürfen doch –? spricht der Herr und nähert sich einem der runden Tische, auf denen noch Reste früherer Kundschaft im Winde kullern. Aber gern, spricht der Geschäftsmann hinter der Theke, kann ich Ihren Verzehrberechtigungsschein, vulgo Impfnachweis sehen? – Wie gewählt Sie sich heute wieder ausdrücken, scherzt der die Börse zückende Herr, je kälter der Abend, desto schärfer die Bestimmungen. – So ist es, entgegnet fröstelnd der Geschäftsmann, und jetzt den zweiten! – Den zweiten? – Den zweiten, wenn’s recht ist. Sie wollen doch zwei? Apropos: mit Haut oder ohne?
Ei ei, spricht der Herr, das ist nicht Ihr Ernst, ich stehe gerade vor Ihnen und möchte zwei Würste bezahlen, meinetwegen abgezogen, ein wenig Pommes dabei, aber das versteht sich doch praktisch von selbst.
Ich habe, tönt der Pommesmann, jetzt wirklich die Faxen dicke. Pro Ausweis gibt’s eine Currywurst, mit oder ohne, ganz wie Sie wünschen. Wissen Sie – er beugt sich noch weiter vor, sein Antlitz verdunkelt den hellen Schein seiner Bude –, hier laufen Curryleugner herum, man weiß nicht woher, der Curryleugner ist unser Unglück. Kein Fußbreit für dieses Gesocks. Meine Currywurst, sagt die Polizei, die uns jetzt stundenweise beobachtet, ist praktisch das Dienstsiegel der Verimpfung. Wer den dritten Grad nicht erreicht hat, für den bleibt sie unerreichbar. Und wissen Sie was? Die haben recht. Ich komme nicht viel zum Lesen, ich reime mir die Dinge gern selber zusammen, aber die haben recht, sage ich Ihnen. Was meinen Sie, wäre sonst hier los? Bis zum letzten Blutstropfen! Mir kommt kein Schwurbler aus. Wer leugnet, der hat schon gegessen. Und zack –! Nicht von meiner Pappe!
Das ist schade, ich meine jetzt für Sie, murmelt der Herr. Er beugt sich zur Dame und flüstert mit ihr, man sieht sie die Straße hinuntergehen und langsam im Dunkel verschwinden. Aber er hat doch gar nicht geleugnet, giftet die bis dato schweigsame Pommesfrau, warum warst du so streng zu den beiden? War ich das, brummt ihr Herzensgatte, war ich das? Man muss hart sein und wir sind die einzigen Pommesverkäufer am Platze. Wehret den Anfängen!

DÄMONENSCHEU

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Die Dämonenscheu wächst, unter dem Vorwand der Ratio, ins Ungeheure. Vernünftig sein heißt, den Dämonen nicht Raum geben – das ist eine Definition und nicht die schlechteste. Man versteht plötzlich die zarten Gemüter, die eine Malerei als düster empfinden, in der die Dämonen ... nein nein, nicht wüten, vielmehr herumspazieren, als handle es sich um Lustgärten, die eigens für sie angelegt wurden. Eine lichte Malerei – was ist das? Ein Versäumnis. »Schweig, Kind, so etwas sagt man nicht.« Aber was sagt man dann? Am besten gar nichts. Man verlagert die Rede, man redet von etwas anderem. Bei Platon etwa oder bei Goethe ist das Dämonische eine unpersönliche Instanz. Sich vor ihr verneigen heißt, den dämonischen Fratzen, den halb- und dreiviertelpersönlichen Angstmachern die glatte Stirn bieten, die Fassade der Arglosigkeit. Was hinter ihr vorgeht, geht niemanden etwas an. Oder doch? Sollte nicht eine verschwiegene Kommunikation, ein kleiner Grenzverkehr, über den man besser schweigt, die Drahtverhaue und Selbstschussanlagen einer rat- und rastlos der unbekannten Vernunft opfernden Scheu überwinden? Man kann nicht über Engel reden, ohne über Dämonen zu schweigen. Das ist der Punkt.

DÄMONENSCHNACK

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Ichschwäche ist eine schöne Vokabel, die viel Unsinn gebiert. Zur Ichschwäche gehört der Dämonenglaube. Er personalisiert, wo das starke Ich glaubt überwunden zu haben oder wo es überhaupt überwunden glaubt. Seit die Philosophie als eine letzte Form des Dämonenglaubens aus dem in schöner Idiotie ›gesellschaftliches Bewusstsein‹ genannten Vorurteil getilgt wurde, grassiert der theorieentkleidete Dämon und erschreckt seine Kundschaft diesseits und jenseits des Lethestroms, in dem das schöne Überhaupt versank. Das ist verständlich, denn überall dort, wo sich Menschen einer großen Leistung verschreiben – den Aufgaben der Kultur, der Gesellschaft, speziell der Zukunftsvorsorge –, überall dort also, wo Unpersönlichkeit gefordert wird, wo sie bis zum Äußersten geht, dort geht sie fort bis zum – nun, bis zum Abwinken, das weder Sieg noch Niederlage eines Konzepts bedeutet, sondern seine Erschöpfung. Es gibt Momente, in denen das ›Ich denke‹ nicht das Ich stabilisiert, sondern die Gegenseite. Dann personalisiert sich die unter dem Diktat des vernünftigen Ich zur Impersonalität verurteilte Affektseite und erfreut oder ängstigt das offene Ich mit ihren Heimsuchungen. Das Passionswesen trägt seinen Namen mit vollem Recht. Der Dämonen sind viele. Das erschreckt wenig, wenn auch die Vernunft sich diversifiziert. Im Schatten des ›Alles geht‹ schließlich tritt der Dämon in voller Kraft hervor: stark, einig, all-einig, bereit, zu züchtigen und widerrufen zu lassen, was sich an verzweifelter Freiheit auftut, bringt er die Frommen auf den Plan, die seine Ankunft lange erwartet haben. Auch der Antichrist ist eine der Kultur inhärente Figur. Die Reflexion selbst treibt ihn hervor, wenn sie, wie einst der Hexenwahn, die Massen ergreift.

DAMENWAHL

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Im Jahre des Herrn 2015 stürzte eine vom Parlament des Volkes gewählte Kanzlerin, unterstützt vom willfährigsten aller Präsidenten, ihr Land und den erreichbaren Kontinent in politische Agonie: Warum? Weil sie es leid war, bloß nach Recht und Gesetz zu regieren und stattdessen ihrem Machtinstinkt folgte? Weil es sie überkam wie ein exotischer Einfall, der doch auch einmal ausgelebt werden wollte? Weil es sie fröstelte auf den Höhen der Macht und sie einfach nur gut zu sein wünschte? Wer wird schon so weit denken! Das wahre Wunder, vergleichbar dem der Resurrektion oder den Stigmata jener Resl von Konnersreuth, deren Karfreitagsblutungen einst halb Europa verstörten, bestand aber in der Folgsamkeit, mit der ein, relativ gesprochen, großes Land sich kurzerhand selbst zerlegte und der Herrin an den Urnen dennoch die Treue hielt. So durfte sie ganz allein drei altgediente Parteien verschleißen, deren jede, gemessen an ihrer Herkunft und ihren historisch gewachsenen Ansprüchen, die Entfernung der Amtsinhaberin hätte betreiben müssen. Stattdessen vermochten ihre führenden Köpfe nicht einmal versuchsweise einen solchen Gedanken zuzulassen. Gegen jeden Staatsrechtslehrer, der ihr Verfassungsbruch bescheinigte, standen zwanzig auf, die dem verehrten Kollegen vorhielten, unter die Spökenkieker oder gleich unter die Feinde der Demokratie, genauer, des demokratischen Aufbaus gegangen zu sein und sich an ihrem Berufsstand zu vergehen. Die Medien applaudierten und apportierten und beeilten sich, jede an höherer Stelle unerwünschte Meinung beiseite zu bringen, Tatsachen oder, da die Welt der Information dicht ist, Informationen inbegriffen, während immer mehr Leute dahinterkamen, welches Spiel hier gespielt wurde, und ihr Leib-und-Magenblatt kurzerhand abbestellten. Man nennt das Erosion. Sie blieb auch nicht auf Zeitungen beschränkt, sondern griff auf die ältesten Stützen des Systems, die Kirchen über, deren Vorstände sich geschmeichelt fühlten, wieder an gehobener Stelle dienen zu dürfen – wie in alten Zeiten, wie in alten Zeiten. »Wie kann Bedeutungsverlust sein, was mein Bedeutungsbewusstsein steigert?« So wird sich der eine oder andere Kirchenfürst gedacht haben, entzückt, auch einmal selbst zur Kreuzabnahme schreiten zu dürfen. »Wohin mit dem Leichnam?« So fragen viele seither, nicht Christen allein. Es begab sich aber, dass einer großen Zahl von Ungläubigen der Glaube plötzlich kostbarer erschien als den notorisch Gläubigen, denen bekanntlich nichts abgeht, solange sonntags alles seine Ordnung hat – wochentags sorgt ohnehin jeder für sich selbst. Die Kanzlerin aber, schwebend auf Wolke Sieben, versunken in den Anblick der heimlich von ihren Helfern mit Stoff versorgten Halleluja-Chöre, rief ihre Paladine zusammen, zählte die Häupter der Amtsmüden, doch unverändert Karrieresüchtigen, redete jedem tüchtig ins Gewissen und wies vorsorglich darauf hin, dass ihre weltgeschichtliche Sendung noch nicht vollendet sei: »Denn schließlich sind wir jetzt da.« Und so geschah es dann auch.

DAMPFPLAUDERER

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Wir entfernen uns schnell von den Katarakten und Stromschnellen vergangener Debatten - allzu schnell, wie manche meinen, doch es hat auch etwas Tröstliches. Wer eben noch, eher träumerisch aus dem Nähkästchen einer unausgegorenen Zukunft plaudernd, den Grimm der Auguren heraufbeschwor, tritt einem heute, feist geworden, als etwas entgegen, das man in weniger geschlechtergerechten Zeiten einen Dampfplauderer nannte und nicht unbedingt mit philosophischen Qualitäten verband. ›Eher weniger‹ – das Motto könnte man über viele Erregungen setzen, in denen sich Gesellschaft intellektuell wird. Zuverlässig informiert die Wortverbindung ›intellektuelle Erregung‹ darüber, wie Denken in der Gesellschaft ankommt, falls ihm das jemals gelingt: als eine Art Schüttelfrost, der die Ärzte aufspringen und die altbewährten Mittelchen verordnen lässt, während sie bereits wieder hinter die Kulisse eilen, wo der nächste Privatpatient auf sie wartet. Diese Ärzte... Man könnte den Kopf über sie schütteln und Nachforschungen anstellen, wie und wo sie sich ihre Meriten erwarben, aber das wäre unfein und das Meiste ist auch bekannt. Doch scheint es Kollegen zu geben, die einst weniger zum Zuge kamen und ihren Groll mit ins Grab nahmen; nur die nächsten Angehörigen wissen davon und verteilen ihre Kenntnis in feinen Dosen.

DANEBEN

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Ein Holzkopf, der einen großen Maler bezichtigt, nicht malen zu können, sieht vielleicht mehr als der Maler, denn er sieht das Daneben. Das Daneben als die Folie aller Malerei, vielleicht aller Kunst, ist das, was sie in der Zeit hält. Das Daneben lässt sich nicht wegdenken, ohne dass man die Kunst wegdächte. Es bleibt aber daneben, es bleibt eine falsche Sicht, erträglich nur dann, wenn es wechselt. Kriegsheimkehrer, dem immer gleichen Daneben verhaftet, haben der Kunst mehr geschadet als ihre Verächter. Man muss die Kunst ein wenig verachten, um sie zu verstehen, und man muss sie verstehen, um sie zu sehen. Nun, man muss sie nicht sehen, vielleicht will sie nicht wirklich gesehen werden, jedenfalls nicht, solange es dem Geschäft schadet. Aber ein wenig sollte man schon. Wozu gäbe es sie sonst? Sagt die Verachtung.

DARÜBERREDEN

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Das Verstummen vor großen Kunstwerken ist barbarisch und reell, selbst das elaborierteste Darüberreden quatscht sie herunter, nichts anderes ist ihm inhärent. Aber vielleicht liegt auch darin eine Kunst, entfernt verwandt der Lebenskunst, die nicht teilt, weil sie nichts besitzt außer dem Reichtum, der aus den Poren quillt und an der Luft verdunstet. Die Kunst des Verstummens, im Leben so glorreich wie vernichtend im Kunsthandwerk, tritt spontan vor die großen Kunstwerke hin, sie gesellt sich zu ihnen von gleich zu gleich, es wäre lächerlich, zu behaupten, sie werde geübt. Das Herunterquatschen dagegen ist reine Übung, zu nichts nütze, außer am Folgetag fortgesetzt zu werden. Wie jemand morgens aufsteht, duscht, sich ankleidet, frühstückt und das Haus verlässt, um abends ermattet in die Kissen zu kriechen, so erhebt sich das Herunterquatschen vor den Arbeiten der Künstler, um niederzusinken: Brückenwerke für einen Tag, über die ein Ochsengespann zieht, einsam, einem fernen Horizont zu. »Lass uns darüber reden«, sagt der Agent, er meint das Geld, das die Sache einbringt, aber sein Angebot bringt den Horizont zum Leuchten. Ein Sonnenuntergang mehr, da ist nichts zu machen. Jedes Kunstwerk ist das letzte. Was nach ihm kommt, liegt im Ungewissen. Man hat noch nichts gesehen, man will es wissen, hat aber nichts in der Hand. Ein Prospekt wäre viel, manche gäben den Anblick dafür hin.

DASEIN

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Dasein kann man nicht lehren und tut es doch, alle Welt tut es, falls nicht, tut es die Nacht. In der Philosophie finden sich Wörter dafür, sie ›leuchten ein‹ oder auch nicht, geht man in die Breite, dann versinken sie im Gezänk. Vielleicht wird Dasein kenntlich durch diesen Gürtel aus Gezänk, der es umschließt. So weilt man in Gedanken lieber bei denen, die nicht mehr da sind, und was ihnen an Fürchterlichem widerfahren sein mag, es kommt nicht an gegen die Nähe, die man empfindet, wenn man sie liest oder ›ihrer gedenkt‹: seltsam ungelenker Ausdruck für etwas, das der Gelenke fast gar nicht bedarf. Dass gerade hier von interessierter Seite heftig gelenkt wird, nimmt nicht wunder, schließlich ist jede Art von Intimität, zumindest geistiger, ein Verbrechen gegen die Gesellschaft und muss erodiert werden. Dasein lernt man von denen, die nicht mehr da sind. Was war, leuchtet aus der Tiefe der Zeit, dass Zeit tief ist, gehört schon zum Dasein. Alles Herkommen ist nur ein Herunterkommen, schließlich gehört den Heruntergekommenen das, was sie die Gegenwart nennen. Schenk sie ihnen! Gegen- oder widerwärtig zu sein ist eine Hauptaufgabe, die immer gelöst werden muss. Auch dich nimmt sie nicht aus. Sie nimmt dich mit, deine Organe zeugen davon. Als Zeuge bist du rasch ein Versager, es fällt dir schwer, dich auf die justitiablen Aspekte zu konzentrieren, was geschieht, verwandelt sich, während es dich durchläuft. Kein Zeuge zu sein wäre die Aufgabe, schwer zu lösen, beinahe unmöglich und fast schon unsittlich, weil ohne Zeugen bloß das Verbrechen negiert.

DAUMESDICK

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Verstehe einer die Welt. Was gibt es da zu verstehen? Gib der Welt einen Sinn! Leichter gesagt als getan. »Gib dem Leben einen Sinn!« – so flüstert die Werbebranche, die das Leben für einen Kleiderhaken und Sinn für eine Parfüm-Marke ausgibt, in der alle anderen Platz finden. Es ist leichter, dem Leben einen Sinn, als der Welt einen Kinnhaken zu verpassen. Mit dem Sinn der Welt hält sich keiner auf. Was die Sprache ›Weltsinn‹ nennt, ist der Verzicht darauf, ihr einen zu suchen oder zu verpassen, wie es so sinnreich heißt. Der verpasste Weltsinn steht in eigensinnigem Widerspruch zur Welt der Verpasser, er passt nicht in sie hinein, er steht abseits. Man könnte ihn umrunden, bloß um zu sehen, was hinter ihm steckt, aber dazu bedürfte es der Umkehr, die den wenigsten mundet. Die meisten erhaschen einen ersten und letzten Blick auf ihn, wenn er im Rückspiegel verschwindet. Und das ist viel. Ein Verpasser kommt selten allein, es ist das Rudel, das diese Dinge veranlasst, der Einzelne hat dabei wenig zu melden. Aber er darf mit sich ringen, das ist ein feiner Zug und verhindert, dass sich das Rudel vor dem Einlauf zerlegt.

DAVONLAUFEN

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Wenn Sie immer davonlaufen wollen, wird es bald eng, das wissen Sie, aber es hält Sie nicht auf. Also? Wo gehen wir hin? Treiben Sie das Spiel, wie Sie wollen, aber nicht bis zum Äußersten. Das Äußerste, da haben Sie recht, ist ein großes Ziel, wert aller Anstrengung, wert auch, dass man alles andere wegwirft, dass man sich wegwirft... sehen Sie, da beginnt es. Sie können sich wegwerfen, das ist wahr. Sie können sich auch aufheben, das ebenso wahr und überdies falsch, denn, wie Sie wissen, nichts ist auf Dauer aufgehoben. Auf die Dauer ist jede Aufhebung passé. Sie haben also die Wahl, sich gleich wegzuwerfen oder Stückchen für Stückchen, peu à peu. Das hat Konsequenzen, die nicht jeder gleich überschaut. Und wenn schon. Zum Beispiel könnte es vorkommen, dass Sie hier und da ein größeres Stück von sich unterwegs verlieren, einfach so, weil Sie schon daran gewöhnt sind, dass alles in Auflösung – wie sagt man? – begriffen ist. Sie wollen auch kein Aufsehen, das ganz sicher nicht, daher schauen Sie sich gar nicht erst um. So verliert man den Überblick, irgendwann weiß man nicht mehr, was an einem dran ist und was schon fort, so gerät man ins Feuer der Zweifel. Oder Sie sind plötzlich in Geberlaune, das soll vorkommen, im Grunde ehrt es Sie, und Sie spenden mit Freuden, wovon Sie nichts, nicht das kleinste Fitzelchen hergeben dürften, wäre es Ihnen ernst mit Ihrer Person oder Identität oder wie Sie sich sonst nennen, dort, wo die Namen von einem abfallen und anstelle der Nacktheit die innere Kleiderstange zum Vorschein kommt, die allem den Halt gibt, den eine Form nun einmal benötigt. Aber das ist ja... Ja? Was wollten Sie sagen? Nein? Zum Davonlaufen, nicht wahr? Das wollten Sie sagen, stellen Sie sich nicht so an, ich seh es an Ihrem Gesicht und an der Art, wie Sie die Wange verbergen. Davon rede ich doch... Im Davonlaufen steckt eine Kraft, die dem abgeht, der immer standhält. Irgendwann wird sie böse, aber das ist eine andere Geschichte. Vielleicht auch nicht, vielleicht sollte man sich stärker damit befassen. Das Davonlaufen, als schöne Pflicht betrachtet, halten die Leute gern für die Kür und klatschen Beifall, was sonst? So kann man sich täuschen. Erst wenn der Davonläufer um sich schlägt und darauf beharrt, dass er einer Pflicht obliegt, werden sie ärgerlich und finden es nach und nach unerhört. Wer den ersten Preis im Davonlaufen errungen hat, sollte sich daher zufrieden geben und nach Hause gehen. Nach Hause? Leicht gesagt, da liegt das Problem.

D-DAY

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Das Gros der Weltkrieg-II-Soldaten liegt unter der Erde. Die wenigen, die noch leben, werden so sichtbarer, wenngleich nur auf kurze Zeit. Sie haben ihr Leben gelebt – die meisten von ihnen in der gusseisernen Überzeugung, wenn nicht das Rechte, so das Gebotene getan zu haben – und fanden daran keinen Makel. Sie waren Überlebende. Die Zartbesaiteten taten sich damit schwerer, sie gingen zuerst. Kriegsversehrt waren sie alle. Das große Morden steckte ihnen in den Knochen und begehrte im Sterben noch einmal Ausgang. Sie haben, mit Berechtigungspapieren und Stempeln an den vorgeschriebenen Stellen, auf Geheiß der Sieger und aus unterschiedlichen Antrieben den einen oder anderen Staat errichtet. Doch das kam danach. Sie blieben Davongekommene. Daraus entsprangen ihr Hochmut und ihre Verblendung. ›Nach uns wird kommen / Nichts Nennenswertes.‹ Brechts Diktum könnte über jedem einzelnen dieser Leben stehen, auch wenn das eine oder andere wütend Protest erhöbe. Diese mit Trauer grundierte Herablassung, dieses Glauben-zu-Wissen war fürchterlich für die folgende Generation, zu spät und zu selten als Zeichen der Ausweglosigkeit erkannt. Vielleicht werden so Staaten gegründet, vielleicht entsteht daraus die strukturelle Gewalt, die sich nicht mehr aus ihnen entfernen lässt. Glauben-zu-Wissen, das ist als Formel der Konversion schlagender als jenes ›Schwerter zu Pflugscharen‹, an dem sich die Ostgewaltigen ritzten. Was daran Glauben, was Wissen sein mag, wissen die Götter, unscheinbare, in den Tempeln des Nachkriegs nicht zugelassene Leute, die ihr Zeugnis für sich behalten.

DEBATTENANZÜNDER

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Wie entzündet man eine Debatte? Was man braucht, ist ein Thema. Ich verrate Ihnen, im Grunde ist jedes Thema eine Debatte. Wir beide können sie führen oder auch nicht, dann führen sie andere. Ohne Debatte kein Thema, ohne Thema keine Debatte: so einfach ist das. Ganz anders liegt die Sache, wenn eine Nation debattiert. Die Nation debattiert ohne Wenn und Aber, so dass sich mit Fug sagen lässt, an dieser Debatte kommt keiner vorbei, zum Beispiel, wenn er auf Sitz und Stimme im Parlament spekuliert. Gesetzt, Sie wünschen diese Debatte nicht, Sie wünschen nicht, dass sie geführt wird, weil Sie finden, sie führt zu nichts und schadet Ihrer Meinungsführerschaft, dann brauchen Sie eine andere. Und um die zu bekommen – ganz recht –, brauchen Sie den Debattenanzünder.
Ist er ein Mensch? Klare Antwort: nein. Sie können einen Menschen zu allem möglichen gebrauchen, aber nicht als Debattenanzünder. Ist er ein Gerät, käuflich zu erwerben und auf den Tisch zu stellen? Man hält ein Thema dran und schon hat man die gewünschte Debatte? So einfach könnte es sein, doch leider…
Wo Mensch und Gerät passen müssen, geht was geradewegs durch? Zeit. Ganz recht. Die Zeit geht überall durch. Wie soll ich’s erklären … Sie kennen Wärmetauscher? Sagen wir: ein Debattenanzünder ist ein Zeittauscher. Wie das geht? Passen Sie auf. Sie sammeln ein paar Menschen, drücken ihnen ein Plakat in die Hand, auf dem das Wort »Zukunft« steht, und stellen sie auf einen öffentlichen Platz. Dann lassen Sie sie von allen Seiten ablichten und warten ab. Nichts geschieht. Sie mieten sich einen Debattenanzünder und er beruhigt Sie im Handumdrehen: »Das haben wir gleich.«
Der Debattenanzünder kommt aus dem Nichts. Das bringt die Sache so mit sich, es brächte auch nichts, sie anders zu sehen. Wer nichts an der Backe und nichts in der Hand hat, was hat der am Ärmel? Ganz recht, ein Händchen. Nun, der Debattenanzünder verfügt, wie alles aus seiner Zunft, über ein Zauberhändchen. Sehen Sie hin! Plötzlich, einfach so aus dem Nichts, steht auf dem Plakat: »… und nichts geschieht!«
Da sehen Sie schon, das beunruhigt die ersten Passanten. Sie finden, hier müsste etwas geschehen und nichts geschieht. So etwas ärgert den Konsumenten: Gleich fühlt er sich um den Eintritt geprellt.
Warten Sie ab. Erkennen Sie das zweite und dritte Plakat gleich neben dem ersten? Was steht darauf? »Warum geschieht nichts?« »Was muss noch geschehen, damit etwas geschieht?«
Sie denken, das ist jetzt aber eine akademische Frage, wo bleibt der Philosoph, der sie beantworten könnte? So geht der gesunde Mensch in die Irre. Bemerken Sie das vierte Plakat gleich neben dem dritten? Schauen Sie, da steht es schwarz auf weiß: »Heute entscheidet sich unsere Zukunft und nichts geschieht!«
Hoppla, denken Sie, diese Leute kennen bereits ihre Zukunft, das ist unfair, warum weiß bloß ich nicht, wie’s weitergeht? Aber Sie wissen es doch! Blind vor Eifer schnappen Sie sich das Plakat, das gerade herumliegt, halten es hoch und stellen sich damit in Reih und Glied. Gruppennutz geht vor Eigennutz. Was steht auf Ihrem Plakat? »Zukunft geht alle an!«
Wer sind alle, grübeln Sie und fast verfehlen Sie darüber den Heimweg. Erst vor dem Fernseher fällt es Ihnen wieder ein. Denn wie der Moderator zu sagen weiß, Zukunft geht alle an. Jetzt sehen Sie auch das Plakat, nicht Ihres, es füllt die Rückseite des Studios und lautet: »Wie wollen wir morgen leben?« Komfortabel, denken Sie sich, wie sonst? Wie soll ich leben wollen? Will ich denn anders leben? Nicht wirklich, denken Sie sich. Nichts ist gefährlicher als ein Blankoscheck für Gefährder, die sich ein zweites Leben verschaffen wollen, indem sie meines verändern. Weiß der Mensch nicht, wie nichtssagend seine Frage ist? Er sollte sich schämen. Stattdessen beschämt er Sie mit dem einfachsten Mittel: mit einer Umfrage. »Soll alles so weitergehen wie bisher oder finden Sie, es muss sich ändern?« Schon wächst Ihre Besorgnis und siehe da: 85,6% – in Worten: fünfundachtzigkommasechs Prozent – der Befragten finden, dass sich etwas ändern muss, und zwar unverzüglich. »Die Politik ist aufgerufen, dafür zu sorgen…«
Vergessen Sie nie, Ihren Debattenanzünder ordentlich zu bezahlen. Er könnte sonst aus Versehen Ihr Haus in Brand stecken und das wäre, so aus dem Nichts, ziemlich lächerlich.

DEFINITIONSMACHT

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Solange die Definitionsmacht über die Kunst, sagen wir: bei einigen New Yorker Galeristen und Museumsleuten liegt, solange liegt sie gut, so gut wie fest. Was will man mehr? Ich frage: Was will man mehr? Jedoch sollte sie einst, aus Gründen, die keiner überblickt, ins Rollen geraten, sollte sie, denn ausgeschlossen ist nichts hinieden, auf dich zurollen, dann... dann... Ja, was dann? Was denn dann? Freude, Frohlocken über ein sichtbar gewordenes Stück Freiheit, ein wenig – wie sagt man? – Eigenwelt? Nein? Was dann? Betretenes Schweigen? Wegsehen, Wiederhinsehen, Panik? Springst du dann auf und läufst vor ihr davon, aus lauter ungesicherter Angst, sie könnte über dich wegrollen? Wohin könnte sie wohl rollen wollen, wenn sie erst einmal den Weg über dich genommen hat! Riefest du dann, noch platt vor Entsetzen, hinter ihr her: »Habe ichs nicht gesagt? Habe ich es nicht vorher... schon gut... gesagt?« Sei gewarnt: es könnte doch sein, dass sie zurückkommt und noch einmal den Weg über dich nimmt, immer wieder, bis nur noch ein wimmerndes Bündel zurückbleibt, unfähig, die zerschlagenen Arme zu heben und »Halt! Halt!« zu rufen, wie es sich nun einmal gehört. So ein Urteil wiegt schwer. Arme Schildkröte, kein Panzer hält das aus. Jedenfalls nicht auf Dauer.

DEKLAMMEROSKOPIE

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Die Deklammeroskopie (aus altd. Klammer, altgr. σκοπείν skopeín ›spähen‹) dient der Erforschung des Volkskörpers, genauer der Entdeckung, Ausforschung und Anprangerung von Elementen, die sich der Klammer der zum jeweils aktuellen Zeitpunkt angesagten Gemeinschaft allein oder gemeinschaftlich mit anderen entzogen haben, sich zu entziehen im Begriff sind oder sich in näherer oder fernerer Zukunft zu entziehen gedenken. Die Deklammerung (lat. de- ›ent-‹) wird gemeinhin als Akt der Subversion, soll heißen der ›Entbürgerlichung‹ im weiteren Sinn begriffen. Der Ausdruck umfasst sowohl die aktive als auch die passive Version desselben Vorgangs – den unaufhaltsamen Verlust bürgerlicher Ehren- und sonstiger Rechte, als da (beispielsweise für Literatur- und Filmschaffende) sind: das allen Menschen gemeinen Sinnes zustehende Recht, vom Bundespräsidenten empfangen und / oder geehrt zu werden, vom Hausverlag / Hausverleih der Kulturschickeria verlegt / verliehen / vermarktet, von der Kulturschickeria des Landes besprochen / verehrt / belächelt / mit Sottisen bedacht zu werden, von ahnungslosen Menschen ›draußen im Lande‹ gekauft, angelesen / angeschaut, resigniert in die Ecke gelegt, ins Regal geschoben oder über einen Online-Verkäufer aus dem Gesichtsfeld entfernt, schließlich, sofern es sich um einen Autor / eine Autorin von Verkaufsrang handeln sollte, seitens gewisser Buchhandlungen zu sogenannten Lesungen mit abschließendem Signierzwang geordert zu werden und dergleichen mehr. Der / die – aktiv oder passiv – Entbürgerlichte sollte tunlichst den Gedanken vergessen, irgendwann im Laufe seines / ihres Lebens für etwas in der Art des Nobelpreises / Goldenen Bären u. dgl. nominiert zu werden. ›Vergiss es!‹ steht als Motto über dem Leben der Entbürgerlichten oder aus der bürgerlichen Mitte des Landes Entfernten; manche fügen aus eigenem Antrieb hinzu: ›So soll es sein.‹
Die zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts sind die Zeit einiger überflüssiger, aber lesenswerter Dissertationen über das Thema: »Kann Deklammerung rückgängig gemacht werden?« Sämtliche Autoren verneinen die Frage, mit Ausnahme eines, dessen Arbeit allerdings nie in Fachzeitschriften besprochen wurde und daher als nicht ins Bewusstsein der Menschen gedrungen gilt. Einem aus dem Bewusstsein der Menschen gestrichenen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts verdanken wir eine der frühesten Definitionen der Deklammerung: »Deklammerung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.« Allerdings tobt unter den berufenen Interpreten ein Kampf um die Frage, ob eine Sentenz, in der die beiden seit der letzten Rechtschreibreform getrennten Wörter ›selbst‹ und ›verschuldet‹ zusammengeschrieben werden, noch zitationsfähig und nicht vielmehr unter die pudenda (lat. ›Schamteile‹) des alten Denkens zu rechnen sei. Diese Diskussion wird aber bloß akademisch geführt, da die Kenntnis des Lateinischen bei den unter Hundertjährigen nicht mehr vorausgesetzt werden kann und daher als versuchte Deklammerung gilt. Als Pionier der Deklammerung kann übrigens Otto Lilienthal angesehen werden, der stets klamme Erfinder von Gleitmaschinen, aus denen sich das moderne Flugzeug entwickeln sollte. Er schaffte es in seinem Leben zwar nur von Anklam nach Berlin, aber die wenigen Hopser, mit denen er sich von seiner Umgebung abhob, ließen ihn bereits zu Lebzeiten als Ausreißer erscheinen und sorgten letztendlich dafür, dass sein Name während der Dritten Großumbenennungsmaßnahme von sämtlichen Straßenschildern des Landes wieder verschwand. Das spurlose Verschwinden geläufiger Straßennamen gilt als bekanntes Symptom der Deklammerose, einer epidemisch auftretenden Krankheit, die neben Herz und Lunge vor allem das Gedächtnis der Menschen befällt, und zwar in der Regel gleichzeitig an unterschiedlichen, bloß durch Medien miteinander verbundenen Orten.

DELTA

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Die intellektuellen Bewegungen in Westdeutschland seit den frühen siebziger Jahren, also zu meiner Zeit, wurden von drei, vier, vielleicht sechs Verlagen gemacht – mit starrem Blick auf das Machbare, internationaler Erfahrung, aufeinander eingespielten Autoren mit dem richtigen Sinn für Bezüge, guten Kontakten und einem eisernen Willen, links und rechts des Weges nichts Nennenswertes aufkommen zu lassen. Die Wissenschaften haben es ihnen auf ihre Weise gedankt. Man könnte die Gelehrten jener Jahre ›Reihengelehrte‹ nennen, wären damit nicht auch andere, selbstverständlich unstatthafte Assoziationen verbunden. Der Erfolg hat diese Verlage in das große Delta des amerikanischen Marktes hinausgetrieben, in dem sie nach und nach Richtung und Antrieb verloren. Seither ›covern‹ sie die gähnende Langeweile ihrer europäischen home markets mit Bestsellern aus den Schreibstuben elitärer Wissensfabriken, in denen vor allem eines herrscht: Hochdruck – eine ausgefallene ›Bedingung‹ für das, was idealiter alle Zeit der Welt bräuchte, um zu werden. Doch man täuscht sich leicht. Europa ist anders. Nicht viel, aber... anders. Zwar übt es sich in den Verrenkungen des Juniorpartners, zur Belustigung seiner asiatischen Partner und unter dem lässigen Hochmutsblick der amerikanischen Freunde, die der übrigen Welt so weit enteilt sind, aber allen ist klar, dass dabei nur die Einfältigen und die Schlaumeier auf ihre Kosten kommen. Eine Lage, in der die Intelligenz eines Landes oder eines Kontinents in Fragen des Denkens und Wissens nicht mehr zum Zuge kommt, ist noch gar nicht analysiert worden. Es gibt nur eine Vokabel dafür und die ist historisch besetzt: Zivilisationsbruch. Fragt sich, wer eine solche Untersuchung beginnen könnte – die Gelangweilten? Die Frustrierten? Die um die Mitte des Lebens herum Abgewrackten? Die panischen Selbstretter mit dem sardonischen Lächeln und dem Willen zur absoluten Lüge? Die absolute Lüge... nun, das wäre etwas. Darauf ließe sich vielleicht bauen. Ein Schiff, eine Arche... ein Ararat-Modell für den heillosen Verstand, dem es an nichts fehlt außer an Stoff. Der Stoff, das sind die anderen.

DEMOKRATIEBEWEGUNG

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Auch Demokratie muss sich bewegen, sonst schläft ihr der Arm ein oder ein wichtigeres Organ. Also bewegt sie sich mit trägem Wellenschlag über die Ozeane. Das stört die Statthalter des Bösen, sie halten ihren Untertanen Augen und Ohren zu und versuchen mit allen Mitteln zu verhindern, dass es schöne Bilder gibt. Die schönen Bilder umkreisen den Erdball und werfen begehrliche Blicke auf die schlimmen Orte. Dort wollen sie landen und sich vermehren.

DENKEN

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Das Denken erreicht sein Extrem dort, wo es das Denken des Denkens denkt oder zu denken vorgibt, denn der Schwindel, der es an dieser Stelle erfasst, ist nicht hintergehbar. Dabei wäre das Denken des Denkens leicht aufs Notwendige zu beschränken, hielte man sich nur an einige Grundregeln, ohne die auch hier nichts geht. Gerade das scheint unmöglich. »Es gibt keinen Grund«, sagen die Philosophen, »Sie müssen schon ins Freie herauskommen, wenn wir es Ihnen sagen.« Darin liegt eine ziemlich unfeine Anspielung auf Platons Höhlengleichnis, uns stört ebenso sehr das Müssen daran wie das Herauskommen, es ist schon mancher erschossen worden, der einer solchen Aufforderung Folge leistete – in Folge, wenn man so will und den Kalauer nicht fürchtet. Wer will schon in Folge erschossen werden? Das Denken des Denkens erfordert, für sich genommen, bereits den ganzen Menschen. Nicht wahr? Wahrlich, ich sage euch: den Menschen darüber hinaus, der das Denken des Denkens denkt, haben Dilettanten erfunden, um unseren Geist zu beschäftigen, der sonst frei hätte. Komm heraus ins Freie, ruft er, seit es so warm geworden ist, dass im Frühjahr die Birken blühen. Er ist ein Spötter. Wäre es denkbar, im Schatten des Gedachten zu ruhen wie Ionas unter dem Blatt? Undenkbar, wo geriete man hin! Der geschäftige Geist setzt seine Klammer um alles, es ist seine Art, sich herauszuziehen. Da sitzt er nun, gleichsam mit dem Klammerbeutel gepudert, und schert sich um nichts. Es sei denn, man sähe darin ein Zeichen und die letzte gedachte Klammer wäre die wirkliche.

DENKFABRIK

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Der Goldmacher will wissen, wie die anderen zu ihren Reichtümern kommen, da ihnen doch das Geheimnis des Goldmachens fehlt. Er weiß zwar, wie man Gold macht, aber in Wirklichkeit weiß er nichts. So jedenfalls könnte er denken, und um dem abzuhelfen beschließen, immer daran zu denken, wie es die anderen machen, und sich auf diese Weise ihre Reichtümer nach und nach anzueignen. Lasset uns eine Denkfabrik gründen, lasset uns die anderen einladen, in ihr zu arbeiten, auf dass wir sehen und lernen, was sie denken und wie sie arbeiten. Dann wird es uns an nichts fehlen. So denkt er und sein Gedanke ist die Tat. Das Ende vom Lied? Nun, er erfährt, wie die anderen denken und arbeiten, und darf sich glücklich schätzen, wenn er, außer Landes gejagt und mit Hohn und Schande bedeckt, sein Süppchen im Angesicht eines reizenden Abendhimmels genießt.

DENKKRAFT

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Wer einmal von der stillen Flut der Gedanken fortgezogen wurde, der weiß, wie wenig Besitzansprüche hier gelten: das Sich-Lösen und das Sich-Verbinden geschieht fast von allein, und was man Konzentration nennt, ähnelt mehr dem Gehorsam gegenüber dem Aufpasser als dem Denken selbst. Dennoch gibt es das konzentrierte Denken, es kommt als ›Verfassung‹ und hinterlässt Spuren (manche sagen: Kerben) im Gemüt, die sich lange erhalten, bis unbemerkt die leere Erinnerung an sie an ihre Stelle tritt und plötzliche Abstürze produziert – gerade dann, wenn man sich ganz ganz sicher ist… Das konzentrierte Denken beruht auf verschärfter Auslese, der Konzentrierte verwirft in Windeseile, was nicht ›zur Sache‹ gehört, und folgt damit irgendeiner Konvention oder einem vorgefassten ›Konzept‹, das er ebenso blitzschnell verwerfen kann, wenn es sich als irreführend erweist. Er kann aber auch in die Irre gehen, ja sicher, die Wahrscheinlichkeit sich zu irren ist der Konzentration inhärent.
Wer sich fragt, was wohl das Denken so anschärfen mag, gerät rasch an das Gefühl der Bedrohung. Wie physisches Bedrohtsein die Sinne spannt, so spannt das soziale Bedrohtsein den Intellekt. ›Du bist in eine Falle geraten, denk nach, wie Du Dich befreist!‹ – darin besteht das Grundmuster allen konzentrierten Denkens. Die klassischen Lagen, in denen konzentriert gedacht wird, lassen keinen anderen Ausweg zu als den einen: die Wortmeldung, hinter die es kein Zurück gibt, die Schreibtischsituation, in der es gilt, heute ›ein paar Seiten‹ zustande zu bringen (»Heute habe ich nichts zustande gebracht«), nicht zu vergessen die Examensklausur, die so viele Menschen blind für den naheliegendsten Gedanken werden lässt, während andere zu ungeahnter Hochform auflaufen.
Jeder weiß, dass all diese Situationen auch eine gewisse Blindheit produzieren – die Blindheit dessen, dem die Zeit knapp wird und der da jetzt durch muss. Es kommt also darauf an, wie einer sie beherrscht. Scharf denken heißt blind denken. Professionalisierung hilft, sie löst die Binde, um sie am nächsten Pfahl zu befestigen, dem der Professionalität: Kein Schritt über das abgezäunte Gelände der Profession hinaus! Dort draußen lauert der Absturz, der soziale Tod. Die Professionellen sind Löwen in ihrem Beruf und Schafe, sobald sie an eine eingeschriebene Grenze kommen und die Furcht sie regiert, sie unwillentlich zu überschreiten. Auch dieser Unwille lässt sich nach außen kehren: gegen mutigere Kollegen, die ›unkonventionell‹ zu denken wagen oder einfach in einer anderen Gedankenspur laufen. Vielen bedeutet die einmal übernommene Rolle Entlastung und schon ist es um ihre Denkkraft geschehen.

DENKSCHULDEN

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Stellt man die Leistungen der Nachkriegsdeutschen ›auf intellektuellem Gebiet‹ in einen weiteren Rahmen, so ergibt sich ein erstaunliches Potpourri aus Einseitigkeiten, leicht durchschaubaren Übertreibungen, fleißigen Adaptionen und einem gewissen Rezeptionsmarathon, das ebenso sehr von schlechtem Gewissen wie von der Angst herrühren dürfte, den Anschluss zu verlieren. Man hat wenig zu sagen außer dem gebetsmühlenhaft wiederholten Anderen zu einem unsäglichen Erbe. Darin steckt der kaum bemerkte, aber merkliche Verzicht auf primäre Weltsicht. Dieses zwanghafte Nach-Denken treibt langsam seinem biologischen Abgang entgegen und man weiß nicht, was an seine Stelle treten wird. Vorerst nichts, könnte man meinen, aber das scheint nur so. Immer bereitet sich etwas vor, wenn eine Disposition im Schwinden begriffen ist. Von Tüchtigkeit ist hier nicht die Rede. Tüchtig ist auch der Faule. Ohne ein gewisses Maß an Denkfaulheit ist Tüchtigkeit nur schwer zu erreichen. Tüchtigkeit türmt Schulden, könnte man mit einem Blick auf die gegenwärtigen fiskalischen Verhältnisse sagen. Denkschulden sind giftiger als Staats- oder Unternehmensschulden. Das muss so sein, da allen Unternehmungen Denkmuster vorausliegen. In diesen Regionen darf einer großzügig sein. Was dem einen Denken heißt, heißt dem anderen Strampeln. Zu bedeuten hat beides nichts. Wer glaubte, man könne die Sache mit Auftragsarbeit für Vordenker abdecken, stünde rasch im Freien.

DEUTSCHER

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Hier ist Deutschland, ich bin ein Deutscher. Wer hat mir das beigebracht? Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht daran erinnern. Es geschah in jener Tiefe der Zeiten, in der, wie in einem Abklingbecken, sich alle wesentlichen Ursprünge der Person auffinden lassen – Vorsicht! Es ist Teil dessen, was mich gemacht hat, ohne dass jemand Bekenntnisse oder Entschlüsse von mir erwartet hätte. Was meinen Sie? Ich bin hier geboren, ich bin nicht eingewandert. Ich kann keinem Vater, keiner Mutter, keinem Onkel oder sonstigen Verwandten die Verantwortung dafür aufbürden, dass es so gekommen ist. Nie habe ich mich entschlossen, Deutscher zu sein. Ich habe es nur irgendwann begriffen. Niemals habe ich die Staatsbürgerschaft dieses Landes beantragt, sie wurde mir ohne mein Zutun ›verliehen‹. Und wäre es anders, es liefe doch auf dasselbe hinaus: Dies ist mein Land. Ein anderes habe ich nicht, jedenfalls nicht in dem Sinn, dass ich ›mein‹ sagen könnte, selbst wenn ich Grundstücke rund um den Globus aufkaufte. Keine Sorge: ich nehme nicht an, dass es mir gehört. Wie ich gelegentlich vernehme, gehört es anderen, die sich darüber auffällig ausschweigen. Nicht mir ist es eigen, dies Land, es ist eigen. Wahrscheinlich bin ich ihm eigen, sicher bin ich ihm eigen, auch wenn die Zeiten vorbei sind, in denen die Einberufung zum Wehrdienst als realistische Option gelten musste. Sein Staat – mein Staat – hat in der Vergangenheit Menschenopfer verlangt und erhalten, von denen einem die Sinne schwinden. Zu mir war er freundlich, solange ich lebte und mich erinnern kann. Ich meine das nicht persönlich. Bin ich ihm etwas schuldig? Die Phrase klingt nach Schuld und da wird der Mensch hellhörig. Muss das sein? Spricht da ein sterblicher Gott, in dessen Schuld ›wir alle‹ stehen? Man hat mich nicht dazu abgerichtet, Fremdheitsempfindungen zu hegen, aber an dieser Stelle bin ich befremdet. Doch es bleibt wahr: dieses Land hat mich gemacht. Ich habe seine Schulen besucht, seine Landschaften bewohnt, seine Bewohner studiert, tagaus tagein, selbst im Traum verwende ich seine Sprache, ich wüsste nicht, was ich ohne sie dächte. Ich habe in ihm gearbeitet, geliebt, gelitten, all den Kleinkram praktiziert, den man Leben nennt. In ihm kenne ich mich aus. Doch, ich würde es verteidigen. Natürlich verteidige ich nicht alles, was in ihm geschieht, das wäre paranoid oder senil. Nein, ich kämpfe nicht für ein anderes Deutschland. Ich muss schlucken, wenn ich daran denke, dass dies in zehn, zwanzig, dreißig Jahren ein anderes Land sein wird. Ein anderes Land? Was ist das, ein anderes Land? Ich werde in einem anderen Land aufgewachsen sein und gelebt haben. Ich werde Geschichte, ich werde niemand sein. Ich? Mein Land? Die Leute werden sich wundern, wenn sie die alten Fotos sehen: keine Klauen? Keine Hörner? Kein bisschen Walhall? Keine Todeslager, kein Stalingrad? ›Wir‹ hatten Todesstreifen, vergessen? Stalinisten und kalte Krieger en gros, alte und neue. Wer wird meine Sprache sprechen, wer wird sie verstehen? Gestern, im Museum, las ich leichte Sprache. Ein Franzose fragte mich, was das sei. Da liegt der Kern meiner Unruhe offen: Wer wird mich hören? Hört mich noch einer? Will mich noch einer hören?

DEUTUNGEN

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Deutungen sind die Substanz der Freiheit, besonders wenn es um Wahrheiten geht. Neben der Brücke der Lüge – das Wort enthält auch Spuren wie Liebe –, die vor dem Weltmeer der Unwissenheit ihre abgebrochenen Bögen schwingt, schwirren Millionen deutende Zeigefinger als Vögel verkleidet zur Insel Utopia.
Als Grabbeau, er nannte sich damals noch Philip und trug sein rötliches Haar versteckt unter einem Dreispitz, an einem Frühlingstage von der Place de la Concorde aus eine Anzahl solcher befiederten Zeigefinger nach Süden fliegen sah, wusste er, was die Stunde geschlagen hatte. Wir wissen es leider nicht.
Deutungen könnten Lücken wie diese, die in der Geistesgeschichte des Alphabets nur von minderer Bedeutung sind, leichtfertig zur Ehre der Altäre erheben, auf dass gefällige Brüder sie anbeten mögen. Auch hier sieht man Anfänge jener Religion der aufgebrochenen Sprache, die Grabbeau vorsorglich für bessere Zeiten in Museumsbehältern gefangen hält. - PM

DIAGNOSE

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Wir sind doch keine Ärzte, die täglich dem Patienten, Gesellschaft genannt, die Diagnose stellen müssen. Erwachsen, wie er ist, kommt er ganz gut selber zurecht und misst auch brav seine Werte. Den Rest kann er nachschlagen, damit ist er beschäftigt. In dieser Hinsicht also wären wir frei. Was hindert einen, der frei ist, sich das Gesicht zu bemalen, die Finger zu spreizen und Faxen zu machen? Wenig, vielleicht Reste eines verborgenen Schamgefühls, man sollte ihn lassen. Nicht die Diagnose, sondern das Durcheinanderreden, dem immer neue Hiobsbotschaften einen Anflug von Irrsinn verleihen, lässt dich zusammenzucken. Die Diagnose zieht sich zurück, sie ist der stecknadelkopfgroße Punkt am Horizont, der nicht weggeht, aber auch nicht näherkommt. Alles was recht ist! Eine rechte Warnung ist ihr Geld wert oder man schlägt sie in den Wind. Alles, was näherkommt, trägt diesen Zug von Schlaumeierei im Gesicht, den du nur zu gut kennst. – »Du! Was weißt denn du? Selbstüberhebung, was?« – Eine Diagnose, aber presto.

DIALEKTIK

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Nicht wenige arbeiten still daran, die Dialektik von dem schlechten Ruf zu befreien, in den sie durch Gedankenlosigkeit und staatlich sanktionierten Missbrauch geraten ist. Ob man eines Tages Erfolg haben wird, hängt nicht zuletzt daran, ob es gelingt, sie vom Gestrüpp sogenannter Klassikertexte zu befreien. Ob man aus ihr nicht mehr über den Witz, seine Funktionsweise und seine Verbindungen zum wirklichen Denken erfährt als aus den trüben Spiegeln des Freudianismus, das ist die Frage, offen wie eh und je, doch im Prinzip nicht offener als die andere, ob nicht der dialektische Materialismus am Ende nur ein Witz war, ein blutiger, zugegeben, nichtsdestoweniger einer, der es in sich hat; ein Stück Menschheitsentwicklung als Parabel über die Menschheitsentwicklung zu entwerfen und durchzuführen, das wirkt im Nachhinein nicht viel anders, als gehe jemand hin und gestalte die Straße nach Maßgabe der Kehrbesen, die auf ihr Samba tanzen. Die Dialektik ist als der grosso modo vergebliche Versuch zu betrachten, den menschlichen Witz, der aus Laune entspringt und der Bereitschaft, sich nicht blindlings zu unterwerfen, das Meiste verdankt, arbeiten zu lassen – für die Geschichte, ihre vermeintlichen Lenker und wirklichen Henker.

DIENST NACH VORSCHRIFT

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Jeder weiß, dass Dekonstruktion nur ein Taschenspielertrick ist. Er weiß es als denkendes Wesen oder er ahnt es zumindest in Zonen, zu denen die halbgare Verwirrung nur schwer Zutritt findet, er weiß auch, was dieser Trick bezweckt: den Sturz alter und die Vorbereitung auf neue Götter. Woher also der seltsame, nicht enden wollende Eifer von Hermeneuten, die darin eine Methode, zumindest ein probates Verfahren der Zurichtung der von ihnen verwalteten Texte gefunden haben wollen? Etwas kommt ihnen entgegen, man muss es nur sehen. Sie glauben, etwas Festes auf Zeit zu finden, etwas, das dem Beziehungsleben gleicht, dem sie den größten Teil ihres Lebens opfern. Ein kommodes Opfer – das wird es sein. Der Dienst am Text im Modus des ungläubigen Taktierens ist alles andere als geruhsam, aber er bleibt lebbar.

DIETZSCH, STEFFEN

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Wir möchten einen Preis für den Philosophen vorschlagen, dem es gelungen ist, die lebhafte Reisetätigkeit des ehemaligen Ostblockbewohners in eine genuin philosophische Lebensform zu verwandeln und diese zu leben. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, wem er gebührt, möchten wir auch gleich mitteilen, an welchen Kandidaten wir dabei denken. Dietzsch, ein Apologet des Lachens, das keiner Gründe bedarf, weil es sie jederzeit mitzubringen sich anheischig machen würde, käme es einmal auf eine solche Befragung an, wurde zum Nietzscheaner, weil er Nietzsche, vermutlich irrtümlich, für den Prototyp des europäischen Intellektuellen hält – Feind jeder Gemeinschaft, die ihre Rituale und Kollektivmorde lebt, weil es draußen kalt und der Feind nah ist. Jeder, wie er sagt, doch er weiß schon, welcher er entrann, und er registriert die ideologischen Reparaturtrupps, die schon einmal üben, wie es sein wird, beim großen Aufbau, wenn sich alle die Hände reichen, um abzuliefern, was sie sich in der Zwischenzeit widerrechtlich angeeignet haben, z.B. Gedanken, aber es gibt auch anderes.

DISTANZ

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Was als ›Kultur‹ in die Distanz verlegt wird, rächt sich im Nahverhältnis als Repression. So oder so ähnlich lautet das Konzept der Kulturfalle, in die, wie es heißt, vor allem Menschen geraten, die an einem Übermaß an Verständnis leiden, an Verständnisbereitschaft, leicht abrufbar und nach Belieben zu applizieren. Das muss nicht sein, aber es passiert, es passiert sogar in der Regel angesichts der einschlägig bekannten Arbeitsteilung zwischen Normverstehern und Normdurchsetzern. Das eintönige Pingpong zwischen Kulturbewahrern und Kulturverächtern, das notorische ›Ich meine nicht, dass...‹ wird angeregt durch diese fundamentale Fernstellung, die Horizontalisierung des Denkens, mit der die philosophische Hermeneutik zu ihrer Zeit hausieren ging und die heute das paarweise Zusammenrücken angeblicher Kontrahenten gewissermaßen flächendeckend ermöglicht. Wenn alles in der Kultur liegt, dann ist sie selbstverständlich beides, Zwangsjacke und Ermöglichungsgrund, beides in einem (und in einem fort), und jeder, der sich angeblich nach draußen begibt, sieht sich auf der Stelle von neuen Horizonten umzingelt und steht in einfachem Gegensatz zu dem, was neben ihm dazusein gleiches Recht beansprucht. Dieser geteilte Blick, der zwischen innen und außen irrt und hier wie dort ›Kultur‹ zu sehen glaubt, ist die hauptsächliche Ursache des Kulturschwindels, der mit gleichem Ernst ›Gänseleberpastete‹ und ›Kopftuch‹ zu sagen ermöglicht, weil es der Kopfschmerz ist, der den Ernst zeitigt. Die Distanz denken – das ist nicht so einfach, das überfordert den gesellschaftlichen Disput bei weitem. Das öffentliche Kopfzerbrechen, das die ›Kultur‹ bereitet, hält die sogenannten Kulturwissenschaften bei Kasse und bringt sie davon ab, ihren Job zu tun: wer nicht Ping sagt, wird von jedem Pong überrascht und muss nachsitzen, bis er seine Lektion gelernt hat. Sprichst du in Rätseln, so sprichst ach! du von Rätseln nicht mehr.

DISZIPLIN

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Wer den Menschen keine Disziplin anbieten kann, der unterhält sie vielleicht eine Weile, aber er imponiert ihnen nicht, er bleibt ein Pausenclown. Es ist müßig, geistige Disziplin nur im Gotteskriegertum und in sexueller Verneinung zu finden. Das Gewebe aus schlauen Andeutungen, gezielten Indiskretionen und Pseudoindiskretionen erledigt sich früher oder später von selbst wie jede Wichtigtuerei. Disziplin ist immer geistig. Auch die rüde körperliche Variante besitzt etwas, das man Geist nennen könnte. Wieviel G-Stoff darf es wohl sein? Darüber rätseln die nachdenklichen Geister und schielen nach den halbvollen Flaschen in ihren Regalen. Was davon ließe sich noch verwenden, um jenes Nichts an Lebensspannung zu erzeugen, unter dem einer mit der Unbill des Existierens zurechtkommen könnte? Während sie brüten, hilft der Geist der Fitness-Studios und Yogakurse mit physisch induziertem Wohlgefühl über die Runden. Über welche Runden? Welche Kampfart ist hier gefragt? Der auftrainierte menschliche Terrier, ein abrufbares Stück Erde, auch er ein Betrogener, wie man weiß, fällt irgendwann die Umgebung an. Seine Rache durchsetzt die abgedunkelte Kultur der Alten, die keiner Werbeetats bedarf, um Nachwuchs zu binden. Die fleißigen Amokläufe beginnen jenseits des fünfundvierzigsten Lebensjahres, bei abflauender Bereitschaft mitzutun.

DODERER

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oder das schöpferisch Schöpferische. In der unscheinbaren Doppelung lauert der Nachkrieg, das Sich-Entziehen, nachdem man genug belangt worden ist und ein paar Jahre zur freien Gestaltung wünscht. Diese Freiheit kann nur in der Freiheit zur Obsession bestehen, zum Besetzt-Sein, gleichgültig, wer noch klingelt. Alles, was ab jetzt Forderungen erhebt, tendiert zum Pseudos, es ist ein Pseudos, verdrehte Welt, verdrehter Geist, verdrehte Menschheit. Sieh dich nicht um! Das sitzt und ist als Parole unnütz, weil es die Bewegung nach rückwärts bereits ausführt, aber es reduziert die Nötigung, vorwärts zu gehen und erlaubt den geschärften Blick auf die sinistren Mittel, die eingesetzt werden, um sich im Dasein zu halten. Die Poesie des Sich, des Sich-Erhaltens, Entfaltens, des Sich Aus- und Einrollens, scheinbar fast nach Belieben, doch in Wahrheit nach Druck, einer angedeuteten Äquilibristik gemäß, die sich zeigt und im Sichzeigen verbirgt, eine solche Poesie findet ihren Weg wie Wasser durchs Geröll – zäh, zuckelnd, allerwege auf Vertiefung hoffend, also auf den Effekt von Jahrhunderten. Doch, leider, soviel Zeit bekommt niemand.

DÖRFER

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Wer von der Kunst redet, muss über die Dörfer gehen. Das sagt sich leicht, aber in den Dörfern ist keine Rede davon. Künstler lieben das Dorf, es kommt ihrer Neigung entgegen, im Beisichsein aufzugehen, beinahe wie ein Teig, der woanders bereitet wurde und nun, bei mäßiger Hitze, im Besinnlichen wächst. Das größte Dorf dieser Art ist Manhattan – hier sitzt der Gickelhahn neben jedem Bett und schreit jeden Morgen und Abend Verrat. Ein schöner Ort, das Künstlervolk liebt ihn und schwört Stein und Bein, ihn nie zu verlassen. Ist das fair? Nicht dass die Dörfer da draußen ein Recht darauf hätten, die Kunst zu besitzen, kein Dorf besitzt so ein Recht, die Kunst kommt und geht und nimmt sich der Armen an, wie sie mag. Aber so ganz von allen guten Geistern verlassen sollte das Land nicht sein, das schließlich alle trägt. So kommt es, dass in den Dörfern das Licht nicht ausgeht, dass in ihnen allabendlich die große Parade der Erwartung stattfindet, zu der sich kein Großfürst des Gewerbes blicken lässt. Nur kleinere Geister tummeln sich auffällig, sie schäkern mit den Töchtern der Dorfoberen und zeigen dem Gärtchen hinter dem Haus, das sie sich hier leisten können, was eine Harke ist. Dafür überlässt man ihnen dann die örtliche Druckerei, in der die kleineren Wahlplakate hergestellt werden, die einzufliegen sich aus ökologischen Gründen verbietet. Manchmal allerdings kommt ein großer, den keiner kennt, man merkt es gleich, denn er weiß nicht, was eine Harke ist, jedenfalls zeigt er es keinem. Man braucht eine Weile, um mit ihm warm zu werden, aber dann ist es gut. Was er hier zu finden gedenkt, will man von ihm wissen. »Nichts«, sagt er und lacht, »es ist doch alles da.« Er meint es nicht ernst, der Schalk blitzt ihm aus den Augen, aber die Antwort freut alle. Daheim spuckt er in die Suppe und schlägt das dreifache Kreuz derer, die vom Unglück gut bedacht wurden.

DONNERBALKEN

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Die Sprache der Not – wie auch der Notdurft – verfügt über einen gewissen Witz und eine bescheidene Anmut. Woran das liegt? Vermutlich daran, dass die Parameter der gesellschaftlichen Überblendung auf Null gestellt sind und der gesellige Charakter des Sprechens, leichter als jedes Element der öffentlichen Moral, mehr oder weniger ungehindert an die Oberfläche steigt. Ein Wort genügt, um sich zu verständigen, sobald die Geltungssprache stockt. Dieses Wort aus der Tiefe reißt Partikel der verschiedenen Sprachschichten mit sich, die es passiert – kein Wunder also, dass es glitzert, als sei es direkt der Phantasie entsprungen, die es bewegt. Die Surrealisten haben es deswegen für poetisch gehalten und, weil ihnen das nicht genügte, in ihm die ursprüngliche Dimension der Poesie zu erkennen vermeint. Irrtum! Das kräftige Wort bezeugt keinen kräftigen Geist, es verrät keine Geheimnisse aus dem psychischen Untergrund, es beweist nicht einmal Phantasie. Was es verrät, ist die Not selbst und die Filterfunktion der Sprache; sie begütigt auch dort, wo sie die Norm wegfegt, die selbst nicht mehr ist als: Sprache.

DONNERWOHNUNGEN

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Die Großen wohnen in Donnerwohnungen, die Kleinen in Wisperkammern. Beide Stätten zusammengelegt ergeben den Ort der Demokratie. Nicht dass die Großen mehr Platz besäßen, um rascher Drachengespanne der Wortwahl auffahren zu lassen, sondern sie gleichen staubigen Photographien auf bürgerlichen Dachböden und haben insofern keinen anderen Vorteil als den, in trockenen Höhlen bei schlechtem Wetter seufzen und klagen zu dürfen, denn niemand lässt Regen in Dachböden dringen.
So ging es bereits den Steinzeitmenschen, die nackt hinter Dornengestrüppen den Säbelzahntigern heulend vor Angst die Milchzähnchen zeigten. Der Großvater aber, kaum 30 Jahre alt, malte sie beide, die Großen wie Kleinen, mit Rötel und Hasenfett. Wie köstlich ward da noch die Furcht gebannt, der Schrecken gelähmt. Kein Mensch wagt heute, die Kunst im Arm, auf Brautschau nach solchen Motiven zu gehen. - PM

DRACHENSTURM

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Ein paar Hexen, mit Unguentum somniferum beträufelt, halten den Bann aufrecht, der auf diesem Bilde liegt wie am ersten Tag. Sein Jahrhundertschlaf unter bröckelndem Putz hinter verschmutzten, halbblind dem angebrochenen Tag wehrenden Scheiben darf nicht unterbrochen werden, denn das gestreifte Einhorn, das ein Auge zuviel hat vielleicht, ist nicht zu halten, es hält sich, so wie es steht, kaum selbst. Die Uhr mit Libellenflügeln weist dem »Gib acht« den Trompetenton und den Ohrenbläsern des Unheils fliegt das Liktorenbündel voran: Aus dem Weg! Den fahlen Rappen, auf dessen letztes verbliebenes Auge der Dolch des Einhorns zielt, kennen wir gut. Er ist die Stelle im Bild, die nicht weggeht, das Auge der Welt, das nicht sieht, sondern glotzt, weil es weiß und nicht weiß, es ist alles eins. Statt des Tamburins kreist ein Patronengurt, das versteht sich von selbst und bedarf keiner näheren Weise. Der Friede von Münster gebar dieses Bild und bewahrte es auf, manchmal kommt jemand herein, der es wissen will, und der Sturm klagt im Gebälk.

DRACHENZAUBER

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Es gibt keine Zufälle, es gibt nur Zusammenhänge. In Folge dieser Erkenntnis ist die Verfolgung in Linien bis ins Zentrum eines neuen Zeichens denkbar, und gäbe es dann auch nur für einen Augenblick die Erleuchtung. Alles andere wird ohnehin zur Arbeit der Philosophie. Sind erst die in den Alpen getanzten Nester schwungvoll genug gebildet, verfängt sich alsdann auch der Stoff der Gedanken und der Meister hebt beide Hände, um das Papier und den Tisch für die kurze Zeit des Empfangs von allen Mächten materieller Vernunft zu erlösen. Nur so kann der wartende Geist dem kommenden Geist geöffnet entgegentreten, damit die eingefangenen Zeichen, wie Tiefseefische im Netz, herbeigeschleppt und offenbart werden können. Dann senkt der empfangende Philosoph die Hände und der Drachenzauber beginnt.
Etwas Feuer der Sprache, dem oberen Bogen des Mundes in Höhe der vierzehnten Linie bergaufwärts entnommen, wird rasch aufs Papier gemalt (man vergesse die Malbutter nicht), sodann eine Spur des alten und steif gewordenen Wassers hinzugefügt – dieses Wasser ist fast getrocknet und Teil der unendlichen Dunkelheit –, und schließlich folgt jenes Magnesium oder Manna philosophorum (gewöhnliches Brausepulver der Kinder), um damit das knisternde, niemals kochende Wassser in weitem Bogen zu öffnen und dann mit einem Ruck förmlich aufzureißen.
Nun erscheinen die Eltern des Drachen, manierlich gekleidet nach den Moden getaufter Sünder des Jahres Tausend nach Christi. Sie führen den aufgerufenen Drachen als Knäblein bis an den Tisch. Sie bitten um Hilfe und Lehre. Das Drachenkind soll Schüler, Magister und endlich ein Drachenprofessor werden. Der Philosoph, der den Ritus beherrscht, lehnt anfänglich einige Male höflich ab, um schließlich durch mehrmaliges Öffnen und Schließen der Augen, gleichsam in Nähe des Schlafs, zuzustimmen. So entgeht er der Sünde wider sein Amt. Der junge Drache wird jetzt zusehends größer, fordert Becher und Schwamm, Malbutter und Zuber, um die Verkündigung zu vollziehen. Unverzüglich, auf herbeischwebenden Luftkissen, beginnt er die Zeichen der Zauberei zu entwerfen. Feierlich tunkt er die eine Pfoten in die Malbutter, entnimmt mit der anderen bunte Teilen seines gepanzerten Leibes, um entsprechende Farben zu finden, und so entstehen der Reihe nach luftgeschwängerte Teppiche von unendlicher Größe. Sie legen sich, kaum gemalt, über Häuser und Landschaften oder neu entstehende Orte, in denen künftig große Meister der Zauberei und der hohen Künste zur Welt kommen werden. Ein solches Prophetentum ist wahrer als alle Vernunft, getreuer als jeder Wachhund und vor allen Dingen so beständig wie jene Alpen, unter denen zuvor getanzt worden ist. Daher tragen sie oft deren Namen, wie Kaiser-Glücklich-Wand-Prophetie, Poltergauklamm-Gesänge, hohes Gesyndel-Wort und Spitzkofler-Unheil. Die Professur ist dem Knäblein jetzt sicher. Die glücklichen Eltern entschwinden, und das gute Kind, das inzwischen kaum noch in ein gewöhnliches Arbeitszimmer passt und dessen Flügel mit Gletscherspuren und Bergkristallen die Dünste der einsamen Höhenluft in akademische Räume tragen, legt befriedigt die ersten frischen Orakelblätter als Tafeln aus Gummigutti, aus Gneis und Glimmer wie Spielkarten auf den Tisch und ist zunächst noch, unter der Hand, Drachenprofessor geworden. Er hütet für die Dauer schwarzer Semester die Liste aller künftigen großen Persönlichkeiten, ob dämonengeschlechtlicher Abkunft, ob als Saatgut von Weiber- und Männerkernen oder als freie Gestalten des schwer überprüfbaren Poetenstandes. Er wählt sie geruhsam aus, um ihre Seelen zur Vorbereitung in die einsamen Hochschulen der großen Verwirrung zu senden, in denen die Zukunft ebenso wütet und mordet, wie sie auch Kunstwerke entstehen lässt. - PM

DRAHTVERHAU

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Die große Psychologin, die sich in das Denken des Gegenübers einfühlt, als vertrete das Fühlen dem Denken gegenüber ein unnachahmliches Plus, investiert sie mehr in Empathie oder mehr in Interessen oder doch in Abwehr? Gefühlt, möchte man sagen, mehr in letztere, es beleidigt sie, womöglich persönlich, dass Menschen anders denken als die Mehrheit oder die Clique, der sie sich zugehörig weiß (eine besondere Form des Wissens, die alle anderen aussticht) – es beleidigt sie und sie kann es nicht einfach hinnehmen, also fühlt sie sich ein, um die Motive des anderen, nein, nicht zu ergründen, denn das hieße sich ja in Gedanken mit ihnen zu beschäftigen, die nicht die eigenen wären, nein, um sie zu blockieren: ihr dem des anderen unendlich überlegenes Gefühl strahlt die wahren, die emotionalen, also doch wohl verständlichen Motive so rein, so absolut verständnisoffen und gleichzeitig unrettbar verschroben zurück, dass der andere sich nur verlegen an der Mütze zu schaffen machen kann, will er nicht als Hinterwäldler oder – wie hieß noch einmal das männliche Rüpelwort, das der großen Psychologin niemals entschlüpfen würde? – ... Schlimmeres in die Maschen des Drahtverhaus beißen, der die Kreise sondert. Fühlen, dass der andere eine andere Position vertritt, und es beim Fühlen belassen: ein Verständnisblockierer ersten Grades, dem weitere, derbere auf dem Fuß zu folgen pflegen, aber bereits unendlich wirkungsvoll – ausgeübt von Privilegierten im Namen von Privilegierten zum Zweck der Erhaltung von Deutungsprivilegien, die unter redlichen Argumentierern rascher in Bedrängnis kommen könnten, als es ihren Inhabern lieb sein dürfte. So funktioniert Gesellschaft, so funktioniert Politik, andernfalls wäre es – vermutlich – keine.

DRAHTZIEHER

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Kein Umsturz ohne Drahtzieher. Was bedeutet das? Sind die Handelnden Marionetten? Mitnichten, man muss sie nur in Bewegung setzen. Man muss ihre Bewegungen kontrollieren, man muss dafür sorgen, dass sie nicht ausbrechen oder einknicken, man darf sie mit ihrem Anliegen nicht allein lassen, man muss dafür sorgen, dass der Geldfluss nicht zum Erliegen kommt, der ihnen wundersame Kräfte leiht, man muss ihnen Unterstützer zuführen, also für sie lügen und heucheln, aber so, dass sie nicht beschädigt werden. Kurz, man muss dafür sorgen, dass sie so glaubwürdig auftreten können, wie die Natur sie geschaffen hat. Drahtzieher, heißt das, sind Helfer in der Not, vierzehn an der Zahl, man findet sie an Brücken und reißenden Übergängen, die Welt wäre um eine Hoffnung ärmer, gäbe es sie nicht. Gibt es sie denn? Die Natur hat dafür gesorgt, dass man sie nicht sieht, nur im Davongehen blitzt etwas von ihnen auf. Die Welt ist gütig.

DRECKSACK

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Die späte Rache an dem Drecksack, der mein Leben ruinierte, erregt immer Aufmerksamkeit, umso mehr, je neiderfüllter die Blicke der anderen auf das fragliche Leben ausfallen. Eine Hollywood-Schauspielerin, in die Jahre gekommen, erinnert sich der zahllosen Berührungen genau, die ihr Körper erdulden musste, um das zu werden, was er dann auch wurde: Projektionsfläche für die Wünsche von Millionen, die geduldig an den Kassen Schlange stehen, wenn sie nicht die häuslichen Wonnen von Netflix et al. vorziehen. Und das sind ja, egal, was man davon hält, keineswegs ausschließlich Männer. Man muss hier sehr vorsichtig formulieren, sonst landen, flupp, die ältesten Vorurteile auf dem Tisch und das wäre schade, weil wir noch von ihm essen wollten. Hollywood lebt von der Sottise, die besser im Mund stecken bleibt, denn sonst wird es brandgefährlich. Andererseits will und muss sie heraus. Voltaire, der das große Frauenbeben voraussah, soll gesagt haben: Zwei Nutten genügen, um jeden Mann zu stürzen. Zwei Männer genügen, um einer Frau den Triumph zu verschaffen, ihr Geschlecht gerächt zu haben. Wieso zwei? Damit einer übrigbleibt, den sie verachten kann. Seit es aus der Mode gekommen ist, Leute zu verachten, die auf der sozialen Leiter eine oder mehrere Sprossen tiefer stehen, hat sich das Bedürfnis nach Verachtung zwischen den Geschlechtern spürbar verschärft. Ein schöner Beleg für den Satz: Die Gesellschaft verliert nichts.

DRECKSKULTUR

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Wenn einer seiner ideologischen Lieblinge rhetorisch über die Stränge schlägt, bedient sich der Deutsche, um die Wogen zu glätten, gern des Ausdrucks ›Satire‹ – Satire darf alles, nach dem Gemeinspruch Tucholskys, der sich, bei aller Versiertheit, nicht vorstellen konnte, was alles dieses ›alles‹ noch decken würde. Darf Satire alles? Nein, natürlich nicht, heißt die Antwort, zwar nicht aus dem Mund eines Juristen, der hier zu Unrecht gefragt ist, aber aus berufenem Munde: Dürfte Satire alles, wäre sie nicht länger Satire, vielmehr alles, was Satire sein könnte und alles dazu, was nie und nimmer Satire sein kann, weil der übertreibende Witz und die witzlose Übertreibung nicht zusammen in diesen Kahn passen. Wo kein Geist, da kein Witz, wo kein Witz, da keine Satire, so etwa verliefe die Linie, kämen jetzt nicht die Wächter der Meinungsfreiheit verschärft auf den zu, der so zu trennen versucht: ›Geist‹ ist keine juristische Vokabel und Witz daher nicht einforderbar, also auch nicht zu erwarten – ein klassischer Fehlschluss, der aber zu gute Dienste leistet, um abgelehnt oder auch nur bemerkt zu werden. Wer meint, er schreibe Satire, der möge gern bei seiner Meinung bleiben, wer zu meinen meint, er lese Satire, während er doch nur die bedruckte Klorolle abspult, möge weiterhin meinen, denn … es tut sich ja sonst nichts. Was haben Meinung und Satire miteinander zu schaffen? Nichts! Wer zwingt sie zusammen? Die Geistlosigkeit, die Talentlosigkeit, die Heuchelei, die sich hinter Begriffen verkriecht, die sie nicht versteht, weil sie nicht zu ihren Äußerungen zu stehen wagt, die taz und einige andere Medien, die aus Besorgnis, auf dem Schlammfuß erwischt zu werden, ihren Lesern Kröten zu schlucken geben, die sie selbst noch lange werden verdauen müssen – der Markt ist groß, die Welt ist klein, man trifft sich zweimal. »Dreckskultur«? »Schafft euch endlich ab!«? Aber bitte. Wer keift, gehört in die Realsatire, aber nicht federführend, da sind andere schneller und weiter.

DREHBUCH

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Das drehbare Buch, kaum erfunden, ein Welterfolg, sage ich Ihnen! Ein Einfall, im Grunde ein einfacher Einfall, sagen wir ruhig, schlicht, jawohl, schlicht das Ganze, aber: genial. Sie drücken auf einen Knopf und die Sache rollt ab. Linksherum, rechtsherum, je nach Bedarf oder Laune, das hält einer sowieso kaum auseinander. Technik eben, für alle Seiten nützlich. Auch Missbrauch, sicher, kommt vor, kommt vor. Wir können das nicht verhindern, wie sollen wir. Ja, wir legen Kundenkarteien an, das müssen wir, obwohl es... ja ja, verboten, ganz recht, auch das ist verboten, insofern... vergessen Sie’s! Vergessen Sie’s einfach! Ein wenig Technikbegeisterung, wenn ich bitten darf, sonst kommen wir nicht weiter. Und sagen Sie nicht, die alte Leier. Hier leiert nichts, wir garantieren... Keine Garantie? Sie wollen keine Garantie? Lesen ohne Garantie? Und was kommt dabei...? Bitte, hier ist der Ausgang, ich sag’s Ihnen. Eana. So ein Stoffel. Wer mir heute ein Drehbuch zeigt, ist für mich gestorben. Abgang, aus, durch die Küche. Diese Laffen meinen, sie haben den Erfolg gepachtet. Welchen Erfolg?

DREIECK

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Nein, meine Liebe, dieses Spiel ist nicht vorbei, es hat gerade erst begonnen, und es ist kein Witz. (Ein Witz, der eine Beziehung eingeht, ist keiner.) Jedes Dreieck, das in Betracht kommt, verfügt über einen stumpfen Winkel, eine Asymmetrie, die das Spiel in Gang bringt und verwirrt. An diesem Ort der größeren Spreizung entstehen die Spannungen, er nimmt den Bogen auf und damit die Rundung des Ganzen. Unter dreien schlägt einer den Bogen, nicht weil er Cäsar wäre oder Titan oder ein großer Kommunikator, sondern weil er dem Zentrum am nächsten steht. Wo alles nach außen drängt, bleibt ihm keine Wahl, nur Zerrissensein und Zerrissenwerden. Der Herausforderer hat es leicht, seine Kraft ist am stärksten, solange er sie nur wenig einsetzt. Mimetische Verähnlichung nennt die Theorie das, was zwischen den Kontrahenten geschieht, sobald der Kampf eingesetzt hat, ob es die Parteien schöner macht, bleibt dabei ausgespart. Allgemein nimmt man an, dass der Kampf die Züge verzerrt, manch einer gewinnt so erst welche, ein anderer verliert seine Zug um Zug. Das Kenntlichwerden ist eine zu ernste Sache, um sie Schiedsrichtern zu überlassen, die selbst nach dem Ort der Begierde schielen, sei es, um ihn einzunehmen, sei es, um mit dem Objekt davonzuziehen. Ein Dreieck ohne Zuschauer gilt nicht, er bildet den vierten, gewöhnlich ungenannt bleibenden Winkel.

DRITTMITTEL

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Von dritter, sprich: interessierter Seite gefördert zu werden – wer wünschte es nicht? Es ist der Traum all derjenigen, die nicht hoffen können, auf eigenen Füßen zu stehen. Sie gehen Verpflichtungen ein, über deren Art und Umfang sie sich nur ungern Rechenschaft ablegen. Selbst Täuschung, aktive und passive, gehört zum Spiel: wer sich gern täuschen lässt, täuscht sich selbst, er ahnt, wo es langgeht, aber er lehnt es ab, die Konsequenzen in Rechnung zu stellen. Alle ›Karriere‹ vollzieht sich nach diesem Muster, im Vertrauen darauf, nicht eines Tages vor Gericht zu landen, weil die Organisation es schon richten wird. Die Organisation rekrutiert ihre Leute – das setzt voraus, dass sie ihre Leute kennt, zumindest ihren Schatten, ihre Umriss, ihre Statur, sie weiß, wo sie die Daumenschrauben anlegen wird, um an die gewünschten Resultate zu kommen. Eine auf ›Drittmittel‹ gestellte Wissenschaft ist bereits keine Wissenschaft mehr, jedenfalls nicht in dem Sinn, der ihren heroischen Aufbruch begleitet hat, sie ist etwas für Leute, die herausbekommen sollen, was Dritten nützt. Ist Wissenschaft nicht nützlich? Wer diese Frage stellt, ist entweder naiv oder bereits auf Droge – er ist drittmittelaffin.

DRUCKFEHLER

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Man muss, darin sind sich die Klassiker einig, Druckfehler annehmen können. Diese in den Text eingefügten Unbestimmtheitsmomente erinnern daran, dass das Geschriebene sich an jeder Stelle einer Wahl verdankt, die auch anders hätte ausfallen können. Wer das bestreitet, ist weniger Dogmatiker als Vermittler. Erst in der Vermittlung wird das Aufzuschreibende sakrosankt. Deshalb liegt es den Zeitgenossen, denen das große Glas das Denken versiegelt, als Vermittler tätig zu sein: sie können den Eifer produzieren, den die Konzentration auf die sich entziehende Sache unmittelbar hervorbrächte und rechtfertigte, und sie können ihn auf der Stelle nach außen wenden – als Gewusst-wie. Das große Glas, die Scheibe, die das Denken vom Nach-Denken trennt, die Unberührbaren von den Vertretern des Gewusst-wie, es ist eine Einrichtung, die man bewundern und die man verachten, aber nicht vernachlässigen darf. Ich will nicht verwechselt werden, hat Nietzsche einst bekundet, darin liegt eine Verwechslung, da die Ideenklempner sich im Anderen erkennen, in was denn sonst. Gerade ein solches Zitat gibt ihnen ein gutes Gewissen, sie haben es am Schnürchen und wissen, dass sie auf dem rechten Wege sind – in jedem Sinn. Dennoch muss vermutlich so reden, wer eine Religion zu gründen gedenkt. Er kann gar nicht anders, weil anders die Spiele des guten Gewissens nicht in Gang kommen. Und Gewissheit, gute Gewissheit, die Gewissheit, auf gutem Wege zu sein, die will man doch, wenn man sich aufs Abenteuer einlässt, auch wenn es nur den Weg zum nächsten Symposium einschließt. Abenteuerlich ist schließlich alles, was sich behaupten lässt, ganz schön abenteuerlich, daran besteht nicht der mindeste Zweifel.

DRÜCKEMEISTER

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»Sie haben mein Vertrauen.« »Nein, hab ich nicht.« »Doch, doch, Sie haben es.» »Wie kommen Sie darauf?« »Geben Sie’s her.« »Ich denke nicht daran.« »Geben Sie’s sofort her!« »Hören Sie, ich kann die Polizei rufen, wenn Ihnen das lieber ist.« »Ich bestehe darauf, dass Sie mir mein Vertrauen zurückgeben. Ich habe kein zweites dabei und brauche es für die Busfahrt.« »Wieso das denn?« »Ich steige niemals ohne Vertrauen in einen Bus. Es behagt mir nicht, beim Schummeln erwischt zu werden.« »Und jetzt glauben Sie, Sie hätten mich erwischt? Im Vertrauen: Ein wenig plemplem ist das schon.« »Ich weiß, dass Sie es haben.« »Sie wissen es nicht.« »Ich weiß es schon lange.« »Das wird ja immer bunter: Wie lange wollen Sie das denn wissen?« »Das verrate ich Ihnen nicht. Holen Sie jetzt die Polizei?« »Ich, warum ich?« »Weil ich Sie verantwortlich mache.« »Ich dachte, ich hätte Ihr Vertrauen?« – Solche Dialoge hört man bereits vereinzelt, sie werden in Zukunft häufiger zu hören sein, denn sie drücken den herrschenden Geist aus, sie rollen ihn gleichsam vom hinteren Ende her auf, damit vorn alles herauskommt, was man sich von ihm erhofft. Kenner der Materie wissen, es gibt stets eine Rest-Strecke, auf der noch etwas nachkommt; niemand hat es erwartet, man dachte schon, es sei nichts mehr drin und hätte das Drücken fast aufgegeben, gerade dann erfährt man das Beste.

DRYADENSIEDLUNG

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Die Ansammlung glatter Baumstämme neben den raueren Eichen bezeugt die nahe Verwandtschaft aufgerichteter Schlangenleiber vor dem Hintergrund eines chaotischen Meeres aus Blättern unterschiedlicher Farben. Dem Waldrand gegenüber bildet das ockerfarbene Sonnenmeer eines abgeernteten Feldes die Leere der klugen Natur, die seheinbar immer das Gleiche bietet, obwohl in unendlicher Feinheit ihr Anblick von unbekannten, stets wechselnden Geistern durchzogen ist, deren Anblick schwermütig macht. Vor dieser Weite liegt kaum zwei Schritte vom Weg der viel kleinere Ort eines unsichtbaren Geheimnisses in einem Waldrand ohne zeitgenössische Weitläufigkeit. Andere, heitere Waldregionen umgeben in immerwährender Feme aber auch dieses kleine bedenklich erscheinende Feld. An jenen glatten Bäumen, die einen verwachsen aufgerichteten, vielfach geschwungenen Zirkel aus Stämmen bilden, wandert das sehende Auge eines fast schlafend vorbeiziehenden Spaziergängers, gehüllt in seinen hier ganz befremdlichen Anzug, in weißer Hose und schwarzem Hemd. Der Ort scheint dagegen nichts einzuwenden, denn seine Zeichen entfernen sich nicht. Man darf des uralt anmutenden Dunstkreises dieser hier so besonderen Luft nicht vergessen, sie gebietet Aufmerksamkeit, die, von Anspielungen durchsetzt, auf die Anwesenheit des Übernatürlichen hinweisen. Indem die Natur hier so vieles offen lässt, ist sie dem frommen Misstrauen der Poesie verwandt, das ja so oft der hohen Sonnenmitte zur weiteren Welt hin schwankend Einhalt geboten hat, und wäre es nur für wenige Augenblicke. So entsteht diese kleine zusammengefasste Einsamkeit aus leeren Andeutungen, die fähig sind, Gewissheit zu überwinden und Ahnungen zu erfrischen. Es bleibt der geheime Kreis dieser Stämme dem übrigen Waldrand nur scheinbar verwandt, denn sie sind nur in höfischer Weise unschuldig grün belaubt, aber meilenweit von ihresgleichen entfernt. Das poetisch eingeschlafene Auge wandelt im Kreis dieser Gruppe der wenigen Auserwählten, die zweifellos eine hohe Familie bilden, immer tiefer hinaus in das Geheimnis einer Dryadensiedlung. Alle Stämme sind glatt und grau, rötliche Streifen fahren von den Kronen herab in spärliches Gras, das der Schwäche des Waldbodens, schwach durch Geister, schütter entsprießt. Vieles gäbe es noch von der frühen Verwandtschaft der zierlichen Frauen mit den älteren Schlangen und Drachen zu sagen, die der Sommertag hier für Sekunden umschlossen hält, aber das schlafende Auge erkennt, daß sich hier nichts Menschliches offenbart, sondern unvorstellbar das Ahnungsvolle sein Netzwerk stiftet. Eben eine Dryadensiedlung. - PM

DUCKMÄUSER

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Was ist ein Duckmäuser? Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben … nein, das ist kein guter Gedanke. Am Ende sind Sie selbst einer und wie stünde ich dann da? Am besten wäre es, ich ginge gleich davon aus, dass Sie einer sind, und wir verständigten uns gemeinsam auf die wesentlichen Merkmale. D’accord? Packen wir’s an. Ich assistiere Ihnen und Sie geben mir grünes Licht. Nun, als erstes wäre dem Duckmäuser nichts wesentlich außer dem Duckmäusertum, d.i. der Tatsache, dass es im Leben wie im Sterben bloß nötig sei, sich zu ducken. Ein aufrechter Duckmäuser wäre so viel wie der schiefe Turm zu Pisa, nur in der Horizontalen gedacht. Wenn Sie sich unter diese Erkenntnis ducken, sind wir gleich weiter. Spüren Sie den Blitz, der durch Sie hindurchgeht? Funkt es in Ihrem Gehirn? Nein? Nehmen Sie ergeben auf, was ich hier zusammenschmiere? Nun, dann verstehen wir uns. Wer glaubt schon an die unbefleckte Empfängnis? Die unbefleckte Empfängnis ist etwas für Kirchgänger und Sie gehen aus Prinzip leer aus. Leerausgänger haben eine natürliche Neigung zum Duckmäusertum. Ihnen muss ich das nicht sagen, Sie wissen Bescheid, aber wissen es auch die Vielen? Die meisten Menschen glauben ja, sie glaubten an etwas, während sie sich doch nur ducken, aber darüber sprechen wir ein anderes Mal. Wir glauben ja auch nicht an die Grammatik, wir fügen uns nur. Wer hat Recht? Wir oder die Grammatik? Ist das existenziell oder kann das weg, wie der Bauer die Bäuerin fragt? Vielleicht sind Sie ein weiblicher Duckmäuser und monieren das Maskulinum, das sich bei diesem Wort einschleicht. ›Duckmäuserin?‹ Nie gehört. Sehen Sie? So versteht man sich wie geschmiert. Das Wort allein wäre ein Anschlag auf das weibliche Geschlecht, so etwas denkt ein Duckmäuser nicht. Der Duckmäuser ist männlich von Haus aus, vielmehr, er kommt gar nicht aus dem Haus heraus, unter dessen Dachbalken er sich duckt. Dort trifft er sich mit Freunden und wird gesehen. Bei einer solchen Gelegenheit entstand das Wort ›Augenhöhe‹. Das ist Politikersprache und bedeutet: Deine Schuhspitzen und meine Hühneraugen – welch ein Paar!

DÜMPELSPRACHE

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In aller Welt lesen Philosophen Literaten, um von ihnen zu lernen oder, wenn schon nicht zu lernen, sich wenigstens das eine oder andere Motiv abzuschauen oder abzuschreiben. Was wenig verwundert, da die Literaten die Felder des Sagbaren weit und breit abgrasen, so dass kaum jemand sich eine Formulierung ausdenken kann, die nicht irgendwann durch den Magen der Literatur gewandert ist. Eine Ausnahme bilden die ›deutschsprachigen‹ Philosophen, deren angestammtes Metier die Philologie ist – Altphilologie, viel deutscher Idealismus und noch mehr Nietzsche, dazu seit Jahrzehnten anschwellend dieses Stocher-Englisch, mit dem der linguistic approach anfangs seine Herkunft aus dem Wiener Jargon bemäntelte. In dieser kuriosen Philosophen-Philologie kommen literarische Texte nicht vor, sie bleiben, da unerheblich, ›ausgeblendet‹. So denken die Philosophen, aber sie täuschen sich. Ihre Texte wimmeln von literarischen Topoi, darunter solchen der übelsten Sorte, sie halten sie nur für Philosophie, weil sie sich das Lesen verboten haben und lieber abends auf Talkshow schalten.

DUE SAVINII, PER FAVORE

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Als die Kunstkritik der Einsamkeit des großen Chirico überdrüssig ward, erfand sie ihm einen Bruder: Alberto Savinio. Sie machte ihn, wie es sich gehört, drei Jahre jünger und verlieh ihm, da es sinnlos ist, eine Gabe in schlichteren Dimensionen zu wiederholen, ein Multitalent, so dass Chirico eines Tages den Satz schreiben konnte: Mein Bruder war ein großer Schriftsteller und Komponist. Er hätte auch schreiben können: Mein Bruder war ein großer Hallodri, aber das hätte den Tatsachen noch weniger entsprochen und wäre als Beleidigung auf die Nachwelt gekommen. Die Dioskuren verdankt die Nachwelt dem Brauch, bis zwei zu zählen und dann ins Grübeln zu geraten: Was kommt danach? Vielmehr: Was wird schon kommen! – Der Bruder also? Der Bruder existiert eigentlich nicht. Er ist eine große, eine maßlose Hypothese. Durch einen Irrtum im Begrifflichen wie im Ausdruck, dessen Ursprung sich in der Nacht der gesprochenen Sprache verliert, wird der Bruder verwechselt mit dem brüderlichen Freund, dem Weggefährten, der interpretiert und erklärt – in Worten und Werken –, was der andere macht. Der es so erklärt, wie es sich selbst erklärte, könnte es sich erklären. Der es überdies nach- und vormacht – in einem anderen Medium, versteht sich –, so dass es weiter keine Umstände bereitet, auf dem einmal eingeschlagenen Kurs fortzufahren. Was wäre ein Leuchtturm, der nicht anderen den Weg wiese? Was wäre der Zeiger, der zitternd diesen Dienst leistet, anderes als der Bruder im Geiste? Und was wäre schließlich der letztere, wenn nicht der erste noch einmal? Aber weit gefehlt, dieser Zeiger zeigt nur, insofern er sich zeigt: Due Savinii, per favore.

DUMPFBACKE

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Nehmen Sie ein bisschen von diesem Verbrechen, nehmen Sie ein bisschen von jenem, verrühren Sie das Ganze – Rührung tut gut – und reichern Sie es mit Stundensex an, wo immer sich Ihnen ein Sendeplatz bietet: bleiben Sie am Ball, allabendlich, Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt, erzeugen Sie das größte kriminalistische Durcheinander des Jahrhunderts in den Köpfen von Kindern, alten Leuten, Schwachsinnigen, Perversen, Kassenpatienten, Eltern, Nichteltern, Durchblickern, Bescheidwissern und Abstaubern, und Sie werden sehen, es wirkt. Sie können jedes Thema lancieren, jeden Verdacht unter die Leute bringen, jedes Misstrauen gegen ganze Bevölkerungsgruppen schüren und Heilige en gros fabrizieren. Es kostet Sie nur ein bisschen Geduld und braucht eine Maschinerie, die läuft und läuft... kurz, ein Medium. Aber was heißt schon, es kostet? Sie lassen diejenigen bezahlen, denen Sie das alles zwischen zwei Freifahrten antun, auch wenn sie nichts mit Ihnen zu tun haben wollen, und es läuft rund.

DUNKELFLAUTE

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Die Alten kennen sie noch aus Omas Erzählungen: »Warte nur, wenn die Dunkelflaute kommt und dich holt!« Da hüpft das Kind und tut, wie ihm befohlen (oder angeraten, denn eine kluge Oma befiehlt nicht, sondern gibt Ratschläge fürs Leben). Entgegen verbreiteter Ansicht ist die Dunkelflaute kein Nachtgetier. Wenn sie kommt, dann bei Tag wie bei Nacht, sie achtet den Unterschied gering. Bei Dunkelflaute stehen die Windräder still und den Stromsammlern geht das Sonnenlicht aus, so dass ihre Sammlungstätigkeit zum Erliegen kommt. »Warum zum Erliegen?« fragt das Kind. »Können sie dann nicht mehr stehen?« »Sei ruhig, mein Kind«, flüstert hastig die Märchenoma, »dass dich nur niemand hört. Wer lehrt dich solche Sachen?« »Ich mich selbst«, strahlt das Kind, es hat einen Lebkuchen zum Geburtstag bekommen und kennt sich aus. Es kennt schon alle Fälle, nur den Fall der Fälle, die Dunkelflaute, kennt es noch nicht. »Und was passiert dann?« »Dann schließen sich die Tore der Welt und Recht kennt kein Geschlecht.« »Wie geht das?« erkundigt sich das Kind, dabei will es die Antwort nicht wissen und sinnt auf Anderes. Sein Geschlecht ist sächlich, aber es hält nichts davon. »Das behalte ich mir noch vor!« zwitschert es mit freudiger Stimme. »Das wird eine Überraschung!« Doch in diesem Punkt ist Oma echt stressig. »Wenn die Dunkelflaute kommt, ist es wichtig zu wissen, wer man ist.« »Wer ist man denn?« »Das ist ein Geheimnis, das jeder für sich hüten muss.« »Aber wenn ich es nicht weiß?« »Du weißt es, mein Kind, du wirst es wissen. Wenn die Zeit gekommen ist, wissen es alle.« Da lacht das Kind. Anschließend wird es ganz ernsthaft. »Weißt du, Oma«, träumt es und zupft sie am Kleide, »ich habe gelesen, wir dürfen der Dunkelflaute keine Macht über uns geben, dann kommt sie auch nicht.« »Das hast du gelesen?« fragt Oma verwirrt und gibt ihr einen Klaps. »Ich werde dich daran erinnern, wenn es soweit ist.« »Wirst du nicht.« »Und warum nicht?« »Ach Oma, du bist kleinmütig und kleinmütig sind nur die Schlimmen. Ich gehe jetzt hinaus in die Welt und werde berühmt. Dann vertreibe ich die bösen Geister und deine Dunkelflaute kann bleiben, wo der Pfeffer wächst.« »Ach Kind, wenn nichts mehr geht, dann nützt es auch nichts, bei Rot über die Straße zu gehen.« »Das darf man nicht.« »In der Not ist alles erlaubt.« »Auch schlimme Dinge?« »Das hängt von der Not ab. Aber das darfst du nicht wissen.« »Ich darf alles wissen. Das hat meine Kitatante gesagt und die ist ziemlich hell im Kopf. Naja, wenn die Dunkelflaute doch kommt… Aber dann bin ich längst in der Schule und habe Mathe. Und was passiert dann?«

DURABILE

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Es war ein kräftiges Stück Arbeit, das Schaf zu melken, ordentlich mitgenommen sehen die Hände danach aus. Mitgenommen wohin? Ein Bauer, der nicht mit seiner Ansicht sparte, und aus diesem bekommt ihr nichts heraus. Sich inwendig ausgeben hat Vorteile, die dem Herzinfarkt ähneln, der sich – vielleicht – auf diesem Wege Bahn bricht. Poco poco, lente lente, man kann seine Einbrüche schließlich nicht stapeln. Das Schaf steht nebenbei, es hat sein Bestes gegeben, vielleicht das Zweitbeste, das wird sich weisen. An einem Baum schaukelt der böse Rest, der nie in Betracht kommt oder erst spät, es reicht, wenn er einen überkommt, dem muss man nicht vorgreifen. »Durabile«, sagen die Landwirte des Südens, sie klopfen das lederne Gemüt in der Hoffnung, einmal etwas anderes herausfallen zu sehen als die Erwartung. Aber Leder bleibt Leder, man trägt es außen, freiwillig beißt kein Mensch hinein.

DURCHBRUCH

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Unterkomplex denken, unterkomplex handeln, das war von jeher die bevorzugte Methode, sich beliebt zu machen bei Menschen und Göttern. Wer eine Kleinigkeit vergaß, dem gelingt der Durchbruch spontan. ›Verzeihung, ich vergaß‹: das könnte über dem Leben so manchen Hoffnungsträgers stehen, am besten vor seinem Abgang, oder, noch besser, vor seinem Auftritt. Es sind nicht die terribles simplificateurs, die das Leben würzen, sondern all diejenigen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, aber im Modus der Ungeduld, denn sie wollen vorankommen. Nun preschen sie dahin, auf ebener Strecke, wo doch jeder, der Augen im Kopf hat, den Hügel sieht, in den sie sich bohren werden. Vielleicht wollen sie tiefer hinein als andere, das wäre denkbar und nicht einmal unplausibel. Ob es auch gut ist?

DURCHEINANDERWERFER

D
Alle bedeutenden Durcheinanderwerfer sind auch Zurechtrücker, im Gegensatz zu den unbedeutenden, die für das geordnete Durcheinander verantwortlich zeichnen. Daher der Choral derer, aus denen noch etwas werden soll: Seien wir ein bisschen durcheinander / Leben wir ein bisschen auf dem Mond..! Dieses ›bisschen‹, man beachte, wird nur von der Grammatik künstlich klein gehalten, in Wirklichkeit ist es riesengroß und regelt die Welt oder was sich dafür hält.

DURSTLÖSCHER

D
»Das Schicksal der westlichen Gesellschaft entscheidet sich an...« Wieso Schicksal? Wenn Gesellschaft ein Konzept ist, wieso dann Schicksal? Allen Konzepten steht das Schicksal bevor, entsorgt zu werden oder in andere, bessere, modernere, effizientere überführt zu werden. Das sind keine wirklichen Schicksale, sondern Maximierungsgeschichten. Kann Gesellschaft maximiert werden? In welchem Maximum jenseits ihrer selbst fänden sich ihre Spuren wieder? Kann es Gesellschaft jenseits von Gesellschaft geben? Mag sein. Gesellschaft ist eine Maximierungsvokabel: das jeweils Neue, Aktuelle, Unübersteigbare im Zusammenleben der Menschen scheint gerade das zu sein, was sich in ihr ›abzeichnet‹. Sagt man etwa, Frauen seien die besseren Gesellschaftswesen, so sagt man etwas, das je nach Gesellschaft differiert. Sagt man etwas Genaues damit? Will man überhaupt etwas Bestimmtes zum Ausdruck bringen? Oder will man bloß bestimmen? Ein Wechsel der Intonation ruft sehr unterschiedliche Vorstellungsreihen auf – man meint, je nachdem, ein Talent, eine Vorzugsstellung, einen Mangel, womöglich einen Makel oder, nicht zu vergessen, eine Aufgabe, vielleicht eine praktische, historische, vielleicht sogar eine immerwährende, einen Durst der Menschen nach mehr Gesellschaft, der sich schwer oder gar nicht stillen lässt. Mehr Gesellschaft, wer kann so etwas wollen? Wie lange kann einer durchhalten, das zu wollen?

EGOKRANK

E
Gestern Gespräch mit dem Fingernagel. Er ist krank, der Gute, er geht kaum noch aus. Ein wenig gelblich das Gesicht, mit einer Wulst dort, wo sonst die Stirn thronte, man sieht ihm an, dass es ihm schlecht geht. Warum nicht zum Arzt, fragt das Mitgefühl. Törichte Frage an jemand, der gerade von einem kommt. Wie geht’s dem Arzt, sollte die Frage lauten. Gut, wie sonst? Wer weiß schon, wie es den Ärzten geht? Die kassenärztliche Vereinigung, sicher, aber das steht hier nicht in Frage. Hier geht es ums Ego und da ist Fingernagel der Spezialist. Gehen Sie nicht zum Arzt, so lautet sein Fazit, er meint es ernst und macht dazu eine bittere Miene. Seit der letzten Laserbehandlung sind Teile seines Gedächtnisses weggebrochen. An die Krankheit davor zum Beispiel kann er sich kaum erinnern. Es gilt der Augenschein. »Laser, was ist das?«, sagt er. »Ich kenne keinen Laser. Es war ein chirurgischer Eingriff. Nun, ich bin der, der ich bin. Sehen Sie mich an, junger Mann: einen Nagel in der Fülle seiner Möglichkeiten. Einige davon werde ich ergreifen, das ist sicher, andere werde ich auslassen, denn auch im Auslassen realisiert sich manches. Überhaupt kommt es im Leben aufs Auslassen an. Das Ausgelassene, wie sein Name schon sagt, ist das, was irgendwann doch herauskommt. Es hat eine Kraft, wissen Sie, eine Kraft... Ob es bleibt? Wie sollte es bleiben? Wo sollte es bleiben? Wenn doch sonst nichts bleibt!«

EHRE

E
»Ich erinnere einzig daran, dass die kostbaren Gaben des Geistes den Verlust auch des kleinsten Quentchens Ehre nicht vertragen.« André Breton. – Leicht zu missbrauchende, aber untilgbare Elementarbegriffe wie Ehre oder Stolz überantwortet man nicht dem toten Feind oder dem ›fremdkulturell Geprägten‹, man paradiert mit ihnen nicht in Gänsefüßchen und benützt sie nicht, um Nachbarn anzuschwärzen, sondern bewahrt sie vor falschem Zungenschlag und fatalen Lockungen. Man stellt solche Begriffe klar, nicht bloß. Dergleichen gehört zu den Regeln ihres Gebrauchs, ohne die sie ganz sinnlos erscheinen – totes Gewäsch von Leuten, die, aus welchen Gründen auch immer, beschlossen haben, nicht in Betracht zu kommen. Diese hier sind archaischer Herkunft, sie halten ein Stück Menschheitsvergangenheit fest, das macht sie der liberalen Gesellschaft verdächtig und signalisiert Gefahr. Zugleich stehen sie für die innersten Überzeugungen und Regularien eines Menschen. Das lässt sie unverzichtbar erscheinen. Wer diese aristokratische Begriffsschicht in sich abtötet, wirkt in der Regel geistlos, ein Unhold unter den Menschen, einer, der Anstoß erregt und den man stehenlässt, wann immer man die Möglichkeit dazu besitzt. Überdies erscheint er potentiell gefährlich, denn er achtet die Menschen nicht, er schmeichelt ihnen nur.

EHRENHAFT

E
An einer ordentlichen Ehrenhaft ist nichts ehrenhaft außer der Phrase und die ist abgeschmackt. Es gibt aber auch, woran viel zu wenig gedacht wird, die außerordentliche Ehrenhaft, die selten verhängt wird, allerdings mit großem Erfolg. Wer mit außerordentlichen Ehren haftet, ist praktisch nicht wegzukriegen. Auch wird es von niemandem ernsthaft versucht. Die Versuchung liegt in der Ehrenhaft selbst, sie kriecht in ihr hoch wie in einem Mantel aus Blei und es ist nur eine Frage der Zeit und der Witterung, ob sie ihren Weg in die Freiheit findet, die als Knopfloch am oberen Ende prangt: die Freiheit der Selbstanzeige, die von den Steuerbehörden so außerordentlich geschätzt wird, aber erst bei Schriftstellern und Großintellektuellen die ihr ganz und gar gemäße Ausprägung findet. »Seht her, dieses klägliche Häufchen, das war ich, ihr solltet euch die Nase zuhalten und mich verachten, aber es gelingt euch nicht. Ihr könnt euch ruhig ein wenig mehr anstrengen, man möchte ja meinen, ich hätte es nicht um euch verdient. Beugt euch ruhig darüber, in dieser Pose habe ich euch gern, ich könnte mich daran gewöhnen. Übrigens, wenn ihr mich sucht: Hier bin ich, hoch über euren Köpfen.«

EICHENDORFF

E
Der Seelenlaut hat eine Literaturgeschichte im Gepäck und die tickt katholisch. Sie könnte auch anders ticken, aber so, wie sie nun einmal tickt, tickt sie fort, in einem fort, könnte man, mit einer Spur Häme im Gesicht, anmerken. Es ist die alte Geschichte, das Erste und Einzige braucht die längste Rechtfertigung. Pädagogisch muss sie sein, das unbedingt, die ganze lange Rolle des Geschriebenen darf nicht mehr enthalten als eine Anleitung zu dem, was man gerade so treibt, das unbedingt und weiter ohne Besinnung. So muss es sein. Waldesrauschen und Weihrauchduft und Wortkaskaden über alles, was anders spurt. Die eiserne Romantik rumpelt auf Holzkarren durch den Zauberwald und reklamiert die Sterne als geistiges Eigentum. Warum? Weil sie so funkeln. Hübsches Wort für eine verteufelte Sache. Dass die Minnesänger noch »hoch zu Ross« dichten, wer möchte einen Pferdeapfel dagegen setzen? So atmen sie freier und sind, aus der Perspektive von Steigbügelhaltern, den Stars näher, auf die man, tick tack tick tack, zählt.

EIFERGLAUBE

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Wir lernen heute viel über die Religiosität vergangener Epochen, doziert Engel, jedenfalls, sofern wir uns lehren lassen. Vor allem das Gemachte daran, die Zurichtungen des Glaubens, des scheinbar Einfachsten und, wie es lange schien, Naivsten daran, erscheinen uns mittlerweile in einem neuen Licht – und damit der Kern aller Religiosität, falls man sie nicht auf soziales Brimborium und zauberischen Hokuspokus eindampft und so neuen Zauber betreibt. Glaube ist gewendeter Unglaube, ein tiefes Umströmtsein von dem Gedanken, es könne auch anders sein, es könne immer auch anders sein, zugleich ein entschlossenes Festhalten dessen, was wechselweise als Planke und Festung erscheint: als Ideenverheißung und -gebäude. Das Ergreifen einer Planke erfordert andere Vorkehrungen als die Verteidigung eines strategischen Areals...
– Vorkehrungen, sagten Sie?
– Aber sicher. Das nach vorne Gekehrte, das ist der gläubige Mensch in Erwartung von Sieg oder Niederlage. Er ist es selbst, während er darüber verfügt, darin besteht der Trick. Doch zu meinen, das Wissen entkräfte den Trick, ist nichts weiter als die gewendete Furcht, ein frevelhaftes Wort sei geeignet, den Weltuntergang heraufzubeschwören. So naiv war die Gott-ist-tot-Front nie: sie deutete das peinliche Gefühl des homo pagans, der eigenen Enttarnung als staats- oder kirchen- oder gedanken- oder gemütsfromm beizuwohnen, als ultimativen Sieg des Unglaubens über den Glauben, ein Faktum, das es nur noch heraus­zu­posaunen galt, um ihm – was wohl? – Geltung zu verschaffen, Geltung auf allen Gebieten, in allen Wissens-, Denk- und Hand­lungs­formen, mit allem, was daraus folgen möge. Dumm nur: wer auf Sieg setzt, muss akzeptieren, dass jeder Sieg nur auf Zeit gilt, dass er, wie es so schön heißt, den ›Keim kommender Niederlagen‹ in sich trägt. Alsdann: die Zeit der Niederlagen, sie scheint gekommen zu sein.
– Glauben Sie?

EINAUGE

E
Wenn ein Einäugiger ein Museum einrichtet, wie sollte das anders sein als...? So denken die Leute, mit einem gewissen Recht, wenn man ihren Standpunkt einnimmt, der sicher einer unter mehreren ist, aber eben... Eben, das ist das Wort. Über der Ebene der Sonnenhaften glühen die Sonnen mit verstärkter Wucht, sie suchen näher heranzukommen, um jeden Preis, sie versuchen die große Verschmelzung. Da tut es gut, durch ein totes Auge zu sehen, durch das Auge der Toten. Es fehlt den Lebenden, den nur Lebenden, es ist ein Privileg, ein wenig tot zu sein, es ist ein menschliches Privileg oder das Privileg der Menschen. Wessen auch sonst? Sollen unsere tierischen Freunde ihre Toten hervorkramen, um uns einen Gefallen zu tun? Wir halten sie doch ohnehin für unsere Vorfahren, also für tot. Melancholisch, wie sonst, treten sie uns gegenüber, als unsere anderen Toten, die nichts hinterließen als uns. Eine schreckliche Erbschaft. Eigentlich sollten sie uns hassen. Oder wir sie.

EINHEIT

E
Das Glück, wenn es denn eines ist, kommt, als sei es aufgehalten worden, ein wenig später. Die Menschen nennen es ›innere Einheit‹ und verlangen zu viel und zu wenig von ihr, so dass sie nicht umhinkommen, sie zu verfehlen. Als Getrennte waren sie vollständig, nichts fehlte ihnen außer der Erfahrung der Einheit, die, da sie fehlte, keinen zerbrach. Nun, als vereinten, fehlt ihnen alles. Der Grund zum Beisammensein hat sich verflüchtigt und wohnt bei der Schwiegermutter. Dabei ist das der Weg, auf dem man sich findet: der Grund trägt den Gang, nicht den Kopf, den jeder selbst tragen muss, was immer schwer fällt. Manche wissen das und bestehen auf ihrem eigenen Kopf. Solange sie nicht stehen bleiben, geht das in Ordnung, es geht ganz gut, nur der verlorene Grund zeigt an, dass sie kopflos gehen.

EINPROZENTER

E
Was haben sie damals gelacht, die Einprozenter der exceptional nation, als die Zahlen durch die Medien rauschten und die 99% mit nachdenklichen Gesichtern die Kerzen ausbliesen, bevor sie sich in ihre bescheidenen Bettchen legten und die Nachtmütz’ über den Kopf zogen. Ein Viertel des Volkseinkommens in ihrer Hand! Vierzig Prozent des Gesamt-Nationalvermögens! Was immer das Herz begehrt! Es war eine Freude, ein Tuscheln, ein Angenehm-Überraschtsein, das sich in den Gesichtern spiegelte, denn eine glatte Zahl ist stets wie ein Sechser im Lotto: Nicht die Summe macht das Vergnügen, sondern das Glück des Gelingens! – Perfekt. Wie immer sich die Zahlen seither verschoben haben mögen, das Glück ist geblieben. Ein paar Handvoll Leute besitzen die Hälfte des Weltvermögens und es werden von Jahr zu Jahr weniger. Ist das nicht traurig? Wer möchte so einsam zurückbleiben? Doch was immer sich einwenden lässt, es hebt den Ehrgeiz an der richtigen Stelle. Wie das Wort bereits sagt: er geizt, der Ehrgeiz, er geizt mit allem, aber mit ihr besonders. Ehre wem Ehre bekommt, der Ehrgeizige holt alles Entbehrte nach, sobald er die Spitze erklommen hat, alles und alle. Mir nach, Milliarden! So hallt sein Ruf über den Erdboden und die Milliarden – geben ihm nach.

EK1

E
Wer das Wort ›Elite‹ betont, der führt etwas im Schilde. Er spricht einer gewissen Konzentration von Kräften das Wort, einem gezielten Um- und Ausbau von Institutionen, einer strafferen Indienstnahme gesellschaftlicher Ressourcen, einer Mobilisierung der Gesellschaft über das im Laissez-faire der sozialen Kräfte erreichte Maß hinaus. Die Zukunft, dieser diffuse Horizont über einer Landschaft, in der die Dinge ihren gewohnten Gang gehen, wird unversehens zur Aufgabe, die es zu meistern gilt. Die Situation ist ernst, es gilt, ihr angemessen zu begegnen. Elite, die eingebildete wie die vorgebildete, ist das Schoßkind einer Gesellschaft, die um ihr Überleben in einer gefahrvoll sich wandelnden Umwelt bangt. Ihre Stärke, so ließe sich leicht zynisch folgern, beruht mithin auf der Ängstlichkeit derer, die ihr Vertrauen auf Vorschuss bekunden. Es ist eine Stärke, die von Erwartung genährt wird. Seinen magischen Reiz bezieht das Konzept einer künftigen Elite aus dem Versagen der stets existierenden, sattsam bekannten Eliten. Entsprechend trägt sie die bekannten Züge derer, die heute (wie der populäre Ausdruck lautet) ›das Sagen haben‹, nur eben ins Ideale überzeichnet. In den einschlägigen Entwürfen figuriert sie als eine nie ganz reale, nie ganz futurische Größe. Eins vor allem zeichnet sie aus: sie wirkt ganz und gar unberührt von den mühsamen Selbstbehauptungszwängen des gegenwärtig vorhandenen Führungspersonals. Die neue Elite hat den Nachweis ihrer Fähigkeiten immer schon hinter sich. In ihrem Handeln – so will es die planende Regie – manifestiert sich der Behauptungswille der Gesellschaft. Entsprechend gilt ihr das Vertrauen aller, denen der Zweifel an den eigenen Fähigkeiten zur zweiten Natur geworden ist.
Es fragt sich allerdings, wie weit hier Wunschdenken im Spiel ist, wie weit das Schillernd-Zukünftige dieser neuen Elite nicht in den Bereich irrealer Wunscherfüllung gehört, wie man sie aus Märchen kennt. Es fragt sich darüber hinaus (obgleich die Frage selten gestellt wird), ob und wie lange eine neue Elite bei der Lösung der ihr vorab gestellten Aufgaben verharren darf, insbesondere dann, wenn sich diese Aufgaben im wesentlichen als unlösbar erweisen. Besteht nicht die Gefahr, sie könnte sich aus eigener Machtbefugnis und getrieben von unabsehbaren Systemzwängen an neuen, eigenen Aufgabenstellungen versuchen, die den Zielen ihrer heutigen Propagandisten geradewegs zuwiderlaufen? Und wäre dann dies noch die heute projektierte Elite? Kurz: Ist Exzellenz planbar? Die Frage klingt, zumindest auf den ersten Blick, paradox. Nichtsdestoweniger verdient sie, dass ihr nachgegangen wird. Nicht vergessen sei, dass ›Elite‹ einst eine Güteklasse bezeichnete. Es wäre daher angebracht, zur leichteren Bezeichnung für die Bewältiger der unterschiedlichen Aufgaben, die im Schoß der Zukunft lagern, Eliteklassen einzuführen, EK1, EK2 usw., deren wesentliche Bedeutung sich nur einer kleinen Schicht von Gesellschaftsplanern erschließt, die selbstverständlich über jeder Elite rangiert.

EKEL

E
Ich betrachte den Ekel als einen bewohnten Turm nach Art des Burj Khalifa in Dubai, der in der Höhe in etwa die Troposphäre umfasst, also die luftige Planetenhülle, in der sich der Mensch, mit einiger technischer Nachhilfe, zur Not zu Hause fühlen darf. Will sagen, der Ekel ist unter den Begleitern des Menschen vielleicht der aufmerksamste und der mit der längsten Skala. Vielleicht … denn es kommt immer darauf an, wer ihn gerade bewohnt, denn Gebäude ekeln sich, wie Maschinen, denen sie ähneln, bekanntlich vor nichts. Sagt einer »Das ist ekelhaft!«, dann schau ihm gerade ins Gesicht: Es kann sich um einen Turmbewohner handeln, aber auch um einen gewöhnlichen Idioten, der nicht weiß, wovon er redet. Im ersten Fall kommt es darauf an, in welchem Stockwerk besagten Turms er sich eingerichtet hat – daran bemisst sich der Abstand zum ekelerregenden Objekt und daran die Kraft der Aussage. Es gibt schwächliche Ekelvarianten, für die es sich der Blick aus dem Fenster nicht lohnt, es gibt den Grundekel, der die gesamte Höhe des Turms durchzieht wie die pulverisierten Stahlstreben des World Trade Centers und sich von selbst versteht, und es gibt den starken Ekel vis à vis der Person, dem Ereignis oder der Praxis, die ihn gerade eingibt. Um diesen starken Ekel zu empfinden, bedarf es starker Charaktere, die den Mut besitzen, das Fenster offenzuhalten, auch wenn es zieht und stinkt. Vermutlich wurde der ganze Turm ihnen zuliebe erbaut. Wie gesagt, viel braucht es nicht, um den Grundekel zu pulverisieren, sollte einer erst den Sinn des Gebäudes nicht mehr verstehen. Zum Glück will auch der Terror gegen Andersdenkende gelernt sein und der Grundekel nimmt, will man dem subjektiven Eindruck trauen, eher zu als ab. Aber man kann sich täuschen: Die Welt vom Ekel befreien ist eine Aufgabe, die auch im Blindflug Lösungen erlaubt.

EKELPÄRCHEN

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›Zu denken geben‹ – das klingt nach Tierfütterung im Gehege und meist ist es so gemeint. Die Bestie hat Hunger: diese Aussage stimmt immer und stimmt den Nachdenklichen ein auf das, was ihn erwartet, wenn er seine Einsichten zum Besten gibt. Wird, was er sich ausdachte, verschlungen, so bleibt ihm ein bisschen Zeit, sich in Sicherheit zu bringen, doch wehe, die unwillige Tatze schlägt es ihm aus der Hand und sie stehen vis à vis, Denknehmer und Denkgeber, einander unter Ekelempfindungen musternd, dazwischen das Gedachte, ein Gekröse, dessen Anblick augenblicks nur noch Ekel erregt –: eine Situation, die das Zeug dazu hat, sich endlos zu dehnen, ein Ewigkeitsgefühl zu vermitteln, und die doch nur ein Moment ist, der kurze Moment, bevor alles kippt und die Brühe des Lebens über den Nachdenklichen rinnt, während die Bestie sich knurrend in ihren angestammten Winkel verzieht. »Glück gehabt«, murmelt der Nachdenkliche, »das nächste Mal werde ich vorsichtiger zu Werke gehen.« Sieh einer an: er träumt schon vom nächsten Mal.

ELSÄSSER

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Man erkennt den Elsässer in allem, was er treibt, er hat eine ganz eigene Art, die Dinge auf den Punkt … zu treiben, so dass sie immer ein wenig auf der Kippe zu stehen scheinen: Geht’s noch? Oder fällt es schon? Er hat daraus ein Gewerbe gemacht, das vermutlich seinen Mann ernährt, aber darauf soll es nicht ankommen. Dass einer täglich seine Glaubwürdigkeit riskiert, um sie sich zurückzuholen wie aus Feindesland, das offenbart eine Einstellung zu den Gegebenheiten dieser Welt, die man als ›postjournalistisch‹ bezeichnen könnte, wenn man davon absieht, dass damit in der Regel bloß der auf Halde produzierte Informationsmüll bezeichnet wird. Der Postjournalist ist Nachrichtenjäger, nicht -sammler, wie seine Vorfahren, er genießt die Freiheit der Jagd, weil er im voraus weiß, in welches Gebüsch das erkorene Wild sich flüchten wird, ein wenig kontrollierte Hetze in freier Luft kräftigt die Lungen und gibt den Kontakt. Wie der organische Intellektuelle (für den er sich hält) weiß der organische Journalist sich getragen vom Wohlwollen derer, denen er seine Jagdbeute offeriert. Gern hält er sich an ihren Lagerfeuern auf und singt ihre Lieder, dann verschwindet er wieder im Gebüsch. Weiß der Teufel, was daran ›organisch‹ ist – außer ihm noch Herr Gramsci, der zu tot ist, um ihn darüber befragen zu können, es käme auch wenig dabei heraus.

ELSTERNPARADIES

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»Ekelhaft, das ist ekelhaft!«, ruft der alte Mann im Park mit der strengen Stirnfalte und zeigt auf die rund um den Papierkorb verstreuten Abfälle. ›Jetzt weiß ich also, was dieses Wort bedeutet‹, denkt das Kind, vielleicht sein Enkel, und mustert ihn gleichmütig. Die Elstern rings auf den Bäumen, Urheber des Spektakels, schweigen. Dumpf empfinden sie, dass es gegen sie geht, dabei sind sie längst weiter und haben anderes vor.

EMANZIPATION

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Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Anders ausgedrückt, an ihren Früchten kann man sie erkennen. Eine ganz eigene Art der Erkenntnis, die reklamiert wird für dieses Paradies, in dem man keine Äpfel essen durfte. Die Schlange als Ohrwurm, der Eva zu der Art Selbsterkenntnis trieb, die sie ihre Überlegenheit über Adam erkennen ließ, eine sexuelle (oder doch biologische?) Abhängigkeit und notwendig, da es sonst schlecht bestellt gewesen wäre um die zukünftige Menschheit. Ein standhafter oder frauenfeindlicher Adam hätte die Sache vor jedem Gedanken an sie abgetrieben. Eva dämmerte sie mit den Worten der Schlange im Ohr ganz allmählich und sie opferte sich für die kommende Menschheit. Wie gut, dass Adam bis heute nichts begriffen hat. Der heutige Adam hält Eva für eine gefährliche Frau. Ach wie gut, dass er nicht weiß, dass ihr einfach langweilig war mit ihm allein im Paradies. Nicht, weil er ihr nicht genügte oder nicht schön, klug oder reich genug war. Nein, das nun wirklich nicht. Er sah sie doch gar nicht. Jedenfalls hatte er sie nicht ›erkannt‹, wie es so rätselhaft in der Bibel heißt. Selbstgenügsam wie Männer in diesen Dingen nun einmal sind, beschäftigte er sich in diesem verdammten Paradies mit allem Möglichen, bis hin zum Gärtnern, nur nicht mit ihr. Die Worte »Wachset und mehret euch« waren noch nicht gesprochen. Das waren Post-Paradiesworte. Eva kam die Erkenntnis, die ihr die Schlange ins Ohr gesetzt hatte, gerade recht. Ergreifen was einen ergreift. Und so ließ sie Adam kräftig zubeißen. ›Nimm mich!‹ sollte der Apfel ihm sagen und es begann der erste Akt, an dessen Ende auch für Adam eine Erkenntnis stand. Die Fron begann. Die Geburt der Klamotten aus der Erkenntnis der Nacktheit oder, anders ausgedrückt, als Rat an den Mann (genauer nachzulesen bei Kant): ›Pass auf, dass deiner Frau nie langweilig wird, sonst bist du schneller emanzipiert als dir lieb ist.‹ ›Keine Gefahr‹ kann man da heute nur rufen, ›die machen doch alle Karriere. Das ist ganz groß in Mode‹. - AC

EMERGENZ

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Unter den Begriffen, mit denen man den Wandel zu fassen versucht, erfreut sich die Emergenz, das blinde Hervorbrechen einer größeren Einheit, gesteigerter Beliebtheit. So erscheint es der Risikogesellschaft angemessen. Wo sich nichts kalkulieren lässt, kalkuliert man das Risiko, am Ende steht das Risiko für das Ganze. Dass das ganze Begriffsfeld verfehlt sein könnte, dämmert vielleicht in einigen Köpfen, aber dieses Konzept ist viel zu schön, als dass man es aus der Hand geben möchte. Das Ersinnen von Metagrößen, von Meta-Ereignissen und Metastrukturen stößt auf keine wirklichen Widerstände, auf theoretische ebenso wenig wie auf praktische, es ist, um es einfach zu sagen, ein müßiges Spiel. Seit dieses Spiel politisches Handeln begründet, Geldflüsse steuert, Gesetzgebungen umformt, die Stätten des Wissens zum Umbau freigibt und globale Freiflächen für militärische Einsätze präpariert, sollte man wissen – und wenigstens ein Stückweit zugeben –, dass man spielt.

ENERGIEVERLUST

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Was ist passiert? Wie konnte ein solcher Absturz geschehen? Hat man den jungen Leuten das Welt-Sensorium herausgeschraubt, als handle es sich um eine kaputte Glühbirne? Was sage ich! Das Malheur ist nicht auf die jungen Leute beschränkt. Alle leiden simultan. Leiden sie denn? Man könnte immer noch meinen, sie hätten das Glück erfunden. Es geht, wenn ich so sage, rückwärts voran, das ist ein großes Wort für eine unmerkliche Sache, die doch in allen Köpfen spukt. Das geparkte Leben summt, als sei es entschlossen, aus der Garage herauszufinden, in die es durch Unvernunft hineingebracht wurde, aber durch wessen? Und wessen Vernunft sitzt jetzt am Steuer? Das sind Fragen eines pensionierten Chauffeurs, der, unter uns, in seinem Leben nie eine Anstellung gefunden hat. Ich denke aber, dass er Recht hat. Man muss den Dingen auf den Grund gehen und wo gefahren wird, dort entstehen Lenkungsprobleme. Was ich eingangs den Absturz nannte, ist ein solches Lenkungsproblem. Man hat den Leuten nicht gesagt, was ihnen bevorsteht und jetzt tut es sich hinter ihnen auf. Schlimmer: nichts tut sich auf als dieses Dunkel, in das der Dieselqualm mächtig hineinbläst, als wolle er das Problem vergrößern. Auf Energie gesetzt: das ist es. Man hat die Leute auf Energie gesetzt und jetzt zieht man sie ruckweise aus ihnen heraus. Aber das stimmt nur halb. Man zieht sie aus ihnen heraus und steckt sie ihnen an anderer Stelle wieder zu. Eine Energieart entbirgt der Gesang: »Wir köhönnen uns euch nicht leisten, das Leheben ist viel zu kurz.« So etwas singt man nicht wirklich, nur übersetzt könnte es so lauten. Natürlich erhebt sich die Frage, wer hier wir ist und wer ihr, aber kaum gestellt, erhebt sich das Wir auf seine eigensten Zehenspitzen und ergeht sich im hohen Ton, so dass man sein eigenes Wort nicht versteht. Woran erkennt man dann, dass es das eigene ist? Vielleicht an der Art, wie es untergeht, man könnte meinen, es winke.

ENSEMBLE

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Es war schön hier und jetzt ist es aus, denn der Auftrag fehlt. Er wurde entzogen, dir, mir, der ganzen bunten Theaterwelt, die wir sind, weil wir darstellen, was wir sind und nicht sind, immer schön eines mit dem anderen. Was sind wir denn? Das habe ich mich gefragt, jeden Abend, wenn ich den Kopf zur Tür hereinstreckte und alle waren schon da. Was sind wir denn? Ein Leckerbissen? Ein Augenschmaus? Ein Ohrengewitter? Eine Grille vom Stadtrand, aus Versehen ins Zentrum verschleppt, dorthin, wo die Kulturtempel stehen? Ach dieser Tempel! Wir nennen ihn nur das Haus. Nun, da wir schaudernd erkennen, dass es nie unser Haus war, bloß eine Lagerstätte für Brennbares, die jetzt geräumt wird, weil neue Gefahren gebannt werden müssen, ist es zu spät. Sind wir denn ausgeglüht? Sind wir nicht mehr … Bares? Zahlt unbar, Leute, dann sehen wir uns bald wieder.

Entdummungsprogramm

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Das Entdummungsprogramm der Regierung: eine Katastrophe! Und wer sind die Dummen? Die Dummen. Am Ende trifft es immer die Falschen, die falschen Fuffziger und die falsch Informierten. Dumm gelaufen! Sind Sie falsch informiert? Ich für mein Teil bin es gern. Das trägt zur Allgemeinbildung bei, was will der Einzelne mehr? Ein voller Erfolg hingegen ist das in alle öffentlichen Hände gelegte Programm ›Qualen mit Zahlen!‹ (von ein paar Ulknudeln entstellt zu ›Quälen durch Zählen!‹). In allen Provinzen des Landes werden nach einem wirren, dabei leicht zu handhabenden System Zahlenbündel zusammengekehrt, auf ultraschwere Lastwagen verladen und in die alte Reichshauptstadt transportiert. Mancher im Lande fragt sich gebannt, was dort mit ihnen geschehen mag. Werden sie, nach Begutachtung durch die oberste Bürokratie und einem publikumswirksamen Besuch des zuständigen Ministers, verbrannt und auf dem zentralen Zahlenfriedhof entsorgt? Weit gefehlt: Sie werden verbaut. Die Regierung lässt bauen und folgt dabei der altbewährten Devise ›größer, schneller, weiter‹. Ein Dach aus Zahlen – das erinnert entfernt an den berühmten Churchill-Spruch: Die Festung Europa hat kein Dach. Andere Zeiten, andere Sorgen. Andererseits braucht so eine Festung Licht, Luft und vor allem: Wasser. Zahlenregen, daran sei an dieser Stelle erinnert, löst das Problem nicht. Was löst es dann? Ich sage es Ihnen: Propaganda! Propaganda löst jedes Problem, warum nicht dieses? Das Lösungswort heißt Dürre. Wir werden diese Zeit der Dürre gemeinsam überstehen, wenn alle die richtigen Schlüsse ziehen und keiner auf eigene Faust behauptet, es gäbe doch Wasser, man müsse es nur fließen lassen. Ein solcher gehört auf der Stelle ertränkt. Doch halt, so billig kommt keiner davon. Besser, er klemmt, trocken gesprochen, zwischen Baum und Borke, ein richtiger Schädling: erkannt, verbannt!

ENTEIGNUNG

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Man mobilisiert Menschen durch Enteignung, das freut die Enteigner, die weniger mobil sind als sie die Welt glauben lassen, schließlich sind sie es, auf die all das Eigentum übertragen werden muss. »Der beweglichste Mensch ist der beste« – das zu dekretieren fällt nicht schwer, es zu leben schon eher, vor allem dem, der dadurch gezwungen wird, unter lauter besten Menschen zu leben. Wer auf Besitz verzichtet, kann nicht zu den Besten zählen, er ist geistig immobil, das wirkt sich gegen ihn aus. Besser verzichtet, wer nach Besitz strebt, Streben kann nicht schaden, es steigert die Mobilität gelegentlich bis in Bereiche, in die selbst die Gesundheit nicht nachkommt … Streben ist Selbstgenuss pur, insofern ist mehr Genuss nicht vonnöten, doch auch er besitzt eine mobile Seite und begleitet den mobilen Menschen auf seinen Exkursionen wie das Eichhörchen den Waldgänger: geortet – verschwunden. Währenddessen schreitet, dem technologischen Wandel sei Dank, die Enteignung stetig voran, sie macht auch vor der Eignung nicht halt und dekretiert, dass sich, relativ und aufs Ganze gesehen, in den Ländern des Reichtums immer weniger Menschen für immer mehr eignen, während immer mehr Menschen sich mit immer geringeren Eignungschancen zufrieden geben. Wozu sollte ich mich eignen? – Das ist keine Klage Bedauernswerter, die ihr mangelndes Selbstbewusstsein vom Staat alimentieren lassen, sondern die stolze Selbsteinschätzung von Menschen, die sämtliche Ausbildungen durchlaufen haben und sich nun fragen, wie sie den Rest ihres Lebens hinter sich bringen sollen. Wo nur Eigentum zählt, wiegt die Enteignung doppelt schwer, weil mit jedem Stück entgangenen Eigentums zugleich ein Stück Eignung schwindet, bis alles dahin ist, ohne dass einer sagen könnte wohin. »Wieviel Mensch braucht der Mensch?« Dahinter steht die Auffassung, dass jeder Mensch eigen ist und daher nur begrenzt einsatzfähig. Ein Satz zuviel und er landet im Gebüsch. Wird er dort Eigner? Oder nur eigener?

ENTFÜRCHTEN

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Im Inneren des entfürchteten Universum braut sich etwas zusammen. Weit entfernt davon, sich zentrifugal zu entfernen, lockert es die Distanzen, schraubt die Birnen aus, deren kaltes, hartes Licht seinen Platz als Platzanweiser beansprucht, fegt als Sturm über die Gefilde des Tausches und stellt den Ramschtisch in die Mitte des entkorkten Gemüts. Da steht er, ein wenig schwankend, weil überladen, zum unmittelbaren Genuss des Heterogenen auffordernd, zum verzehrenden Blick. Oder zum verheerenden? Wer will das wissen. Wer sich fürchtet, geht über derlei Unterscheidungen im Schweinsgalopp weg. Und auch das ist nur eine Metapher. Die Zukunftssorge, so hört man, nimmt die Zukunft hinweg, in die hinein sie sich sorgt. Diese Zukunft wird niemals stattfinden, während sie unaufhaltsam auf den sich Fürchtenden zurast. So bleibt nichts als sich zu entfürchten. Wo lernt man das? An welcher Quelle? Am Quell der Weisheit, das ist doch selbstverständlich. Das Wort allein weist es aus. Im Weisen herrscht Ruhe. Nicht jene Friedhofsruhe nach dem Sturm, den der Fürchtende fürchtet. Die Ruhe des Entfürchteten versteht sich nicht von selbst, sie versteht sich nicht von gestern oder morgen, sie versteht sich von... Heraus! Heraus mit dem Wort! Es muss heraus, will einer nicht daran ersticken. Das Wort ist einfach, es knirscht zwischen den Zähnen, es ist nicht zu knacken, es ist einsilbig, soviel wird verraten. Ist das viel? Wer sollte das wissen? Unsinn, hört man da sagen, das ist doch Unsinn. Nun, welcher Unsinn kommt einsilbig aus – keiner! Im Unsinn steckt ein Winkel, ein gewinkelter Sinn, der den Anschluss sucht und das Fürchten lehrt, um der Sorge willen. Sorge dich nicht! Das ist leicht gesagt und überdies töricht. Tor, auch so ein Wort, das den Einsilbigen plagt und nicht zur Ruhe gelangen lässt. Er spuckt es aus und verlässt die Walstatt, wer weiß, zu früh.

ENTSCHWISTERUNG

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Geschwisterliche Nähe gilt als Glück, dabei wird sie leicht zur Falle. Man kann die missglückte Geschwisterbeziehung als mimetische Erstarrung bezeichnen, bei der die Nachahmung und -äffung des jeweils anderen nicht aus dem Willen zum Ähnlichsein, sondern aus dem verzweifelten Verlangen hervorgeht, anders zu sein und dadurch den anderen auf Distanz zu halten – ein Stellungskampf der Posen und Possen, die allesamt auf Krampf hinauslaufen, wobei letzterer nicht die physische, sondern die soziale Muskulatur befällt: ein feiner, in der Realität nicht immer trennscharf durchgehaltener Unterschied. Dass vieles, was zwischen Brüdern (und Schwestern) geschieht, ›Krampf‹ ist, merkt auch das dümmste Opfer familiärer Verhältnisse. Doch glauben die meisten, er lasse sich dadurch lösen, dass man das alte Intimverhältnis erneuert. ›Es muss doch möglich sein‹: so lautet die Standardformel der untereinander Zerfallenen. Die Möglichkeits-Obsession schleudert sie in endlosen Trommeldrehungen gegeneinander. Just das eine Wort, das alles lösen soll, gibt das andere und erweist sich als pures Beziehungsgift. – »Das soll ich gesagt haben? Und wenn schon: so ganz gewiss nicht. Welch ein Irrsinn.« Wieso Irrsinn? Dass ein Sinn sich auf Abwege begibt, ist sein gutes Recht, es sollte ihm kein Vorwurf daraus erwachsen. Verhältnisse, in denen der Irrsinn herrscht, lassen sich schwer reparieren, denn sie sind der Irrtum. Gelitten wird an der Nähe, die sich als verlorene maskiert. Da hilft nur Entschwisterung, was immer daraus entsteht. »Du meine Schwester? Das müsste ich wissen. Und wenn schon – wer bist du wirklich? Brauche ich diesen Umgang? Bereichert er mich? Schwächt er mich? Treibt er mich in den Wahnsinn? Will ich ihn – den Wahnsinn? Warum? Was führt er mir zu? Wovon hält er mich ab? Was verliere ich, wenn ich dich verliere? Meine Erinnerungen? Aber nicht doch. Du bist es ja, die sie bestreitet. Dich, die ich meine? Aber dich habe ich verloren, jedes deiner Worte bestätigt es. Also was? Nichts? Weniger als nichts? Was ist weniger als nichts? O – ich weiß es. Aber ich sage es nicht. Das bleibt mein Geheimnis. Daran sollst du nicht rühren.«

ENTTÄUSCHUNG

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Die großen Enttäuschungen beulen das Leben, die kleinen das Sofakissen. Eine Enttäuschung kommt selten allein, es verlangt sie nach Gesellschaft, sie will, dass alles auf den Tisch kommt, was sich bisher darunter befand. Die größte Enttäuschung von allen betrifft natürlich das Leben selbst; deshalb kommt sie auf Raten und immer unverhofft. Im Grunde sind alle Enttäuschungen Brocken jener einen großen Enttäuschung, die das Leben bereitet, ja in gewisser Weise darstellt, nachdem selbst sein Danach als lebensdienlicher Bluff daherkommt. Man muss sich nur anhören, was Religionsvertreter über das Jenseits der anderen sagen, dann weiß man Bescheid. Dass Leben auf Täuschung beruht, ist unter Aufgeklärten ein alter Gemeinplatz, es kann jedoch sein, dass sie sich damit täuschen. Erst das Denken bringt die Täuschung hinein, und es täuscht so lange, bis es sich zu Ende gebracht hat. Da aber des bloßen Denkens kein Ende ist, muss es im Einzelnen irgendwann an sich selbst ermüden, das heißt die kurzen Wege bevorzugen und die sind nun einmal mit Enttäuschungen gepflastert. »Bringt nichts!« murmelt der emeritierte Physiker, der sein Lebenswerk durch neuere Forschungen in Gefahr sieht, und gesteht damit indirekt, es nicht gebracht zu haben, jedenfalls angesichts der großen Frage, die alle Forschung antreibt. »Bringt nichts!« dröhnt der Unternehmer auf dem Altenteil, wenn der Stolz auf die Erbin verrauscht ist und schwere Zeiten sich ankündigen. Er hat sich getäuscht und nun ist die neue Täuschung da. Sie ist bloß nicht mehr die seinige. So warten alle auf den kurzen Klick der finalen Enttäuschung, umhegt von der Medizin, die ihre exorbitanten Künste auffährt, um am Ende – zu enttäuschen. Nur der Staat, der sie alle enttäuscht, besteht als Vexierbild fort, und jeder der behauptet, von ihm nichts zu erwarten, lügt.

ENTWAHRLOSUNG

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Ein Neologismus, der es in sich hat. Wenn es Verwahrlosung gibt, dann muss es auch Entwahrlosung geben. Viele den Menschen gemeinsame Güter erweisen sich, näher betrachtet, als nicht gut verwahrt oder, auch das gibt Sinn, als zu gut, als habe sie jemand mit Vorsatz eingewickelt und weggeschlossen – das betrifft vor allem solche, die prinzipiell allgemein zugänglich sein sollten, z.B. Werte, aber auch elementare Einsichten, darunter einige, welche die Funktionsweise von Staaten betreffen, deren Führungspersonal alle paar Jahre zur Wahl steht: letztere sollten unbedingt vor jeder Wahl bekanntgemacht und in den Köpfen der Wähler nach Kräften gehegt und gepflegt werden. Was die Werte angeht, sollte man sie nicht zu abstrakt sehen, sondern auf den Mix aus Überzeugungen, Hochmut, Abneigung, Hass, Verachtung, Ängstlichkeit, blindem Vertrauen und Skrupulosität achten, der sie zu begleiten und betten pflegt. Auch Werte können verwahrlosen, wenn man sie nicht an sich, sondern in ihrem Gruppendasein unter die Lupe nimmt. Ein gewisser Grad an Verwahrlosung ist unausweichlich und sogar wünschenswert, sobald es um Einsichten und Werthaltungen geht, deren Verbreitung jedem Demokraten angelegen sein muss, denn nichts ist flüchtiger als die Reinheit einer Idee, die ihre Runde durch die Köpfe beginnt. Jede Öffentlichkeit unterhält, was meist geflissentlich übersehen wird, neben ihren offiziellen Kommunikationsmitteln auch eine stille Post, die Informationen nach Kriterien wie Schwerhörigkeit, Dickfelligkeit, Schwerfälligkeit, Unaufmerksamkeit, freie/unfreie Assoziation, Denunziationsbereitschaft, Autoritätshörigkeit, Feigheit, mangelnde Merk- und Sprachfähigkeit, vorsätzliches und mechanisches Missverstehen, Kosten-Nutzen aufbereitet und dafür sorgt, dass fast alles, was ›am Ende‹ draußen bei den Menschen ankommt, sich in einem mehr oder weniger heillosen Zustand befindet, angesichts dessen kluge Leute die Hände über dem Kopf zusammenschlagen mögen, was aber auch nicht weiter hilft. ›Entwahrlosung‹ ist die Kunst oder geduldig geübte Fähigkeit, in öffentlicher und privater Rede die Fäden zu entwirren, das panisch Zusammen- oder Auseinandergedachte in eine rational und human vertretbare Ordnung und Relation zu bringen, der Bosheit, Bösartigkeit und dem interessegesteuerten Willen zur Unwahrheit entgegenzutreten, wo immer sie sich der Gedanken anderer zu bemächtigen anschicken, die vergessenen oder versteckten oder verschwiegenen oder tabuisierten Seiten einer Angelegenheit von allgemeinem Belang ins kollektive Bewusstsein zurückzuführen und generell der Verwechslung von Wahr- und Wahn-Nehmung die gesellschaftliche Spitze zu nehmen. Das klingt, als werde sie allzeit geübt, ja, als liege hier eine von jedermanns Haupttätigkeiten, doch das Gegenteil ist der Fall. Nichts ist schwerer an seinen Platz zurückzustellen als eine entglittene Wahrheit, deren Posten von Stellvertretern blockiert wird, die äußerlich aus Pappe gefertigt scheinen, aber inwendig die Härte von Stahl mit der Unnachgiebigkeit von Industriekeramik vereinen.

EPIKRISIE

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Man kann es mit dem Gedächtnis leicht übertreiben. In dieser Hinsicht ist die Alzheimer-Erkrankung eine Erkrankung der ganzen Gesellschaft, so wie einst das ganze Haus am Kapitalismus erkrankte und verschied. Die künstliche Bevorratung der Erinnerungen erzeugt Visionäre des leeren Gedächtnisses, die sich laut rufend in den Spalten der Jahrtausende verirren und nur durch engen Umgang mit dem geschulten Pflegepersonal der Informationsmedien so etwas wie eine späte Normalität erfahren. Wer immer in früheren Jahren oder Jahrzehnten ihren Weg oder auch nur ihre Gedankenbahn kreuzte, sollte sich von ihnen fernhalten oder äußerst warm anziehen. Der Eishauch, der von ihnen ausgeht, wirkt absolut tödlich. Da sie nichts zu sagen haben, kommen ihnen die Tränen, sobald sie den Mund aufmachen, und niemand macht ihn ihnen zu. Diese aufgeklappten, mahlenden Münder sind ein Symptom, aber für was? Wie immer haben die klinisch Kranken das Nachsehen: das Aufregende an ihnen ist, dass sie für etwas stehen, von dem sie nichts wissen können und, könnten sie es, nichts wissen wollten. Und selbst damit sind sie ein Zeichen.

EPOCHÉ

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Das Ende einer Vorherrschaft ist gekommen, wenn es zwar Kandidaten für eine Nachfolge, aber keine Nachfolge gibt. Mancher Anwärter lauert ewig darauf, das Amt anzutreten, das sich ihm akribisch verweigert. Die Auguren des Heute würden ihn gern installieren, aber etwas passt nicht: dieses nicht, jenes nicht, einmal, zweimal, immer wieder, sooft der Versuch auch gewagt wird. Woran es liegt? An wechselnden Gründen, also an nichts Bestimmtem, also an dem, was sich nicht ändern lässt. So verändern sie einmal dies, einmal das, und vertun damit ihre Zeit. Es kommt auch vor, dass der Kandidat klüger ist als seine Parteigänger, es passt ihm nicht, so beim Wort genommen zu werden, und er entzieht sich. Wohin? Das bleibt sein Geheimnis.

ERBÄRMLICH

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Lange Zeit haben wir geglaubt, ›erbärmlich‹ komme von Erbarmen. Doch das Deutsche kennt keinen Spaß und so müssen wir am Ende zur Kenntnis nehmen: nein, es kommt von ›erb-ärmlich‹ und gibt einen unmissverständlichen Hinweis auf die ererbte Ärmlichkeit, mir der man, politisch wie privat, Abweichlern begegnet, die ›einen eigenen Kopf haben‹ und wie dergleichen Phrasen lauten mögen. Armut im Geiste kann auf eine lange, ihr nur selten geläufige Tradition bauen. Wäre es anders, sie müsste vor sich selbst davonlaufen. Nichts zum Beispiel fällt der hiesigen Erbärmlichkeit leichter, als einen Gast aus Israel, der vom Katheder herab einer bequemen Ideologie die Gefolgschaft verweigert, als ›Antisemiten‹ zu denunzieren und ihn dorthin zurückzuschicken, wo er hergekommen ist – ohne Gründe zu geben, einfach so, aus dem Übermut des Gerechten, der weiß, dass für die gute Sache am Ende sich jede Gemeinheit rechnet: ein Beispiel von vielen, deren Aufzählung rasch an den Nerven der Wohlmeinenden zerrt. Das alles bereitet keinerlei Schwierigkeit, es gilt als erlaubt, sogar als geboten. Der Erbarmungslosigkeit ist schon damit gedient, dass sie sich ihre Vorgeschichte ›nicht anziehen‹ will. Nein, sie entstammt nicht dem Heute, sie ist nicht ›rein entsprungen‹, sie ist überhaupt nicht entsprungen, es sei denn dem Irrenhaus, sie ist überall Erbe, sie gedeiht auf eigenem Grund, sie streckt ihre Wurzeln tief in die Vergangenheit und saugt dort Nahrung, wo andere Pest und Verwesung wittern: sie ist antiliberal.

ERBSCHAFT

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Wenn es wahr ist, dass keine Ware ganz Ding ist, sondern immer auch etwas anderes, ein Produkt, eine Verrechnungseinheit oder ein Fetisch zum Beispiel, dann ist es auch wahr, dass kein Ding ganz Ware sein kann, nichts als Ware und nur die Ware: was unter anderem besagt, dass Sediment gewordener Besitz nur oberflächlich in die Warenwelt überführt werden kann und seine Eigentümlichkeit sich beim Besitzerwechsel vermindert, er sie schlimmstenfalls verliert. Das war seit jeher das Argument aller Konservativen, doch ausgehebelt ist es deswegen nicht, es sei denn, man wäre gewillt, alles Konservierende und Konservierte der Vernichtung preiszugeben. Was für Dinge gilt, gilt auch für Strukturen: der Funktionalismus ist ohne Funktionsminderung nicht zu haben, zumindest in seiner dynamischen Gestalt, die an die Stelle des dysfunktional Gewordenen das jeweils ›Funktionalere‹ setzen will. In der Welt der wirklichen und nicht nur formal gefassten Funktionen ist z. B. Geld Geld und nicht nur ein Zahlungsmittel oder ein intermittierendes Element: etwas mit einer Geschichte, einer Ausdehnung, mit Form- und Gestaltmerkmalen unterschiedlichster Art, mit physischen und psychischen Tiefenwirkungen, mit Glaubensartikeln, ein wirklicher Überzug der wirklichen Erde. So etwas wirft man nicht weg, weil die digitalen Netze es, ökonomisch-theoretisch betrachtet, überflüssig machen oder machen könnten, falls ein entschiedener Wille so etwas ins Werk setzen sollte. Man wirft es ebensowenig weg wie einen Besitz, den man zwar erworben hat, aber, unter individuellen Glücks-Gesichtspunkten, nur zu geringen Teilen nutzen kann, während er sich in seinen Hauptmomenten als harter Stoff erweist. Besitz bindet, er schafft Licht, Wärme, Sinn, – eine Erbschaft auf der Suche nach ihren Erben nicht minder. Selbst im Untergang und Verfall setzt sie Kräfte frei, die sich an ihrem Ort realisieren, und sollte sich partout kein Ort finden, so gilt die in die Luft gezeichnete Signatur.

ERBSENZÄHLER

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»Sie befinden sich praktisch auf Erbsenzählergebiet«, erläuterte der Landvermesser im blauen Kittel, »hier haben wir alles unter Kontrolle.« »Wenn Sie alles unter Kontrolle haben, warum kontrollieren Sie dann so streng?« »Wir können es uns nicht leisten, dass das Land außer Kontrolle gerät.« »Wohin gerät das Land, wenn es außer Kontrolle gerät?« »An seine Grenzen. Warum wissen Sie das nicht?« »Dann wäre das Land ja leer und Sie hätten alles unter Kontrolle. Bis auf die Grenzen, nicht wahr?« »Ich weiß nicht, was Sie damit meinen, aber ich empfinde ihre Aussage als … ich will nicht sagen grenzwertig – aber mein Gefühl geht in diese Richtung.« »Sie fühlen, was ich sage?« »Ich sagte, ich empfinde Ihre Aussage als grenzwertig.« »Empfinden Sie noch mehr?« »Hören Sie auf. Sie gehen zu weit.« »Das war es, was ich meinte. Der einzige Wert, den Sie kennen, ist der Grenzwert.« »Das ist richtig.« »Kommt drauf an.« »Jeder Wert setzt Grenzen. Das ist doch selbstverständlich.« »Ihr Land muss besonders wertvoll sein.« »Wie kommen Sie darauf?« »Weil Sie überall Grenzen ziehen.« »Das ist nicht wahr.« »Aber eine Tatsache.« »Lügner.« »Aber da ist eine Schwierigkeit.« »Die wäre?« »Je mehr Werte Sie produzieren, desto mehr müssen Sie kontrollieren. Je mehr Sie kontrollieren, desto mehr Verstöße registrieren Sie. Je mehr Verstöße Sie registrieren, desto größer wird das Problem und desto mehr müssen Sie kontrollieren. Je mehr Sie kontrollieren, desto gleichgültiger werden den Leuten Ihre Kontrollen. Je gleichgültiger die Kontrollen werden, desto mehr entgleitet Ihnen das Land und desto wertloser wird es für Sie.« »Verlassen Sie mein Land!« »Ist es denn das Ihre?«

ERDBEWOHNER

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Sie sind Getriebene des Planeten und wissen es nicht, sie halten ihn für ein zu klein geratenes Geschenk und wünschen sich zum nächsten Festtag ein größeres. »Behandelt es gut, man weiß nie, was danach kommt.« Solch mütterlicher Rede sind sie hilflos ausgeliefert, zur rechten Stunde kommen ihnen die Tränen. ›Erdbewohner‹ ist ein Wort wie ›Rittmeister‹; verständlich durch langen Gebrauch, verrätselt es sich, sobald einer hinhört, als höre er es zum ersten Mal.

ERFÜLLUNG

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Humanisten haben sie einst verhöhnt und von leeren Tüten geredet, die als Stiftung des Teufels den Mützen gleichen, die Seher im Gefolge des Satans bemerkt haben wollen. In diesen Tüten stecken, nach der Organisatione della Armada Diaboli, tatsächlich die Häupter seiner ersten Familie (er besitzt deren drei, nach der Verstümmelung der Dreifaltigkeit): der Ankläger und Sykophanten, das sind die Lieblinge der Könige und Demokraten, der Pragmatiker und Rationalisten. Sie bilden die Fundamente der Wissenschaften und des Bankwesens.
Immer wieder seit unendlicher Zeit, ruckweise, aber gelegentlich auch in einem Zuge aufs Haupt gesetzt, ›erfüllen‹ sie gemäß einem rätselhaften Kommando das exercitium antispirituale, denn ihre Waffen sind (gleich denen aller ›Spitzbuben‹ – sic! – dieser Welt) ihre flinken Köpfe, die sie stets aufs Neue bedecken, um wie Büßer zu wirken.
So war es auch ein französischer Jesuit und Cornet seines Ordens, der das Tütenkleben als Strafe in den Gefängnissen Frankreichs eingeführt hat (das Cornetieren). Um die Gefangenen wie einst Diogenes vor den Statuen der Götter im ›Nichtsbekommen‹ zu üben, mussten sie sich jede hundertste Tüte ans Kinn kleben, um so erniedrigt und beleidigt ihre Suppe zu löffeln. Napoleon schaffte zwar diese Strafe ab, ersetzte sie aber durch das Kleben von Edikten in Form von Pulverkartuschen, von denen sie jede zehnte als Papilotte an bestimmte Haarsalons in Paris abliefern mussten. Die Rue Papillote an der Place de la Pulvre legt von dieser Auflage immer noch Zeugnis ab. - PM

ERHALT

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Wer das Messer im Sack trägt, braucht für den Erhalt nicht zu kämpfen. Welchen Erhalt? Heilige Einfalt! Ein Erhalt lässt sich nun einmal nicht zerlegen, nur quittieren. Die Quittung fügt dem Erhalt nichts hinzu außer seiner Ordnungsgemäßheit. Der Geber sichert sich ab und der Abnehmer ist der Dumme, denn ihm obliegt hinfort die Sorge um den Erhalt. Wir wissen nicht, ob er nächtens wachliegt, weil der Erhalt ihn drückt. Was wir wissen ist, dass die Sorge ihn zu befremdlichen Handlungen treibt. Seine Versuche, das Erhaltene einzuhegen, sind rasch Legion. Gut dokumentiert ist die Geschichte der Zäune, deren er sich bedient und von denen jedes Modell durch das nachfolgende entwertet wird. Ein entwerteter Zaun ist zu gar nichts nütze, etwa wie ein beiseite geworfenes Verkehrsschild oder ein Wachhund, der sich vergnügt. Er muss aber entsorgt werden, dafür ist das eingezäunte Gelände gut. So stapeln sich die Leichen entsorgter Zäune, Zeichen einer immerfort verdoppelten Sorge, auf dem ach so erhaltenswerten Grundstück. Wie bald verstellen sie den Anblick des Himmels, der uns sonst so rührte, weil er der Sorglosigkeit eine zugegebenermaßen flüchtige Bleibe verschaffte. Schon zieht sie klagend über die Erde, nächtens hören wir ihr Geheul.

ERINNERN

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Da ist eine denkerische Aufgabe, die hält dich fest. Und da ist das Erinnern, aufgegeben auch das, eine Aufgabe, meinetwegen, aber sie hält nicht fest, sie lässt los, sie zwingt dich, loszulassen, nein, das ist falsch, sie zwingt nicht, sie wartet. Sie wartet darauf, dass du loslässt, Stückchen für Stückchen, Bröckchen für Bröckchen, in die Netze hinein, ans Davonschwimmen ist nicht zu denken. Aber in den Netzen herrscht keine Geborgenheit, ihre drangvolle Verdichtung schafft keinen Raum. In ihnen herrscht Enge, sonst nichts. Auch das ist zu viel gesagt, es herrscht der Nicht-Raum. Der Nicht-Raum kennt keine Fläche, er kennt kein Außen, das in ihm läge, er kennt nur das Außen, das unerreichbar bleibt. Dennoch treiben die Netze, das Außen umspült sie, fast hätte ich gesagt, von Ewigkeit zu Ewigkeit, aber das wäre nur eine Floskel. Sie treiben dahin, da ist keiner, der sie birgt. Aber auch das ist ein Wort, das den Widerspruch aufruft. Da steht er, eine Ampel auf einsamer Strecke, sie könnte sich den Wechsel sparen und alle Farben auf einmal anzeigen: Grün, Rot, Gelb, das wäre ein schöner Zusammenprall, wenn mal jemand käme.

ERLÖSUNG

E
Sie wirkt auf verschiedenen Ebenen. Man kann befreit werden, was der Erlösung nicht gleich kommt. Man kann von Fesseln, vom Schmerz, von der Bosheit seiner Feinde und Feindinnen befreit werden, aber erlöst werden ist etwas anderes. Erlösung ist nicht zu erleben, denn sie ist eine Vorstufe des Ersterbens. Insofern ist der Sinn dieses Wortes unter uns peinlich Unsterblichen aus der Mode gekommen. Man hat die Stufen vergessen, die in die Leere führen, in der die Erlösung, von einem jungen Drachen bewacht, dem Leben die Stirne bietet. Denn mitten in diesem Licht gedeiht die blühende Erlösung, die mit den Äpfeln der Hesperiden an ihren sechs Luminarien jede gewerbsmäßige Schönheit der Kunst in den Schatten stellt. Wehe dem Haupt, das die Zahlung des Lebens an dieser Stelle verweigert. Das Licht erlischt und der Besucher, der es vielleicht bis zum jungen Drachen gebracht haben könnte, steht nun hinter dem Zelt eines Marktplatzes auf verlorenem Posten. Vergebens sucht er ein Taxi, denn er haust jetzt für lange Zeit in der dritten Natur und sein Körper schwebt mühelos durch eine Gegend, die ihm das Zeitgefühl nicht zum Erlöschen gebracht hat, ihn aber jahrhundertelang festhalten könnte, obwohl er sie immer aufs Neue zu kennen glaubt. - PM

ERLÖSUNG (2)

E
Die Erlösung ist zweigeteilt, sie wird gewährt, aber ebenso auch erworben. »Oh, göttliche Teilung von Gnade und Wunsch« heißt es in einem früher sogar von Freibündlern und in Studentenverbindungen sehr gerne gesungenen Kanon der Serapionsbrüder, der leider den stark verkürzten Messen zum Opfer gefallen ist, denn er war, der Erlösung entsprechend, von fast unendlicher Länge. Männer und Frauen, die sich erlösungsbedürftig wähnten, schlossen sich in noch früheren Zeiten zu riesigen Chören zusammen und brausend stieg der Wunsch in den Himmel, jedenfalls wenn die Zeit es erlaubte. In Reims sang man einmal drei Monate lang während der Erntezeit ohne Unterlass, und wenn nicht die Pest ausgebrochen wäre, sänge man hier vielleicht noch immer. Aber kurz darauf drangen die Engländer ins Land und von Johanna von Orleans hörte man damals noch nichts. Man hätte Gründe gehabt, um Erlösung zu singen, doch die Zeit ließ es nicht zu. Die Kollektive der Christenheit verbargen sich überall und von gemeinsamen Chören im Schrei nach Erlösung war nichts zu hören. Später kamen andere Völkerschaften und nach und nach auch wieder die Pest, bis hin zu den Hugenottenkriegen und der Bluttat der Bartholomäusnacht.
Ohne Gewährung durch höhere Mächte ist allerdings auch der höchste Eifer sinnlos, und auf gut Glück trauen sich selbst unter Inbrünstigen nur die wenigsten, in Reihenhäusern oder Plattenbausiedlungen laut zu singen. Überhaupt ist der private Gesang in Haus und Küche mit dem Erlöschen der Erlösungschöre ebenfalls untergegangen.
Es gibt nun aber ohne den Willen, erlöst zu werden, keine Erlösung, denn die Sache hat hier unfassliche Wurzeln. Unendlich vielen, allzu vielen, bleibt der Erlösungswunsch stets nur ein Wahn, eigentlich ohne den erhofften Ausgang. Zu viel muss geschehen, bis Gewährung und Wille eins miteinander werden, und Erlösungswille ins Blaue hinein ist oft nur ein kurzer Wunsch, immer erneut von Sünden und Zweifeln unterbrochen. Mit ihnen im Gepäck kann niemand Erlösung erwarten. Aber dieser Zustand mag ja noch angehen, er ist wenigstens einleuchtend. Es gibt aber leider auch Fälle, in welchen, dem Anschein nach, jedenfalls nach menschlichem Ermessen, alles zusammenpasst und der berechtigte Schrei nach Erlösung grausam, in unerforschlichen Ratschlüssen, niemals gewährt wird. Das allerdings bezeugt dann, nicht ungeschickt für die unseligen Materialisten, das Fortbestehen einer alten himmlischen Zerrüttung im Vermögen über das menschliche Schicksal.
Kaiser, Könige, Päpste und Heilige haben vergebens Erlösung herbeigefleht, hingegen empfing nach Pascal ein am Parktor bettelnder Blinder, nichts weiter als ein namenloser Mann in Lumpen, durch die Kutschenräder des nächstbesten Höflings den schmerzvollsten Stoß gegen die Brust und zugleich eine grausame Erlösung. Das wäre natürlich im Sinne des Christentums noch gerecht und verständlich, aber der rohe Kutscher erlangte seine Erlösung, ohne sie überhaupt je wie der Bettler erfleht zu haben, noch am Abend durch den blitzschnellen und völlig schmerzfreien Huftritt eines verhexten Rosses, wie Hans Baldung Grien es in Kupfer so klar und deutlich gestochen hat.*
Man bleibt eben unbehext viel ahnungsloser als jenes Pferd, das zwar voll glühender Bosheit, aber doch im Dienst der Erlösung rückwärts blickt. - PM
* Der behexte Stallknecht, 1544.

ERNEUERUNG

E
Erneuerung geht nicht ohne Abbruch vonstatten; große Freundschaften verwandeln sich unter der Hand in Zahnbelag, dessen Entfernung beim nächsten Arztbesuch ansteht. Ein Fall für die Gehirnforschung! Aber auch andere Disziplinen zeigen Ansätze des Helfersyndroms, sobald man sie darauf anspricht. – Tu’s nicht! Das Problem ist die Psyche. Immer wieder: die Psyche. Viele sehen in ihr (oder dem Postulat, das ihr ins wissenschaftliche Dasein verhilft) die Lösung, sie leben gut von ihr und können nicht von ihr lassen. ›Wie funktioniert das?‹ Gute Frage, gut, dass einer sie stellt. Was wäre die Psyche ohne ihre Analyse? Ein Problem. Und siehe da: sie ist ein Problem. Die Psyche ist das Problem der Psyche. Daran ist nichts geheimnisvoll. Der Mensch ist das Wesen, das seine Psyche vorschiebt, wenn es ihm schlecht geht. Ein glücklicher Mensch braucht keine Psyche. Erst die Zumutung, die er für seine Mitmenschen darstellt, erzeugt sie reihenweise. Psyche ist, was immer die Leute sich von ihr erzählen, unglückliches Bewusstsein, Leiden an einer unauflöslichen Spannung, sprich: Diskrepanz. Man kann auch sagen (und damit kommen wir der Sache allmählich näher), sie ist verhülltes Gottesbewusstsein: ein Bündel Probleme, das mit dem Streben der Seele zu Gott ins Leben tritt, sobald man die Tatsache dieses Strebens leugnet. Warum...? Manches geht, weil es geht, weil es den theoretischen Kropf füllt, einfacher gesagt, weil es das Bedürfnis nach Anschauung bei Leuten stillt, denen Theorie ein Buch mit sieben Siegeln darstellt. Deshalb kursieren auch unter den Liebhabern der Psyche die Anleitungen zum Selberbauen. Doch sieht man nur selten, dass wirklich so ein Drachen sich in die Lüfte erhebt. Was die Lust am Weiterbasteln nicht mindert: der unbeirrte Glaube an die eigenen Fertigkeiten (ein Irrglaube wie irgendeiner) erzeugt den Aushilfsglauben an Reparatur-Instanzen, die pünktlich bereitstehen, falls etwas nicht klappt. Erst wenn der approbierte Mechaniker den Daumen senkt, weiß gewöhnlich der Letzte: hier ist nichts mehr zu machen... ein Fall für den Schrottplatz. Warum? Es liegt am Glauben. Ein rechter Glaube kann, wenn er zusammenfällt, Freundschaft in Hass verwandeln, Nähe in Gegnerschaft, gemeinsame Überzeugung in erbitterte Frontstellung. Eine Freundschaft, der kein gemeinsamer Glaube zu Grunde liegt, verwandelt sich früher oder später in einen Straßenköter, den man, sobald keiner hinschaut, mit Steinwürfen verjagt: ein lästiges Wesen, das nicht zu einem passt, und zwar gerade dort, wo es einmal gepasst hat. Eine solche Freundschaft wird nicht gekündigt, sie wird gekappt. Soll sie doch schwimmen, wohin sie will, wie sie will, sofern sie will. Geht sie unter: auch gut, schade drum, Schwamm drüber.

ERNST

E
Es gibt Regionen der Ernsthaftigkeit, in die man nur im Scherz vorstößt – nicht zum Scherz, wie die Sprache abschließend anmerkt, sofern niemand ihr widerspricht. Der stumme Ernst ist eine Figur, die wenig zu denken gibt, da bereits alles gesagt ist. Man reicht sich die Hand, eine angemessene Geste, die, wie alles, was dem Entgleiten entgegen geht, es im Hinauszögern auslöst. Alle stürzen sich in die Zukunft hinein, als sei sie aus einem schmiegsamen Element, das überdies trägt; angesichts dieses Wahnsinns gibt der Ernst den, der nicht mitkommt, eine Figur aus dem ewigen Gestern, das sich ebenso erneuert wie alles, was ansteht. Man hält ihn für bekloppt und alle lieben ihn, er sich vermutlich auch. Man macht Scherze über ihn, das ist wahr, und mancher amüsiert sich auf seine Kosten, aber das gilt als ungehörig und verrät einen Charakter, mit dem alle können, unter Vorbehalt, versteht sich. E la nave va.

ERREGBARKEIT

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Die Erregbarkeit der Deutschen, dieses im Grunde phlegmatischen und, wie vielfach behauptet wurde, gutmütigen Volkes ist jüngeren Datums, soweit es um weltliche Dinge geht; in Fragen der Religion waren sie früh ein Verein von verzückten Dreinschlägern. Bei der erwähnten Erregbarkeit handelt sich um eine Art Rheumatismus, den sie sich zuerst in den Napoleonischen Kriegszügen zugezogen zu haben scheinen, einen Schmerz, der nicht weggeht und nach Überbehütung und Ausbruch zugleich verlangt. Die Quadratur des Kreises heißt Effizienz, nicht um eines Zieles oder einer Sache willen, sondern als Lebensfigur, die zwischen alle anderen tritt und sie scheucht. Im Grunde geht es darum, sich an die Spitze des Zuges vorzuarbeiten, aus dem Gefühl heraus, sonst rettungslos unter die Räder zu kommen. Was sie ›historische Erfahrung‹ nennen, ist der diffuse Schmerz, der sie zwingt, nicht stillezuhalten, sondern ›die Verhältnisse‹ zu ihren Gunsten zu wenden, als ob es genügte, die Kehrseite aufzuschlagen, um Entlastung zu erfahren. ›Entlastung‹: dieses Wort sollte man rot anstreichen, wo immer es in programmatischer Absicht begegnet – es sagt viel, wenn nicht alles über ein Lebensgefühl aus, das unter seiner eigenen Bürde keucht.

ERREGT EUCH!

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Alle Welt interessiert sich für die Lüge; die Wahrheit, so wahr sie auch sein mag, ist ohne Belang. Man geht über sie weg, als verstünde sie sich von selbst. »Das mag schon so sein«, murmelt dein Gesprächsfreund, der Wahrheitsfanatiker, dann stürzt er sich ins Getümmel. »Alles Lüge!« So schreit er, das Gesicht gerötet, und klopft auf den Tisch. »Reg dich nicht auf!«, ruft seine Gattin. Sie fürchtet, dass er sich übernimmt. In Wahrheit liebt auch sie die Emphase. Erkläre den beiden, wie es ist, und sie verstummen. So ein schöner Tag! Jetzt ist er ruiniert. Doch nicht für lange – wie schnell so eine Wahrheit verdampft, man glaubt es kaum. Ein paar müde Sentenzen noch und der Sturm bricht los. »Eine dreiste Lüge!« kräht der Gesprächsfreund und glänzt vor Vergnügen. »Unglaublich.« Unglaublich, aber wahr: nicht die Lüge zählt, sondern die Dreistigkeit, mit der sie aufgetischt wird. Man soll nicht lügen, man soll dreist lügen. Ein zaghafter Lügner, das ist, als nähme einer es mit der Wahrheit nicht so genau. Wohin führt das? In jeder dreisten Lüge steckt ein Führungsanspruch, der will heraus. Die Erregung bindet den Menschen, wer führen will, muss erregen. Was lässt sich noch leichter erregen als Wahrheitsgefühl? Das Geschlecht. ›Und wenn er Recht hätte? Wenn er doch Recht hätte? Was dann? Alt sähe man aus. Hässlich sähe man aus. In jeder Lüge steckt eine Wahrheit, die mich besitzen will, mich ganz allein. Die anderen laufen dem Lügner nach, ich weiß, wo er Recht hat und finde: er ist mein Mann.‹ Er ist eine Frau? Na dann: Nichts wie hinterher!

ERWARTUNG

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Du befindest dich in einer sonderbaren Lage: fast wie der gläserne Mensch, aber doch anders, verstellter. Angeschossen von einer Seite, jedenfalls blutend, unfähig, dich zu halten, von der anderen Seite fixiert durch ein System aus Stützen, deren Möglichkeiten sich weitgehend darin erschöpfen, dass sie sich gegenseitig in der Lage halten, die dir zu nützen scheint, aber nur für den Augenblick. Du weißt (wie man diese Dinge weiß): sobald du dich anlehnst, fällt alles zusammen. Und doch wirst du gehalten, darüber besteht kein Zweifel. Nicht, dass du Halt fändest, du suchst ihn nicht einmal, schon diese Bewegung wäre gefährlich und führte vielleicht zum Kollaps. Aber die Erwartung: sie lässt sich nicht abstellen, du findest den Schalter nicht und, ehrlich gesagt, du bist keineswegs wild darauf, ihn zu finden. Eher erwartest du, dass die Dinge sich ändern. Diese Änderung, davon bist du überzeugt, kann nur von innen kommen, aus einer Ecke jener unbestimmten Region, in der du dich vermutest oder deinen Gott oder ein dir treu ergebenes Wesen, das vielleicht nicht dich meint, sondern etwas, das durch dich hindurch in die Wirklichkeit eintritt oder einsickert oder eingreift. Nein, Medizin wolltest du es nicht nennen. Die Vorstellung, einen Eingriff vorzunehmen, hat etwas hoffnungslos Übertriebenes, weder passt sie zu deiner Lage noch zur Wirklichkeit draußen. Ehrlich gesagt, diese Wirklichkeit besteht fast nur aus Eingriffen, auf jeder Narbe sitzt eine frische Wunde, Schläuche, wohin man blickt. Ein paar davon, soviel weißt du schon, warten auf dich. Lass sie warten, denkst du, solange meine Mission nicht erfüllt ist, werden sie mich schon meiden. Darin steckt natürlich der Fehler, denn was eine Mission ist, das bestimmt sich dort draußen. Du bist nur ausführendes Organ. Als solches wird man dich warten. Aber so ist es nicht, nein, so ist es nicht.

ETHIKSCHWUND

E
Die den Ethikschwund öffentlich beklagen, haben es leicht, denn sie haben die Eisbären auf ihrer Seite. Die Eisbären sind für die Ethik, die ihnen nur Vorteile bietet. Sie selbst besitzen keine, also kann ihnen niemand vorwerfen, sie suchten nur den eigenen Vorteil. Im Gegenteil: erst der Vorteil aller verschafft ihnen das kalte Plätzchen, das sie fürs Überleben brauchen. Eisbären leben von anderer Leute Ethik wie diese vom Tran der Wale. Kein Eisbär hat je die Kälte vergessen, aus der seinesgleichen kommt. Man könnte sagen, er schmilzt unter der glühenden Sonne der Arktis wie ein Stück Erz im Hochofen der Stahlköche. Nur den stählernen Eisbär wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Die Evolution verweigert ihm diesen letzten, alles entscheidenden Dienst und schleudert ihn ins Dunkel der zoologischen Anstalten, wo er sich wohl fühlt, aber manchmal ein Reißen verspürt, wenn er zwischen den Besuchern die kleine Meerjungfrau sieht, die es ins Wasser zieht, die aber tapfer dagegen angeht. Solche Tapferen kennt er, sie würde er gern zerfleischen.

ETHNION

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Nur unbedeutende Menschen verwechseln Nation und Ethnie, bedeutende machen die Gleichung auf, wenn sie ihnen in den Kram passt, und räumen sie aus dem Weg, sobald sie lästig wird. Warum gibt es sie überhaupt? Weil sie gebraucht wird, kein Zweifel, und zwar auf beiden Seiten. Für die unbedeutenden ist sie eine Sache der Ehre (also des Familiensinns), für die bedeutenden ein billiger Motivator, der Heißsporne generiert, und zwar am laufenden Band – man muss, so denken sie, nur die kruden Figuren aussortieren und laufen lassen, dann läuft alles Weitere wie geschmiert. Da die Gleichung stets positiv und negativ besetzt ist, fällt es leicht, über sie auch größere Massen zu steuern. Wer daraus partout schließen will, dass die Nation, um handlungsfähig zu sein, ihrer bedarf, der steht mit seinen Gedanken bald allein. Er hat etwas gesehen, was keiner sehen sollte, der nicht in den Zirkeln der Macht zu Hause ist, er steht im Verdacht, etwas auszuplaudern, was man besser verschweigt. Dabei hat es keine Gefahr: das wirkliche Geheimnis besteht darin, dass es niemanden außerhalb jener Zirkel interessiert. Warum das so ist?

EUROFUGIUM

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Fühlen Sie sich nicht wohl? Haben Sie Kopfschmerzen, wenn Sie die Straße betreten? Fühlen Sie sich nass, beschmutzt, unwürdig, eine degoutante Erscheinung? Kommen Sie mit der Miete nicht zurecht? Haben Sie Sorgen? Handfeste Sorgen? Glauben Sie nicht an das Gute im Menschen? Wünschen Sie einen festen Halt? Wollen Sie vorankommen? Verachten Sie Kettenraucher? Brauchen Sie einen Stoß in die Rippen? Fürchten Sie Schicksalsschläge? Haben Sie Angst vor Gewalt? Macht es Ihnen nichts aus, Ihren Nachbarn zu beleidigen, solange Sie sich durch Recht und Gesetz geschützt fühlen? Operieren Sie gern aus dem Hinterhalt? Schlafen Sie oft? – Keine Bange, das ist kein Fragebogen, das ist ein Aufruf. Willkommen! Sie sind gewählt – ja, gewählt! –, Sie sind ein Kandidat, nein, Sie sind mehr, Sie sind aufgenommen ins Eurofugium, nur herein, hier schneit es nicht, hier können Sie Ihren Mantel ablegen und sich an einem Feuer wärmen, das andere für Sie entfacht haben, das Eurofeuer, das jeden erfasst, der sich mit ihm abgibt, und nicht nur zur Nachtzeit. Sie glauben mir nicht? Dann sehen Sie selbst: Sehen Sie, wie sie brennen und schmoren, die Euroskeptiker, hier rechts, diese lange Reihe, das wird sie Mores lehren. Und hier links, sehen Sie, der gegenteilige Effekt: ein Leuchten geht von diesen Menschen aus, das die Welt erhellt und ihre Seelen wärmt bis hinein in die Fingerspitzen. Der so geschäftig zwischen ihnen einher eilt, Küsschen links, Küsschen rechts, ist Juncker Valand, der fahle Gesell, hier hat er sein Auskommen gefunden und kann endlich beweisen: Etwas Besseres als den Tod findest du überall. Im Eurofugium gehen die Lichter nicht aus, es ist immer Tag- und Nachtzeit, eine Zeit für alle, Eurozeit, hier gehen die Uhren anders als anderswo, bleibt eine stehen, schubst die andre sie weiter. So geht das hier. Haben Sie Kinder? Im Eurofugium können Sie alles ablegen, auch die Sorge um Ihren Nachwuchs, das klingt doch praktisch, oder? Hier spielt die Zukunft, sie spielt wirklich, manche sagen, sie spielt Zukunft, aber das ist natürlich Wortklauberei. Leiden Sie unter Wortverlust? Im Eurofugium erhält jeder seine passende Sprache ausgehändigt, nur anwenden muss er sie selbst. Was sagen Sie dazu? Ich wüsste nicht, was praktischer wäre. Wollen Sie eine Kostprobe? Gehen Sie ins Internet und besuchen Sie uns da. Und jetzt: Schlafen Sie! Schlafen Sie, das gibt eine schöne Haut.

EUROKRATES

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Wäre ich Eurokrates, ich ließe es krachen, dass der Kontinent bis in die Grundfesten erbebte. Ach was Grundfesten! Bis in die Haarspitzen sollte erbeben, wer noch nicht weiß, was die Stunde geschlagen hat. Erbleichen sollte die Gilde der Euro-Leugner, ihre Schreibfinger verfaulen, ihre Stützstrümpfe abfallen, ihre Bandagen sich verhärten bis zum Verhängnis. Eurokrates sein, das wär’s. Wer über Europa herrscht, was kümmert es ihn, wer in Europa herrscht? Ich aber, ich wollte nicht über Europa herrschen, ich wollte nicht in Europa herrschen, ich wollte Europa anherrschen, ich wollte ihm beibringen, Europäer zu machen, wie noch niemals Menschen gemacht wurden. Sie schmunzeln? Oh, Sie verkennen mich. Ich will keine Europäer aus der Retorte, ich will keinen Extra-Sex für Zeugungsbeflissene, was ich will, ist Klarheit: Klarheit in den Köpfen und untenherum. Der Europäer der Zukunft wird rechtdenkend oder er wird gar nicht sein. Dieser Satz ist von mir und ich gebe ihn nicht aus der Hand. Auch die Taube auf dem Dach kann ihn mir nicht entwinden. Was treibt sie überhaupt dort? Herunter mit ihr! Oder fort! Da fliegt sie schon. Scheiße. Eine Scheiße ist das. Nicht reiben, das ätzt sich ein. Unter Rechtdenkenden will ich der erste sein, Number One. Ich säße zwischen den Meinen, das heißt zwischen allen, die meinen, was ich meine, und meinte dasselbe. Wir alle meinten dasselbe, alle Tage unseres Lebens, immer dasselbe. Zum Beispiel hätten wir alle dieselbe Vereinsbank und dasselbe Geschlecht, jeder seins und jeder dasselbe, ganz so wie diese Eurostecker, die in jede Steckdose passen. Da gäbe es viele Beispiele. Unendlich schön müsste das sein. Nur bei der Sprache müssten wir nachlegen, diese dauernde Übersetzerei macht einen ganz konfus. Ich, Eurokrates, spräche gern gleichzeitig in allen Zungen des Kontinents, das gäbe zwar ein Geplärr, aber digital ließe sich bestimmt was draus machen. Also doch der Euro-Chip, ich wusste es gleich, nur die Begründung fiel mir nicht ein.

EURONAGEL

E
Das strategische Genie Helmut Kohls zeigt sich unter anderem darin, dass er die deutsche Sozialdemokratie nachhaltig ans Kreuz des Euro genagelt hat: als erste staatstragende Partei Europas, die der Nation den Rücken kehrte, um sich dem Aufbau dessen zu widmen, was sie hartnäckig ›Europa‹ nennt (oder besser: genannt bekommen hat, denn dieses Europa ist und bleibt ein Zusammenschluss zu klein gewordener Volkswirtschaften, in dem die Weltkonzerne und ihre Ableger im politischen Showbusiness das Sagen haben), kann sie nicht anders als in jeder Krise mehr Euro verlangen, sprich: mehr Zusammenschluss, mehr Kompetenzübertragung, mehr Schuldengemeinschaft, weniger Souveränität und damit weniger Bürgerkontrolle und weniger Demokratie – ein Teufelskreis, dem gegenüber die wahren Verursacher der Misere, die für sie keine ist, mit gewichtiger Skeptiker-Miene zu Vorsicht und Zurückhaltung raten, um die entscheidenden Züge im Halbdämmerlicht einer sogenannten Notwendigkeit vorzunehmen, weil nun einmal getan werden muss, was auf wundersame Weise unumgänglich wurde, ohne dass eine ernstzunehmende Opposition sie behelligte. Das betrogene Wahlvolk lässt seinen Verdruss eher an den betrogenen Betrügern aus als an den Urhebern des Betrugs – nicht etwa, weil es unfähig wäre, ihn zu durchschauen, sondern weil es von ›der Politik‹ erwartet, dass sie Lösungen auffährt und nicht Verschlimmbesserungen das Wort redet, bloß weil es irgendwo ideologisch klemmt. Dabei lässt das Volk sich liebend gern selbst ideologisch vereinnahmen, solange es nur weiß, wer die Prügelknaben sind und wie man sie züchtigt. Seit klar wurde, dass die Fehlkonstruktion des Euro allein durch eine auf demokratischen Wegen nicht zu erreichende europäische Staatsgründung zu heilen ist, wissen die Leute, dass die SPD nur mehr als Beiboot mitläuft, auf dem eine Notbesatzung durch Fuchteln den Eindruck zu erwecken sucht, sie zöge den Ozeanriesen EU hinaus in die Freiheit der Meere. Kein Wunder, dass die Parteileute mit dem Begriff ›Volk‹ nichts mehr anfangen können und über jeden herfallen, der ausspricht, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, als sei er soeben dem Schlund der Hölle entstiegen, die abgeschafft zu haben sie sich seit langer Zeit rühmen.

EUROPÄER, GUTE

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All diese guten Europäer, die Worte von Toten im Mund führen und einen gemeinsamen ›Erinnerungsraum‹ herbeten, an den sich so keiner erinnert, denn er ist, was immer man sagen mag, konstruiert, sie mogeln ein wenig, wenn man so will, diese guten Europäer. In Wirklichkeit fühlen diese guten Europäer sich abgestoßen von der Enge, der Muffigkeit, der Politik und den Schikanen des Erdteils, das sie umgibt, und warten sehnsüchtig auf die nächste Einladung nach Princeton oder Dubai. Wären sie die Europäer, als die sie sich ausgeben, so arbeiteten sie still, energisch und umsichtig an der europäischen Nation, an der Gründung der Republik Europa – um genau zu sein, sie selbst begriffen sich als europäische Öffentlichkeit und setzten alles daran, diese halb private, von müßigen Institutionen gesponsorte Fiktion ernsthaft umzusetzen, auf die Gefahr hin, von notorischen Schulterklopfern halbtot geschlagen und auf offener Straße liegen gelassen zu werden. Aber gerade das ist ihnen verwehrt, es wäre ›zu leicht‹, es würde den Traditionen Europas nicht gerecht. Sie sollten bedenken, dass jene früheren, allzu wenigen ›guten Europäer‹, die vor den großen Katastrophen des Kontinents in Erscheinung traten, einer kulturellen Gemengelage angehörten, die geradewegs auf die Katarakte zuhielt, dass fast alle, darunter die ›Besten‹, von denen man hin und wieder  schwadronieren hört, mitdestruierten und dass das heutige Europa der Normierer und Augenwischer, das sie im Unernst ablehnen und wortreich ›weiterbringen‹ wollen, sich jenen Katastrophen ›verdankt‹ – ihren Fakten und ihren Lehren. Europa wird Nation oder Wirtschaftsstandort, also nichts Besonderes sein.

EUROPLEM

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Europa hat ein Problem. Da lachen die Auguren und rufen: eines? Europa ist ein Problem. Welches Problem haben Sie denn im Auge? Wovon reden Sie? Aber reden Sie weiter, reden Sie einfach weiter. Dürfen wir Ihnen weiterhelfen? Nun gut, wenn Ihnen der Sinn nicht nach Reden steht, versuchen wir es anders. Wann haben Sie das letzte Mal an Europa gedacht? Nein, das ist wichtig, glauben Sie uns, wir halten Sie nicht mit Kleinigkeiten auf. Woran haben Sie gedacht, als Sie das letzte Mal an Europa dachten? Das kommt ins Protokoll, aber es ist wichtig. Sicher kennen Sie unsere Fahne, die mit dem dürren Männchen als Fahnenmast, übersteht jeden Sturm: Wie finden Sie das? Haben Sie jemals daran gedacht, sich so ein Fähnchen … irgendwo … hinzustecken? Das nützt doch nichts, grob zu werden, das bringt uns jetzt nicht weiter. Wie haben Sie an Europa gedacht? Wie? Wie! Auf welche Weise! Wie? Sie wissen nicht –? Eine Weise wäre zum Beispiel, Sie vergössen Tränen bei dem Gedanken an – jaja sicher, auch bittere Tränen, dann wären Sie ja schon Europäer, wenn auch enttäuschter, wir dachten jetzt mehr an Tränen der Rührung, warme Kullertränen, Sie wissen schon, beim Gedanken an all die Beitrittskandidaten, die Schlange stehen vor dem gemeinsamen Haus…
Nein? Sie sind beleidigt? Persönlich beleidigt? Von all dem Undank, den die Beitrittskandidaten von gestern absondern, seit sie aufgenommen… Stört Sie das wirklich? Was haben Sie gedacht? Wer ein Haus baut, befragt er den verbauten Stein, ob er tragen will? Wie, Steine schimpfen nicht? Hören Sie nicht die Hilfeschreie aus dem Gemäuer, sobald Sie ein Haus betreten? Was hören Sie überhaupt? Gespenster? Die Ewiggestrigen, die Untoten, die Wiedergänger, die Altlasten? Sehen Sie, das haben Sie schön gesagt. Sie sind doch einer von uns. Vom gleichen Schlag, wenn Ihnen das etwas sagt. Europa ist keine Schöpfungsgeschichte, die sich in sieben Tagen abhandeln lässt. Das Abhandeln, sehen Sie, das ist auch so eine Sache. Wir handeln den Ländern die Seele ab und schicken sie in die Wiederaufbereitung. Wie bereitet man Seelen auf? Ganz einfach: Man imprägniert sie mit Schuld. Europa ist ein Schuldtraum, wussten Sie das nicht? Was gestern noch einfache Sorge ums eigene Fortkommen war, ist heute schuld am Verblassen des gemeinsamen Traums. Warum verblasst er so schnell, der gemeinsame Traum? Die Schulden, lieber Freund, die Schulden!
Was ist das geeignetste Mittel, die Bande zwischen den Menschen zu lösen, Partner gegeneinander zu hetzen, Eltern und Kinder zu entzweien, gewachsene Freundschaften in veritable Feindschaften zu verwandeln, die Kommune, die Region, den Staat in Misskredit zu bringen? Schulden natürlich! Schulden verbinden, sie schweißen zusammen, sie dulden nichts zwischen sich und den Schuldnern, alle aus einem Haus, dem gemeinsamen Haus … damit, sehen Sie, sind wir beim Thema. Schulden fressen Gemeinsamkeiten auf und scheiden sie als Verbindlichkeiten wieder aus. Dieses Europa, das wir lieben, ist so verbindlich geworden, dass manche angefangen haben sich umzudrehen und »Scheiß-…« zu murmeln. Verstehen Sie das? Dann fangen wir wieder von vorn an. Wie verbinden Schulden? Ganz einfach: sie nötigen zu gemeinsamem Handeln. Das ist ein hohes Gut, dessen Einlösung von Europa immer erwartet wurde. Wissen Sie, was ›Einlösung‹ bedeutet? Denken Sie nach! Sie besitzen einen Gutschein und wollen ihn einlösen, das ist Ihr gutes Recht, dafür wurde er ausgestellt. Sie haben ihn ja bereits bezahlt, auf die eine oder andere Weise, vielleicht wurde er Ihnen geschenkt, dann wissen Sie vielleicht nicht so genau, womit Sie ihn bezahlt haben – Ihr gutes Recht, Ihr gutes Recht, wer wollte da rechten. Ihr Gutschein lautet auf gemeinsames Handeln, nicht in den blauen Tag hinein, sondern aus einer Not heraus, im Notfall, dergleichen soll vorkommen.
Und jetzt, sehen Sie, passiert etwas Grundeuropäisches: Sie finden sich wieder in einem Kreis von Freunden, die sagen: Wir wollen ja helfen, wir werden auch helfen, aber sehen Sie, als wir diesen Gutschein ausstellten, dachten wir an andere Fälle, die Ihnen jetzt nicht so wichtig erscheinen mögen, aber uns scheint es jetzt an der Zeit zu sein, sie anzugehen. Gerade jetzt, Sie verstehen? Wann, wenn nicht jetzt? Wie, Sie verstehen nicht? Sie Schuft! Sie erbärmlicher Schuft! Sie haben unser aller Europa niemals verstanden, Sie sind keiner von uns. Hinaus mit Ihnen! Und wenn schon nicht hinaus, dann an den Rand, ganz an den Rand, aber dalli. Schämen Sie sich. Jawohl, schämen Sie sich. Sie sind kein Europäer, Sie beschmutzen das gemeinsame Haus. Aber bitte, helfen Sie sich selbst. Wagen Sie es ruhig! Sie wissen, wir sind auf der anderen Seite, wir werden Sie nicht daran hindern zu tun, was in Ihren Augen getan werden muss, wir werden nur die Mittelflüsse ein wenig ändern, das wird Sie in Schwierigkeiten bringen und wir werden weiter sehen. Diese Mittelflüsse … Europa ist eine Geldverteilungsmaschine, sie generiert den Kredit, den seine Mitglieder verbrauchen, um Europa in Misskredit zu bringen – ein Wettlauf, der an den Toren des Weltalls endet. Nicht alle wollen das begreifen und rennen hinaus.

EUROSKEPSIS

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Leicht lässt sich über jene angeblich rückwärtsgewandten Europäer höhnen, die das europäische Staatsvolk vermissen und deshalb vom Projekt des Super-, Post- und Trans-Staates Europa in Gedanken vorerst ein wenig Abstand nehmen. Dabei sind sie mehr Europäer als ihre Denunzianten, denen es bloß um Lenkungskompetenz und globale Stärke geht. Sie stellen nicht den ›Prozess Europa‹ in Frage (wie man ihnen nachsagt) oder gar den Gang der europäischen Dinge im globalen Machtpoker. Zwischen – erlaubtem – Befragen und dem berüchtigten In-Frage-Stellen liegt ein Abgrund an Ignoranz, der täglich mit gedroschenem Stroh gefüllt werden muss. Zwielichtig wirkt schon der Ausdruck ›In Frage stellen‹. In ihm paaren sich zwei Forschheiten, die publikumssüchtig nach Klicks und Auflagen schielen. Einer Sache auf den Grund gehen und sie von Grund auf zerstören wollen sind sehr unterschiedliche Handlungen. Zusammen fallen sie nur, wenn der Grund um der Sache willen nicht aufgedeckt werden darf – um keinen Preis sozusagen, weil jeder Preis hier zu hoch wäre. Europa, hieße das, dieses Lieblingskind der Eliten, vertrüge es nicht, würde man ihm öffentlich auf den Grund gehen? Auf dem Grunde des Allerweltsprojekts Europa schlummerte möglicherweise ein Arkanum? Die Pazifizierung, Zivilisierung, Demokratisierung, Emanzipierung, Nachhaltig-Machung und Selbstbehauptung Europas berge ein Geheimnis, das nur einer ausplaudern müsste, um sie zu Fall zu bringen? Seltsam, seltsam.
Aber welches Geheimnis könnte das sein? Eines, in dessen Besitz ein Frager eher die Träger von Springerstiefeln vermuten dürfte als jene vielberufenen Bürger Europas, die inmitten aller Projekte gelassen ihren Geschäften nachgehen? Welch ein Unsinn, möchte er ausrufen. Doch dann erinnert er sich –: am Ende bergen auch Springerstiefel ein Geheimnis. In ihm, das verdächtig einem Geschäft zum beiderseitigen Nutzen ähnelt, versichern sich Europas Funktionseliten und seine Unbelehrbaren gegenseitig ihrer Unabdingbarkeit. Die Zwangszuweisung der Skepsis ans Lager von Leuten, die nicht einmal wissen wollen, wie man sie buchstabiert, gleicht ihrer Expatriierung. Warum das Ganze? Weil niemand erfahren darf, dass der feine Nationalismus die geheime Triebfeder jener Funktionseliten ist und auf absehbare Zeit bleiben soll?
So zu reden gilt als unfein, als unerhört und, selbstverständlich, realitätsblind. Schließlich lernen alle voneinander und übereinander. Jeder liebt seine Gremien und Symposien und kehrt angeregt wieder nach Hause zurück, zu gleichen Teilen beeindruckt von der Offenheit wie der Blindheit des Nachbarn. Aus beidem ergeben sich Chancen, die man nicht auslassen sollte. Was für eine Situation! Was ließe sich daraus machen! Nun, ganz einfach: genau das, was daraus gemacht wird. It’s the education, stupid.

EUROTON

E
Europa kann sich nicht auf sich beschränken, es geht überall über sich hinaus. Das macht es zu einem bizarren Erdteil für andere und endlich, auf seine Binnenräume zurückgeworfen, auch für sich selbst. Es kennt nur eine Lage und die ist, wie die Nietzscheaner sagen, exzentrisch. Daneben kennt es tausend Lagen dank einer Auslegungssucht, die noch jeden Dialog der Kulturen in eine Simulation zu verwandeln gewusst hat. Europa redet mit sich selbst, es redet ununterbrochen mit sich selbst, aber dazu bedarf es der Illusion einer in Rede stehenden Welt. Die Aufforderung, über Europa zu reden, bedeutet, den Sprechfluss zu unterbrechen und den Simulationen schlitzohriger Politiker das Feld zu überlassen.  Warum das so ist? Es ist so geworden und es wird auch wieder weggehen, aber abzusehen ist davon nichts. Was nützt es, den Universalismus als Ethnozentrismus zu denunzieren, wenn dieser Ethnozentrismus nur ein Universalismus ist (eine Anleitung zur Selbstaufhebung oder ‑vernichtung)? Nicht viel, wie die Erfahrung lehrt. Seit Europa sich in den Schutz einer Weltmacht begeben hat, lebt es bequem vom natürlichen Reichtum der anderen an Waffen, Öl, Geld, Arbeitskraft etc. Die Geschichte hat ihm gezeigt, was auf diesem Feld möglich ist, Europa liebt die Geschichte. Dass es zur Einwanderungszone wurde, hat seine Sucht nicht gemindert. Natürlich nicht, in Einverleibungen kennt es sich aus. Schließlich heißt seine Gefahr, wie fast alle wissen, fast food.

EXPERIMENTUM MUNDI

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Wer die Wege des Eros als eine ›Kette von Demütigungen‹ erfährt und darüber im Tonfall dessen berichtet, der das Weiterlesen so satt ist, dass er sich mit einem Schnitt davon trennen möchte, ist entweder auf dem Weg zum Heil oder auf dem Holzweg. Das Experimentum carnis ist Teil jenes größeren Experimentum mundi, in dessen Zentrum die Immanentisierung oder ›Verweltung‹ steht, wie ein aus Funk und Fernsehen bekannter Vordenker das nennt: das Aufgehen aller Gedanken, aller Begriffe in einem Weltbegriff, der sie nicht nur enthält, sondern rechtfertigt und Instrumente für eine neue Menschheit aus ihnen – ja was denn? Werden, entstehen, entspringen lässt? Ein großes ›Fiat‹ prangt über dieser Art des Philosophierens, die sich antimetaphysisch nennt und das Wiederkäuen ins Zentrum des Nachdenkens verschoben hat. Nachdem die Begriffe der Metaphysik den Dienst quittiert haben, steht das Wort ›metaphysisch‹ wie eine Vogelscheuche im Raum, ein nebulöser Stellvertreter und zugleich ein kerniger Bursche, der Wind und Wetter trotzt und für jede Flegelei zu haben ist. Vielleicht kommen Nächte, in denen er vor Erschöpfung umfällt oder weil der Boden um ihn zu weich geworden ist, aber sobald der Morgen graut, haben ihn unbekannte Helfer aufgerichtet und er reckt seinen Stecken zum Himmel – priapisch vielleicht, wer kennt schon die Wege des Heils.

EXPLOSION

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Der Ottomotor ist ein vortreffliches Beispiel für die technisch gereizte Wut der Materie zur Gewinnung von Energie. Ströme der Raserei durchfahren die elektrischen Leitungen und entzünden ebenso Lichter wie Bomben. In diesem Sinne ist Rache oder der Schmerz der Materie das wesentliche Prinzip der gewonnenen Energien. Vertieft man diesen Gedanken, so geraten auch Speisen zur Todesmaterie des Menschen. Der beißende und kauende Mensch vervielfacht motorisch die Kräfte verspeister Pflanzen, so harmlos sie auch zuvor an der Sonne gewachsen sind, wobei natürlich auch sie die Sonne um ihre Kräfte gebracht haben, und jeder Apfel verdient eine hübsche kleine Bombe genannt zu werden. Insofern ist selbst der Stoffwechsel des Menschen nichts als eine fortwährende Kette von Explosionen.
Hier übrigens begegnet die Folgenforschung unmittelbar der Todesmechanik, die durch Leben und Streben Schicksal stiftend zur Explosion gelangt. Homomaris hat diese Durchkreuzung von Karma und Energie einmal »die große Explosion des Leibes und der Seele« genannt und damit den Thanatoskomplex Sigmund Freuds bedeutend weiterentwickelt. - PM

FALSCHE FUFFZIGER

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In den Fünfzigern blühten die Blumen anders, sie trugen Handschellen und seufzten, ob jemand sie aufschließen wolle, doch es war niemand da. Es war niemand da. Die Blumen hätten sich vielleicht selbst befreien wollen, wären sie zahlreich genug gewesen, aber sie waren sich ihrer kollektiven Stärke noch nicht bewusst und so blieb es beim individuellen Protestlook. Traurige Zeiten. Der Briefträger kam in Schwarzweiß, nur die Socken lugten ein wenig heraus, und wenn sie auch noch nicht rot waren, so guckten sie doch unsäglich genug unter den amtlichen Stulpen hervor, um in Träumen wiederzukehren, die sehr verbreitet waren: Sonne, Strand und Meer, eine Kinderschippe in der Hand und viel Sex. In den Fünfzigern war unter der Decke des Schweigens der Sex so verbreitet, dass viele sich Taschentücher unter die Nase banden, um dem Geruch von verbranntem Obst auf der Straße zu entgehen. Heute kann man lesen, die Sache sei damals zu neu gewesen, um ihre Folgen richtig abschätzen zu können. Überhaupt sei man sehr unaufgeklärt an sie herangegangen. Vermutlich stimmt das sogar. Den Alten war die Lust vergangen und den Jungen wuchs sie zu den Ohren heraus. Wohin sie wohl wuchs? Zu den Sternen, den Sternen.

FALSCHHEIT

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Die gewöhnlichen und ältesten Fälschungen finden sich schon bei den unbekannten Kopisten in den Höhlen von Lascaux. Ein bedeutender Bison, von stattlicher Höhe und ausschweifenden Hörnern, wird dort bereits, wenige Schritte weiter, von schamlosen Kopisten schlecht und recht wiederholt. Nun hat er eng stehende Hörne, Knickbeine und einen Stummelschwanz. War diese Fälschung eine Bosheit oder der bis heute bekannte gescheiterte Ausdruck eines gerissenen Ehrgeizes? Gab es schon damals die ersten, vielleicht noch seltenen falschen Künstler, die schlau genug waren, den gefährlichen Jagdkollektiven zu entgehen, um Malerfürsten zu werden? Was kann van Gogh gemeint haben, als er auf dem Sterbebett sagte: »Das Elend wird nie ein Ende haben.« Hier kommt das ›Fürchterliche‹ hinzu, denn fürchterlich ist im Sinne seiner Erscheinung das Zentrum jedes Schreckens auf Erden, genau wie die Sonne, die der Maler gemalt hat. Seine Seligsprechung, seit einiger Zeit von Grabbeau und mutigen Belgiern bei vier Päpsten vergeblich versucht, gibt der Sonne das böse Leben zurück. Denn bildet die Sonne das Leben, so ist sie schon furchtbar genug. Aber sollte sie mit dem drehbaren Rücken zum All erst lebendige Tote spenden wie in den frühesten Zeiten Gottes, so bedürfte sie weder Wiesen noch Äcker zu deren Wachstum, sie könnte hinabsteigen gleich einem toten Gott und sich niederlegen in einem Feuerschweif so groß wie der Rhein. - PM

FÄLSCHUNGEN

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Auf schweren Teppichen, womöglich sogar hinter täuschenden Butzenscheiben der ächzenden Welt der ohnehin noch ganz anders Betrogenen ein paar bunte Streiche zu spielen und neben einem im Orient eingelegten Tisch voll kostbarer Farben und Meißentassen im Sessel sitzend mit dem Pinsel zu lügen, das ist wahrhaftig ein genußvolles Treiben. Wenn ein freundlicher Gott wie der Gauner Merkur dazu einen Dauerregen aufs Dach prasseln lässt, so ist kein Besuch zu erwarten und die Leute bleiben in ihren hässlichen Häusern buchstäblich stecken, denn der Klingelton entsetzt doch wirklich jeden frei gewordenen Menschen. Kein Kind auf der Straße schreit und man wiegt sich im Rausch eines rumänisch-ungarischen Adelstitels von glühender Farbkraft zu den Klängen eines berauschenden Preußischen Marsches. Der Titel, ob falsch oder nicht, wird nach Goethe so manchen Puff abhalten können.
Wen alles das und Verwandtes und anderes mehr als tiefe Erkenntnis vom Wert der Lüge im Wesen der Kunst ganz rein und ohne Ehrgeiz berauscht, der ist, nach meiner Meinung, zum wahren Fälschen geboren, ob er nun bloß kopiert oder als großer Erfinder in eigener Sache Maler genannt werden darf. Denn man sage mir was man will, jeder Künstler ist stets auch ein Fälscher, voll glühender Lust nach der Manifestation eines fremden oder selber erfundenen Irrtums.
Die Hilfsgeister von oben oder unten kennen hier keinen Unterschied, »die von unten, die köstlich Dunklen« noch am wenigsten. Hingegen haben die von oben den Nazarenern zu lange nahe gestanden. Das gesteht im Alter sogar unter Tränen an der Piazza des Weinens Herr Overbeck in der Kirche Santa Maria del Pianto vor zwölf seiner Schüler am Tage des heiligen Lucas.
Die Düfte des Leinöls, der Harze, die wachsvermischten Tinkturen widersprechen der Bildung einer Familie und die köstlichste Einsamkeit, die mit Spuren von Schadenfreude vermischt ist, übergeht die trostlosen Wochenenden und Feiertage im Zauberreich der Kultur.
Man kann als Genießer oder als Schöpfer die Kultur hereinlegen oder man wird als eifernder Narr ihr gequältes Opfer. Allerdings, ein monastischer Zug von Verzicht gehört als Ausdruck von Weisheit dazu. Verzicht auf Streben nach öffentlichen Ruhm, die Vermeidung aller intelligenten Gesellschaften und als wirkliche Hilfe nur ein älterer Herr mit einem zierlichen Bauch unter englischem Stoff, der Besitzer einer ebenso geheimnisvoll zeitlosen Galerie, weit, weit entfernt von Berlin und Paris, etwa im fernen Ostende, das ein ebenso köstlicher Schwärmer und Anti-van Gogh auf verwirrende Weise in vollendeter Naivität schon vorgewärmt hat.
Zerfallende Bauernhöfe liefern die alten Bretter oder die an den Rändern vergilbten Hochzeitsleinwände, die alten Nägel, den echten Staub, der, mit Regenwasser vermischt, den wertvollen Dreck der alten Zeiten so anspruchslos liefert. Etwas Rost für den allzu neuen Zinnober, es gibt den alten nur noch in China, statt dessen abgeriebene Steine von den roten Ufern des Mains, Phiolen voll aufgewärmter Insekten mit Eierhonig, zur fleckigen Stärkung der Leinwand mit Roggenkleister vermischt, gelegentlich auch einen prachtvollen Schinken mit Frühstückseiern beim Aushandeln dieser bescheidenen Waren. Was für ein Traum.
Die Inbrunst der Suche nach solchen Stoffen, dieser alchimistischen Bildungsreisen einer kunstreichen Pilgerschaft, mischt sich mit dem Glauben an geistige Schätze, die als Reliquien Macht besitzen, an berühmten oder berüchtigten Hauswänden kleben oder an einfachen Kieselsteinen am nächsten Waldrand, die nach zehntausend Jahren das erste Mal stupore erwecken. Sie bilden die Hausmacht gegen alle Moral, Fälschungen hin oder her. - PM

FAMILIÄR

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Das Familiäre bedenken, bis es so mit Pusteln überdeckt ist, dass es sich Zeit lässt: wunderbar. Aber so ist es nicht. Es bringt seine Zeit mit, es läuft wie auf Schienen, wie geschmiert, wie man so sagt, es unterläuft alle Bindungen, denn es bringt sie mit. Es hat, wie man so sagt, alles dabei: dabei bleibt es. Das Familiäre ist das Familiäre, nackte Identität, wenn du willst, aber im Grunde wird keiner gefragt. Es hat seine Falten, das ist wahr, es besteht nur aus Falten, praktisch, auch das ist wahr. Ach, diese Wahrheiten, alle zusammengenommen, sie passen auf einen Seziertisch und doch... Man muss sehen, dass sie nicht herunterfallen, das kann wichtiger sein als eine gelungene Operation. Was bedeutet schon eine gelungene Operation gegen die Unzahl derer, die anstehen? Das Einzelne verzwickt, das Ganze unbezahlbar, die Verantwortlichen schleichen sich vom Tisch, sie können nicht ertragen, was sie da anrichten, und laufen in ihr Unheil hinein, privat, wie denn sonst, ein richtiges Unheil kommt immer privat. All diese Privatheiten summieren sich, sie ergeben eine erkleckliche Summe, für die man sich eine Welt kaufen könnte, aber gegenwärtig haben wir keine im Angebot. Das Familiäre ist ein Diebstahl am Allgemeinen, der älter ist als das Allgemeine, das durch ihn Schaden leidet, es ist König Diebstahl, der in allen Türen steht und die eingelagerten Vorräte mustert, bevor man ihn rituell verbrennt. Geständig wiederholt er noch auf dem Scheiterhaufen die Worte: »Das ist alles meins!«, bevor ihn das Entzücken Batailles bis zum nächsten Mal in seine Schranken verweist.

FANGQUOTE

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Ilse, mit Emphase: »Die Fangquote ist eigentlich eine gute Sache. Ihr verdanke ich Erfahrungen, die mir sonst mit großer Wahrscheinlichkeit entgangen wären. Ich sage ›mit großer Wahrscheinlichkeit‹, weil ich das immer so sage, es entspricht meinem Lebensgefühl und, sagen wir mal, den Gegebenheiten. Man darf sich nicht festlegen, weißt du, sonst fliegen einem die Festlegungen früher oder später um die Ohren. Das fand ich nie so prickelnd. Der nicht festgelegte Mensch ist der gute. Natürlich enthalten auch die Fangquoten so eine Art Festlegung, aber wer kein Fisch ist, der bekommt das nicht so zu spüren, es kommt vor allem darauf an, kein Fisch zu sein. Ein Fisch bin ich nie gewesen, ich war immer auf Fang, ein Leben lang, eine Quote macht auch Appetit auf Neues, da muss einer erst drauf kommen. Und vergiss den Beifang nicht: Ganz wichtige Lebensregel. Der Beifang hat mich mit dem Leben versöhnt, weniger mit dem meinigen, aber mit dem der anderen. Käme jeder als solus ipse daher – ich mag diesen Ausdruck, er erinnert mich daran, die Sohlen in Schuss zu halten und mir nicht die Hacken abzulaufen –, dann könnte er gleich bleiben, wo der Pfeffer wächst. Ein Mensch ist kein Mensch, es dackeln immer noch zwei hinterher. Da darf man es mit der Quote nicht so genau nehmen, sie regelt den Verkehr ja nur obenhin, nach unten ist immer Luft. Gelegentlich auch nach oben, man darf sich bloß nicht erwischen lassen oder muss gleich ein großes Geschrei anfangen. Ein richtiges Geschrei ist stärker als jede Quote. Es hebelt sie zwar nicht aus, aber es dickt sie ein und anschließend sind alle wieder ein Stückchen klüger.«

FARBKANNIBALISMUS

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Der Kampf der Farbe mit dem Hunger der Leinwand ist viel bedeutender und ernster zu nehmen, als der oberflächliche Betrachter der Bilder ahnt. Der Maler erweckt nicht nur Illusionen, sondern er ist auch ein Speisemeister und sättigt die Leinwand ebenso mit gesunden Erdfarben und Leinöl wie mit den Giften des Bleiweiß oder des Schweinfurter Grüns. Die Seher – es sind nicht die gaffenden Ästheten gemeint, sondern die alle Materie durchdringenden Späher des Untergangs, der in allen Dingen waltet – bezeugen den Kampf aus Hunger und Gift auch auf der Leinwand. Warum gäbe es sonst auch die gute Malbutter des Johannes, die bon beurre de peinture, die der Lichtverkünder heiliger Worte im hohen Alter den malenden Mönchen vom Berge Athos gestiftet hat? Sie vollzieht die innere Taufe der Bilder mit Hilfe des ›Grisams von Patmos‹, wie diese Butter mit Recht bei ihnen genannt wird. Restauratoren unserer Zeit ahnen wohl kaum noch, warum manche Gemälde zerfallen und andere duften und unvergänglich erscheinen. Der Geruch der Heiligkeit waltet auch hier, aber sie wissen es nicht.
Ein furchtbares Beispiel für die doppelte Barbarei des Zusammenhangs zwischen den prophetischen Illusionen der Kunst und dem Hunger der reinen Materie vollzieht sich am deutlichsten wohl auf der großen Leinwand von Géricault, die man im Louvre unter dem Titel Le naufrage de La Méduse oder als Floß der Medusa besichtigen kann. Hier sieht der genaue Beobachter, der die Verwandlung der Materie im Objekt einer Illusion nicht aus den Augen verloren hat, die verhängnisvolle Verwicklung von materieller Gier und Vergiftung ebenso im grausamen Hunger der zu Kannibalen gewordenen Matrosen wie in der stummen Gefräßigkeit jener Asphaltfarben, die im neunzehnten Jahrhundert die Maler so sehr begeisterten. Aber die Brillanz dieser Farben ermattete rasch, indem sie sich anfänglich voller Pracht auftragen ließen, um alsdann in die Tiefen der Leinwand zu fahren und wie gefräßige Schlangen bloß ihre runzlige Haut zurückzulassen. Die großen, gewiss einst schwermütigen Schatten des Bildes sind inzwischen dunkel und blind wie Leder. »Cannibalisme de la couleur« befand ein würdiger alter Herr, gleichsam ein Nachfahre jener verruchten Matrosen, der im Museum neben mir stand, und er nannte auch gleich die ebenso verruchte Farbe, die den zahlreichen Liebhabern alter Meister übel genug bekannt ist: »Brun de Cassel.« - PM

FARCE

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»Angenommen…« – »Ja?« wirft B ein, es klingt wie eine Drohung, aber das bleibt eine bloße Annahme –, »angenommen, ich nehme die Wahl an, nehmen die anderen dann an, dass ich gewählt bin oder fallen sie über mich her, weil sie annehmen, dass ich die Verweigerung verweigert habe und sie einer solchen Verweigerung die Zustimmung verweigern müssten, vulgo: sie nicht dulden wollen? Bin ich also angenommen? Falls ja: werde ich angenommen als einer, der annahm, dass er annehmen dürfe, was anzunehmen ihm angetragen wurde, nachdem er einmal bekundet hat, dass er annehme, anzunehmen sei die Pflicht des Gewählten, zumindest dann, wenn unter der Annahme gewählt wurde, dass er annehmen werde, weil er die Annahme im voraus zugesichert hat? Oder bin ich der falschen Annahme erlegen, dass Annehmen das selbstgewählte Schicksal des Gewählten sei, der gewählt wurde, weil er sich in eigener Person der Wahl stellte, also nicht etwa hinterrücks, unter der Annahme, er werde schon ablehnen, in die Wahl eingeschmuggelt wurde? Noch habe ich angenommen, aber ich nähre bereits die Annahme, dass meine Annahme unter der irrigen Annahme erfolgte, von denen angenommen zu werden, die annehmen durften, ich werde die Annahme nicht verweigern, was ich hiermit tue, obwohl sie ja, streng genommen, bereits erfolgte und daher als Annahme von mir und anderen angenommen, d.h. akzeptiert wurde. Nun wurde ich aber angenommen von denen, die mich gewählt haben und also annehmen durften, es sei mir recht, gewählt zu werden und ich würde die Annahme nicht verweigern, was ich ja auch, wie jedermann nachlesen kann, nicht getan habe. Nicht angenommen werde ich hingegen von denen, die annehmen durften, dass die Annahmen, unter denen ich annehmen durfte, angenommen zu werden, ihnen zugute kommen würden, während sie sich in aller Öffentlichkeit davon distanzieren könnten, da sie mit der Wahl und all ihren Annahmen vorher und nachher im strengen und im loseren Sinn nichts zu tun hätten, was immer noch richtig ist, solange man davon ausgeht, dass sie, rein rechtlich gesehen, keine Oberen sind, sondern nur Entferntere. Es sind also die Entfernteren, die mich zur Aufgabe der Annahme unter der Annahme drängen, dass ihre Interessen durch die Aufgabe meiner Interessen und derjenigen, die mich gewählt haben, besser gewahrt blieben als dadurch, dass ich, der ich nun einmal näher dran und sozusagen mittendrin bin, meine Interessen unter der Annahme verfolge, damit dem Interesse derjenigen zu dienen, die durch ihre Wahl gezeigt haben, dass es möglich ist zu wählen, z.B. mich, während die Verweigerung der Annahme meinerseits die Wahl selbst zur Farce hätte werden lassen, ich sage: zur Farce, denn es ist eine Farce, zu wählen und gleichzeitig nicht zu wählen, durch eine Art wählendes Nichtwählen die vorangegangene Wahl durch die Wähler, die mich und alle hier Wählenden gewählt haben, damit gewählt sei und gewählt werden könne, zu annullieren und somit den Wählern und Wählerinnen eine Nase zu drehen. Ich darf also annehmen, dass die von mir nicht angenommene, aber durch mich erfolgte Annahme der Wahl der Annahme der Vielen Vorschub leisten wird, dass die Annahme, ich und meine Partei stünden wie alle anderen zur Wahl, auf dass die Wähler und Wählerinnen die Wahl hätten, heute dahingehend korrigiert wurde, dass sowohl mein persönliches Zur-Wahl-Stehen als auch das meiner Partei eine einzige … ich sagte es bereits, Farce sei, was, wie alle, die mich kennen, bestätigen werden, einerseits eine große Ungerechtigkeit darstellt, andererseits den Nagel auf den Kopf trifft.« Soweit A.
»Aha«, sagt B, »ich verstehe Bahnhof. Sparen Sie sich das für Ihre Memoiren auf und stehen Sie mir nicht im Wege. Das kann ich schon selber.«

FASSADENKUNST

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Ist das Spiel erst aus, gelingen die entschiedensten Würfe. – Weiter. – So sieht man einen Menschen, der eben noch in vollem Spagat seinen Geschäften nachgeht und sich privat vergrübelt, verborgen bis zur Unkenntlichkeit in Formeln, die, von ihm abgesehen, keiner entziffern kann. Von sich absehen kann er nicht, die anderen können es wohl, ihr Blick gleitet an ihm entlang wie am Inneren einer Regenrinne, er tropft ab. Heute laufen seine Geschäfte leer, der Raum, in denen er Kundschaft erwartete, ist zu und er schenkt jedem ein zerstreutes und unverständliches Lächeln, der ihn darauf anspricht. Das verstehen die Leute, es sagt ihnen, dass er einer von ihnen geworden ist und Fassadenkunst betreibt. Fassadenkunst! Er könnte darüber lachen, doch er bemerkt es nicht einmal. Oder er bemerkt es und versteht es nicht. Oder er versteht es und glaubt es nicht. Oder er glaubt es und ist froh. Die Formeln bedecken die Mitte des Raumes, er vertreibt sich die Zeit damit, zwischen ihnen hindurchzugehen, man könnte es einen Tanz nennen, einen sehr privaten Tanz, den keiner zu sehen bekommt. Dabei schichtet er Hölzchen auf, eins neben das andere, eins über das andere, in unregelmäßigen Schichten. Zusammen könnten sie eine Pyramide ergeben, er weiß es noch nicht. »Nicht verzetteln« brummt er und schiebt einen bekritzelten Zettel zwischen zwei Hölzer.

FAUSTNARR

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Gewiss, gewiss, wer das Alphazet nachmacht oder verfälscht, wer nachgemachte oder verfälschte Artikel des Alphazets sich verschafft und in Verkehr bringt, wird mit Gelächter nicht unter zwei Jahren bestraft – das klingt gut und schön und vertraut oder vielmehr ungut und unschön und umso vertrauter, aber es verdeckt doch das Wesentliche, den Impuls, der, es kann nicht anders sein, hinter solch schändlichem Treiben steckt: die bedingungslose Verehrung, die bis zum Wahnsinn gehende Vernarrtheit ins Original, das rücksichtslose, über Buchstabenleichen hinwegwieselnde Begehren, sich mehr davon zu verschaffen, bei vollkommener Unfähigkeit zu begreifen, dass auf eigene Faust hier nichts zu holen ist, teils, weil die Faust, die sich da in der Tasche ballt, bei Licht besehen nur als Fäustchen durchgeht, gerade gut genug, um bei Gelegenheit hineinzukichern, teils, weil das Verlangen selbst nichts als eine Narretei ist, als solche bereits im Alphazet aufgehoben und mit Hilfe von Omas Silberbesteck verspeist. So gesehen ist jede Nachahmung bereits gegessen, bevor sie das Licht der Welt erblickt – gegessen, nicht verdaut, wie alles Unverdauliche, am Ende kommt jedes Stück so heraus, wie es eingespeist wurde, nur kenntlich geworden … kenntlich, das ist das Wort, man müsste es, anstelle des aus der Mode gekommenen Prangers, an öffentlichen Leseplätzen anbringen, ohne Zusätze, ohne Erklärung, ohne weiteres.

FAUSTRECHT

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Dass die Faust recht hat, dass sie gern recht hat, ist allgemein bekannt und bedarf keiner Nachfrage. Weniger bekannt scheint zu sein, dass sie nur gezwungen auf dem besteht, was ihr gutes Recht ist: das Recht nötigt sie dazu. Ungezwungen wäre die Faust ein Zeitgenosse wie jeder andere, ein wenig kauzig vielleicht, aber man ließe ihm das durchgehen. Gezwungen entsteht aus ihr ein Wesen anderer Ordnung, das sich holt, was ihm zusteht. Da ist ein Magnetismus im Raum, der alles, was herumsteht, ein wenig zu ihr hinüberbiegt, ein Stehen-zu, wenn Sie verstehen, was ich meine, unübersehbar für den, der sich in solchen Dingen auskennt, und das sind viele. So wird die Faust – wie gesagt, das Recht scheint sie dazu zu zwingen – für mancherlei zuständig, darunter ganze Bereiche, die sich ihr auf den ersten Blick zu entziehen scheinen. Es gilt aber der zweite. Im Grunde weiß niemand, welcher gilt, es ist auch egal, am besten sieht man nicht hin. So eine Faust ist schließlich ein Objekt der Furcht. Sie vor allem steht ihr zu, sie steht und stiert ihr nach, dass es einen juckt. »Ich hole mir mein Recht« – an einem solchen Satz erkennt man die Faust, bevor sie niederfällt und dem Recht die erste Quetschung beibringt, das noch nicht weiß, dass es ihr Recht ist und mit der Folgsamkeit zögert. So mag es der Teufel holen. Er ist ein Rechthaber, da kommt es auf zwei oder drei neue Rechte nicht an. Wir haben ja! Man kann sie nachschneidern, das hat keine Schwierigkeit.

FEHLERFREI

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Die, denen nichts fehlt außer dem Fehlen selbst, sind der Fehler. Das ist übrigens kein Kalauer, sondern die reine Wahrheit, Betonung auf ›rein‹, so dass kein Rest bleibt, über den sich diskutieren ließe. Viele Menschen sehen das anders, sie diskutieren gern, aber in so einem Fall müssen sie passen. Müssen sie? Sie müssen nichts, darin besteht ihr Vorteil und ihr Beschränktheit. Sie müssen nicht, sie können und wollen, vor allem letzteres, mit einem Schuss ›dürfen‹ dabei, das sie ablehnen, weil es sie verrät. Warum verrät es sie? Weil sie im Grunde Erlaubte sind, Leute, denen man einen Spielraum gegeben hat und in diesem Raum einen Spielgrund. Sie haben Grund zu spielen, weil sie von allem anderen ausgeschlossen sind, was nicht bedeutet, dass sie z.B. keine Kriege führen dürfen, selbst dieses Privileg besitzen sie, aber nicht in vollem Umfang. Sie dürfen, weil sie müssen und weil es ihnen vorgeschrieben wird, übrigens auch der Rahmen und die Ziele, für die sie es tun. Sie sind also, wenn es hart kommt, reine Tötungsmaschinen und dürfen als solche getötet werden. Eine schreckliche Konsequenz, über die nicht diskutiert werden darf, auf keinen Fall und unter keinen Umständen. Eine solche Diskussion wäre ›nicht produktiv‹. Und produktiv sein, das wollen sie, am besten an allen Fronten. Warum das so ist, wird man erst später erfahren, eine Ahnung davon geht um, aber etwas Genaues weiß man nicht.

FEHLLESER

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Man liest fehl, wie man fehlgeht, nichts ist natürlicher und regt die Menschen weniger auf. In Büchern kann man sich leicht verlesen, anders als in Menschen, an denen man sich bequemer vergeht. Das liegt daran, dass ihr Inneres unzugänglich bleibt und nur auf dem Weg der Selbstpreisgabe ein wenig Hokuspokus erlaubt. Der Wunsch, in Menschen zu lesen wie in Büchern – und in ihnen statt in Büchern –, ist uralt. Da die Buchstabenschrift an den Grenzen der Psyche endet, verzeichnen die Analphabeten hier einen leichten Vorteil, der allerdings dadurch entwertet wird, dass sie keine eigentliche Leseerfahrung besitzen. So bleibt die Psyche das bevorzugte Gebiet derer, die zwar lesen können, aber nicht ›zu lesen begehren‹. Vielleicht wollen sie ja, aber ein sonderbarer Zwang treibt sie in eine andere Richtung – der entschiedene Wunsch, ›etwas mit Menschen‹ machen zu wollen. Bekanntlich ›macht‹ man mit Büchern nichts. Nur Kindsköpfe türmen sie wie Bauklötze übereinander und konstruieren daraus Eigenheime, in denen sie sich bei Regen verkriechen. Wieder andere machen Geld mit ihnen oder werfen sie ins Feuer. Doch der Heizwert pro gesellschaftlicher Meile bleibt gering. In Zeiten, da die Bücher sich an den Rändern aufzulösen beginnen, da sie zur Netzform übergehen oder zur Unform, werden die, die schon weiter sind, gnädig. »Es geht um das Buch!« rufen sie mit erregter Stimme, man merkt ihnen an, dass sie den Fehlgang fürchten. Vom Umgang mit Büchern weiß zu berichten, wer einmal versucht hat, sie zu verkaufen. Den Büchern geht es um nichts, als Stapelware des Geistes genießen sie den heillosen Schreck, an der Sonne zu bleichen.

FERNE

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Alles Schreiben geht in die Ferne, aber die Menschen machen sich nicht klar, was das bedeutet. Sie wollen Rapport: sofort. Man kann das verstehen, aber nicht wirklich. Als Prestigemaschine ist das heutige Schreiben allen anderen Formen der Mitteilung unterlegen; wer ins Fernsehen drängt, sollte  Umwege scheuen, auf denen man bequem sein Leben vertrödeln kann. Die Zeit der Bücher ist nicht die Zeit der Menschen, die sie geschrieben haben. Auch verdient sie nicht wirklich Zeit genannt zu werden. Es ist etwas an ihr, das sich schwer benennen lässt. Sie ist durchlässig, eine Zeit mit Löchern, eine Art Sieb oder Fangnetz, durch ein Gewässer gezogen. Was sie fängt, ist die Aufmerksamkeit von Leuten, die einander nichts oder wenig zu sagen haben und sehr überrascht wären, wenn sich der Autor in persona in ihre Gedanken drängen würde. Goethe, Tolstoi, Proust: hätten Sie sie kennen mögen? Mit ihnen reden? Tagaus, tagein? Ohne Unterlass? Über alles mögliche? Das ist nicht Ihr Ernst. Oder Sie sind buchuntauglich und sollten an dieser Stelle das Lesen einstellen. So wie ein Autor nur für das wahre, das anomyme Publikum schreibt und sich vor Reaktionen bekreuzigt, so will ein Leser das wahre, das anonyme Werk, eine Folge von Buchstaben, die ihn überallhin begleitet, aber auf ihre, nicht auf Menschenart. Es gibt Leute, die Bücher verabscheuen, in denen es menschelt, in denen ein Autor fleischlich wird, sich am Ende in des Wortes Vollsinn erklärt. Von derlei Ergüssen mag etwas halten, wer will, sie sind erschrieben, so wie man etwas ertrickst oder sich ereifert, statt Eifer zu zeigen – oder ihn gar zu verbergen, was wesentlich effizienter wäre. Wer sich aber, wiederum in des Wortes Vollsinn, verschreibt, der kommt der Sache schon näher. Man verschreibt sich, wie man sich verläuft: auf einmal kreuzen sich alle Wege und man steht inmitten – von was auch immer. Verschrieben hat man sich mit dem ersten Wort, sofern es steht – wem auch immer, der Sache, dem Widersacher, dem Sachwalter, der vielleicht nicht ausbleibt. Da gehen die Leute hin und schreiben für die Lebenden, um etwas zu bewirken, etwas anzuschieben, um zu kämpfen, um zu zeigen, wie sehr sie dabei sind und auch gehört werden wollen. Aber man schreibt immer für Lebende, man kennt sie nur nicht. Die Autoritäten von heute, sie sind schon tot, sie hören kaum noch hin und lesen –... Lesen? Können sie das? Ist so ihr Leben? Ist das ihr Kampf? Wirklich lesen Menschen, bevor sie über den Köpfen der anderen auftauchen, danach brauchen sie Stoff. Wer ein richtiger Lieferant ist, wird immer den Unterschied leugnen. Daran erkennt man ihn und seinesgleichen.

FERNSEHEN

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Wer im Heiligen Officium nur den Hort finsterer Machenschaften und grausamer Beschlüsse sieht und darüber die wahrhafte Sorge um die richtige Auffassung vom Menschen vergisst, den bestürzend schütteren Stand der Rechtgläubigkeit in den sich christlich nennenden Gesellschaften der damaligen Welt und die sich daraus ergebenden Missstände, um das, was zu tun bleibt und was not tut, der hat vom Fernsehen nicht viel verstanden oder weigert sich, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Man sollte auch den Anteil des Geheimen am Walten der Inquisition nicht willkürlich übertreiben. Sie hat es über Jahrhunderte geschafft, die Phantasie der Menschen zu beschäftigen, ihre bekannten Protagonisten waren in aller Munde und ihre Performances, vom freiwilligen Widerruf bis zum Autodafé, waren, neben allem anderen, wirklich gute Unterhaltung, professionell gemacht und beim Konsumenten äußerst beliebt.

FESTNAHME

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Da steht er, der kleine Mörder, lässt sich die Handfesseln anlegen und denkt: »Das also ist mein Tag. Ich habe mein Leben aufgerissen, als ich diese Menschen, an die ich mich kaum erinnere, zur Strecke brachte, ich war der Jäger und die Jagd, ein bisschen auch der Gejagte. Meine Opfer kannten mich ja nicht und wussten nichts von meinen Absichten. Sie kamen mir bloß dazwischen und eigentlich ist mir der Gedanke an sie lästig. So war ich eigentlich alles in einem – und jetzt? bin ich willenlos, herumgeschubst von den Bullen, bald kommen die Vernehmer. Was wollen sie denn vernehmen? Dass ich unzufrieden bin? Ich werde sie um ein Glas Wasser bitten und sie werden meinem Wunsch willfahren. Soviel Aufregung um ein Glas Wasser. Sie könnten etwas hineingeben und das wär’s dann. Warum tun sie’s nicht? Man sagt, sie dürfen es nicht. Ich habe Rechte. Von jetzt an habe ich Rechte. Das also hätte ich erreicht: Rechte zu haben. Kein Mensch sollte tun und lassen können, was ihm beliebt. Keiner. Es ist ungerecht, das so spät zu erfahren. Manche sagen ja, besser spät als nie, aber das ist bullshit. Wie dem auch sei, ich hab’s hinter mir und was ich jetzt vor mir habe, das wird man sehen. Sie werden wissen wollen: Wer noch? Als ob sie an mir nicht genug hätten. Ich habe gesagt: Ich will keine Fremden. Warum hat man mir nicht geglaubt, als noch Zeit war? Jetzt ist mir alles fremd und ich will das nicht. Ich glaube, fremd bin ich denen auch. Unheimlich. Jetzt bin ich von allen der Fremdeste. Klar bin ich ihnen unheimlich. Aber sie lassen sich nichts anmerken und behandeln mich wie… Dafür fehlen mir jetzt die Worte. Ein Mörder mehr auf der Welt und sie kriegen mich nicht weg. Das System ist so, dass sie mich nicht wegkriegen. Von nun an habe ich das System auf meiner Seite. Ein Narr, wer an das System glaubt. Ich habe nie verstanden, wer sich das ausgedacht hat. Ich wusste nur, ich würde ihm einmal ins Auge schauen. Ab jetzt muss es mir dienen. Ich habe das System überwunden. Das ist unfassbar. Und sie merken es nicht, sie merken es einfach nicht. Sie glauben, sie hätten alles im Griff. Oh ihr Kleinmütigen – nicht einmal im Traum dürft ihr daran denken, wie sehr ich auf euch herunterblicke. Ihr blickt durch mich hindurch und ich, ich… habe mich noch. Von jetzt an bin ich Objekt.«
Und er steht wirklich da, mit zerrissenem Hemd und blutiger Hand, er hat etwas getan und jetzt entspricht es nicht seinen Vorstellungen.

FETISCHCHARAKTER

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Dass Kunst Ware ist, dass sie Ware sein kann, dass sie nichts als Ware sei, hat mehr Gehirne in Bewegung gesetzt als jede andere Bestimmung, die ihr angehängt wurde. Das ist verständlich, denn dadurch wurde sie Leuten zugänglich, die sich ansonsten leichter erhängten als ein Wort von dem zu verstehen, was da steht, oder denen diese Bildsprache jetzt nichts sagt. Seit das Wort ›Fetisch‹ im Raum steht, plappern sie unentwegt und sie finden, dass Kunst ein guter Begleiter ist, eine wirklich wichtige Sache, ein Stück Lebensart: »So wollen wir leben.« Unter dem Aspekt des größeren Glücks für die größere Zahl wäre es allemal besser, wenn sich die Künstler erhängten anstelle der Kunstliebhaber, leider war von letzterem nie die Rede. Der Fetischcharakter ist in der Kunst das, was die Gräten im Fisch sind: unerlässlich fürs Fortkommen, doch unendlich lästig und endlich gefährlich für den Genießer.

FEUDALISMUS

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Sie kaufen sich Zeit. Sie kaufen sich Zeit, wie sie sich immer Zeit gekauft haben, sobald sie erst an der Macht waren. Die Macht ausüben heißt, sie dafür einzusetzen, dass sie bei dem verbleibt, der sie ausübt. Das muss nicht immer und überall die volle Wahrheit sein, aber es ist die Grundrichtung aller Machtausübung. Tun, was getan werden muss, heißt nicht, die Notwendigkeiten des Daseins aller zu beherzigen, sondern den ungestörten Genuss der Beute zu sichern. Hier schlägt das Herz eines jeden Feudalismus, ein anderes Herz kennt er nicht. Die Frage lautet also: Was ist Feudalismus? Nicht der museale Feudalismus, dem Europa und die Welt ihre Schlösschen und Paläste verdanken, durch die heute der Pöbel flaniert, gierig darauf zu erfahren, wie man ›damals‹ zu leben wusste. Der perennierende Feudalismus ist das System der ersessenen Anwartschaften in einem auf Gefolgschaft gegründeten System. Ein solches System kann starr exekutiert werden, dann läuft es auf irgendeine Form des Staatskannibalismus hinaus, es kann auch geschmeidig daherkommen und alle staatlichen Sicherungen unterlaufen, ohne sie nach außen sichtbar in Gefahr zu bringen. Sein erstes Opfer ist immer und überall das Recht: es wird weiter gesprochen, aber es ist gezinkt. Doch bevor von Opfern die Rede sein kann, welkt das öffentliche Wort. Es wird ersetzt durch die Prunkrede, exornatio, untrügliches Kennzeichen feudaler Verhältnisse, und ihren verbalen Schatten: die Vernichtung, nihilatio, des gemeinsamen Feindes. Wer nicht verständigt ist, wer noch nicht weiß, dass der Andere sein Feind ist, der kann nicht loyal sein. Der subtile Feudalismus legt eine Schippe drauf und verdoppelt den Anderen: dem einen verschafft er ein Privileg, dem anderen erlegt er auf, für seine Kosten aufzukommen. Ein köstliches Spiel: die Erschaffung des Anderen des Anderen durch Rechtsbruch oder, sagen wir, durch subtile Modifikationen des Rechts, das keinen Anderen kennt, sondern nur Gleiche. Wer Privilegien schafft, schafft Feinde ohne Auslauf, eine untertänige Masse, deren Zähneknirschen sich bequem in Hoch-Rufe umdeuten lässt. Da fällt Loyalität leicht, denn sie verkörpert das Schöne, das Leben ohne Ressentiment, das Leben auf der richtigen Seite, das gern mit dem richtigen Leben verwechselt wird. Aber was heißt schon richtig? Am Ende aller Zeitkauferei steht das Gericht: Die Belle Époque ist verrauscht und ein paar Überlebende krächzen: Wer damals nicht lebte, hat nicht erfahren, was leben heißt.

FEUERWERK

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Am Ende ist alles Feuerwerk. Das betont die Ratte mit feinem Akzent, als sie die Zündschnur durchbeißt und sich des ungewohnten Geschmacks wie einer fernen Morgenröte erfreut. Die sichere Distanz wird nicht ersessen oder erarbeitet, sie wird erjuxt. »Das ist nicht wahr«, schmollt das Tierreich, »einen Seufzer für jede Wohltat.« Die aufregendsten Langweiler sind aber die Hasen, ihre spröde und behende Art kommt aus dem hypertrophierten Gehör hervor wie der Schnaps aus der Flasche.

FILMTABLETTE

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Es gibt Kalauer, die man nicht ausführen muss. Nur soviel: keine Bambi-Verleihung und keine Bachmann-Festspiele werden den Antagonismus von Tabletten-Kunst und Literatur jemals besiegen können. Begründet liegt er in jenem ‑iteratur, im Wieder- und Wiederlesen, rein zeitlich im Verfügenkönnen über einen Gedanken, der einmal schriftlich fixiert wurde, und zwar an jeder Stelle, in jeder beliebigen Konfiguration. Das macht, abseits des Lesens, die ›Lektüre‹ zu einem so komischen Unterfangen: wer ein Buch einwirft, wie man Tabletten einwirft, der ärgert sich am Ende, den Film verpasst zu haben, oder er fühlt sich erhaben und ein wenig von der Welt im Stich gelassen, weil er sich soviel Zeit gelassen hat wie sonst kaum jemand. Er lobt sich also dafür, dass er so langsam ist. Vielleicht ist er das ja wirklich: dann ist das Buch sein Kino. Vielleicht hat er einfach zuviel Phantasie, die bei der Lektüre in alle Richtungen davongehen kann, während der Film sie mit Messerhieben traktiert. Oder das Gegenteil ist der Fall und der Film rauscht unverstanden vorbei. Nach aller Erfahrung ist das sogar die Regel. »Ach Gott, ja«: darin besteht die kathartische Anwandlung seitens aller Medien, die über die Zeit gebieten, verbunden mit einem dumpfen Wunsch nach Veränderung. Man könnte z.B. einen neuen Fernseher kaufen und sicher wird man jetzt das eine oder andere kritischer sehen als früher.

FINDERLUST

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Seltsamerweise ist zu Beginn einer Entdeckung der Wunsch, das Entdeckte zu verändern, am größten. Erst später, wenn die wahren Dimensionen des Entdeckten nach und nach sichtbar werden, kehrt eine gewisse Ruhe ein und man lässt die Dinge an ihrem Ort, um von ihnen einen möglichst angemessenen Gebrauch zu machen. Nach diesem Muster wurden Kontinente durch Entdeckung zerstört, die unentdeckt einen langen zivilisatorischen Gang vor sich hatten. Am fruchtbarsten wirkt die Saat einer neuen Botschaft, fällt sie in unbedarfte Gemüter, sie wird furchtbar, vor allem Mitmenschen, die bereits weiter sind. Die erste, noch krude Computersimulation des Weltklimas bescherte der Menschheit einen ›Weltklimarat‹, um den alle sich drängen, denen die Ratlosigkeit ihrer Existenz das Gesicht weggebeizt hat: sie verhindern den wissenschaftlichen Fortschritt nicht, sie behindern ihn nur. Jede gezielte Förderung verändert das Wissen, verengt es zu einem Konglomerat aus Wissen und Überzeugung, das heißt ›Deckzeug‹, unter dem das Wissen zu modern beginnt und schließlich verfault, während die Apparate wuchern, die man aus ihm gewann. Archäologen haben mühsam gelernt, nicht jeden Grabungsfund trophäengleich in ferne Museen zu schaffen, sondern ihn in seiner Umgebung zu studieren und gegebenenfalls die Erdschicht wieder herzustellen, der er sein Überdauern verdankte. Nicht jede Wissenschaft ist auf diesem Stand angekommen, einige ähneln noch immer Granaten schwenkenden Kindern, denen die Finderlust im Gesicht steht.

FINIS, GERMANIA!

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Die Deutschen sind empfänglich für Untergangsschnitten mit Weihrauchperlen, selbst aus den Nachlässen Verstorbener klauben sie dergleichen heraus, das will etwas heißen. Es ist der Preis dafür, in einem nach allen Seiten offenen Lande zu leben, vor allem, wenn der Eindruck vorherrscht, die Politik habe auf Durchzug geschaltet, was vermutlich der Fall sein dürfte, doch der konkrete Nachweis fällt schwer. Das höchste Glück der Regierenden besteht darin, dass ihnen niemand rechtzeitig auf die Finger schaut, das tiefste Unglück der Regierten darin, dass es so ist. Alle paar Jahrzehnte geht dieses Land unter, danach verlaufen sich die Wasser, man begräbt die Toten, soweit die Umstände es gestatten, erörtert die Schuldfrage und zieht den Karren weiter. Welchen Karren? Ach den! Wie konnte ich das vergessen. Am Ende verlieren die Deutschen immer, schrieb Tolstoi in Krieg und Frieden – weil sie das kennen, sind sie so ungemein tüchtig, sie stürzen sich praktisch von einem Wiederaufbau in den nächsten und wissen doch stets, es hat keinen Zweck. Wieviel Geld ihre Arbeiter in fremde Taschen verdient haben, lässt sich nicht einmal ahnen, es ist auch unnötig, weil alle Taschen fremde zu sein pflegen außer der eigenen, gleichgültig, unter welcher Ländernummer sie registriert sind. Endlich sind längst nicht alle Arbeiter Deutsche, die hierzulande malochen, es lohnt praktisch kaum, die Staatsbürgerschaft eines Landes zu erwerben, in dem alles fließt, man weiß nicht, woher und wohin. Irgendwann sind die Deutschen an ihrer Herkunft so irre geworden, dass sie anstelle der weggeworfenen Ahnenpässe, die auch schon Fiktion waren, nur schlechte, sich nun Biographien erschreiben lassen: ein paar geschönte Eckdaten und schon läuft die Geschichte. Ein paar Jahre noch, und sie stammen alle aus dem Sudan wie vorher aus Polen oder dem Erzgebirge. Das nennen sie ›Nachdenken über Identität‹. Jedenfalls nannten sie es bis vor kurzem so, augenblicklich ist der Ausdruck ›Identität‹ verpönt und wer ihn zu anderen als denunziatorischen Zwecken verwendet, gilt als Nazi. Niemand weiß, wie es damit weitergeht, denn als Deutscher ohne Identität ist man polizeilich verdächtig und praktisch arbeitslos, vielleicht liegt darin die Zukunft.

FLASCHENHALS

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Auf einer kleinen Anhöhe liegt das Kloster der bekennenden Immanentisten. Sie reicht aus, um es gut sichtbar werden zu lassen, doch fehlt jeder Anflug von Erhabenheit, die seine Bewohner mit an Inbrunst grenzender Überzeugung ablehnen. Mit ein wenig Ironie könnte man von einer Warft sprechen, aber das wäre gegen den Comment. Gern nennen sich die Bekennenden hart, obwohl sie die weichen Themen instinktiv vorziehen. ›Erkennen, was ist‹ lautet ihr Motto, es steht auf einem kleinen Schild über der Klingel. Übrigens mag man sie drücken oder auch nicht. Jede Annäherung haben sie bereits von weitem erspäht und wissen, wie sie den Gast zu empfangen haben. Nicht umsonst kaufen sie, so wie sich Gelegenheit bietet, alles angrenzende Land zu. Viele dieser Käufe bleiben unerkannt. Unmerklich verändern sie das Land, indem sie es mit Markierungen überziehen. Manch einer orientiert sich daran. Das merken sie und keiner ist ihnen in der Kunst der Wahrnehmung über. Wer diese Abzweigung genommen hat oder jene, wann und wo und wie, mit welchem Ausdruck im Gesicht – solche Fragen sind ihr tägliches Brot und, seltsam anzuschauen, ihre Gymnastik. Es gibt Grade weltfrommer Unbefangenheit, die sie aufs schärfste missbilligen. Aus den Zeiten, als ihre Vorgänger nur Protokollsätze zuließen, ist der Sinn für das Protokoll geblieben, das anderswo ›Etikette‹ heißt. Alles ist eine Zulassungsfrage, das haben sie klug erkannt und beuten es aus. So ähnelt der Eingang in ihren Bezirk einem Flaschenhals: Man sieht die Welt wie bisher, nur ein wenig verzerrt und grün oder rot oder braun angelaufen, je nach Tageszeit, und man fühlt sich an gewissen Stellen seltsam gehemmt. Wer nachgibt, darf gleichwohl erwarten, dass er, alles in allem, zügig vorankommt. Bleibt die Frage, ob man so aus der Flasche heraus- oder in sie hineingelangt. Zugelassen ist die Frage selbstredend nicht, wer sie trotzdem stellt, bekommt einen Cent.

FLUCHTTIER

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Die Flucht aus der deutschen Frau in die erotischen Sachwerte: ein maskuliner Renner, wenn man es recht bedenkt, über Jahrzehnte. Jeder Kulturkreis ist recht, wenn’s nur dem Spaß dient. Werde geliebt! Das ist ein Imperativ, kurios wie fast jeder. Werde geliebt – und möge die Welt darüber zu Grunde gehen. Welche Welt? Die Welt der gesellschaftlichen Imperative? Die Welt des mageren Selbstseins? Die Welt der einsamen Konsequenzen? Kein Zweifel, die Freiheit in der Bewegung hat demgegenüber etwas Befreiendes. Man hat sich frei gemacht und man ist so frei: ein ganz natürlicher Vorgang wie z.B. das Wäschetrocknen, das bekanntlich von selbst geschieht, sobald ein wenig Sonne sich einmischt. Die Sonneneinmischung in die intimsten Dinge, sie ist bekannt und, sagen wir, keine Geheimnummer. Es mischt sich auch manches andere hinein, manches andere, ja, auch der Sachwert, sagen wir, personalisiert sich nach einer Weile, eher früher als gedacht, das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Liebe, wem Liebe gebührt. Die Journaille nennt das Sex-Tourismus mit Spätfolgen, aber im Tourismus läuft die Tour anders, man hat es vermasselt und dient, nach allem, dem großen Transfer. Auf dem Missbrauchskonto steht groß und unbedarft und artikelfrei: Fremde.

FLÜCHTLINGSFRAGE

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Alle Welt kennt die Flüchtlingsfrage, alle Welt stellt sie oder zuckt mit den Achseln: Wohin mit den Flüchtlingen? Wovor sie flüchteten? Keiner weiß es, keiner fragt danach. Warum? Man weiß die Antwort im voraus: Krieg, Hunger, Ausbeutung, Verfolgung, Misshandlung, der sichere Tod. Warum fragen? Bedauern fällt leichter und hält weniger auf. Helfende Hände, dem Elend zugewandt: So sehen wir uns gern. So hätten wir uns gern. Nur tief drinnen regt sich leise der Unwille. Warum so viele? Warum jetzt? Könnte nicht das eine oder andere Elend warten? Könnte es sich nicht eine andere Bleibe suchen statt hierher auszuwandern? Hatten wir selbst gestern nicht schon genügend Sorgen? Wie wird es morgen sein? Was sich drinnen regt, dem schallt es draußen entgegen: »Wer hier? Freund oder Feind?« Wer seine Parole da nicht am Schnürchen hat, der sieht rasch alt aus oder wird es nimmermehr. Die Flüchtlingsfrage spaltet die Länder und Kontinente, warum? Weil jeder weiß, dass, was Menschen anrichten, vor Ort geheilt werden muss. Die Produktion von Flüchtlingen, die ihr Heil außer Landes suchen, muss gestoppt werden, wo immer sie anläuft, die Schuldigen, wo immer sie residieren und welche Immunitäten sie auch beanspruchen, müssen bestraft werden. Jeder weiß es. Wo Flucht ist, da ist Vertreibung, wo Vertreibung ist, da ist Unrecht, wo Unrecht ist, muss es bekämpft werden. Jeder weiß es, denn es ist unendlich einfach. Da lächeln die Verstrickten. So einfach, sagen sie, ist das nicht, sie haben, wie alle, Interessen und die Sorge um das Wohl der Menschheit geht vor. »Auch Flucht ist ein Geschäft, man muss die Renditen berechnen und langfristig denken. Flucht ist ein Lernprozess, in dem alle klüger werden. Ist es nicht das, was wir alle wollen: klüger werden? Darum übt euch in Barmherzigkeit, welche eine Tugend ist, denn sie macht euch klüger und uns wertvoller. Wenn ihr durch Schaden klug werden wollt: Ergreift die Chance! Da ist sie.«

FLUCHVERBOT

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Dass Fluchen, kommt es nicht von ganz oben, eine Form der Heterodoxie darstellt, ist allgemein bekannt. Du sollst nicht fluchen denen, die da oben für Ordnung sorgen, ist mithin die Regel, nach welcher der Fluchende, ob er will oder nicht, verfährt. Wie das? Dass er selbst die oberste Instanz sein könnte, erscheint ihm kaum glaubhaft. Eben deshalb will er es glauben machen. Die Leute können sich das Glaubenmachen nur als Nasführen, also als heuchlerische Verführung verständlich machen. So ist es nicht. Entscheidend für den Akt des Fluchens ist der Sprung, der sich in ihm vollzieht. Der Rausch des Glaubenmachens lässt den Fluchenden nicht unberührt, er erfasst ihn ganz und gar, er formt aus ihm keinen Gläubigen, aber er verhilft spontan zu dieser Empfindung des So muss es sein, ohne die unter Menschen nichts geht. Darin liegt das Geheimnis der Heterodoxie. Das Geheimnis der obersten Instanz hingegen liegt darin, dass sie niemals flucht. Jeder Fluch, jede Verfluchung ist ein Akt der Heterodoxie, die Einrichtung einer Fluchverbotszone für Anderstickende, die hier nichts zu sagen haben sollen, denn –. Man kennt sie gut, diese Denns, an denen ebenso viele Wenns hängen, auf dass die Verkettung der Schicksale kein Ende nehme.

FLUTWELLE

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Die Leute sondern ihre vorgeschriebenen Ängste ab, dass es einen schon nachdenklich macht. Aber wer schreibt sie ihnen vor? Menschen haben Angst, das ist bekannt, nur das Phänomen erklärt sich so nicht. Interessen, sagt der Kritiker: Interessen. Interessen sind das A und O der Marktgesellschaft. Also: die mächtigsten Interessen machen am meisten Angst. Man muss sich die Angstmacherei einmal praktisch vorstellen. Wer Angst macht oder verbreitet oder gemachte oder verbreitete Angst zu eigenen Zwecken missbraucht, der fürchtet sich nicht, jedenfalls nicht vor der Angst. Er betrachtet sie als gegeben. Auf dem Schachbrett der Mittel schiebt er sie dahin und dorthin, wo er sie gerade braucht. Wie er das macht? Ach du liebes bisschen. Schauen Sie sich um. Aber schauen Sie nicht zuviel. Es könnte Ihnen angst und bange werden. Warum ich das sage? Gegen einen Orkan, der im Gehirn wütet, sind die wenigsten gewappnet. Und selbst wenn sie es wären: Was sollen sie machen? Beidrehen heißt die Devise. Da tut es gut, ein Boot zu sehen, das, den sicheren Untergang im Hafen vor Augen, gegen die Flutwelle steuert.

FÖRDERWILLE

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Der Förderwille ist mit Sicherheit wilhelminischer Herkunft. Die ältere Förderabsicht verging mit dem barocken Regierungsstil, nur der Tourismus profitiert noch immer von ihr. Der Förderwille hingegen erweist sich bis heute als ungebrochen. Ihm verdanken sich bereits der Tirpitzsche Flottenbau, der märchenhafte Aufstieg Krupps und des Simplizissimus aus den Niederungen altdeutscher Borniertheit, späterhin die Filmwirtschaft und der Rennsport, schließlich die Atombombe und das Fernsehen und die Windräder und das deutsche Reedereigewerbe, aber auch die Rednergabe von Sozialpolitikern und die Kultur. Vor allem letzteres erscheint schlüssig, wenn man bedenkt, wie gering das Bedürfnis der Menschen ist, ohne staatliche Anleitung Messer und Gabel zu benutzen, die Schamteile zu bedecken, kulturell wertvolle Musik zu erzeugen und Theater zu spielen. Nur geballter Förderwille hält diese Funktionen in Gang und macht sie ausbaufähig. Hingegen muss das Schreiben nicht gefördert werden, es sei denn bei Legasthenikern. Das liegt daran, dass gute Texte sich von selbst schreiben. Bloß die weniger guten machen Schwierigkeiten, für die der Staat wohl nicht zuständig ist. Jedoch auch hier hat er seine Hände verdeckt im Spiel und es spricht für ihn, wenn seinen Vertretern die Schamröte ins Gesicht steigt, sobald einmal die Rede darauf kommt. Wer z. B. ist sich beim Schreiben bewusst, dass nicht allein die Kommata sich der staatlichen Vorratshaltung verdanken, sondern eine so wunderbare Sinnlosigkeit wie das ›scharfe S‹ ohne Hintergedanken der Macht praktisch bereits ausgestorben wäre? Aber wie wenig besagt das gegenüber der im Zweijahresrhythmus erfolgenden Ausgabe von Hochglanzwörtern. Nachdem sie in einer ersten Erprobungsphase dem Verkehr zwischen den Erwählten der Macht und ihren Planungsgehilfen Würde und Effektivität verleihen, beglücken sie in schönem hierarchischem Abstieg das nach unverbrauchtem Ausdruck dürstende Publikum. Tadelnswert ist der Staat dort, wo er sich mittels Verordnungen direkt in die Benennung der Weltdinge einmischt und in seiner grenzenlosen Naivität Menschen, Formen und Dinge durcheinanderwürfelt, bis jedes ein künstliches Geschlechtsteil im Gesicht trägt wie auf manchen Bildern Savinios oder auf dem Gemälde eines verrückten Wiedertäufers, der von den Gesinnungsgenossen in der Münsterschen Aa ertränkt wurde, zum Leidwesen seiner bis heute hier und da auffindbaren Bewunderer. Doch muss man zugeben, dass sich der moderne Staat auf diese Weise eine neue Schicht von Ministerialen erschafft, eine Art Dienstadel wie im frühen Mittelalter, Lehnsfrauen und -männer, die für ihn durch dick und dünn gehen, je nach Kleiderordnung.

FOKUSSIERAUSWEIS

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Einen Generationswechsel erkennt man unter anderem daran, dass die Leitwörter wechseln. Ich zum Beispiel – erzählt Rabe – hatte den lebhaften Eindruck, weggeräumt zu werden, als in den einschlägigen Kreisen das Fokussieren angesagt war, dieweil sein Vorgänger, die Konzentration, müde geworden der ewigen Anstrengung, vielleicht genervt von perfider Lagerhaft, durchs Hintertürchen verschwand. Psychologen empfehlen das Fokussieren fürs Leben gern. Es gibt ihnen das Bedürfnis, gebraucht zu werden und die Leistung zu erbringen, die dem schlaffen Gegenüber abgeht. Wer sich aufs Fokussieren fokussiert, dem soll es an nichts fehlen. Alles, was die Gesellschaft zu bieten hat, steht irgendwann im Fokus: dort steht es sich gut. Lästig sind nur die Preisschilder. Wenn sie bloß abgingen! Man sähe gleich, was dahinter steckt. So kauft man die Schilder und wird sie nicht los. – Wen scherts? Im Land hat sich viel getan. Auch die Alten fokussieren wie wild, der Bäcker nebenan zum Beispiel, ein Methusalem, der einfach nicht aufhören kann, ist ganz auf Vollkorn fokussiert. Warum nicht? Viele machen mit, um nicht erkannt zu werden, manche empfinden es als Verjüngungsbad. Was wissen wir schon! Genug immerhin, dass es zur Warnung reicht: alles Sinnen und Trachten ist für die Katz, sofern es an dieser Stelle über die Klinge springt. Nein, sie stehen nicht im Fokus, die Alten, ganz und gar nicht, und wenn, dann nur zur Demonstration, dass es noch Leute gibt, die das Fokussieren nicht von der Pike auf gelernt haben. Ja, sie lächeln, die Jungen, angesichts dieser scharf fokussierenden Alten, dann streichen sie das Lächeln aus dem Gesicht und werden ernst. Ein alter Fokussierer, mein Bruder, aber das tut nichts zur Sache, lebt vom Gnadenbrot der Gerichte – sie wissen schon, was er will, sobald er wieder antritt, und gewähren ihm kalt, was er heiß ersehnt: die Gnade der Demütigung.

FOLGEGEISTER

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Da nichts ohne Folgen ist, gelten die schwebenden Geister dieser rätselhaften Strömungen, personifiziert nach ihrem jeweiligen Anstoß, nicht nur als Verfolger einer bereits rückwärts eilenden Vergangenheit, sondern selbst als Bedränger der Zukunft, die ja auch von ihnen verfolgt wird. Durch das öffentliche oder auch einzelne Schicksal bis weit in die Zeiten vor der Geburt eines Menschen hat man die Folgeister entweder als drängende oder fliehende Macht, schädlich entschwebend oder boshaft kommend, im Rücken oder selbst im Kopf und im Schlaf und zumeist als Flecken der schmerzenden Zukunft mitten im Auge. Verfolgt wird von allen Seiten, daran hat sich seit Ewigkeiten nicht das geringste geändert.
Der seit Urzeiten uns bedrückende Seelenrucksack war anfänglich nichts als das Netz und der Schnappsack eines beginnenden Daseins, das sich früh der Natur zu entziehen begann. Am Feuer magisch entleert lasen schon in frühesten Zeiten Frymerker, die Vorläufer der Poeten, den Inhalt, als wären es Kräuter der Luft. Wandernde Kinder fingen sie ein. Im Cruciatus Animae des Feuervaters vom Lichteler Wölobrunn sind Schuld und Schicksal von Kindern gesammelt – entweder quälende Lasten im Rucksack oder schmerzende Flecken im Auge. Indogermanischen Ursprungs, lange vor dem Buddhismus, galt das verwirrende Schwebegesetz der Folgegeister, in zweierlei Form vereinfacht, als Schuld und Schicksal oder Schicksal und Schuld, und ward so zur Ursache jeder Philosophie als Netzwerk ohne Erlösung.
Im Prinzip ist der Folgegeist dem immerwährenden Unheil eingebunden und zwar »gleichen Ursprungs, aber geteilten Wesens«, eine Wesensbestimmung, die auf dem Konzil zu Ephesus von den Magiern unter den Christen Athens im Namen des gekreuzigten Jesus »wider die Wohltaten Gottes« durchgesetzt wurde. (Siehe auch die Gottblätter des Homomaris in Köln.) Erst mit dem Aufkommen der Gnade verendete diese neue Geburt einer ausschließlich menschenbezogenen Jesusphilosophie unter den Segensfäusten der Theologen mit »fauler Psyche«. Noch wenig bekannt ist, dass die Folgegeister, von welcher Seite auch immer sie wirken und woher sie auch kommen mögen, ob aus der Natur vor oder nach der Schöpfung, von höher geordneten Supergeistern verfolgt werden und im mal governo schlimme Bedrückung erleiden. Sie wüten und strafen im Niederen und erleiden die Folgen – von vorne bedroht und von hinten bedrückt durch die Sonderform der infinitas animalis – bis in unendliche Zeiten.
So zeigt sich im ältesten Werk der bildhaft strafenden Metaphysik, bei Dante, »des Geometers Bogen« am Ende tatsächlich ja nur als erster Kreis der Ewigkeit, den der Zirkel als farbige Luft fahrlässig durchstochen hat. Dieser erste Kreis empfand durchaus noch den Schmerz seiner Deutung und entwickelte Folgen, die einem höchsten Zeichen Dantes nicht eigen sein dürften. Dieser höchst künstliche Sonnenschein in all seinem Leuchten war eben noch immer ein menschenverwandter Anfang.
In der Nachfolge jener verdrängten Urchristen Griechenlands wird die Vermessung des Geistes durch falsch durchstochene Luftbilder als schmerzende Seelenfolge betrachtet und seine Weiterentwicklung im Kreise der Kaleidoskopen den Schattenforschungen (Folgenforschungen) zugerechnet. Diese wiederum spielen in der poetischen Heilkunst die Rolle, den geistigen Schmerz kollektiver Strömungen zu erforschen. Es heißt beispielsweise bei ihnen: »Gemessener Geist, (es ist hier die materielle Intelligenz gemeint) treibt den Kopf an falsche Altäre.« Oder auch : »Wo der Zirkel der objektiven Wahrheit den Geist durchsticht, entsteht der schmerzhafte Irrtum«, oder: »Man durchbohre den Geist nicht außerhalb seiner selbst.« - PM

FOLTERKUR

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Jedermann sieht die Spur der Verwüstung, die die Wissenschaften vom Menschen hinter sich herziehen, ihr ewiges Zu-kurz-Springen, das die neuesten Forschungsergebnisse mühsam verdecken. Morgen schon werden sie Schnee von gestern sein, ein müdes Lächeln im Gesicht der Auguren. Doch heute tun sie ihre Schuldigkeit, daran besteht kein Zweifel. Jedermann schweigt, er ist niemand, eine Theaterfigur, und wer geht schon ins Theater. In kaum jemandem hat das sang- und klanglose Ende der Freudschen Dampfturbine, ›Psyche‹ genannt, den Verdacht aufgerührt, das Spiel der Enttäuschungen könnte weiter gehen, viel weiter als die methodisch gesäuberten Phantasien derer erlauben, die heute dran sind. Auch das Computermodell des Bewusstseins ist vielleicht nicht aller Tage Abend. Dahinter steckt System. An dieser Stelle nicken viele heftig, die in ihrem Leben keinen einzigen wissenschaftlichen Gedanken zu fassen imstande sein werden. Aber wer ist das schon. Kaum jemand schweigt, das ist sein Markenzeichen, er kann nicht anders. Dieses vertrackte Schweigen... niemand beherrscht es so gut wie er, zwischen beiden herrscht eine Konkurrenz, die keiner sieht, denn dieser sieht immer. Keiner, pflegte Großmutter zu sagen, weiß, was er sieht. Vertraue niemand! Ein verwegener Rat, wie man sieht, der letzterem eine Verantwortung aufbürdet, unter der er zusammenbricht. Hinter dem stürzenden Niemand steigt Jedermanns Standbild steil in die Höhe: Wer bräche da ins Knie? Umspült von Wissenschaft, ein Opfer subtiler Folterkuren, ist keiner so wenig beschlagen, dass er durchschaut werden könnte. Warum auch.

FORESTIER

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Können Verse narren? Spiegeln sie ein Leben vor? Sind sie deshalb verwerflich? Diese hier wurden verworfen, weil die Einsicht in ihr Mittelmaß unmittelbar der Erkenntnis entstieg, dass man gefoppt worden war. Warum gefoppt? Ist Literatur nicht fiction? Wurde der Comte de Lautréamont etwa von einer übellaunigen Kritik geschasst, als Monsieur Ducasse zum Vorschein kam? Der ganze Vorgang ist äußerst lächerlich – ein Stück Nachkrieg, dem das Wasser am Halse steht. In Wirklichkeit tickte das Wort ›Waffen-SS‹ in der leeren Brust eines ›Frühvollendeten‹, den es so nie gegeben hatte, und niemand wollte in der Nähe sein, wenn es hochging. Stattdessen erwischte es einen Nobelpreisträger, doch da war ein halbes Jahrhundert verstrichen. Seltsam die Rolle des aus dem nationalen Bewusstsein verdrängten Georg Forster im Hintergrund, als Namenspender für einen Angeber, den die Vorsicht zur Tollkühnheit trieb.

FORTSCHRITT

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Bei der unbekannten Größe und Form aller Dinge die unbekannte Richtung als euphorischer Weg in die scheinheilige Nullität der Geschichte, denn diese allein wird von nun an von uns für gewiss gehalten. So bekommen wir diesen Wegweiser des Narrentums, von den wilden Windrichtungen der Windrose weit entfernt, durch die Einseitigkeit eines Weges nach rückwärts. Wir haben die blitzhaft zuckende Poesie von Himmel und Hölle verdrängt für die stille Null eines Nebels von gestern. Sie macht selbst die Erde bodenlos, mit all ihren technischen Löchern, das sind gerade die Nullen, ebenso die der Granaten wie der Bohrlöcher.
Dieser Schwebezustand aus Glaube und Technik verläßt die Ställe Darwins mit Geruch und Geräuschen aus den maskierten Ärschen der Teufel, wie sie auf gotischen Tafeln gemalt worden sind. Denn tatsächlich blickt hier die Steißgeburt des Verstandes nach rückwärts. Zuerst in die Gewissheiten der Materie, dann in die künstliche Unnatur der Selbstbarbarei und schließlich auf die Schlachtfelder der Gemeinheit als großes Regietheater der Geschichte. Die Blicke werden gemessen, sie werden berechnet und bilden so die schrittweise explodierenden Gewissheiten, gleichsam die Artillerie der Verblödung. Indessen steht die verkommene Aufklärung mit dem gesenkten Phallus als Fackel aus Gummi kreischend daneben, als sei sie soeben vom Lautsprecherwagen einer Love Parade geklettert, um dem Menschenzoo näher zu sein. - PM

FRAUENBEIN

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Das wohlgeformte Frauenbein gibt es nur aus besonderem Anlass. Allein die wahren Inhaberinnen des Fleisches haben nichts zu verbergen und zeigen, was sie haben, bis an die Grenze, an der es verschwimmt. In diesem Frühjahr schaffen es selbst die an Jahren fortgeschrittenen Frauen, dass ihre Beine sich wie schwarze Würmer aus den angesagten hemdartigen Bekleidungen zu Boden ringeln. Was das alles bedeuten mag? Man sollte sich notieren, in welchem Jahr man sich bewegt, wenigstens das, bevor alles in einem anderen Einerlei aufgeht, das, wie jedes Einerlei, nur die Notdurft über dem Vielerlei zeigt.

FRAUENFEINDLICH

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Die Frauen in den liberalen Gesellschaften werden dieses Etikett noch gründlich verfluchen, wie es einige ja bereits tun. Es räumt Widerstände dort weg, wo sie vielleicht dringend gebraucht würden, um schreckliche Rückschläge zu vermeiden oder auch nur, um dem klassischen Eignungsdilemma auszuweichen. Aber es geht ihnen bloß wie der mobilen Gesellschaft mit dem wachsenden Wald der Verbotsschilder: sie blockieren das Denken an Stellen, an denen es sehr zu empfehlen wäre. Die beamteten Macher fürchten das ewige Problematisieren, sie wünschen freie Fahrt. Das Wort ›wirtschaftsfeindlich‹, weniger gefragt zu einer Zeit, in der sich die staatlichen Instanzen vor Willfährigkeit überschlagen, wirkt da wie ein Menetekel: einer Macht, die alle Türen eindrückt, wird man niemals Genüge leisten. Auch diese Macht ist nicht die Wirtschaft, sie versteckt sich in, gelegentlich hinter ihr und möchte nicht genannt werden. Die Macht des Wähnens ist herrenlos: eine Karte, die jeder zückt, der sie zufällig in die Hand bekommt. Manche Hände halten sie auffällig oft.

FRAUEN-GHETTO

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Eine interessierte Gesellschaft behandelt die Frauen in summa und sperrt sie damit nachhaltig ins Frauen-Ghetto, das gerade zu öffnen sie ihnen versichert. Das gibt eine schöne Empörung, die sich in Feuilletons und dem kritischen Buch der Saison zu entladen weiß. Und sie bleibt wahr, solange es keiner Stützungskäufe bedarf, um die Währung ›Frau‹ vor dem Absturz in die gefährlichen Regionen des Weiblichkeitswahn zu bewahren. Nicht ob die Frauen mit den Verhältnissen, wie sie sind, zurechtkommen, ist die Frage, sondern ob man sie zurechtkommen lässt. Alles Zurechtrücken von Frauenbildern erzeugt nur Mode und Maskenbildnerei, alles Unterschieben von Fördermitteln und Extragewinnen aus Geschlechteranteilen steht im Verdacht, einem Weltbild zu huldigen, das der Apollonius von Tyrland, ein Ritterroman des späten Mittelalters, bündig zusammenfasst: »Ain weyb ist ain halber man«. Auch damals ging es um Frauenförderung, gelegentlich wäre es an der Zeit, sich auf die Wurzeln zu besinnen.

FRAUENSACHEN

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Immer, wenn die Frauenfrage gerade entbrennt, trägt sie den neuesten Schick, und immer verabschiedet sie sich in den Gewändern der Suffragetten von anno dunnemal unter der Versicherung, darum gehe es nun wirklich nicht mehr und frau hätte andere Sorgen. Übrigens ist das nicht nur eine Angelegenheit wechselnder Zeiten, sondern auch wechselnder Gemüts‑ und Lebenslagen, was ohne weiteres einleuchtet, weil die sogenannte Frage, genau betrachtet, ebenso wenig existiert wie sie nicht existiert. So wenig sie einst durch die überfällige, ein Jahrhundert lang aufgeschobene rechtliche Gleichstellung abgetan werden konnte, so wenig bringt die administrative Frauenförderung sie einer abschließenden Lösung näher. Stattdessen bringt sie, neben Vorteilen für Schnellentschlossene, neue Stressmodelle zum Tragen und wirft Fragen auf, die unbedingt beantwortet werden müssen, falls man sie nicht gerade vergessen möchte, weil eine bestimmte Art zu fragen mehr an den Abgründen kratzt als konstruktive Potentiale entbindet. Eine ethische Dimension allerdings hat die Frauenfrage und vielleicht liegt in ihr die Frage der Frage selbst beschlossen. Man kann die Frauen nicht fragen, was ihnen frommt, um diesen etwas altväterlichen Ausdruck hier zu benützen. Natürlich kann man sie fragen, kreuz und quer, mit Häkchen und Kreuzchen und ja und nein und Präferenzen und ›weiß nicht‹, aber diese Antworten bleiben stumm, weil sie immer nur Auskunft darüber geben, wie es die anderen halten. Die Lage der Frauen ist so, dass ihr bloßes Frausein nirgendwo ihre Interessen begrenzt oder ›definiert‹: so weit, immerhin, sind die Dinge nun wirklich gediehen und niemand sollte Uhren willkürlich anhalten, am wenigsten Uhrmacher.

FRAUSEIN

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Wer die sogenannte Frauenliteratur ein dürftiges Zeug zu nennen wagte, hätte sie alle gegen sich. Dennoch empfinden die meisten Frauen so und geben es unumwunden im privaten Gespräch zu Protokoll. Sie schütteln den Kopf über die Männer, die nichts zu bemerken vorgeben, die, wie immer, positiv entflammt sind, und wissen Bescheid. Kalt taxieren sie die Motive derer, die den großen Wandel der weiblichen Lebensformen, das neue Selbstbewusstsein und die ererbten Einstellungen, die darin fortwirken, zu erwünschten Geschichten und angesagten Begriffsmustern verarbeiten. Warum das so ist? Sie kennen das Schweigen, das im weiblichen Schreiben fortdauert, zu gut, um sich über seine Ziele zu täuschen, während die Männer diesem wie allem Schreiben eine Art von Hilflosigkeit entgegensetzen, als müssten sie den Sinn darin gegen den Widersinn der Subjekte ertrotzen. Zu den Asymmetrien der Kultur gehört, dass Frauen die besseren Biographien schreiben, weil sie, anders als die Männer, nicht immerfort werten und sich dadurch das Beste entgehen lassen. Über das Schweigen ist viel geschrieben worden, darin liegt ein kaum zu vermeidender Fehler. Es schweigt sich schwer über etwas, dessen Auswirkungen man alle Tage erlebt. Wäre es aufzulösen, so wäre es längst verflogen wie so mancher Hautgoût, den man nicht wegzubekommen meinte. »Wer viel redet, verschweigt viel« – das mag gelegentlich richtig sein, sollte aber um die Anmerkung ergänzt werden, dass nicht alles, was jemand verschweigt, privater Natur sein muss. Man verschweigt gern, aus Diskretion und anderen Gründen, was das Geheimnis aller ist. Von ihm handeln die guten Biographen unter dem Schleier des Persönlichen. Die ›Bewegten‹ erklären die Person gern zum Konstrukt, das heißt, sie sind drauf und dran, das Geheimnis auszuplaudern, aber es gelingt ihnen nicht, denn es ist unaussprechbar, die Sprache scheut vor diesem Punkt zurück. Person oder gar nicht sein – die Alternative gilt vielleicht eingeschränkt für die vielen gesichtslosen Funktionsträger, die vergeblich nach Büroschluss ›nach Hause‹ streben, wohl wissend, dass sie dort nichts erwartet. ›Frau‹ wird man so nicht.

FREIDENKER

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Man kann sie nicht scharf genug trennen: ein ›freier Denker‹ ist, wer keine Rücksicht auf Konventionen nimmt, jedenfalls nicht im Denken, einer, der bei Bedarf auch die Konventionen aufs Korn nimmt (nicht um sie abzuschießen, sondern um die Kenntnis von ihnen zu schärfen), einer, der Denken nicht tugendhaft, sondern als Tugend betreibt … der Formeln sind viele, das Ergebnis bleibt stets dasselbe. Der freie Denker ist im Denken frei – er nimmt sich nicht frei, er hat nicht frei, er verdrückt sich nicht, weil ihm seine Freiheit lieb ist, er nötigt sich nicht auf, weil ihm die Freiheit der anderen wichtiger scheint als die eigene, er will das Gleichgewicht der Welt nicht verändern, er will es auch nicht erhalten, er will es nicht einmal wissen, denn auch der Wille zum Wissen scheint ihm allzu gebunden zu sein: er droht ihn zu fesseln. Das ungebundene Denken empfindet die selbst-fabrizierten Fesseln am stärksten und streift sie ab. – Jetzt aber der ›Freidenker‹: er dünkt sich nicht frei, er denkt sich frei, er denkt sich heraus aus der Unfreiheit, die ihn sehr beschäftigt, im Grunde weiß er sich nichts anderes. Er lehnt die Unfreiheit so sehr ab, dass sie ihn ganz erfüllt, er denkt, es muss einen Ausweg geben und sucht ihn verzweifelt oder voller Hoffnungen und resigniert, sobald er bemerkt, dass er doch wieder in den alten Bahnen wandelt, ja wandelt, ein ›Wandelstern‹ auf verschlungenen Wegen ums allzeit verschlossene Paradies, ein rekursives Postulat der Vernunft. Denke dich frei! Doch dazu musst du dich wandeln. »Du musst dein Denken ändern!« Daran denken Freidenker alle Tage, es verfolgt sie im Schlaf, es verfolgt sie wie eine nie mehr abzutragende Schuld, denn, unter Freidenkern, die Änderei, was hat sie bisher bewirkt? Was hätte sie bewirken sollen? »Ich denke jetzt anders darüber.« So reden Geschäftsleute, falls ein Geschäft sich überraschend als unvorteilhaft erweist. Das bedeutet: »Ich würde, nach dem, was ich heute weiß, im Nachhinein gern die Finger davon lassen, aber es ist nun einmal geschehen, also reden wir nicht mehr darüber.« So sieht es aus, das andere Denken. »Gestern glaubte ich dies, heute glaube ich jenes.« Neues Denken, neue Irrtümer. Doch in den neuen stecken die alten. Sie haben sich gut maskiert, aber irgendwann wird die Maskerade lästig und auch der letzte Mohikaner erkennt: So einfach ist das nicht. Zwischen den Polen ›Das geht doch ganz einfach‹ und ›So einfach ist das nicht‹ schwingt die Freidenkerei – hin und her, her und hin, die Schaukelei gefällt ihr, sie mag sie nicht missen, es nimmt sie ihr auch niemand weg.

FREIGEIST

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Es handelt sich bei ihm um ein vollkommen anderes Wesen, als es sein vermeintlicher Ursprung aus der neueren Vernunft vermuten lässt. Der wahre Freigeist ist vom Schnee der Blindheit umhüllt, ein empfindsamer Schneemann, der die treibenden Flocken des Neuschnees als durchsichtige Gedanken empfängt und mit dem Kern seiner erfrorenen Tiernatur zu verbinden weiß. Die rote Möhre, die ihm die Kindsnatur seiner Verehrer in den riesigen weißen Kopf stößt, macht ihn in der einfachsten Weise blumenhaft. Mehr Schönheit duldet er nicht. Der Rauch der Feuer in den Kaminen ist ihm zu seiner Zeit, wenn er sich draußen sehen lässt, lieber als das Feuer selbst, denn auch sein ganzes Gemüt ist weiß wie Schnee und entsprechend empfindlich gegen die Hitze. Die Freigeisterei bestimmt ihn, kälter zu leben als andere Menschen, feuerfrei ist für ihn keinen Flintenschuß wert, vielmehr horcht er an den öffentlichen Türen, ob die törichten Freuden um den Kamin, politisch gefärbt, die Geschichte entstellen. Die Übereinkunft der Lügner macht ihn noch kälter. Seine kleinen Verehrer liefern ihm die aufgeschnappten Tabus und lassen auch sie, mit dem Freigeist gemeinsam, von Neuschnee bedecken. - PM

FREIHEIT

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Umsetzungsauftrag der Geistesmusik, sowohl von Beethoven wie Bruckner. Ein Kriegsbegriff der Erlösung wohnt ihm inne und selbst Napoleon konnte nur auf diese Weise von Hegel als Weltgeist erkannt werden.
Die schwarzen Sklaven sangen bei ihren Aufständen auf Haiti: »Grenadiers à l’assaut! / Ça qui mouri zaffaire à yo!« »Wer stirbt, ist selber schuld.« Eine gewaltige Erkenntnis zum wahren Freiheitsbegriff, der vom Christentum weit entfernt ist. Vielleicht heute noch in Indien begreifbar.
Der Grundzug dieses Erlösungsgedankes besteht wohl darin, das Magma der Erde durch die Schächte der Finsternis empor zu drängen, um, oben angelangt, die Äcker so fruchtbar zu machen, dass sie, mit Weinbergen bedeckt, dem Brot noch den Wein hinzufügen können. Vulkanismus hieß dieser dem Geist der Urmutter Gaia und dem Bacchus entsprechende Fruchtbarkeitskult, der, trotz der strengen Sitten der Römer, seit Scipio-Asiagenes als berechtigte Trunksucht im Geiste vulkanischer Erdunterstützung geduldet wurde. Durch die Nutzung der geweihten vesuvischen Erde wurde der heilige Wein an den nachmaligen Hängen des Lacrima Christi von beiden Gottheiten geschützt. Heilige Trunksucht und lateinischer Erdmagnetismus sind hier eng und wohl auch dionysisch miteinander verknüpft. Selbst die Gänse des Kapitol wurden seit jener Zeit mit Brotbrocken ernährt, die zuvor in den köstlich braunen vesuvischen Rotwein getunkt wurden.
Die bedeutenden Suffragetten Italiens waren bei ihrer Gründung 1878 noch so klug, die Kapitolinischen Gänse zu ihrem Wahrzeichen zu wählen, und das altehrwürdige Ristorante Oca di Roma an der Milvischen Pforte war bis 1923 ihr Vereinslokal.
Die Freiheit, für sich genommen, ist ohne Verfügung durch Götter saturnisch-chaotisch und reine Kunst, die indessen bezeichnenderweise und lange genug, bis zur Erfindung der Stahlfeder, von Gänsekielen begleitet wurde. - PM

FREISEMESTER

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Wenn sich ein zaghaftes Professorenstimmchen aufs Feld der Politik verirrt, dann ›gibt es zu bedenken‹, es ›könnte sich vorstellen‹, es ›hielte für vernünftig‹. Kaum aber wird es angeschossen, reagiert es wie von der Tarantel gestochen und giftet zurück, es vergiftet sich ganz und gar an seinem Abscheu, der nichts weiter darstellt als eine auf die abschüssige Bahn geratene Scheu, teils vor dem Unbekannten, teils vor der Macht, die von ihm ausstrahlt, teils vor der schwer kontrollierbaren Gewalt, die von ihm ausgeht. Manche, die sich ansonsten ganz im Hintergrund halten, schießen gegen den geringfügig mutigeren Kollegen, sie fürchten, dass er das Gift in ihre Kreise hineinträgt und tragen es schon im Leib. Menschen, die nichts weiter haben als ihren Ruf und das gesicherte Auskommen, das er ihnen bereitet, müssen vorsichtig sein, dass er nicht durch Gebrauch Schaden nimmt, es könnte sein, dass er ihnen auskommt und chancendämpfend auf die Karriere zurückschlägt: die Welt soll ihnen offen stehen, vor allem die Posten, die darin verteilt werden. Alles andere wäre ein wirkliches Desaster.

FREITREPPE

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Sie trieben das Buch über die Freitreppe hinauf und verfolgten es in die hintersten Räume, wo sie es endlich stellten: so entsprang hinter der Bibliotheca Laurentiana der St. Lorenzstrom der Literatur, in dem es von Monstern wimmelt, vor denen sich jede Haifischflosse verzieht. Das Ungeheure, zum Ereignis geworden, diminuiert sich selbst und seine Umgebung, das bewirkt der Schatten, den es wirft und in den es sich stellt, als sei er der große Bruder und verfüge über alle Mittel, den Kampf zu beenden, bevor er begann. Welchen Kampf? Das ist das Geheimnis aller Piraten. Freischärler, Aufständische aller Art haben davon gekostet und Blut geleckt, am Ende hat man sie totgeschlagen. Im Kampf der Deutungen leben sie weiter, Blutsäufer auch als Schattenwesen, mit Brille und Haarnadel, als kämen sie frisch vom Trödel. Nichts liegt ihnen ferner, nur das Herabschreiten beherrschen sie, als ginge es immer noch himmelwärts. Wo sie irgend Grund berühren, ergreift sie die Wallung. Deshalb hält man sie hoch, so gut man kann. Über alle Köpfe hinaus, über die Herzen: sie leben doch, die Guten.

FREIVOGEL

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»Meinen Großvater hat man erschossen, die Waffe über der Schulter, das rauchende Wild in der Hand – auf frischer Tat ertappt, wie es heißt. Gern würde ich mich an sein Gesicht erinnern, doch das ist ausgeschlossen, ich war nicht dabei. Vielleicht hat man ihn gar nicht erschossen? Vielleicht wurde er weggesperrt und die Familie will nichts davon wissen? Sie wäre die erste nicht. Ich gehöre zur Familie, ich bin ein Teil von ihr – warum sollte gerade ich wissen wollen? Nein, ich will es nicht. Erinnern will ich mich – wenn es sein muss, auf eigene Faust. Diese Faust … sie ist das einzige, was ich habe, sie will geschwungen sein, egal, wieviel Kraft in ihr wohnt. Der unbändige Wille zur Erinnerung treibt mich in die Wälder, ich habe mir eine Waffe besorgt, ganz legal. Woher kommt es, dass ich mich vogelfrei fühle? ›Vogelfrei‹ ist vielleicht nicht das richtige Wort, ich will mich keinem Vogel vergleichen, höchstens einem schrägen, manchmal trifft man einen im Walde. Aber meinesgleichen war nie dabei. Ich bin, der ich bin. Wem soll ich es sagen? Bin ich ein trotziges Kind? Wem will ich trotzen? Der Witterung? Das lässt sie kalt.«

FREMDGEDANKEN

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Fremdgedanken sind heimliche Gedanken, also solche, von denen der Organismus unwillkürlich annimmt, dass sie sich einem Fremdgehen verdanken, und die er deshalb zu verheimlichen strebt. »Welcher Organismus«, fragt G., er scheint zerstreut zu wirken. Keine Ahnung, was ihn gerade beschäftigt. »Lieber G., du hörst mir nicht zu, sonst wüsstest du gleich, wovon ich rede. Wäre es anders, so wärest du nicht gerade jetzt mit anderem beschäftigt. So aber weißt du recht gut, dass deine eigensten Gedanken dir am fremdartigsten erscheinen. Was soll das schon heißen: dir? Wenn du das Tier darin nicht erkennen willst, ist dir nicht zu helfen. Warum auch? Wenn Gedanken sich in Tiere verwandeln, wenn sie eine fremde Witterung annehmen, wenn sie beschnuppert werden wollen, wenn ihre Anziehung mächtig ist, obgleich ihre gedankliche Potenz gering erscheint, dann deshalb, weil der Organismus mit ihnen etwas anfangen kann und folglich bereits angefangen hat. Welcher Organismus?« »Lieber A., du hörst mir nicht zu: gerade das war meine Frage. Aber da du sie nicht beantworten kannst, will ich es versuchen. Was du gedankliche Potenz nennst, ist nur das wundersame System aus sich gegenseitig stützenden Annahmen, in denen ein einzelner Gedanke steht wie im Garten Eden. Diese Annahmen sind viel zu komplex, um präsent zu sein, sie werden vertreten von etwas flächiger geratenen Vorstellungen, die man die liebgewonnenen nennt, doch das ist ein Thema für sich. Aber das einfache, starke Gefühl, das damit gemeint ist, wird durch deine Fremdgedanken Lügen gestraft. Sonst noch Fragen?« »Du meinst...?« »Jeder Fremdgedanke ist ein Abschied vom Paradies, er spricht dem Einverständnis Hohn, das zwischen den Beteiligten herrscht. Sei unbeteiligt! Nur so viel, dass der Abschied in dir eine leere Hülle findet.«

FREMDHEIT

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Zu Beginn und am Ende des Rennens überwiegen die Fremdheitsgefühle. Wenn die verzerrten Gesichter zurücktreten, wenn die Schwelle höher liegt als erwartet und die Distanz kurz erscheint, wenn die Leute, an denen man vorbeizieht oder deren wortloses Gekeuche einen eine Zeitlang begleitet, so belanglos und selbstversunken erscheinen, dass es dich graust, wenn das Rennen ebenso entschieden wie nutzlos zu wirken beginnt und die Strecke sich in lauter Nebenwege verzweigt, während die aufgewirbelte Aschewolke einen zweiten, künstlichen Horizont zeichnet, der jeden, der sich umblickt, erschreckt, wenn plötzlich die Toten, ausgeruht, wie es scheint, neben einem auftauchen und sich nicht um das angeschlagene Tempo zu kümmern scheinen, wenn Leute, mit denen man früher das Ziel zu teilen glaubte, aus ganz anderen Vergangenheiten hervorzuströmen beginnen, dann verwandelt sich der Läufer in einen von jenen Schachspielern, die fast menschengroße Figuren auf schwarzen und weißen Flächen herumschleppen, immer in Angst, die Anordnung der Felder aus dem Auge zu verlieren und sich an falschen Rändern in Illusionen über das Spiel zu ergehen. Er verwandelt sich und läuft dabei weiter. Wohin? Wenn er das wüsste, dann wäre ihm vielleicht wohler. Er weiß es aber nicht, deshalb bleibt auch das bloß Vermutung.

FRENETISCHE PRIVATHEIT

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Dischko, mit diesem unfassbar feinen Gehör begabt, regt an, als PolitikerInnen nur zuzulassen, wer sein privates Dasein unmittelbar in Politik zu überführen vermag. »Kosmos, Oikos, Phrenos« sagt er mit einem leicht drohenden Unterton, man kann nicht unterscheiden, ob er damit meint: ›Wie der Herr, so’s Gscherr‹, aber aufgrund seiner nicht geschlechtergerechten Sprache scheidet der Spruch ohnehin aus. Es gibt auch andere, die man zitieren könnte, doch worum es dem Autor geht, ist die Vereinbarkeit. »Geht doch!« ist seine Standardformel, wenn die Durchstechereien von Leuten ruchbar werden, die behaupten, sie könnten ihre eigene Steuererklärung nicht lesen. »Geht doch!«, wenn sich Leute nach einer Nacktstrecke warm anziehen dürfen. »Geht doch!«, wenn die Ministerin eine Pferdezucht und Kinder wie Orgelpfeifen vorweisen kann. »Geht doch!«, wenn der Gesamtschullobbyist seine Kinder aufs Gymnasium schickt, »Geht doch!«, wenn die Haushaltsexpertin nach einem häuslichen Anruf unwillkürlich in die alte Rechtschreibung verfällt, »Geht doch«, wenn die verunsicherte Hinterbänklerin ihre illegale Putzfrau gegen eine Fortbildung tauscht, »Geht doch!«, wenn der Herr Amtsanwärter mediengerecht die Klinken seiner Frauen putzt, um zu zeigen, dass ein Mann nicht nur Nerven, sondern auch Psyche besitzt, »Geht doch!«, wenn dem Eurokommissar die Tabakkrümel vom Anzug rollen und das Geschwader der CO2-Reduzierer seine Urlaubsmaschinen besteigt. Was geht und was nicht geht, geht selten zusammen, allenfalls die Treppe herunter, dann wird es sichtbar. Wie sie hinaufgekommen sind, wer soll das wissen? Man wird PolitikerInnenkarrieren als ordentliche Staatsgeheimnisse zu behandeln sich entschließen müssen, damit die Ausgießung des Privaten in Form von Gesetzen und Verordnungen ungehinderter vonstatten geht, als dies heute bereits der Fall ist. Der Schein der Sichtbarkeit sollte die Ersten unter Ihresgleichen umglänzen, nicht umwabern, wozu gäbe es sonst Reformen.

FRESSE

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Sobald die performance beginnt und die angehübschten Interessenvertreter sich vor den Studio-Kameras das Wort aus dem Munde nehmen wie ein falsches Gebiss, versinken das Leid und das Elend der Welt und die Sorge um die gemeinsame Zukunft zeigt, was manch einer eine Fresse nennt.

FREVEL

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»Der Frevel ist stets eines Steinmetzen Kappe gewesen.« So heißt es in Christian Lodendorffs Schrift Über die Spitznamen des Teufels. Die Kappe war ursprünglich die gebräuchliche Mütze der Steinmetze, der ›Mäzenes‹, bei der Arbeit auf hohen Türmen. Als Windmütze bestand sie aus Leder und aufgenähen Plättchen aus Alabaster, gelegentlich wohl auch aus Schiefer. Im Umkreis des Kölner Doms oder an ähnlichen Plätzen in Straßburg, Ulm oder Speyer fand man sie haufenweise sowohl aus Pergament wie aus Ziegenleder.
Neuerdings fand man sie auch bei Lützen und Magdeburg als billige Sturmhauben ärmerer Landsknechte, wodurch ihr Name wohl erst in Verruf geriet, denn diese wüteten (›frevelten‹) am ärgsten. - PM

FRIEDENSPACHT

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Kleine Schwester der Friedensdividende, die einstreicht, wer friedfertig und reinen Herzens ist. Die kleine Schwester trägt, wie so oft im Leben, Bosheit im Herzen und lächelt süßlich, sie hat den Frieden gepachtet, aber die Pacht läuft aus und keine Verlängerung ist zu erreichen. »Friede!«, säuselt sie unentwegt, »Friede, Friede, Friede!« Sie lässt sogar Plakate drucken, auf denen weiter nichts steht, nur das kleine Logo am unteren Rand weist darauf hin, dass es ihre Plakate sind und die Botschaft ihr gehört, ihr ganz allein. Das ist zwar gelogen, aber sie kann so bitterlich weinen, dass man nicht weiter darauf beharrt und ihr zur Aussöhnung einen Fuffziger schenkt. Das macht sie wieder froh und lässt ihre Äuglein glänzen.

FRIEDHOFSKULTUR

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»Friedhöfe – das Gedächtnis unserer Stadt.« Man muss den Satz zweimal lesen, um seine Ungeheuerlichkeit zu begreifen. Beim dritten Mal fällt einem ein, wieviel schlichtes Wissen um die menschlichen Dinge beerdigt wird, sobald es einer Theorie beifällt, Gedenk- und Gedächtnisorte so miteinander zu vermengen. Dabei sind selbst die Gedächtnisorte ›im engeren Sinn‹ wie Bibliotheken, Archive, Museen nicht ohne Tücke. Allzu oft vernebelt die Rede vom kulturellen Gedächtnis den einfachen Tatbestand, dass Gedächtnis ohne Bewusstsein nichts weiter ist als eine Schimäre. ›Da drinnen‹ findet es statt, nicht in reizvoller Innenstadtlage mit anhängigem Cafébetrieb. Aber was heißt schon Bewusstsein angesichts von Leuten, die einem mit starrem Blick versichern, das sei ihnen durchaus bewusst. Sie haben es nicht besser gelernt; nichts anderes besagt ja die Theorie, die sie instinktiv für richtig halten, weil ihnen der theoretische Sinn abgeht, den sie ›im Betrieb‹ täglich unter Beweis stellen müssen. Dass sich Unsinn tradiert, bedarf keiner weiteren Erläuterung. Man muss nur die Inschriften auf den Friedhöfen lesen, um zu wissen, wie im Erbfall gelogen wird. Insofern sind die Gedächtnisse, immer hübsch im Plural, der Friedhof der Vergangenheit. Kein Gedanke ist Vergangenheit – er ist Gegenwart oder gar nicht, wie die Würmer, die ihre Bahn durch die teuren Toten ziehen und dafür sorgen, dass nichts Nennenswertes von ihnen erhalten bleibt außer ein paar Knochen, an denen jeder Gedanke versagt.

FRUCHTBARKEITSRATE

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Wer zur Fruchtbarkeit rät, der gerät rascher an sie, als ihm lieb ist. »Seid fruchtbar und mehret euch!« Das ist biblisch, aber den Bibelkundigen wächst es zu den Ohren heraus, vielleicht auch zur Nase, man sieht solche Leute nicht an, weil ihr Ansehen ohnedies groß ist. Mehrt sich die Menschheit, so mehren sich die Bedenken. Allerdings mehren sich die Bedenken nur in den zugewiesenen Arealen, also dort, wo die restliche Menschheit Niedergang ortet: Eure Probleme hätten wir gern! Wirklich? Oh nein, um nichts in der Welt. »Erlösung dem Erlöser« singt man bei Wagner, das juckt die Frommen, die sich längst selbst in die Erlöser-Pose geschwungen haben, weil es sie aus ihrer Ratlosigkeit zu holen verspricht. Europa importiert die Fruchtbarkeit, die ihm selbst abgeht, aus Gegenden, in denen sie wild wächst, weil es glaubt, es könne sie zu Arbeiten zähmen, auf die es nicht verzichten will, ohne sie auszuüben – und sei es nur, damit ihm die Renten pünktlich gezahlt werden. »Wer soll unsere Renten bezahlen?« murmeln die letzten Menschen, wissend, dass draußen Interessenten Schlange stehen, die auch an ihnen interessiert sind. So eine Rente ist schließlich das Letzte, was sich ein Mensch im Leben gönnt, außer dem Sterben, das später kommt und daher außer Betracht bleibt. Immer älter zu werden ist eine fixe Idee, die nach und nach alle anderen auffrisst, mit Haut und Haar, mit Knochen und Eingeweiden, sie entspringt der Ratlosigkeit, ohne sie je zu verlassen, sie dehnt und dehnt sie – man sollte denken, sie müsste irgendwann platzen, aber das wäre nicht ihre Art, sie kommt mit jeder Größenordnung zurecht. Am ratlosesten scheinen die jungen Frauen, sie ließen sich gern beraten, aber die Verantwortung wäre zu groß und deshalb findet sich niemand. Also warten sie ab und achten auf ihre Linie. Erst wenn guter Rat teuer ist, springen die Ratgeber aus den Ecken: auf diesen Moment haben sie gewartet, sie glauben an win-win-Situationen, die ihnen die Taschen füllen, während die Klienten viel von ihnen lernen dürfen.

FÜHLIGKEIT

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Glauben Sie mir: die Wetterfühligkeit hat mich gemacht. Diese Möglichkeit, alles, was einen bewegt, nach außen zu tragen, es dem immer beweglichen Elementargeschehen anzuhängen, ist sehr bequem, wenn man weiß, was man will. Zu wissen, was man will, kann ausgesprochen hinderlich sein, weil man leicht dahin gerät, zu stark zu wollen oder zu direkt oder auch nur zu wollen. Da macht sich das Wetter verdient, es sorgt für Doppelungen, Verschleifungen, Spiegelungen, Eintrübungen, Aufruhre, Aufschübe und Verdämmerungen, es rührt den Schmerz hinein und die Lust am Dasein, lauter Dinge, die dem, was einer will, eine Wirklichkeit vor jeder Wirklichkeit anhängen, die dann auch nicht mehr vonnöten ist, wie man sagt, obwohl sich daran die Geister scheiden. Ich für meinen Teil spüre die Nötigung und sie leistet mir gute Dienste. Andere mögen es anders halten. Warum miteinander rechten? Es ist unnötig, sage ich ihnen, und mehrt die Notdurft.

FUNDAMENTAAL

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Dieser Aal lebt in trüben Gewässern, dort, wo sich wenig bewegt. Er selbst erscheint immer bewegt, wenngleich die Geschwindigkeit, mit der er vorwärts gleitet, in den Augen derer, die ihn lieben, zu wünschen übriglässt. Aber wer liebt ihn schon? Leute, denen das Wasser im Munde zusammenläuft, wenn sie daran denken, dass sie ihn schlachten werden, sobald er dick und fett geworden ist. Bis dahin lassen sie ihn schwimmen, sie wissen ja, wo er steht.

FUNDAMENTALISMUS

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Man kann alles zum Ismus machen, warum nicht ein Fundament? Freunde, das geht ganz einfach. Man klingelt die Hausbewohner zur Nachtzeit heraus und warnt sie, in der Stimme den blanken Terror: Das Fundament, das Fundament … ja was denn? Etwas Furchtbares braut sich zusammen. Am besten, man verteilt Handzettel, das erzeugt immer Eindruck und niemand liest schon genau, besonders in dieser prekären Lage. Da stehen sie jetzt im Nachtzeug herum, es ist kalt, ein Eishauch streicht übers Haar, die Frauen legen Kopftücher an und die Männer … ach die! Sie sprechen sich Mut zu, ein Rachenputzer käme nicht ungelegen, derweil überschlagen sie ihre Barschaft und was der Auszug sie kosten würde. Inzwischen rollen die Bagger an, die Hälfte des Hauses liegt bereits in Trümmern, die Nachbarschaft regt sich tierisch auf und die Polizei … wo bleibt die Polizei? Aaaah, da erscheint sie schon, gerade noch rechtzeitig, um den ersten Ausraster wegzufischen. Beim nächsten wird ihr das nicht mehr so leicht gelingen. Steigt der Aggressivitätspegel, so mutiert der Mensch zur Rotte. Wer zum Teufel hat behauptet, dass am Fundament etwas nicht stimmt? »Auf dieses Fundament war und ist Verlass, mehr als auf alles andere, wer es angreift, dessen Hand soll verdorren, dessen Name sei verflucht, sein Eigentum in alle Winde zerstreut. Wo steckt der Hund? Eben war er noch da. Keine Angst: wir werden ihn schnell genug finden, ihn und seine Sippe.« Unter Fundamentalisten: Wie konnte, was für die Ewigkeit gebaut schien, so rasch in Verruf geraten? Was nun? Wenn Fundamente wanken, dann purzelt der Mensch. Umgekehrt gilt: Das muss nicht sein.

FUNDAMENTALKRITIK

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Das ist meine Vision von Fundamentalkritik: die Post versichert, sie wurde zugestellt, aber der Empfänger weiß nichts davon, er hat nichts bemerkt und sie ist, zum Leidwesen ihres Verfassers, nirgendwo aufzufinden – bis, Jahre später, die freundliche Nachbarin ein verstaubtes Päckchen zum Vorschein bringt: Was ist das? Wo kommt es her? Das wurde hier vergessen, aber von wem? Fundamentalkritik ist so fundamental, dass derjenige, der sie ersinnt, nicht anders denken kann, als dass die Fundamente, ihr ausgesetzt, unverzüglich zu wanken beginnen. Sie wanken aber nicht, sie stehen fest wie zuvor. Wenn das ein Angriff war, wo fand er statt? Die Kenner schwanken noch, nicht, weil sie einen über den Durst getrunken haben, sondern weil die Materie so überaus diffizil ist, dass man sich leicht die Finger verbrennt oder ins Abseits gerät – eine bemerkenswerte Alternative, kommt häufiger vor als man denkt. Was dem Denken keinen guten Leumund ausstellt: warum denkt es nicht häufiger? Allerdings ist es mit der Häufigkeit nicht getan, es muss noch etwas hinzukommen, etwas, das die Alten Ich-weiß-nicht-was nannten, und tatsächlich, sie wussten es ebenso wenig wie ein Fundamentalkritiker, mit dem Unterschied, dass er das Ich-weiß-nicht-was nicht kennt. Dabei weiß er so vieles nicht und keiner bringt es ihm bei, denn er ist immer zu schnell und geht nur auf die Fundamente. Das wurmt die Menschen, die meisten lassen auf die Fundamente nichts kommen und ärgern sich bloß, wenn es zum Dach hereinregnet oder wenn der Strom ausfällt. Das ist ein Fehler, gewiss, aber deshalb gleich das ganze Haus abreißen? Wo kommt man da hin?

FUROR

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Die rohen Kräfte des Denkens wollen entfesselt werden, sie kratzen an den Käfigen, in die man sie gesteckt hat, zusammen mit den feineren, die bei dieser Gelegenheit lernen, was das Leben von ihnen fordert, zumindest sollten sie das, der Theorie nach. Was am Ende herauskommt, davon erhält man selten einen Begriff. Warum auch? Begriffe, als Umwege definiert, werden niedergerannt, wie es nur geht und steht, die Vorgärten, einst blühende Musterlandschaften, sind von Maulwurfsgängen unterminiert und zeigen in der Draufsicht zarte Arabesken aus Trampelpfaden, die der Blick aus der Nähe so nicht wiedererkennt. Aber was erkennt ein Blick schon, dem es an Schärfe gebricht? Wenn es hochkommt, nicht viel, und darunter – pah! Das ist schade, es stellt sich die Frage nach dem Gebrechen selbst, dem Streublick, der dem Denken vorangeht, als habe er es hinter sich. Er zwinkert, gleichsam im Blicken, als wolle er sagen: Seht nur, was nachkommt, aber man bemerkt nichts, nur diesen seltsamen Blick, der einem durch und durch geht, so sehr ist er mit allem durch. Dieser Blick ist mit dem rohen Denken ein Bündnis eingegangen, doch er ist nicht mit ihm ›im Bund‹, wie die Leute sagen, das ist, er macht sich nicht gemein. Er macht sich überhaupt nicht gemein; wenn das ein Fehler ist, steht er zu ihm. Nur grob darf man den Fehler nicht nennen, das goutiert der Blick nicht, da wächst die Unnahbarkeit, da karrt einer Eis in die Wüste. Das rohe Denken ist derweil so wüst nicht, wie mancher denkt. Es misstraut nur den Köchen. Hat es darin nicht recht? Leiden nicht alle unter den Köchen? Wer um den heißen Brei schleicht, ist schon verständigt, er trägt das Mal und will kein zweites.

GARGANELLI, ITALO LUCIO

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Die zu blattlosen Ästen und Hecken zusammengefügten, tänzerisch beseelten Umrisse Italo Garganellis entstanden zumeist mit großem Schwung auf den Spiegeln gefrorener Seen, hoch in den Alpen. Hier tanzte der Meister im Winter seinen ›grafiko al di sotto Alpine‹. Bei seinem bisher letzten größeren Auftritt entstanden allerdings zwei Blattdämonen, die den anwesenden Homomaris in Erstaunen und Schrecken versetzten. Er sah in ihnen den Anfang einer Theateraufführung unter abgefallenen deutsch-protestantischen und bekennenden italienisch-katholischen Hexen zum Zweck der Beschädigung aller männlichen Köpfe nach Goethe. Garganelli selber war ratlos und legte seine an den Kufen mit kostbaren Bergkristallen besetzen Schlittschuhe ab, um siebenTage später auf neu angefertigten Schlittschuhen, mit seltenen schwarzen Korallen besetzt, von Homomaris angeschoben, einen Gegenzauber zu tanzen. Über die Auswirkungen dieser Bewegungen, bei welchen sogar die schwarzen Korallen fast gänzlich abgenutzt wurden, ist nichts weiter bekannt geworden.
In Kreisen der Kenner wartet man vorerst ein Urteil Garganellis ab. Günstiges zeigte sich bisher nicht. Das Bild, das vom Gebirge herab mit Ferngläsern betrachtet wurde, ergab eine vielleicht noch schlimmere Hexengestalt, die neben den Spuren, die Garganelli gezogen hatte, unerklärliche Linien bildete, welche jedoch von übenden Dilettanten stammen konnten, die ja alle Künste des Meisters bewundern und immer schon eifrige Nachahmer seiner Linien waren. Aber niemand, der das Besondere des neueren Hexenwesens kennt, er sei nun getäuschter Liebhaber, Ehemann oder Rechtsanwalt, wird mit Vergesslichkeit oder Gnade der Hexen rechnen. Erst ein älterer Malerplan von mehreren Metern Länge, aus einem Dachstuhl in ferner Gegend herab gezogen, ergab endlich durch die Darstellung eines Drachensturms von erbittertem Schwung eine neue Einsicht. Ausgehend von der alten Erkenntnis, dass Drachen die Hexen hassen, beschloss Garganelli, das matt gewordene Bild im nächsten Winter durch Tanz zu erfrischen. Das Ergebnis gilt es dann abzuwarten. - PM

GATTUNGSWESEN

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Dass der Fortschritt so leicht verhöhnt werden kann, liegt auch an der Sprache: man verlacht ihn gern und fürchtet die Progression. Wohin geht die Reise? Fort, wohin sonst, nur fort! Da wissen die Sesshaften, womit sie es zu tun haben, und halten sich heimlich den Bauch vor Lachen. In zweihundert Jahren sieht man sich wieder. Die Progression geht ihren stetigen Gang, sie ist das Salz der Statistik, sie ist das, was man sieht und fühlt, alle Teuerungsraten fließen am Ende zusammen in einer, der Gattungsteuerung. So teuer wird sich die Gattung, dass sie die Unkosten kaum mehr aufbringen kann und hinter sich blickt. Dieses Gattungswesen, das im Einzelnen das Auge aufschlägt und nach Statistiken Ausschau hält, die ihm das Gefühl geben zu sein, progrediert, kein Zweifel, das Dunkel, aus dem es kommt, hat es wie einen Mantel um sich geschlagen, wie man hört, geht es einer ungewissen Zukunft entgegen, was einen im Stillen wundert, wo doch die Gewissheiten auf dem Tisch liegen und darauf warten, dass einer kommt, der sie durchblättert. Das muss wohl ein anderer sein, Gattung II oder wie man ihn nennen mag. Vielleicht ist Gattung das falsche Wort und es geht nichts. Auch diese Auffassung hat ihre Liebhaber. Zu Beginn des dritten Jahrtausends, inmitten einer, wie Herr Sloterdjik meint, zweiten Achsenzeit, an der Schwelle zu einer neuen Menschheit tut es gut, sich daran zu erinnern, dass schon die alte wenig mehr darstellt als eine Schwierigkeit – des Denkens, des Empfindens, des Glaubens, des Weiterkommens, im Grunde des Alphabets.

GAUMENABSCHNEIDER

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Das Wort abschneiden kann jeder, aber den Gaumen –! Dazu muss man wissen, wozu der Mensch seinen Gaumen benötigt, wirklich benötigt, allzu viel passiert dieses Organ, darunter Dinge, die niemals passieren dürften, unaussprechliche, und damit sind wir beim Thema. Unter Gaumenabschneidern gilt die Regel, dass, wer nie um ein Wort verlegen ist, als Sicherheitsrisiko gehandelt wird und eine Behandlung verdient. Ganz recht: Man muss sich ihre Behandlung verdienen, sie kommen ungerufen, aber nicht ohne Vorlauf. Der Mensch denkt, der Gaumenabschneider … lauert darauf, dass er es ausspricht. Dann lauert er weiter, bis seine Stunde naht. Eigentlich liegt ihm nichts an dem, was der andere denkt. Er steht auf Wörter, allein auf Wörter. Wörter sind für ihn, wie für den Beichtvater, Laien-Bekenntnisse: Was nicht im Beichtspiegel steht, ist ohne Belang. Die Wortlisten der Gaumenabschneider sind lang, sie quellen aus den Hexenküchen von Analphabeten, die vorurteilslos ihren Dienst am Wort verrichten, auf dass ihrer aller Sprache sich rein erhalte. Ja, es ist ihre Sprache, sie haben sie irgendwann gekapert und entführt. Auch Gaumenabschneider bekommen sie nicht zu Gesicht, sie wissen gar nicht, wovon sie reden, und schneiden, wie und wo es ihnen gefällt.

GEBÄRRATTE

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Als die Gebärratte hörte, dass sie ihr Soll nicht erfülle und daher versetzt werden sollte, rastete sie aus. »Was soll das heißen? Bin jetzt ich an allem schuld? Gestern die Klimaratte, heute ich. Das ist das Leben. Was für ein Leben? Danach fragt keiner. Ein Rattenleben vielleicht? Dass ich nicht lache. Nebenbei, was habt ihr nicht alles in die Klimaratte hineingesteckt. Bei mir hingegen – Fehlanzeige. Ihr wolltet nicht einmal sehen, dass es mich gibt. Nicht wahrhaben wolltet ihr mich, nicht wahr? Ihr Fehlhaber! Dabei bin ich nur die Relation. Eine klitzekleine Relation. Meinetwegen könnt ihr Nachwuchs bekommen, soviel ihr wollt. Ich bin die Relation. Ihr könnt auch sagen, ich bin eure Zukunft. Bestreitet es ruhig, das bin ich gewöhnt. Ich husche über die Bühne und ihr seid entsetzt. Wo kommt das Vieh her? Jagt das Vieh! So redet ihr, reichlich ungeniert, wie mir scheint, denn ich bin eine Zahl wie ihr selbst. Gleich geboren! Mit Rechten! Mit gleichen Rechten! Mit einem Unterschied: mich könnt ihr recherchieren. Was davon gehört? Ach ihr winkt ab. Das kenne ich, das kenne ich gut. Mich recherchiert man nicht, mich hat man im Blut. Oder im Urin. Oder im Speichel. Ihr Armen im Geiste! Armselige Windmacher, denen bei Wind die Puste ausgeht.«

GEBURTSTAG

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Aber wenn es das Leben gilt, wo bleibt dann das Leben? Hält es sich hinter den Leidgebirgen versteckt und lugt nur ein wenig hervor, um im geeigneten Augenblick davon zu rennen? Die Menschen lieben doch das Leben, sie besitzen eins, das sie um jeden Preis bewahren wollen, sie stehen Schlange an jeder Kasse, die sich vor ihnen auftut, und zahlen astronomische Summen – wofür? Zweifellos dafür, leben zu dürfen. Sind sie denn Geiseln, die sich selbst auslösen müssen? Oder sind sie unter die Wegelagerer gefallen und entledigen sich nun, um irgend davonzukommen, nach und nach ihrer Barschaft und ihrer Wertgegenstände? Mitnichten. Sie arbeiten ja, es strömt ihnen zu, beidseitig, Sex und Geld, das ist wichtig zu wissen, um nicht zu falschen Schlussfolgerungen zu gelangen. Nein, auslösen wollen sie sich nicht, eher hineinbohren in etwas, was außer ihnen niemand sieht. Es sind Maulwürfe, denen der Erdgeruch teuer ist, und sie bewegen sich, wie der Instinkt es befiehlt. Aber bewegen sie sich? Das ist die Frage. »Eher weniger«, sagt G. und schneuzt sich. »Das ist es ja. Die Witterung trägt ihnen etwas zu. Was sie ihnen zuträgt, weiß keiner. Was immer der Instinkt ihnen befiehlt, er kann es nicht richten.« Soll er das? Was ist das für ein Instinkt, der es nicht richtet? Richtet er sich nicht selbst? Richtet er sich nicht ununterbrochen? Sind sie nicht genau das: ein tägliches Standgericht über sich selbst? Wenn sie aufstehen, worüber erheben sie sich? Sie können nicht liegen bleiben, soviel ist sicher. Die in den Betten bleiben und künstlich, wie es heißt, versorgt werden müssen, sie sind im Leben angekommen. Sie haben es hinter sich, sagen die Leute erleichtert, wenn die Geräte abgeschaltet sind und die Betten in die Empfangslage zurückrollen. Woher die Erleichterung? Woher der Neid auf die Toten, wenn alles lebt? Ist das Leben des Bewusstseins Leben?

GEDÄCHTNIS

G
Tut dies zu meinem Gedächtnis – einer muss kommen, der die Stunde ansagt, vielleicht ein zweiter, ein dritter. Mehr dürfen es nicht werden, dann ist Schluss. Es dürfen die Jünger kommen, die Streiter, die Mitstreiter, die Gläubigen, die Ungläubigen und die Spätgeborenen, die die sich nicht mehr entscheiden können, weil jede Entscheidung so... so kontaminiert ist, weil jede Menge schlechtes Volk durchgelaufen ist und man nicht mehr das Gefühl haben kann, sich starken und reinen Menschen anzuschließen. Das Gedächtnis bewahrt die Stunde, es bewahrt die Texte und Taten, es bewahrt auch die Untaten, es bewahrt sie für die, die nicht anders können als zu tun, was ihnen gesagt, und zu bewundern, wie es gesagt wurde. Den anderen, den Gedächtnislosen, genügen zwei, drei Fetzen Vergangenheit, um sich davonzumachen und einer neuen Weltstunde entgegenzuleben. Wenn sie sich einen Helden erwählen, verkrallen sie sich in seine Leiche, als müssten sie sie zu neuem Leben erwecken, während sie doch nur versuchen, den letzten Tropfen Blut aus ihm zu lecken. Nicht seinetwegen, bewahre, soweit will ihr Fetischismus nicht gehen. »Hat gesagt«, sagen sie, »hat schon gesagt!« Sie sagen es im Brustton der Überzeugung, als wollten sie zu verstehen geben, sie selbst hätten alles schon vor fünfzig Jahren gesagt, am besten vor ihrer Geburt. Haben sie nicht recht? Haben nicht alle recht? Im Land der Rechthaber setzt das Gedächtnis sich leicht ins Unrecht. Es wird schweifend und ungenau, weil es den Punkt nicht findet, an dem es einstimmen kann. Alle sind weiter, da will es nicht zurückbleiben und setzt sich lieber ein schiefes Denkmal. »Sieh doch«, sagen die Leute. »Haben wir’s nicht gesagt?«

GEDANKENREIBUNG

G
Es gibt Theoriebezirke, denen man sich nicht nähern kann, ohne die Klingen zu kreuzen, d.h. sie erregen lebhaften Widerspruch an Stellen, von denen man vorher nicht wusste, dass man dort zu Überzeugungen neigt. Es sind auch nicht Überzeugungen, die sich zu Wort melden, sondern Argumente. Aber schaut man genauer hin, so zählt nicht das Argument, sondern die produktive Verfassung, in die man sich unversehens versetzt fühlt. Nein, man sieht sich nicht zum Mit-Denken aufgefordert, sondern zum Gegen-Denken, gelegentlich, wenn die Aufgabe größer erscheint, zum Dagegen-Andenken, einem Bergsteiger vergleichbar, der beim Anblick eines Massivs bereits damit beschäftigt ist, es irgendwann zu bezwingen, ohne dass ein expliziter Vorsatz vonnöten wäre, doch es sind auch kleinere, im Vorbeigehen erzielte Gewinne denkbar. Das Seltsame daran ist, dass die Verfassung nicht vorhanden sein muss, um die Theorie – durch Widerspruch! – sprechend zu machen, sondern durch die Berührung mit Theorie erzeugt wird. Aber vielleicht lässt nicht die Theorie selbst, sondern eine bestimmte Weise der Darstellung den Modus der Hervorbringung und des Hervorbringens sichtbarer werden, als dies im Allgemeinen geschieht. Produktiven Menschen ist es häufig ein Bedürfnis, neben dem Produkt auch, gleichsam im Beipackzettel, die produktive Verfassung zu dokumentieren, die es hervorgebracht hat. Subtiler wirkt es da, wenn das Produkt selbst so beschaffen ist, als setze es sich erst im Gehirn des Rezipienten zusammen – was einerseits immer richtig ist, andererseits eine nicht unerhebliche Unterstützung durch den Duktus des Vortrags erfährt. Wenn es unterschiedliche Weisen der Produktivität gibt, dann gibt es außer Nähe und Distanz auch so etwas wie natürliche Opposition, bei der der andere es einem schlechterdings nicht nur nicht recht machen kann, sondern es auch nicht darf, auf dass der Gedankenreibung kein Ende sei.

GEDENKMINUTE

G
Die öffentliche Gedenkminute leidet ein wenig darunter, dass sie bereits vom Gedanken an sie konsumiert wird, jedenfalls beinahe, die eine oder andere Restsekunde wird schon noch abfallen. Aber wer weiß, vielleicht reicht der Gedanke ans Gedenken über die Zeit des Gedenkens weit hinaus. Das muss kein Unfall sein, keineswegs. Da niemand weiß, was während der Schweigeminute geschieht, wenn der Vorsatz, sich zu konzentrieren, alle Konzentration beansprucht, um sie (sich) zu verfehlen, bleibt es beim Schweigen und darauf kommt es schlussendlich an. Man ist beruhigt, es getan zu haben und beunruhigt darüber, nichts getan zu haben, stärker vielleicht als darüber, das innere Schweigen durch einen Gedanken verunreinigt zu haben, der nun wirklich nicht dahin gehört, weil er nur der Chauffeur ist, der vor der Tür warten sollte. Alle Gedanken, die das rituelle Gedenken betreffen, sind nur Chauffeursgedanken. So ist das rituelle Gedenken am Ende auch nur eine Chauffeurstätigkeit, bei der jeder sein eigener Fahrgast sein darf. Streichen wir also das dreifache ›nur‹ und ersetzen wir es durch das Wörtchen ›wirklich‹ und alles ist wirklich so, wie es ist.

GEDICHTE

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Seid eingedenk der Zeiten, in denen man die Idee, Gedichte in Büchern abzudrucken, als Notbehelf ansehen wird. Das geringe Ansehen, das sie heute genießen, hat damit zu tun, dass sie gedruckt werden. Sie sind kaum bedrucktes Papier. Bei der allgemeinen Papierverschwendung richtet sich der Ärger gegen das schwächste Glied.

GEDULD

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Wann, bitte, ist jetzt? Soeben vergangen. Da war doch...? Um das zu sehen, braucht keiner den Philosophen. Und wann, bitte, ist ein Ende? Soeben vergangen? Ein vergangenes Ende, das ist so wie ... ein gegebenes Versprechen, es wurde einem gegeben und jetzt hängt es im Schrank, man kann es schließlich nicht jeden Tag herausholen und betrachten. Jeder besitzt so einen Schrank, in dem er die Enden aufbewahrt. Eines fehlt, die Sammlung wäre komplett in dem Moment, in dem man es hätte. So sammelt man weiter, als mache die Sammlung das eine, das noch aussteht, wahrscheinlicher. Vielleicht soll auch die Fülle gesammelter Enden das Fehlen des einen vergessen machen. In dem Fall handelte es sich um Plunder. Wie soll ich etwas vergessen, an das mich alles erinnert? Das ist unmöglich, jedenfalls nicht wahrscheinlich. Damit stünde man wieder am Anfang. »Wahrscheinlich schon«, sagt einer, den man fragt, ob er weiß, dass das Ende kommt, »wahrscheinlich schon«, und er lässt unentschieden, ob sich die Rede aufs Wissen oder aufs Kommen bezieht. Darin ist er wenigstens ehrlich, denn angenommen, er sagte »Mit Sicherheit!«, dann wüsste man, dass sich seine Rede aufs Wissen und Kommen bezieht und hielte ihn für einen Falschmünzer. Wie kann er so etwas wissen? Der Fragende, nun, er weiß, er geht davon aus, denn er wittert eine Trophäe für seine Sammlung. Aber der Gefragte...? Warum sollte er sich im voraus enterben? Das ausstehende Ende ist ihm kostbar, er kann warten, die Zeit rinnt ihm durch die Finger, doch er kann warten, seine Geduld ist unendlich.

GEFOLGSCHAFT

G
Sie stürmen voran mit wehendem Haar, sie sind, das »Nie wieder« noch auf den Lippen, in Kriege verwickelt, für die ihnen neben der Ausrüstung selbst die Wörter fehlen, aber das macht nichts, sie werden folgen, wie sie immer gefolgt sind, schließlich bilden sie die wahre Gefolgschaft. Um die Gefolgschaft der Wörter muss einem nicht bang sein, sie gilt unbedingt und sie enthält alle Kautelen. Was das bedeutet? Ach nichts. Wörter gibt es wie Sand am Meer, manch einer lässt sie vor sich ausstreuen und wirft sie mit beiden Händen in die Menge. Im Karneval schmecken die Wörter süß, danach entsorgt man sie mit dem Kehrbesen, auch das ist leichter gesagt als getan. Einer findet sich immer, der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und da sind sie: die Wörter. Ein loses Maul bedeutet den Durchbruch; wer in der Sprache lebt, der opfert gern einen kleinen Finger. »In welcher Welt lebst du eigentlich?« fragt Garganelli oft. Er fragt es gern, denn es interessiert ihn aufrichtig und die Antworten lassen ihn aufhorchen. Keiner sagt: »In der oben links« oder »Raum einundvierzig«; alle werden beredt. Wahre Gefolgschaft zeigt sich im Schweigen, derweil behauptet die falsche das Feld. Böse Mäuler behaupten, es gäbe nur falsche – sie haben sie gegen sich. Die Sprache ist eine Lästergrube, wer in sie hineinfällt, beschmiert sich mit dem Kot verwunschener Zeiten und wünscht sich mit der Zeit einen sauberen Abgang.

GEFÜHLSENTRICHTER

G
Der angebliche Selbsthass der Deutschen: eine Form des Hochmuts, der Überhebung, wie andere vor ihm. Man lebt ›im Land der Verbrecher‹, man überlässt ihnen gern die Verbrechen, nur die Ungeheuerlichkeit konsumiert man selbst: in ihr erkennt sich das mit der Pest geschlagene Volk. Das aber heißt, es treibt mit sich Unzucht: in Gedanken, Worten undsoweiter. Ungeheuer ist viel, geteilt durch wenige, also noch immer viel, das Bewusstsein der Monstrosität wiegt schwer, aber es wiegt die Befriedigung nicht auf, es mit sich herumzutragen. Worin besteht dieses Bewusstsein? Es verdankt sich, wie bekannt, einem Akt der Bewusstmachung, genau betrachtet, einer Folge solcher Akte, d.h. dem Gefühl der Beengung, das durch sie ausgelöst wird. Diese Beengtheit ähnelt der Beklommenheit, mit der einer den Henker erwartet, aber sie gleicht ihr nicht, denn sie erwartet nichts. Sie wollen, dass es vorbeigeht. Aber das soll niemand wissen. Es weiß aber jeder, denn es ist nichts Besonderes. Daher die unaufhörlichen Beteuerungen, sie seien jetzt Menschen vom anderen Stern, Monster an Friedfertigkeit, die gerade erst lernen müssten, Seit’ an Seit’ mit den Freunden die Werte der freien Welt zu verfechten. Sie sind einer Wertegemeinschaft beigetreten und bestehen auf ihrem Beitrag, um das Gefühl, das sie loswerden wollen, in passender Form zu konservieren. Sie entrichten dieses Gefühl, um dabei zu sein, sie fragen überall nach der Kasse, um es in ihr zu versenken.

GEGENKRANKHEIT

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Zu jeder Krankheit gehört eine Gegenkrankheit, das ist doch klar. Nur über die Hintergründe streiten sich die Experten. Der Streit der Experten ist schön, besonders der über Krankheiten. Das liegt zum Teil an der Heftigkeit, mit der gestritten wird, zum Teil an den Mitteln, die dabei eingesetzt werden. Der Körper ist kein allgemeines Gut. Jeder hockt auf dem seinen und lauscht misstrauisch in ihn hinein: Steh auf, altes Kamel, und wandle! Wem der Appell erst fruchtlos verhallt, dem schlägt die Stunde der Wahrheit. Für die Rabiaten, die gleich in die Apotheke laufen oder ihren Arzt konsultieren, besitzt sie den Klang einer geborstenen Glocke. Jemand glaubt einen feinen hohen Ton zu vernehmen und er folgt ihm bedingungslos. Wohin? Nun, in die Gegenkrankheit. Sie ist die Krankheit all derer, die alles richtig machen wollen. Sie schlagen sich auf die Seite der Krankheit und horchen angestrengt in den Nebel, der ihr Körper ist: dort hinten, das mahlende Geräusch, kommt es näher? Nein, es entfernt sich... auch das ein nährendes Element der Unruhe, die ihr ganzes Wesen erfasst hat. Die Unruhe! Kennen Sie sie? In Worte übersetzt, könnte sie lauten: ›Du hast ja so recht, Krankheit! Es tut mir leid, dass ich dich herbitten musste, um zu begreifen, wie es um mich steht. Ich danke dir sehr und möchte dich gar nicht weiter bemühen. Jetzt, da ich endlich Bescheid weiß, komme ich sicher ganz gut alleine zurecht. Ja, ich bin in Sorge um meinen Körper, aber auch ein bisschen um dich, das wolltest du doch erreichen oder? Ich spüre, wie du abnimmst, das bereitet mir Angst, ich fürchte, du hast dich an mir überanstrengt, es bekommt dir nicht gut. Du solltest pausieren, verstehst du? Wir alle brauchen einen Moment der Nachdenklichkeit, in dem wir loslassen lernen, du vor allem, schließlich bist du nicht bei bester Gesundheit und wirst sie, schätze ich, in diesem Leben auch nicht mehr kennenlernen. Folge mir! Sei mein für die Dauer meines Daseins! Ich möchte dich füttern und meinen Freundinnen zeigen. Sie werden deine Kunststückchen zu schätzen wissen, dessen bin ich mir sicher. Wie, das genügt nicht? Was denn noch? Was denn noch!‹

GEGENSTOSS

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Etwas verdanken und an etwas erkranken kommt aus einer Wurzel, man muss für jedes Übel dankbar sein, das einen heimsucht, denn es bleibt, wie immer man es betrachtet, eine Gabe. Es ergibt sich, sagen die Leute und sie verschweigen dabei das Meiste, sie verschweigen die Heimsuchung, sie verschweigen, wie alles sich fügt, im nachhinein, wie sie meinen, aber darin besteht ja die Überraschung: wie alles hineinpasst in das, was gerade noch mit sich selbst ausgefüllt schien und den Anschein erweckte, als stoße es, so wie es ist, in die Zukunft vor, um sie zu erobern. Stattdessen stößt, was gerade noch im Futur lag, zurück. Zukunft ist Heimsuchung, sie sucht dich dort auf, wo du zuhause bist, und während du darüber nachsinnst, ob dies dein Zuhause noch ist, haust du dich in ihm ein. Jede Zukunft kommt als Erkrankung, die in sich den Keim zur Genesung trägt. Man kann ihn zerstampfen, aber das sagt nichts über die Zukunft aus, nur über die Kräfte, die sie gestalten.

GEGENÜBER

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Wer das Gegenüber nicht kennt, lebt wie ein Hausbesitzer, der niemals durchs Fenster geschaut hat, denn jede Stube medizinisch durchforscht, beschriftet und instand gesetzt zu haben, bedeutet ja nicht, von der großen Ferne jenseits des Hauses auch nur das Geringste zu wissen. Lunge, Herz, Leber, Galle und Milz sind innere Gegenstände, mag selbst die Psyche als durchforschbares Kellergewölbe für solche Sachen hinzukommen.
Nur im wahren Gegenüber zeigt sich die Bühne der Dekoration für die Kunstarbeit eines Hausbesitzers jenseits des ererbten inneren Mobiliars. Man könnte sagen, ein teurer Spaß, denn alleine die durchaus existierenden Beispiele unbeschreiblicher Vorbilder müssen mit einem immerwährenden Aufwand an Zeit, mit einem empfindsamen Herumlungern vor Heiligtümern in Museen, an Pilgerstätten und selbst vor Büchern und Bildern bezahlt werden, und wenn es nur Andachtsbildchen und Weihwasser wären. Denn was sind gewisse Abteilungen selbst der größten Bibliotheken der Welt wohl anderes als Schaubuden mit Reiseberichten aus dem Jenseits? So kostet die Arbeit am farbigen Nebel immerhin leicht das ganze übrige ordinäre Leben.
Für das andere, das gebildete oder eingebildete Leben – denn angeboren ist in der zweiten Natur ja nichts – geht die Zeit mit unendlichen Aussichten nur so im Fluge dahin. Offen gestanden, welche andere Literatur als Legenden, Wunder und Heiligkeiten aller Art könnte den Geist eines Künstlers wohl höher beflügeln, etwa die Mathematik? Der ordinären Seite der Existenz ist das natürlich nicht förderlich, denn die alten Hüllen der vornehmen Armut haben sich vollständig aufgelöst, alles ist öffentlich geworden. Es gehört inzwischen eine höchst private Art von religiöser Technik dazu, den allerdings unberechenbaren, aber zahlreichen, von den verschiedenen Mächten des Gegenübers durchaus noch immer gestifteten Brücken und Hilfsmittel blind zu vertrauen. Ja blind zu nutzen, denn zu den echten Gebeten und Ritualen gehört der Mut, gegen die Schatten der alles beherrschende Wirklichkeit standhaft zu bleiben und das Unbekannte sich selbst zu erfinden und so auch zu nutzen. »Obwohl es existiert, muss es dennoch erfunden werden«, sagt der große Pompe funebre.
Allerdings gehören zum großen Gewinn eines solchen Aufbruchs nach und nach eine magische Menschenkenntnis, ein bezwingender Obskurantismus zur Täuschung der allgemeinen Gewissheiten und eine ganz natürlich erscheinende Rhetorik, ja am Ende sogar eine schwer zu deutende, aber erleuchtende Angst. Sie ist wahrscheinlich die Eigenschaft des noch völlig neuen, heute noch nicht verstandenen wahren Massenmenschen. Dies ist ein neuer Begriff für das, was man früher Genie genannt hat. Der Menschenwissende ist nicht mehr der schwebende Besitzer des elfenbeinernen Turms, sondern ein Erdbewohner, der die Welt als Atmosphäre der Alchimie betrachten kann. Feuer zu Feuer, Wasser zu Wasser, Menschen zur Luft, Freiheit über dem Horizont, da wo noch Berge und Waldspitzen letzte feine Zeichnungen bilden. Damit wird experimentiert.
Dies scheint am Ende sogar der Wunsch jenes fernen Theaters zu sein, damit wir zur Entschuldigung der kolossalen Schöpfungsirrtümer des Direktoriums wenigstens mitten zwischen uns selber die Tiernatur überwinden. Dazu blickt die gesamte Natur schon lange auf uns. Es ist sogar ziemlich sicher, dass die Intuitionen und Phantasien, ja manchmal selbst Geld, nicht ganz ohne Hintergedanken verteilt werden, indem die seltsamen Demiurgen vermutlich einen unbekannten Obergott fürchten. So streuen sie auch die Spuren des Schönen, um einzelne Seelen zu fangen, ganz wie in Platens Gedicht, als kostbare Ahnungen aus und bannen ein solches Gemüt für immer.
Natürlich erschüttert ein stilles Begreifen die schlichten Gemüter der Eltern, Freunde und anderer Weltmenschen, wenn sie vom Wesen solcher unvertilgbaren Schattenspiele etwas erfahren, und so streift auch sie ein belehrender Hauch wider die allgemeine Vernunft wie eine Aussaat des Unbegreiflichen und stiftet die stille Wut in den Schulen des Lebens. Das zählt zu der schlimmen Notwendigkeit zur Sichtbarmachung des Gegenübers, weil der Obergott oder das Direktorium die sogenannte Schule des Lebens als Quelle des Schreckens benutzt, den ahnenden Menschen rechtzeitig ins Gegenüber und selbst ins Jenseits zu hetzen. Welche Mittel hätten der Obergott oder das Direktorium denn sonst in dieser verpfuschten Mechanik der Schöpfung? Was würden denn wir wohl tun, wenn wir der Obergott wären....? Wer hier überhaupt noch das Wirken einer menschlichen Vernunft vermutet, kann sich zum Tierreich der pragmatischen Aufklärung zählen. - PM

GEGENWARTSNÖRGLER

G
»Lieber Freund! Hangle dich durch den Bücherwald zur Moderne und du hältst sie irgendwann für ein Hirngespinst notorischer Gegenwartsnörgler. Das Element der Kritik überwiegt und sie stimmt, schon in den Hauptpunkten, selten mit sich überein. Was feststeht an der Moderne, ist ihre Unumgänglichkeit, die sich doch wenig von der unterscheidet, die morgens das Aufstehen regelt und später den Gang an den Schreibtisch. Das tägliche Pensum will erfüllt sein und jeden Tag wird ein Stück Gegenwart zu Grabe getragen, nachdem es ›seine Zeit gehabt‹ hat: der letzte Ausdruck verrät viel, er verrät seine Zeit mittels Posen, denn die meisten Posen beziehen sich offenkundig aufs Haben, Gehabt-haben, Haben-werden, Haben-wollen und dergleichen, deshalb heißt es ja auch ›Gehabe‹. Einen Ausdruck wie ›Gehab dich wohl‹ unter solchen Gesichtspunkten zu untersuchen, besäße einen eigenen Reiz, er hilft dabei, das ältere ›Gott bewahre‹ zu vermeiden und darf daher als genuiner Ausdruck einer Moderne gelten, deren unerhörte Kunst letztlich darin aufgeht, das Unvermeidliche zu vermeiden. Moderne ist Kunstfertigkeit, wusstest du das nicht? – … Kunstfertigkeit, die mit allem fertig wird, indem sie den unvermeidlichen Rest in die Zukunft verschiebt, dorthin, wo alles sich löst, nur eben im Futur. Wir werden bald soweit sein. Menschen, die diese Steigerungstechnik beherrschen, gehen völlig entlastet zu Werk, sie haben aufgegeben, was sie bedrückt, und es reist ihnen voraus; sollten sie jemals ankommen, woran nicht zu zweifeln ist, dann wären sie spielend imstande, damit umzugehen, und alles, was sie jetzt zu überwältigen droht, erwiese sich als überaus leicht zu handhaben. Gerade deshalb gibt es so wenig moderne Menschen: die meisten sehen, es ist Gehabe, und gehaben sich wohl.«

GEHÄUS

G
Der Philosoph liest seine Zeitung und verschwindet danach im Gehäus: dort gelten nur Texte von seinesgleichen. Ein Philosoph will Kollege sein oder gar nicht. Das kann er haben, denkt sich das Gros der Zeitgenossen: Damit habe ich nichts am Hut. Da sie keine Hüte tragen, macht es ohnehin keinen Unterschied und seriöse Philosophie weiß das. Sie weiß eine Menge, aber sie kann es nicht teilen. In der Menge wird alles geteilt, bis zum Erbrechen, wenn’s sein muss, und darüber hinaus. Endemisch zum Beispiel ist der mangelnde Respekt vor dem Eigentum, der durch Gesetz und Polizei hergestellt werden muss, also durch den Respekt vor Gesetz und Polizei ersetzt wird. Die Menge, das ist das Reich der Ansteckung: Einer fängt sich etwas und schwupp! haben es die anderen auch. Dieses ›schwupp!‹ – wer hätte es nicht lange bestaunt und sich Theorien zurechtgelegt, wie es zustande kommt? Doch all diese Theorien, offen gesagt, sind nichts wert. Warum? Das einzige Gesetz, unter dem die Menge steht, ist das der Sichtbarkeit: ohne Ansteckung bliebe sie sich ewig verborgen, es gäbe sie gar nicht. Durch Ansteckung tritt sie zutage, durch Ansteckung konstituiert sie sich und ballt sich zur Masse, durch Ansteckung wissen alle, wie man’s macht, durch Ansteckung wälzt sie sich über Kontinente und Zeitalter, durch Ansteckung kommt sie in die Statistik und bringt ihre Statisten an die Macht. Der angesteckte Mensch, der Mensch der Menge, wälzt sich auf seinem Krankenlager und beschließt, sich künftig in Acht zu nehmen: kranke Gedanken, denen keinerlei Wirklichkeit zuwächst. Schon winkt der nächste Hype, die nächste Mission, die nächste Hausse, die nächste Wahl, der nächste ›Maidan‹ und schwupp! –

GEHEIMNIS

G
Die meisten Leute stellen sich das Geheimnis als Wolke vor. Ich hingegen (»Ach wie gut, dass niemand weiß...«) denke es mir als einen langsamen Fußgänger, schildkrötenartig, mit einem kraftvoll gezeichneten Panzer, damit jeder gleich weiß: darunter verbirgt sich etwas. Mancher kann sich schon denken, was sich darunter verbirgt. Natürlich wünscht jeder den Panzer zu knacken, auch wenn er weiß, dass er das Geheimnis dadurch zerstört. Dann wieder denke ich mir, vielleicht ist diese Vorstellung ganz falsch und das Geheimnis ist der Zenotische Pfeil, der, abgeschossen, sein Ziel erst in ewigen Zeiten erreicht. In diesem Fall wäre es der Träger einer Botschaft (Tod!) und der fortwährende Aufschub, der den Empfänger im Ungewissen lässt. Welch ein Empfänger! Nichts zu wissen und früh zu sterben, dazu braucht es Geistesgaben, die die Natur dem verweigert, der sich ihrer bedient. Doch was heißt schon Natur. Die dritte Vorstellung ist etwas fadenscheinig und befindet sich nicht ganz auf der Höhe der Frage: danach wäre das Geheimnis ein unbedrucktes Buch, also das Buch, das alle Bücher enthält. Nicht schon wieder, gähnt die Belesenheit. Ja, ich weiß, die Einbildungskraft ergänzt und ergänzt, sie kommt an kein Ende mit ihren Ergänzungen, sie hält dieses Buch für das kostbarste und seine Weisheit für unermesslich. Noch etwas? Aber sicher: das unbedruckte Buch, immerhin, es wurde gebunden, es ist ein Buch. Hingegen hat das Geheimnis beschlossen, die Buchförmigkeit zu meiden, es speist jetzt außerhalb. Da sinkt sie hin, die Welt der Bücher: man kann einen Sack um sie schlagen und ein Gewicht daran hängen, das Gewicht der Welt, es kommt nicht in sie hinein, aber es zieht sie in die Tiefe.

GEIST

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Die Bewegung des Geistes im Raum berührt die Gedanken, hierin besteht seine einzig spürbare Wirkung. Einem unsichtbaren Vogel vergleichbar, vielleicht der Taube des heiligen Geistes, streift der Geist den Gedanken mit leichten Schwingen. Er macht ihn seelisch, tierisch oder pflanzlich. Schon der Raum der Gedanken ist unter diesen Bedingungen unterschiedlich. Denn die Seele des Menschen gleicht einem grauen Salon, dessen Vorhänge, je nach ästhetischer Auffassungskraft, Kopfschmerzen erwecken können. Kopfschmerzen sind ein Zeichen der geistigen Anwesenheit in Nähe des Seelensalons.
Im Tier lebt der Geist in Adern begrenzt, immer gleichsam in Blut gebadet, zieht er als Fisch hinauf und hinunter, den Zeigern einer Uhr aus Muskeln vergleichbar. Die Bedeutung des Blattschusses unter den Jägern bezieht sich auf diesen Fisch, dessen Wohnung immer wieder die gesuchte Stelle des Herzens ist.
In den Pflanzen lebt ein feiner Hauch des Novalis, er ist von der menschlichen Seele zwar nicht wirklich erfassbar, aber doch ein sympathetischer Hauch zu ihrem höchsten Vergnügen. Die Wurzel der Romantik nährt sich von diesem Geist der stofflichen Unberührbarkeit und er macht die Süße ihrer erdachter Blumen aus, deren es zahllose gibt. In diesem Zusammenhang ist wohl kaum ein schönerer Satz zu finden als der: »Seht die Lilien auf dem Felde, sie spinnen nicht und sie weben nicht, doch Salomo, in all seiner Pracht, war nicht gekleidet wie eine von ihnen.« - PM

GEIST (2)

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»Na bitte«, spricht Garganelli und streckt die Fühler aus, »Geist ist unberührbar. Solange die Menschen gegen wilde Tiere kämpfen, den Hirsebrei stampfen, von Hunger, Krankheit, Seuchen, meinetwegen Nachbarstämmen heimgesucht werden, solange sie, nach dem gängigen Register, ihrer natürlichen Umwelt ausgeliefert sind, legen sie großen Wert auf Unterschiede und nennen das, was sie trennt und verbindet, ›Geist‹. Wer mit Geistern kämpft – oder sich ihrer Freundschaft rühmt –, ist von anderem Kaliber als einer, der mit den Wölfen heult. Er ist selber Geist, er ist ›geistigen Wesens‹. Er hat den Unterschied benannt, der er ist, den er darstellt, den er vertritt. In einer Umwelt, die vom Geist bestimmt wird, der nun nicht mehr so heißt, sondern Organisation, Technik, Wissenschaft, kehren sich die Verhältnisse um und Menschen, die der dauernden Lockung erliegen zu glauben, sie seien Organisatoren, Techniker, Wissenschaftler, müssen sich mühsam daran erinnern – oder werden schmerzhaft erinnert –, dass sie Naturwesen sind und dass ihnen die Wölfe, die Graugänse oder die Ratten am Ende mehr über sich verraten als das zur zweiten Natur, zur künstlichen Umwelt gewordene Geistsein. Das ist übrigens eine Frage der Gewichtung und kein Entweder-Oder. So gerät der Geist unter die Räder und wird verächtlich. Aber« – Garganelli spuckt in den Rinnstein – »dieser verdammte Geist hat den Vorteil, offen zu sein – über alle Begriffe, über alle Verhältnisse, selbst die ominöse ›Welt‹ hinaus, während die künstliche Umwelt jeden in einem eisernen Klammergriff hält und ihm nirgends die Idee eines Durchschlupfs gewährt, des aufrechten Gangs oder wie man das nennen möchte. Man hat das natürlich gemerkt und die berühmte ›Veränderbarkeit‹ der Verhältnisse als eine Art Antwort in den Raum gestellt. Da steht sie nun und kommt nicht von der Stelle. Die Verhältnisse ändern sich unentwegt, leider bleibt, wer sie verändern möchte, rascher hinter ihnen zurück als er denkt.« »Dann denkt er zu langsam.« »Er denkt, wie er denkt. Aber gegen das, was sich ein paar Milliarden Menschen von Tag zu Tag ausdenken, hat er doch keine Chance.« »Du siehst das zu pessimistisch.« »Siehst du: so reden sie alle. Und anschließend geht jeder seiner Wege. Das bisschen Geist...«

GEISTBLASE

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»Spar dir den Geist« lautet die Devise derer, die im Ernst die Welt beherrschen oder jenen buckligen Zipfel, auf dem sie am Ende gebettet sein wollen. Was dabei ›Welt‹ heißt, möchte man gerne wissen, man erfährt es spät oder nie. Ähnlich steht es um den Ernst und um die Beherrschung. Nur der gesparte Geist klappert in seiner Büchse, als fielen Geister- und Autogrammstunde ineins: was Autogramm-Liebhaber schon immer vermuteten und -Jäger in vielen Stunden der Pirsch systematisch erkunden. Immerhin kann der gesparte Geist zu ungeheuren Summen anwachsen, die in keiner Büchse mehr Platz finden und als Regen über blühenden Landschaften niedergehen. Die Menschen fangen dann an zu lallen und sich seltsame Dinge zu wünschen, von denen sie nichts mehr wissen, wenn sie zu ihren gewohnten Tätigkeiten zurückgekehrt sind. Bloß ein leises Gefühl der Scham hält sich und der Wunsch, es sich nachzutun, sobald der Zeitplan das zulässt. Dabei hat es sich mit dem Sich-Nachtun, es ist ein eigen Ding und verlangt den Schöpfer oder, wie es im Schwäbischen heißt, das Kreative, das sich bei solchen Gelegenheiten tunlichst bedeckt hält. Da ist es leichter zu warten, bis die nächste Geistblase platzt, um noch etwas abzubekommen: einen blauen Fleck oder eine gebrochene Nase oder ein verbogenes Rückgrat oder einen Gehirnschaden, lauter Dinge, bei denen man sich etwas denken kann, wenn es einmal nichts zu denken gibt und der Westwind braust, als müsse ein Wüstenstaat kirre gemacht werden.

GEISTERBAHN

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Wenn ich lese, der und der alte Knochen des Literaturbetriebs lehne es ab, im Internet zu lesen oder gar, wie es vornehm heißt, sich seiner ›zu bedienen‹, denke ich: Gut, dass du dir meine Lektüre ersparst.

GELÄCHTER

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Die Wahrheit ist konvulsivisch, sie bricht heraus, aber was da herausbricht, formt sich zu keiner artikulierten Rede. Es bleibt Gelächter, bleibt Ausdruck der Spannung zwischen dem, was so bestimmt behauptet wird und dem, was im Akt des Behauptens anwesend ist, aber sich entzieht. Sokrates wird geopfert und er opfert sich selbst auf dem Altar des Rechts. Das macht ihn zum Begründer einer Religion, einer Sekte. Das Denken wird geopfert und es opfert sich selbst auf dem Altar der Gutwilligkeit, das macht aus ihm ein Instrument des Lebens, also einer per se unfassbaren Instanz, deren Objektivierung zu den unfasslichsten Entgleisungen führt. Sokrates opfert sich, folgt man Platon, ›aus Prinzip‹, für die gute Sache, die in diesem besonderen Fall gegen die Person ausschlägt, was nichts oder beinahe nichts bedeutet. So zu reden heißt, die Leute ein letztes Mal hinters Licht zu führen. Wenn Aristophanes an Sokrates zum Verfolger wird, dann nicht um der Sache willen und nicht aus Prinzip, sondern weil es nun einmal geschehen muss. Der Philosoph in den Wolken ist aus einem dauerhafteren Stoff als der sterbliche Mensch, unsterblich das Gelächter, das hier und da aufbricht und, wenn schon nicht die Verhältnisse, so doch das feste Meinen zum Tanzen bringt.

GELDFRESSER

G
Diese Sorte Wesen ist nicht eindeutig zuzuordnen. Seine unauffälligste Erscheinung ist, gesellschaftlich gesehen, der gemeine Geldfresser. Im Gegensatz zu König Minos stirbt er keineswegs den Hungertod. Das liegt auch daran, dass moderne Währungen bekömmlicher sind als die Methode, alles in Gold zu verwandeln, die ein erhebliches Problem für die Beißwerkzeuge dieser Wesen darstellt, von Materialengpässen einmal abgesehen.
Wie Forscher der Universität Meins nachweisen konnten, handelt es sich um eine genuine Fortentwicklung des Dagobertismus, einer Manie, die nach bisherigen Erkenntnissen durch die Lektüre bunter Hefte in der Kindheit ausgelöst wird und die Befallenen dazu veranlasst, alles für bare Münze zu nehmen und in ihr zu baden.
Lange Zeit glaubte man, es handle sich beim Geldfresser um eine Parallelerscheinung zum Stromfresser. Die Gier dieser Wesen hat sich in den Jahrzehnten einer immer globaleren Wirtschaftsweise jedoch verstärkt, so dass sie heute alle vergleichenden Parameter sprengen und zu reinen und sogar wahren Geldfressern mutieren, zumal der gesellschaftliche Bann, der auf dieser Art der Existenz lag, im Schwinden begriffen ist und die Spezies sich wachsender mimetischer Bewunderung erfreut.
An der Universität Rubljanka hat man im Rahmen der weltweiten Ausschreibung von Exzellenzclustern ein Projekt aufgelegt, das sich unter anderem der Erforschung der Spezies und ihrer Lebensbedingungen widmen soll, da sie im dortigen Teil der Welt extrem zugenommen hat. Eines der Ziele der internationalen Forschungsgruppe, die sich hier zusammengefunden hat, besteht darin, den immer noch geleugneten oder unterbewerteten Zusammenhang zwischen dem Scheinmangel in gewissen Währungen und der Zunahme der Geldfresserei in Zeiten globalen Börsengeschehens, das fast ausschließlich mit virtuellen Mitteln operiert, wissenschaftlich zu untermauern und empirisch zu belegen. Ein Ziel, das den Notenbanken dieser Welt wie Musik in den Ohren klingen müsste, könnte man davon ausgehen, das solche dort zu hören wäre. Allerdings ist zu beobachten, dass die gesellschaftliche Entwicklung in den Ländern des sogenannten Westens einen anderen Weg geht. In demselben Maße, wie der Verzehr von Fast Food den Bratenduft verdrängt, lässt sich ein Rückgang des Pfennigklangs bei gleichzeitiger Zunahme der Geldfresserei verzeichnen.
»Der frisst das Geld roh!« – spontane Äußerung einer Freundin nach der Begegnung mit einem Immobilienmakler, dessen legendäre Kunstsammlung neben einigen kleineren Objekten mehrere Säcke mit 500-Euro-Scheinen enthält. - AC

GELDSINN

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Nichts härter als das Bild, das sich das Geld von der Welt bildet. Der Geldsinn, also der siebte, formt alle Sinne bis zur äußersten Fügsamkeit. Die Wahrnehmung folgt ihrem Herrn auf Schritt und Tritt, an der Schwelle zur letzten Kammer legt sie sich nieder und hält Wacht. Sei versichert: alles, was du für wahr nimmst, es zahlt sich aus. Wo nicht, schwindet die Wahrnehmung, als habe sie nie existiert, im Handumdrehen. Bleibt die entscheidende Frage: Für wen zahlt es sich... aus? Für dich oder für den anderen? Doch Hand aufs Herz: Wo genau liegt der Unterschied? Auf den anderen hast du lange gewartet, das ist wahr. Aber: Wie lange? Gerade so lange, wie dich der Unterschied plagt. So sieht es aus. Nebenbei: Plagt er dich noch oder hebt er dich schon? Da liegt des Pudels Kern. Der andere, erstmal erschienen, wird den Unterschied liquidieren. Zum Glück! Vielleicht. Oder zum Schrecken... Das hängt ganz vom Kontostand ab. Das Mysterium des anderen ist seine Brieftasche. ›Sei barmherzig!‹ Was immer von dir dort hinüberfließt, es fließt, tausendfältig erstattet, zu dir zurück. Der Zins spannt die Erwartungsdimension der Seele, sofern sie den anderen meint, als Zinseszins zeigt sich die Sünde nackt. Im Erstattungszwang, dem, außer dem verjährten, kein Geben entspricht, verdampft die Ressource Sinn. Das geduckte Leben wendet sich anderen Quellen zu, es erfindet Verhältnisse. In den Verhältnissen, die sind, wie sie sind, lässt sich das Unglück treiben. Es hat seine Ablenkung und sie haben Schuld. Schade nur, schade ‒ in jedem Verhältnis lauert der andere, um aufs Neue hervorzubrechen, die Hydra treibt ihre Köpfe. Die Mechanik des anderen bleibt eine harmlose Wissenschaft, solange Menschen sich weigern, die Kraft zu studieren, die in ihr wirkt. Nicht das Geld drückt den Menschen, der Mensch drückt und es kommt: Geld. Oder nichts.

GELTUNG

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Den Geigenkasten unter dem Arm, bestreitet man Olympiaden, die keiner sieht, die keiner kennen will, Olympiaden des Herzens, des metaphorischen Organs, das überall anwächst, mit größter Leichtigkeit, ohne Unterlass. Wer uns so sieht, könnte meinen, die Natur habe uns zu etwas bestimmt, zu irgendeinem abstrusen, grausamen Zweck, einem Ritual, das wir nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken, nicht bestimmen können, zu dem wir aber vorgesehen und offenbar nötig sind. Wir lehnen diese Meinung nicht ab, wir hören sie an, neigen das Ohr und das Kinn fällt ein wenig herab, nicht viel, aber gerade genug, um eine kleine Erschlaffung anzudeuten, denn eigentlich haben wir dergleichen genug gehört und möchten nun weitermachen. Das Weitermachen wird viel beredet, in Film und Fernsehen, man zeigt es einander und stimuliert sich so zu Leistungen, die gestern noch als unvorstellbar galten. Dieses Gelten ist unsere Spezialität, unser Trick, uns gerade hier aufzuhalten, wo es just geschieht, uns in der Zeit zu halten, aus der wir sonst hemmungslos herausfallen würden, denn welchen Grund sollte es geben, diese Herzensplackerei fortzusetzen, unterbrochen und ergänzt durch die Mühsal, Lebensmittel heranzuschaffen, die ohnehin nicht für alle reichen? Aber was soeben in Geltung ist, glänzt über den Wassern, und nur die harten klinischen Fälle können sich dem Anblick entziehen. Hagere Philosophen, die sich mit Geltungsfragen herumschlagen, behaupten gelegentlich, es käme aufs Begründen an, doch damit zielen sie weit an der Sache vorbei. Auch Begründungen, sofern sie denn stichhaltig sind und nicht ihrerseits einfach gegriffen, müssen in den Bann- und Strahlkreis des Geltens treten, bevor sie uns etwas sagen – es gibt vieles, das, gesagt, ungesagt bleibt, weil es denen, die gerade das Sagen haben, nichts sagt. Das Sagen ist immer gerade, gerade eben, aber vor allem gerade, es ist eine ebene Straße, die geradewegs in die Zukunft hineinführt. Es kann aber blitzschnell umschlagen in ein anderes Sagen, das plötzlich ›an der Zeit‹ ist – ein schöner Euphemismus! – und seine eigene Vorzeit mitbringt. Dann werden andere Gründe geltend gemacht, als man sie vorher hörte, die Dinge stellen sich anders dar und ein Narr ist, wer einen vergangenen Diskurs weiter pflegt. Statt auf den Wankelmut der Zeitgenossen zu schimpfen, sollte man ihn als Waffe begreifen, die es ihnen ermöglicht, tapfer die Gegenwart zu bestehen, vor allem aber als – sagen wir, um etwas zu sagen, Epiphanie des Geltens und damit dessen, was es uns ermöglicht zu sein. Nicht Institutionen bilden das starre Gehäuse der Gegenwart, aus dem keiner herausfällt, es sei denn aufgrund eines organischen Defekts – sie sind schnell ab- und umgebaut, wenn es sein muss –, sondern die augenblickliche Geltung, von der niemand weiß, wie lange sie anhält. Woher sie kommt, woraus sie entsteht – Fragen an den Wind, der, wie ein Mystiker der Zerstörung wusste, stetig aus der Vergangenheit weht. Man sollte hinzusetzen, dass kein Vergangenes zählt, wenn es die Zukunft gilt, in der es sich ebenso zahl- wie zahnlos wiederfindet.

GEMEINSCHAFTSERREGUNG

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Der Gedanke, die Nation als Erregungsgemeinschaft zu fassen, hat Charme, verlangt aber Nachbesserung. Denn wie außer Frage steht, dass es viele – und vielerlei – Erregungsgemeinschaften gibt, so muss auch die Art der Erregung sorgfältig differenziert werden. Die schöne Erregung, die das Bewusstsein der ideell unterfütterten Tat in denen hervorbringt, die sie nicht ausgeführt, aber begleitet haben, hat wenig gemein mit der Erregung, die aus Mittäterschaft erwächst und dort am größten ist, wo es sich um gemeine Verbrechen handelt. Oder doch? Erregung ist Erregung, wird sich der Denker gedacht haben, ein Aushilfsdenker vielleicht, denn es ist ein Aushilfsgedanke, den er da gedacht hat. So gibt es vor, neben und hinter der Erregungsgemeinschaft die Gemeinschaftserregung – eine Erregung, in der Gemeinschaft ›fühlbar‹, ›sichtbar‹, kurz, als vorhanden erfahren wird. Das wäre nicht unbedingt die Nation und diese nicht unbedingt. Es gehen mehr Menschen kalt an solchen Gefühlen vorbei, als die auf Sichtbarkeit getrimmten Zeitgenossen sich klar machen wollen. Gemeinschaftserregung setzt  Erregungsgemeinschaft nicht notwendig voraus. Doch scheinen Erregungsgemeinschaften zu existieren, die das Thema der Nation für sich gepachtet haben. Auch in der Art der Erregung finden sich Unterschiede. In Deutschland zum Beispiel gehören dazu der lebhaft gefühlte Groll und die Bereitschaft zum Umschlag, das berufsmäßige Entsetzen und der unterschwellige Trotz. Andere Völker, andere Erregungen. Wer erregt sich über Europa und wie? Das ist keine kleine Frage, hier liegt eine Zukunft in Windeln und lässt sich belächeln. ›Wir sind ein Volk‹? Fassen ließe es sich schon, zu fassen ist es selten.

GENDERBISS

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Der dritte Weltkrieg zu Lebzeiten derer, die jetzt langsam damit beginnen, ›Verantwortung abzugeben‹, der große Krieg der Geschlechter, kennt viele Ansichten, unter anderem die des grau gewordenen Landsers, der, Unruhe in der Stimme, fragt: »Geschlechterkrieg? Und wer soll daran teilgenommen haben? Wer waren denn die Parteien?« Das erinnert an Sätze aus der Generation der Väter, zum Beispiel: »Ich bin mit den Franzosen immer gut zurecht gekommen« oder, vielleicht eine Spur eindrucksvoller: »Der Russe an sich hatte nichts gegen uns.« Kostbare Souvenirs, gern herausgeholt, falls es im näheren Umfeld mit dem historischen Verständnis nicht recht vorangehen wollte. – Und dabei ist dieser Krieg längst nicht beendet, das Beste steht noch bevor. Der richtige Genderbiss wird unter der Haut getragen, Tätowierung hilft – nicht immer, nicht jedem, aber das ist keine neue Erkenntnis.

GENDERPARLAMENT

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Weiblichkeit kann man verfügen, zum Beispiel über die Zahl von Parlamentskandidaturen, die man ihr zuschustert, doch herbeizaubern kann man sie nicht. Also vertrauen die Mächtigen darauf, dass sich genügend Frauendarstellerinnen finden, um das Thema in aller Munde zu halten. Und wirklich erkennt man Frauendarstellerinnen daran, dass sie immer und überall die Rechte der Frauen im Munde führen, teils, um denen nach dem Munde zu reden, denen sie sich, zu Recht oder Unrecht, verpflichtet fühlen, teils, weil sie sonst nicht wüssten, worüber sie reden sollten. Die allermeisten Frauen langweilt dieses Gerede, obwohl sie überhaupt nichts dagegen haben, dass jemand ihre Rechte verteidigt und mehr davon fordert. Sie möchten nur gern von etwas anderem reden und schätzen es nicht, wie sehr die Frauendarstellerinnen die Phantasie der Männer beschäftigen. Daher legen sie eine auffällige Genervtheit an den Tag, sobald ihre Vertreter*innen wieder in aller Munde sind, so als wollten sie sagen: »Spuck’s aus!« Frauen haben keine Lust darauf, sich bei den Männern vertreten zu lassen, und unter Frauen möchten sie, offen gesagt, gern noch ein Wörtchen mitreden. Frauendarstellerinnen hören das selten gern, sie haben alle Weiblichkeit der Welt in sich aufgesogen und geben sie nicht mehr her – schon gar nicht an die Hergelaufene dort in dem gelben Kleid, die so redet, als wüsste sie ganz von allein, was sie von den Problemen dieser Welt zu halten habe.

GENERATION NULL

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Die Nullität in allem, was von der eigenen Generation ausgeht, muss konstatiert werden. Man hat es lange gewusst, weil man die Selektionen sah, denen sich ihre Sprecher verdanken. Der ideologische Rausch der vorausgegangenen Jahrgänge hat über Angst und Abwehr die Auswahl bestimmt, die später das Sagen bekam – eine paradoxe Feststellung, da sie nichts zu sagen hatte und hat. Sie sind wie stumme Fische durch jede Schleuse geschwommen, die man ihnen geöffnet hat, und da treiben sie nun. Man hat ihnen Leitungsfunktionen übertragen und sie ›füllen‹ sie ›aus‹, bis man sie ihnen, überdrüssig der Vorstellung, wieder abnimmt, jedenfalls dort, wo das möglich ist. Das Beste, was man von ihnen sagen kann, ist, dass sie ›in die Jahre kommen‹, und es besteht Hoffnung, dass man sie nicht mehr herauslässt. Dabei fehlte es ihnen an nichts – außer, vielleicht, an Weggenossen, denen zuzuhören sich gelohnt hätte. Die Aufpasser waren stärker.

GENERATIONSFRAGE

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Wir haben es ungern existenziell. Das ist eine Generationsfrage, vielleicht Folge einer Frühvergiftung oder eines steckengebliebenen Gelächters. Vermutlich gehört es zu den Kennzeichen einer Generation von Langweilern. Wobei die lange Weile in beide Richtungen geht. Was sie wohl findet? Sind die Gedanken unnütz, sind es die Geräte nicht minder. In diesem ›nicht minder‹ steckt eine Kehrtwendung, der sich keiner entzieht. Die Generation ist eine Hängebrücke zwischen zwei Abgründen. Das freut die Rechner, wenn sie sich in die Netze einklinken. Warum so spöttisch? Das ist schwer zu sagen, solange niemand weiß, worauf der Spott zielt. Wer ist dieser Niemand? Vielleicht die Existenz in Frageform, unwillig, die Frage der Existenz anzuschneiden, solange zu befürchten steht, dass nur Käse heraustropft.

GENESIS, dritte

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Dass Genese und Geltung so gern verwechselt werden, hat seinen Grund darin, dass sich nichts so leicht einrichten lässt wie die Genese einer Geltung. Jeder legt hier die Spur seines Interesses. Viele, vor allem die Hurtigeren, legen zusammen und bahnen einem Interesse die Gasse, das weder das ihre ist noch in ihrem läge, falls sie sich die Mühe machten, ein anderes als ihr Fortkommen im Gefilde des Allgemeinen ins Auge zu fassen. Die gefahrloseste Form der Verfolgung ist die Zurückverfolgung, am besten ins paläontologische Zwielicht, wo Zufallsfunde und Überinterpretationen einander allzu willig in die Hände spielen. ›Sprache‹, ›Schrift‹, ›Geschlecht‹, ›Gruppe‹ bilden die dritte Genesis der Gebildeten, die mit Gott so nichts anfangen können, aber das Konzept fortschreiben möchten, da im harten Atheismus, wie sich gezeigt hat, etwas zutiefst Unbefriedigendes und Amoralisches liegt. Genesen, das liegt schon im Wort, wollen sie alle. Was geworden ist, das wird schon wieder, man muss ihm nur Zeit lassen. Im Zeitlassenkönnen liegt die erste der Gnaden, der Grund zu allen, die folgen werden, dafür gedenkt man gern der heroischen Toten, die keine Zeit hatten und daher das Ziel knapp verfehlten. Welches Ziel? Nun, das Ziel, das im Werden liegt und deshalb ein wenig Aufschub benötigt, ein wenig nur, aber den unaufhörlich.

GEOPSYCHOSE

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Landschaftsangst oder timor regionum tritt immer ohne eine deutlich erkennbare Ursache auf. Weder eine auffallende Hässlichkeit in der Natur, falls es sie überhaupt geben kann, noch technische Beifügungen von Menschenhand rufen diese Gemütsverfassung hervor. Aber die einmal erlebten Empfindungen an solchen Orten, es können auch Stadtteile sein, bleiben selbst nach Jahrzehnten immer die gleichen. Der ungarische Maler Zoltan Doltai empfand sie sogar des Nachts bei völliger Dunkelheit, wenn er mit verbundenen Augen nach einigem Hin und Her von Freunden an solche Stellen geführt wurde. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein unbekannter Besitzer, besonders wenn er schon tot ist, hier seinen Herrschaftbereich vor neugierigen oder forschenden Künstlerblicken zu schützen weiß. So sind solche ästhetischen »Novimente« oder Geisterhausflecken, wie sie damals Doltai genannt hat, möglicherweise ausgedehnte unterirdische Matten oder Wurzelwerke, in denen in vergangenen Zeiten die Geburtsstätten der Alraunen vermutet wurden. Eine tief gehende Ahnung vom Schatzwesen im Erdreich muss keineswegs mit verborgenen Dukaten zusammenhängen, sondern kann auch durch ein lebhaft empfundenes Lichtschattenspiel und durch Farben im blassen Vorbereich ihres völligen Auftauchens entstehen. Die rätselhaften ›Vorfarben‹, die antecolori Vitruvs, die er durch abgerichtete Eulen aufspüren ließ, mögen hier eine Rolle spielen, denn Farben, besonders im Zustand ihres Entstehens, können rauschhafte Empfindungen hervorrufen. Eine Bemerkung des seinerzeitigen Irrenarztes Gachet lässt darauf schließen, dass van Gogh die Farbe Gelb als verwirrend (»verwarring«) empfunden hat. - PM

GEREDE

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So manches sich resignativen oder misanthropischen Motiven verdankende dictionnaire gerät bei diesem Lemma ins Schwatzen. Nicht so das Alphazet, das sich in vornehmer Zurückhaltung übt und bloß auf die Autoren Deleuze und Guattari verweist, deren Buch Mille Plateaux wahrscheinlich die ausuferndste Apologie des 20. Jahrhunderts zu diesem Thema enthält – das bösartige Gerede einmal beiseitegelassen, in dem das Jahrhundert, wie alle anderen, sich eher schlagend zeigte.

GERICHTSPSYCHE

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Wer immer die Psyche frequentiert, findet etwas. Sie ist der große Stichwortgeber der erwachsen gewordenen Menschheit, die sich nach Kindheit sehnt. Diese Sehnsucht ist ein verwickeltes Ding, um tausend Ecken gebogen, die meisten davon verloren und vergessen im Schlund der Zeit. ›Sehnung‹ sollte man sie nennen, schon um ihre Nähe zur Biegung herauszustreichen. Was heißt schon Nähe? Sie ist an ihr befestigt, am besten an beiden Enden, wer zieht, zielt schon weiter. Wer immer zieht, der biegt jeden Sachverhalt, bis er ihn so hat, wie er ihn braucht. Man merkt das vor Gericht anlässlich jener Prozesse, die das Volk beschäftigen, weil sie wie ein umgekehrtes Fernglas auf die eigenen Verhältnisse gerichtet sind. Jeder sein eigener Richter, aber auch Staatsanwalt, Verteidiger, Zeuge, Sachverständiger, Gutachter, Bösachter, vor allem letzteres. Der Verdacht springt die Wörter an, als lebte er von ihrem Blut, Syntax ist ihm ein Fremdwort, das den Zusammenhang stört. Aber lassen wir den Verdacht, er ist alt und erzeugt ein Gähnen bei denen, die vom Leben mehr erwarten als alte Geschichten. Das Sehnen will keine Geschichten, es will den Auftritt. Dafür erzählt es Ihnen, was immer Sie wollen. Alles erlebt! Alles frei erfunden! Solange der Körper es hergibt, ist jede Geschichte recht, auch das Schweigen, diese beste aller Geschichten. Wer schweigt, kennt die Geschichten und weiß sich darin mit seinem Publikum einig. Das Publikum hat sich über ihm geschlossen und verdaut ihn bei lebendigem Leibe. Was immer noch kommen mag, er hat gelebt, denn er hat alles getan und nicht getan, er ist ein schmutziger Gott. Überlassen wir den Gerichten die Psyche! Dort hat sie es gut.

GERMANEN

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»Die Würde der Barbarei ist unantastbar, denn sie vertritt die letzte natur-chaotische Einfalt jenseits der Bildung.« Die hier dogmatisierte Bedeutung einer zu jeder Unregelmäßigkeit des Denkens befähigten Sprache hätte der Kunst zwar viel zu bieten gehabt, aber die lateinischen Bildungsklötze standen einer solchen Freiheit durch die Unfähigkeit, sie gebührend zu würdigen oder ihrer gar zu bedürfen, im Wege. Bei Hölderlin, Kleist und Novalis oder in den Nachtwachen des Bonaventura wird das hohe Rätsel dieser abgrundtiefen Einsamkeit im glücklos verlassenen Volksbesitz der eigenen Barbarei offenbar. Im Zarathustra herrscht noch ein letztes Aufpauken wie bei den germanischen Weibern, die im Kampf gegen Rom auf die ledernen Wagendächer geschlagen haben. Nietzsche konnte den alten Gott, weil er ihn fast als seinen protestantischen Ehemann ansah, nicht loswerden. Er war kirchlich mit ihm verheiratet.
Sanft hingegen, allenfalls ein wenig spitz erklingt die Stimme Thusneldas, der Geliebten eines Nachfahren des Varus und jetzigen Besitzers eines Bordells an der Place de la Victoire in dem weithin unbekannten ›Urteilswerk pro GermanosHans in Paris: »Nein mein Freund, die Taten der Barbarei sind sprachlichen Ursprungs. Die Sprache wurde nie ernsthaft im Spiel mit den Nachbarn gebraucht, das beweist sogar noch der zweite Teil des Faust. Bis in die Zwanziger Jahre lagen die Bücher bei Cotta herum. ( Leiser:) Ich will ihnen etwas anvertrauen, es erscheint da in Deutschland soeben das Alphazet, ein überaus bewegliches und befremdliches Werk, das, lieber Freund...................« Hans versucht ihr hastig zu antworten....................... Hier fällt der Vorhang. Das erste Stück der neuesten germanischen Literatur, zu Recht mit geheimem griechischem Titel, denn die geheime deutsche Bildung athenisiert sich wie zu den Zeiten Roms, wird vorläufig....................... unterbrochen. - PM

GESCHLECHTERHATZ

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Wer die Geschlechter gegeneinander hetzt, zerschlägt das Bild der Welt. »Welches Bild?« fragen die Interessierten. »Ist nicht jedes Bild der Welt wert, dass man es zerschlägt? Ist nicht jedes Bild eine unzulässige Fixierung von etwas Fließendem? Und überhaupt, von welchen Bildern ist hier die Rede? Als wir jung waren, hielt man die Frauen praktisch in Käfigen. Wir haben sie befreit. Ist das keine Tat? Gott, ja. Einer musste es schließlich tun. Wir haben den Feminismus in beide Hände genommen. Was die Arbeiterbewegung versiebt hat, das haben wir gemacht. Das ist unsere Story. Das wird bleiben. Das hat auch mit Sex zu tun. Nein, der Feminismus ist nicht tot, das mag glauben, wer will. Eine Vision wurde Recht und Gesetz. Fiat lux. Das ist Latein. Endlich Sanktionen. Wir werden nicht zulassen, dass die Frauen jemals, sagen wir... wissen Sie… Schon klar. Keiner kehrt in die Geschichte zurück. Ihr gesellschaftlicher Ort – wie sagt man? – ist heute ein anderer. Und morgen? Junge Frau! Morgen mehr als heute. Sie lächeln? Lächeln Sie weiter. Heute sprechen wir über Erfolg ... messbaren Erfolg, wohlgemerkt, nicht über Wohlfühlkurven. Kurven, jawohl. Haben Sie ein Problem? Ich nicht. Die Frauen sind heute ein Wirtschaftsfaktor. Kinder übrigens auch. Das haben wir geschafft. Auch Sex, klar. Warum nicht. Haben Sie damit ein Problem? Also von Ihnen hätte ich das jetzt nicht gedacht. Aber reden wir doch übers Wohlgefühl. Heute finden wir junge, athletische Frauen in allen Berufen, in allen Positionen, und wir? Ach du liebes bisschen. Auch wir, also wir haben gelernt. Wir haben den Kapitalismus gezähmt, zu unserer Zeit, ist das nichts? Nicht der Rede wert. Bitte. Wir haben den Machismo auf die Bretter gepfeffert, Sieg durch K.o. Das ist doch was, oder? Lieber Junge, quatsch keine Oden. Und komm mal vorbei. Kein lautes Wort. Nein, wir sind nicht in die Frauenberufe gegangen. Nicht diese Falle. Sei vorsichtig, Junge. Gleicher Lohn, gleiche Arbeit. Nein, wir sind nicht zu Gebärern geworden. Das nun gerade nicht. Haben Sie ein Problem damit? Ich frage: Haben Sie ein Problem damit? Legen Sie ab, Madame. Kita für alle. Ach was. Erzieherinnen für alle. Geschlechtsneutral, ja. Naja. Ja, wir haben uns aus den Schulen zurückgezogen. Heißt das nicht Platz machen? Nein? Nicht überzeugend? Ja was denn dann? Was soll der Quatsch? Sie kriegen Ihre Quote und wir kriegen Sie ins Bett. Sie legen sichs zurecht und wir legen uns dazu. So läuft das. Solide Abmachung, ziehen wir durch. Ja ja ja. Wir werden nicht zulassen... dazu stehen wir... Apropos zulassen: Sei’s drum. Was ich sagen wollte... Der Kampf geht weiter. Welcher Kampf? Was ich sagen wollte... zuführen, was heißt zuführen... lehnen wir ab. Mädchenhandel? Scheiße, was. Wir, wer sind wir? Gute Frage. Gute Schule, nicht wahr? Wie? Ganz der alte...? Gute Nacht, ja... Habe die Ehre... Was soll...«

GESCHLECHTERKRIEG

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Wir haben im Dritten Weltkrieg gelebt und er ist ongoing, wie unsere amerikanischen Freunde sagen, die gewohnt sind, auf niedrigem Niveau Krieg zu führen. Wir, das sind ein paar Freunde, auch weitere Bekannte, darunter echte Penner, ferner, wenn man die Zeitungen liest, eine Reihe von Leuten auf unterschiedlichen Kontinenten, darunter Harmlose, Spinner, der Rechtschreibung Unkundige, auch Gewiefte, womöglich Bestien, vielleicht gibt es irgendwo Lager, in denen Skelette den Boden pflastern und Ausgemergelte sich die Hand an der Sonne verbrennen. Die Zahlen gehen in die Millionen, zig-, hunderte, was weiß ich. Nein, es scheint nicht vorbei zu sein, nur unser Part ist zu Ende gegangen, wir sind nicht mehr so gefragt und haben die Gelegenheit benützt, uns in die Büsche zu schlagen. Wir können nicht wirklich berichten, worum es in diesem Krieg geht, er geht über alle Grenzen, zu viele Parteien mischen in ihm mit, als dass jemand wissen könnte, worauf es hinausläuft. In solchen Kriegen erneuert sich die Welt, jedenfalls nimmt sie dieses Privileg in Anspruch, es ist aber nur ein Freibrief für Metzeleien. Der Geschlechterkrieg muss durch private Friedensschlüsse beendet werden, also kommt es darauf an, sie zu verhindern oder, wo irgend möglich, zu erschweren. Besser, man verkündet, das Ende der Privatheit sei gekommen, als dass man an dieser Stelle nachgäbe. Überhaupt kann man Ideologen gut an ihrem Hass aufs Private erkennen. Hier steckt ihr pathologischer Pferdefuß: die Hölle für alle braucht immer Nachschub und keiner, der sich voranbringen will, möchte hier zurückstehen.

GESCHLECHTSFESSEL

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Dem Emanzipationssexismus ist es gelungen, die vorletzte Fessel des Geschlechts in die Schrift zu verlegen und dort mit Sternchen und Pünktchen und Binnenmajuskeln und Ähnlichem zu fixieren. Ein glänzendes Kettchen mehr, geeignet, das gebundene Geschlecht zu markieren: Nehmt Rücksicht! Vielmehr: Lasst Vortritt! Gebt Raum! Aber bitte nicht zu sehr, das Geschlecht könnte straucheln und sich verletzen, daran seid ihr schuld. Der korrekte Mann gibt der Frau Halt. Und der unkorrekte? Er gibt Raum, den sie nicht braucht, er nimmt ihr Raum, den sie braucht, er verdoppelt ihre Last durch Abwesenheit und potenziert sie durch Gegenwart. Darauf noch ein Sternchen! Das Sternchen, das gute Sternchen ist das Likörchen derer, die stets in Berufung sind und ihren Beruf fühlen müssen, um ihn leben zu wollen. ›Belebt die Sinne, benebelt den Geist‹: Jedenfalls vertreibt es die Geister, die alles Frenetische wispernd umkreisen. Nicht wirklich, aber was wäre wirklich, solange es wirkt?

GESCHMACKSLEICHE

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»Stil und Geschmack, das ist wichtig, das ist verletzt. In der Regel gilt: es gibt eine Gesellschaft, die Geschmacklosigkeiten ahndet. Wie weit kann, wie weit wird die Verrohung gehen?« Daran haben sich viele die Finger wundgeschrieben und alles, was sie zu verbreiten wussten, ist kraftlos geblieben. Ein Ethos ist kein Trend, den man umkehren könnte, und unser Ethos ist lausig. Ja sicher, dergleichen wird einmal beschrieben werden, aber nicht von den Verstrickten … solche Dinge kommen erst sehr spät zur Sprache. Heute gilt die Faustregel, dass der Einzelne sich nur gegen die Gesellschaft retten kann – schon den Zweiten dazu zu finden, fällt schwer und Sicherheit … Sicherheit ist nirgends. Dass die bezahlten Schwätzer der Gesellschaft jetzt ›das Böse‹ in ihr Inventar aufgenommen haben und jedem an die Backe reden, den sie nicht verstehen können und wollen, zeigt, dass sie aufs Ganze gehen. Eigentlich sollte es heute heißen: Die Gesellschaft ist das Böse, aber das verantwortete Denken scheut davor zurück, es weiß, was ein solcher Satz anrichten kann und will die Kirmes nicht um eine weitere Bude bereichern. So kann es nur heißen: Die Gesellschaft, zum Gott erkoren, führt sich Opfer zu, vielmehr: sie lässt sich Opfer zuführen, denn sie selbst ist wenig mehr als ein Konstrukt, eine Vorgabe aus der Trickkiste von Leuten, denen der Mund nach Macht wässrig ist. In deren Kalkül sind die Frauen, wie einst im Katholizismus (oder bei den Nazis), das entscheidende Element. Gehen sie von der Stange, bleiben die ›shades of gray‹, die Abgehängten des auf Fortpflanzung programmierten Paarungsbetriebs. Wer ihnen vorgaukelt, ihre Zeit sei gekommen, vor ihnen liege, nach langer Wüstenwanderung, das Land, in dem Milch und Honig fließen, hat sie alle auf der Stange und sorgt dafür, dass ihre Zahl stetig wächst. Wie lange? Die Frage ist nicht so wichtig, solange niemand weiß, wer danach an der Reihe sein wird. Und wenn schon – solange an Kandidaten kein Mangel herrscht, kann der Reigen weitergehen.

GESCHNATTER

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Ein Beispiel für die Verheerungen, die das Wort ›Kultur‹ über die nützlichsten Erfindungen bringt: der Start der professionellen Schreiber in die Segnungen des web2, wie sie es nennen, um anzuzeigen, womit man bereits wieder durch ist. Da hocken sie wie Weltkrieg-II-Grenadiere in Erdlöchern aus schlechtem Design, halten ihre Konterfeis hoch und wackeln mit ihnen, auf dass jemand draufhält – aber dalli und ohne Verzug. Sie wissen, dass sie Kulturschaffende sind, wie es die Katze weiß, die sich insgeheim doch für die Maus hält. Sie sind es leid, immer ins Leere zu sprechen, und wünschen Kontakt, egal welchen. Ach, und wie schnell sind sie desillusioniert. Nichts enttäuscht rascher als ein Medium. Das wissen die Tischrücker schon länger. Aber niemand hört ihnen zu, gesellschaftlich gesprochen, dort, wo man spricht, damit die Lücke nicht spürbar wird. Welche Lücke? Es braucht Ideen, um ins Leere zu sprechen. Lieber füllt man sie mit Gestalten. Sie scheint wählerisch zu sein, die Leere. Soeben verließ sie den Raum.

GESCHWÄTZ

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Wenn es der Kultur eines Landes gefällt, mit der Dummheit zu paradieren, weil es zu mehr als Geschwätz nicht reicht, dann ist das die Lage und die klugen Leute gehen ihrer Wege. Man könnte natürlich fragen, was  für eine Kultur das sei und wer in ihr das Sagen habe und wem damit gedient sei, solche Fragen könnte man stellen und beantworten und vergessen, es bliebe sich gleich. Man kann auch sagen, dass man in einem Land, für dessen Literatur man sich schämen muss, nicht leben möchte. Wer zwingt einen, sich zu schämen? Was zwingt einen hinzusehen? Und wer zwingt einen, nicht auszuwandern? Etwas Besseres als den Tod findest du allemal. So ein Land ist kaum mehr als ein Durchgangslager für Leute, die darin nichts zu sagen haben. Irgendein Schwätzer greift sich irgendein Anliegen, der Markt drückt es ihm auf, das allgegenwärtige Fernsehen schleift es zurecht, ein kraftstrotzender Konkurrent liefert die Maßstäbe, das Zeug wird gebraucht, geliefert, konsumiert, es bleibt Zeug. Jeder weiß, dass es sich um Zeug handelt, niemand wird darauf zurückkommen, für den Augenblick taugt es. Daneben liegen die Themen, schwer, kantig, schartig von früheren, nie zu Ende gebrachten Arbeiten, altes, verworfenes Zeug, wertlos, unabgeholt. Sie liegen gut, sie liegen außer der Zeit. Das Land ist sich billig geworden, na und? Die Leute haben Probleme, das Geld will angelegt werden und die Renten, hört man, sind nicht sicher, man muss schon was tun. Die Leute sind schnell durch mit dem, was sich ihnen anbietet. Die bedeutsamen Dinge darf man nicht anbieten, sie liegen wie Blei in den Senken des Bewusstseins, sie sind nicht Kultur, sie sind kaum merklich.

GESCHWURBEL

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Zu den Basiswörtern des digitalen Zeitalters gehört das Wort ›Geschwurbel‹. Schwirbeln oder schwurbeln (meldet das Grimmsche Wörterbuch, das hier zwingend befragt werden muss): alles eins, geht alles dahin, wo der Bartel den Most holt. Auf diesem Weg, wer hätte anderes vermutet, begegnet ihm mancherlei, Zustände vor allem, die der Mensch in der Regel zu vermeiden trachtet – ›schwindlig im Kopfe werden‹, ›taumeln‹, ›in Ohnmacht fallen‹, ›sich wirbelnd oder in verwirrter Menge bewegen‹, ›dummes Zeug durcheinanderreden‹ – ein rechtes Geschwurbel also, auf dem, wie der Pinienkern auf der Torte, letztendlich die ultimative Bedeutung thront und misstrauisch herunter äugt: ›verworrene Menge‹. Die Menge, das weiß jedes Kind, das seine Märchenbücher studiert hat, ist per definitionem verworren. Sie wäre sonst keine. Sie wäre Masse, Kampfeinheit oder Publikum.
Publikum? Ganz recht. Im digitalen Netz entkleidet das Publikum sich seiner primären Eigenschaft, der Passivität, und schwadroniert zurück. Da zeigt sich, dass es, im innersten Wesenskern, Menge geblieben ist, ein ungeordneter Haufen unterschiedlichster Auffassungsarten, weit entfernt von allem ›reinen Empfangen‹, wie die Kommunion es dem Christenmenschen abverlangt. Warum ist das wichtig? Wenn es nur wichtig wäre! Nein, es ist viel mehr, es ist … unfassbar, vor allem unfassbar bedeutungsvoll, da dem Menschen der Menge nichts angelegener ist als die Denunziation seiner Mitmenschen als … als … sagen Sie’s ruhig, jawohl, als: verwirrte Menge.
Bravo. Hier, gerade an dieser Stelle, kommt das moderne Geschwurbel ins Spiel: Was schreiben Sie da? Geschwurbel! – Wem sich der Kopf dreht, der dreht zurück: Geschwurbel! Mehr Zeichen als Wort bedeutet es: ›Ich steige aus.‹ Warum? Fährt jemand Karussell? Wie konnte das nur passieren? Wie kam er hinein? Wollte er hinein? Nein? Es ergab sich so? Nun – ach nun! –, es kann schon vorkommen, dass einer sich in der Haustür verirrt und erst im vierten Stock bemerkt, dass hier nicht Erna Hasenbrecht zu Hause ist, sondern Egon Raffzahn der Ältere, der mit ihm noch eine Rechnung offen hat und dem er um keinen Preis hier und jetzt begegnen möchte. Oder jemand wandelt im Dunkeln am Ufer der Spree und plötzlich – geht ihm ein Licht auf. Das sind schon verstörende Momente.
Verstörend ist auch die, wie soll man es sagen, Patzigkeit, die das Wort enthält. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es auf milde oder einfach freundliche Weise gesagt werden könnte: »Ein schönes Geschwurbel lassen Sie da ab!« Nein, diese Rede trieft von Hohn, noch dazu der mühsamen Sorte, sie will verletzen und weiß nicht wie. Sie hat den Kontakt zu dem, worüber sie sich ergehen möchte, eingestellt und wirft … was wirft sie denn? Was würfe sie denn? Schon diese Frage treibt ihr die Puterröte ins Antlitz, das ›würfe‹ überfordert sie total, sie vermag sich nicht fassen bei soviel elitärem Ausdruck, sie will »Schwein« brüllen und bellt »Geschwurbel«, aber mit eingekniffenem Schwanz. Denn bei alledem ist sie gebremst. Das Gebremstsein gehört zum Geschwurbel wie die Kehle zur Nachtigall. So erhebt sich die Frage, was eine stolze Rede dermaßen zu bremsen vermag, dass sie mit einem gebellten Scheinwort aussteigt – denn ›Geschwurbel‹ gehört in die Klasse der Scheinwörter, bei denen der Verstand sein Lichtlein ausknipst und sich zu Bett begibt, um einmal durchzuschlafen –, es ist ihr ›Adieu‹, sie will von nichts mehr wissen, sie will diese Überforderung nicht weiter hinnehmen.
Am besten stellt man sich die sozialen Netze wie eine weite flache Landschaft vor, in der nur einstöckige Bauten sich aneinander reihen. Mancher, der hier zu Fuß unterwegs ist, kann nicht anders als in jeden Hauseingang zu treten und seine Duftmarke zu hinterlassen, sobald er merkt, dass dieser Ort nicht für ihn bestimmt war. Er ist ein entfernter Nachfahre des Flaneurs, auf den die Literaten einer vergangenen Zeit so große Stücke hielten, die heutigen haben ihn am Hals. Gern wären sie ihn los, aber so einfach läuft das nicht. Was schade ist, denn gerade seine Welt ist einfach. Ihr Vorzug: sie geht nicht weg.

GESELLSCHAFT

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»Was für eine Gesellschaft!« Im Wort ›Gesellschaft‹ steckt das Pejorative, das nicht weggeht. Die gute Gesellschaft, die feine Gesellschaft, das sind Unterscheidungen, die den Makel der Trennung auf der Stirn tragen. Aber auch die Gesamtgesellschaft ist nicht so unverdächtig, wie sie erscheint. Dass sie an das ›Gesamtkunstwerk‹ seligen Angedenkens erinnert, mag man ihr noch durchgehen lassen. Doch das Totalisieren an sich ist ohne eine Tendenz nicht zu haben; die Begriffe sind nicht so unschuldig, wie sie den anblicken, der sich nicht vorsieht. Auch die Gesamtgesellschaft schließt aus: dass sie es ablehnt, den Rest zu benennen, verheißt nichts Gutes. Kurioserweise entstammt der Begriff dem Repertoire der Kritischen Theorie, die sich selbst einem Rest zuzählte, der – wie man hoffte – nicht weggeht. Zum Wir-Begriff wurde die Gesamtgesellschaft in dem Maß, in dem die kritisch Bewegten sich in ihrer Mitte einzurichten verstanden. Demnach zählt sie unter die eher komischen Exuberanzen des Mit-der-Zeit-Gehens. Und wirklich hellen sich die Mienen der Menschen auf, wenn der Ausdruck fällt – sie lassen ihn zwischen sich durchfallen und sehen ihm nach bis auf ihre blankpolierten Schuhspitzen, dann heben sie leise den Fuß und man hört es knirschen. Aber das nebenbei. Im Grunde hat niemand ein solches Wortungetüm nötig, das einfache ›Gesellschaft‹ genügt, und jeder, der mit feineren Sinnen geschlagen ist, riecht den Braten. Wer sich in Gesellschaft begibt, setzt die Freiheit, sich aus ihr zu entfernen, voraus, er bedankt sich sehr, wenn man ihm bedeutet, dass er außerhalb ihrer nichts bedeutet und dass er dort niemals ankommen wird, so sehr er sich auch anstrengt und ›isoliert‹. Dieses Wort gibt ihm zu denken. Isolation – was ist das? Eine gesellschaftliche Verrichtung, eine Strafe, ein verhängter Ausschluss und ein bekundeter Unwille, den sich aus eigenem Antrieb Entfernenden zuzulassen. Gesellschaft ist ein Distanzbegriff; eine Gesellschaft, die auf sich hält, thematisiert sich nicht als ›Gesellschaft‹, sie begreift sich als Raum, in dem man sich aufhält – auf Zeit, wie in allen Räumen, die sich im Leben öffnen. In dieser Hinsicht bezeugt eine Prägung wie ›Weltgesellschaft‹ keinen Begriff, sondern das Grauen schlechthin. Alle empfinden es, alle gehen darüber hinweg, so stark ist der gesellschaftliche Sog, der den Einzelnen mindert und das stärkt, was keiner will und am Ende keinen befriedigt.

GESINNUNGSSCHLAFMÜTZE

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Mersmannsche Kappe für den Hausgebrauch, mit Circumcisio, ohne Brandmal, leicht vergilbt. Man kann sie gelegentlich ersteigern, aber im Netz stehen genaue Anweisungen, nach denen es leicht möglich sein sollte, sich eine neu zu verfertigen. Angst davor, dass es dieselbe Kappe irgendwo ein zweites Mal gibt, muss keiner haben, die Bastelanleitung ist ebenso locker gefasst, wie die Kappe anliegen sollte. Wer sich ihrer bedient, will nicht als Parteigänger Beachtung finden, sondern als Zeitgenosse. »Wer seine Zeit genießt, ist ihr Genoss, wer das nicht weiß, fliegt in die Goss.« Solche derben Sprüche findet man überall dort, wo man darauf gefasst sein sollte, mitten im Gewühl einer Gesinnungsschlafmütze zu begegnen. Viele ihrer Träger sind organisiert, manche darunter im Zeitlerorden, dem Orden der unvermittelten Abbrüche und der gestreckten Lebensläufe. ›Wir haben Urlaub‹ steht in den Unterlagen, die man zugeschickt erhält, wenn man um Aufnahme bittet, womöglich vom Pförtner, der als einziger noch die Stellung hält. Die Zeitler hält es wenig im Lande, sie sind ›unterwegs‹. Wohin? Eigentlich reisen sie der Sonne entgegen, sie stecken voller Begegnungen, von denen die Haut hier und da Zeugnis ablegt. Wenigstens sie, immerhin ist sie das größte Organ und kann sich sehen lassen.

GESPENSTERMALER

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Die Gestalt einer negativen Ewigkeit besteht aus der uns umgebenden Natur. Sie zu bezweifeln, zu erneuern und zu durchstreifen ist die Aufgabe der Gespenstermaler. Seit alters besteht das Missverständnis des Naturalismus darin, die natürliche Außenseite der Dinge, selbst wenn sie ununterbrochen Erweiterungen erfährt, bereits für Teile eines Ganzen zu nehmen.
Darin besteht der Irrtum des sogenannten gesunden Blicks, der bloß am sinnlichen Mantel der Maja hängen bleibt. Sehlichte Täuschung der Nerven ist überhaupt das Prinzip der natürlichen Ewigkeit, sie füttert den Menschen, gleich einem Tier ohne Instinkt, mit den Luftblasen ungemalter Prinzipien, seit es über das plötzliche Einfahren der göttlichen Seele instinktlose Zweifel gibt. Aus diesen Gründen werden die Gespenstermaler unseren vernachlässigten Geistesaugen immer wichtiger, nicht nur im Traum.
Nichts gegen die Vermutung, der Mensch sei tatsächlich ein von Dämonen gequältes Tier, aber es sind dann immerhin Dämonen, die ihn heimsuchen und nicht die bilderlos aus sich selber wütenden Fehler der Krankheiten.
Solange die Ärzte sich nicht gelegentlich mit den neuen Gespenstermalern vereinigen können, um Krankheitsbilder auf riesige Deckengemälde zu malen, schwebt das Verhängnis der Bildlosigkeit über unseren einsam schlafenden Köpfen, die jenseits der Träume bloß mit Geschwätz und Zahlen gefüttert werden.
Immer wieder die Spritzen beiseite legend, sehe ich die malenden Ärzte und Künstler eines Tages auf hohen Gerüsten nebeneinander die neuen Gemälde dämonisch umwölkter Menschen prachtvoll ins Blau der Kuppelgewölbe malen. Auch die Organe sind endlich ornamentale Schleifen kühner Gewänder, so außen wie innen. - PM

GESTATTEN

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a) Im Paradies der Billigen haben die Teuren Ausgang. Nur die Teuerste zieht ihre Kreise, als ginge sie das Ganze nichts an. Vielleicht hat sie recht und es ist nur ein böser Traum.
b) Der Allerwerteste greift sich den Schritt und bestreitet den Vorgang. Ein teurer Standpunkt: hier steht keiner, der vorher nicht fiel. Oder auffiel, was fallentechnisch die Sache erleichtert, aber kein gutes Echo hervorruft.
c) Wer auffällt, ist schon gefallen. Das Auffallen beschreibt eine Kurve, die steil gen Himmel strebt, um sich dem Schoß der Erde rapide zu nähern und mit ihm zu verschmelzen.
d) Das Abgreifen, eine egalitäre Tätigkeit: fällt auf, wenn der Griff schmerzt. Nicht was, sondern wo jemand abgreift, macht den Unterschied. Eine Sache im Griff haben heißt, auseinander zu reißen, was umso stärker zusammenwirkt.
e) Die ›Lust, niemandes Lust zu sein‹, ist ein altes Motiv und eines der stärksten. Das wissen Ermittler aller Couleurs, sie haben mit ihr manches Kind gezeugt und fürchten noch immer, sie müssten für die Folgen aufkommen.
f) Wir haben die Lust befreit und nun befreit sie sich. Das steht, als Kainszeichen, an den Türen der Erlesenen, die keine Lust haben, Opfer zu spielen.
g) Das Land aller Möglichkeiten ist das Land, in dem die Lust frei hat und jeder für sie haftet. Die Menschen leben hinter Sicherheitsanlagen und halten die Gewehre bereit.
h) Allem, was Recht ist, schlägt seine Stunde.
i) Simultan ist das alles, dass einem, erschüttert, das Kreuz bricht.

GEWISSEN

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Eine Lehrerin betrügt den Mann, der sie vergöttert, mit dem Säufer, der sie gnadenlos in den Dreck zieht. Ein Namenloser sprengt sich täglich in Gedanken mit dem Präsidenten seines Landes in die Luft, um das Schlimmste zu verhindern. Der Kommandant eines mit Atomraketen bestückten U-Boots, den Befehl, es zu tun, auf dem Bildschirm, lässt sein Boot an einem Riff zerschellen. Die pummelige Kunststudentin, vertraut mit den Kniffen der Borgias, liest Vergewaltigungsphantasien in den Augen ihres Straßenbahnnachbarn und stößt ihm eine präparierte Nadel ins Herz. Ein Spieler erhöht den Einsatz und begeht Selbstmord. Seine Frau gewinnt. Spielen Sie mit, wägen Sie mit, urteilen Sie mit! Das vertreibt Zeit und macht ein gutes Gewissen. Vor allem: Sie sind dabei. Jedenfalls bis auf weiteres.

GEWITZTHEIT

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Wer ab und zu denkt, findet leicht, ein abgetaner Gedanke besitze die Kraft nicht mehr, sich zu behaupten – er beanspruche keine Geltung. Weit gefehlt. Was soll ein abgetaner Gedanke anderes beanspruchen als eben Geltung? Er hat frei, er hat Zeit, die Köpfe der Leute zu erobern, während der Gedanke, an dem noch gearbeitet wird, vor Ungeduld mit den Hufen scharrt. Leicht möglich, dass ein Jahrhundert die Obsessionen des vergangenen erbt, um sie zu realisieren – als wären sie das Neue, die neue Zeit, der neue Geist über den Wassern einer alten Gewitztheit. Die alte Gewitztheit kennt die Woge, die da heranrollt, sie gehört ganz zu ihr, aber als Oberfläche. Die tiefen Massen, die anders ziehen, halten sich anders bedeckt. Darin besteht ja das Neue.

GEWUSST WIE

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Die Dichotomie von Glauben und Wissen beherrscht den Alltag, so dass selbst, wer glaubt, sich auf der sicheren Seite wähnt. Er weiß etwas, was die anderen nicht wissen, denn er glaubt und er hat die Wirkungen des Glaubens an sich erfahren. Er weiß also, was Glauben ist – nicht irgendeiner, sondern seiner, der richtige. Einen ›bloßen Glauben‹ lehnt auch er ab, das wäre Aberglaube und Vorurteil, kulturell gewachsen, aber durch Aufklärung und Wissenschaft durchschaubar und damit widerlegbar geworden. Da liegt der Hase im Pfeffer: der ›bloße Glaube‹ ist im Prinzip widerlegbar, auch wenn im Moment die Mittel dazu fehlen. Er ist schon überwunden, weil er als überwunden gilt. Was wäre das Wissen, wäre es nicht gerade das: Überwindung des bloßen Glaubens? Der reflektierte Glaube hat das Wissen in sich aufgenommen, er ist über den bloßen Glauben hinaus, er ist ein Exzess. Dieser Gläubige weiß um seine Situation, er hat sie lange erwogen und durchlebt und das hat ihn stark gemacht: stark wofür? Für das Besondere, das er repräsentiert. Unter der Ägide des Wissens zu glauben ist etwas Besonderes, eine Auszeichnung, ein Konzept, das Überlegenheit verleiht. Was wäre ich ohne meinen Glauben? Nicht viel. Was wüsste ich ohne meinen Glauben? Nichts Besonderes. Wo wäre ich ohne meinen Glauben? Auf jeden Fall weit dahinten, mit Nässe, Dunkelheit und Chancenlosigkeit kämpfend, abgeschlagen, eine armselige Existenz. So wie ich bin, bin ich reich.

GIMPELFÄNGER

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sind besser. Sie sagen: »Unsere Jungs sind besser« oder »Frauen sind besser« oder »Marmelade ist besser« und schon rennt die Marmelade, den Auftrag zu erfüllen, der tief in ihrem Inneren tickt: besser zu sein, besser als die anderen, besser als sie selbst, besser als das Weltall, das, wie der Mond, ein faul’ Stück Holz ist, vom Ich überglänzt seit altersher. Die Gimpelfänger bleiben im toten Winkel, sie überblicken die Materie und halten die Fäden in Händen, die selber Fäden gleichen. »Ich stehe mit allem in Verbindung«, kann so einer sagen, sein Bauchansatz rundet sich leicht, er ist es zufrieden. Gimpelfänger haben es leicht, sie sind das Salz der Erde, die sich ihnen entgegenkrümmt, so sehr ist sie aufs Lecken erpicht. Aber lassen wir die Erde Erde sein und halten uns an die Fakten. Fakt ist, dass, wer einen Gimpel gefangen hat, ihn auch wieder loswerden muss. Das klingt einfacher, als es sich anlässt. Die Preise für Gimpel fallen, seit Mutter Natur durchblicken lässt, in welcher Fülle sie sie bereithält – eine Ressource, die nie versiegt. Was ein Gimpel wert ist, weiß keiner so recht, es sei denn, er braucht gerade einen, um mit dem Fänger zu rechten. Die Feinde der Fänger sind die wahren Freunde der Gimpel. Sie tun ihnen nichts, auch wenn gerade das immer wieder behauptet wird. Manchmal empfinden sie sogar Lust dabei, ihnen auf die Finger zu sehen. Diese Lust vergraben sie tief, da sie fürchten, dass man sie denunziert.

GLAUBE

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Dass mehr geglaubt als gewusst wird, ist kaum zu leugnen. Einmal, weil die entrückte Historie wie die entrückte Hoffnung nur vom Glauben gerufen werden können, sodann, weil überhaupt die innere Art der Unendlichkeit nie mit dem Anteil des Gewussten zu füllen ist. Das Gewusste schwebt immer daneben und nur das Geglaubte ist dicht bei uns selber.
Es bleibt jedem überlassen, sich innerlich so zu verkürzen, dass er die Menge des Geglaubten nicht fühlt und die Menge des Erhofften nicht ahnt, aber sie spielen um uns herum und schneiden Gesichter, die niemand vermutet. Nicht der Glaube, von dem abfällig gesagt wird, er sei eine schwache Hilfe gegen die Angst vor den Realitäten, sondern das ohnmächtige Wissen in der Realität verdient den dunklen Titel des Selbstbetrugs, denn Realitäten werden nicht anders geglaubt als mittels eines zweiten Glaubens, den an Tatsachen, dem ein dritter Glaube an die vermeintliche Wirklichkeit zur Hilfe kommen muss. Ich glaube, es wird alles zusammen geglaubt und man gelangt so rasch auf das Gebiet der heiligen Dreifaltigkeit.
Wissen ist keine Macht zur technischen Einsicht in Realitäten, sondern Betäubung der Hoffnung auf unbekannte Fernen. Denn alle Angst hofft auf ferne Erlösung, die kein Wissen erlangen wird. Der richtige Racker des Agnostizismus ist ein Selbstmörder mit kräftigen Armen. Er stürzt die Götzen der Visionen, über die nur der Einzelne verfügt, mit der Wissensaxt der Kollektive und gerät wie ein ungeschickter Holzfäller unter sich selbst. Das konnte dem heiligen Bonifazius nicht passieren. Er glaubte nur einmal, die Germanen hingegen mehrmals. Allerdings ist es gut, sich der Gestalt eines Gottes, was dessen Wirkung betrifft, zweimal zu nähern. Einmal unter dem Aspekt seiner Allgegenwärtigkeit, der ihn für den einzelnen Menschen unerreichbar macht – denn für alle bedeutet für niemanden – oder als Bruder des eigenen Ich, als eine Innenschöpfung der Seele. Wer an die Seele in Hinsicht der persönlichen Gottesbezogenheit nicht glauben kann, ist genauso ein Racker mit kräftigen Armen – einer, der sich die eigenen Beine abhaut. Affe kann er nicht mehr werden und Mensch will er nicht sein. - PM

GLAUBENSBEDÜRFNIS

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Ist das Glauben zum Bedürfnis geworden, dann stört das Unwahrscheinliche ebenso wenig wie das Sinnwidrige. Im Gegenteil: ein lebhafter Glaube bedarf der Beunruhigung, manche sagen, des Absurden, um sich zu erhalten und nicht in der Gleichgültigkeit des wirklich und scheinbar ›Gewussten‹ zu versinken. Nichts versetzt den Menschen so in Unruhe wie der Gedanke: »Und das soll ich jetzt glauben?« Wer sich vom eigenen Glauben nicht hin und wieder verschaukelt vorkommt, hat nie in den Spiegel geblickt, geschweige denn in den Abgrund. Unter den religiösen Vorstellungen steht die des Abgrunds an erster Stelle. Es muss einem die Füße wegziehen, wenn man glauben soll, es muss einem die Füße weggezogen haben, bevor man die Schwingen des Geistes spürt und die Gewissheit sich einstellt: Und sie tragen doch! Wohin? Frage nicht, grüble! Vielmehr: Grüble nicht, glaube! Glauben, solange die Füße nicht den Boden verlassen haben, ist nichts weiter als Rechthaberei auf falschem Grund.

GLAUBWÜRDEN

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Hochwürden, vom hohen Ross heruntergenötigt, bemüht sich neuerdings um den Titel ›Glaubwürden‹, doch er stößt auf Widerstände, wo er sie nicht vermutet hätte. Hochwürden glaubte, genügend Glaubwürdigkeitskapital in Reserve zu haben, um einen Neuanfang wagen zu können. Aber etwas stockt. »Kommen Sie voran?«, fragen ihn seine Glaubens-Mitstreiter, die sich Gutes davon erhoffen, sein Auge blinkt, aber matt. Wo soll das hinführen? Mittlerweile fährt die Konkurrenz, der es nicht an Märtyrern mangelt, Erfolge ein, die ihre Gegner das Fürchten lehren, das Glaubensgeschäft blüht wie seit mehreren saecula nicht mehr, bloß Hochwürden bleibt außen vor. So ungerecht ist die Welt. Nein, es sind nicht nur verführte Knaben, die gegen ihn zeugen, es ist auch der Widerwille gegen die erfolgreiche Konkurrenz, der sich in den Gemütern der Ängstlichen zum Schlachtruf ›Keine Religion!‹ verdichtet – ›Nur das nicht.‹ Denken Sie sich, Hochwürden ist zum Bauernopfer geworden – in einer Schlacht, an der er nie im Traum teilnehmen wollte, selbst nicht als Bauer!

GLEICHHEITSDSCHUNGEL

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G. spricht: Inzwischen sollte man aufhören, das, was seit fünfzig Jahren den Frauen passiert, pauschal Befreiung zu nennen. Zweckmäßiger wäre es, man kehrte zu einem Ausdruck der frühen Jahre zurück: reden wir von Vergesellschaftung. Frauen sind, in einem anderen Sinn als Männer, Gesellschaftswesen, sie bestehen auf Gesellschaft und die Männer finden ihren Vorteil dabei. Die Biologie mischt mit und sorgt dafür, dass alle von Zeit zu Zeit wieder nach Hause gehen. Nun, Vergesellschaftung zielt darauf, diesen ›Rest‹ zu vernichten und die Beute den großen Akteuren in die Hände zu spielen – von der Wirtschaft über die Medizin bis zur Psychiatrie und ihren leichteren therapeutischen Schwestern. Dazu bedarf es des Gesetzgebers und des Schwarms von Behörden, die umsetzen, was an der Zeit ist. Sie spielen den entscheidenden Part. Der formalen Gleichstellung der Geschlechter folgt, Jahrzehnt um Jahrzehnt, ihre informelle Ungleichstellung durch ›gezielte‹ Nachbesserung des Erreichten: ein Fass ohne Boden, eine Baustelle ohne Ende, eine nach oben offene Aufgabe, ein Beben, das niemals zur Ruhe kommt. Nichts davon bringt die Geschlechter der Gleichheit näher. Man kann auch nicht sagen, dass es sie voneinander entfernt. Nur die reale Ungleichheit setzt sich durch, auf jeder Stufe, auf jedem ›Stand‹, mit allen verfügbaren Mitteln, den neuesten wie den ältesten. Hier liegt das Ärgernis und mancher reißt sich lieber das Auge aus, als dass er zu dem stünde, was er sieht. Fazit: Wer den ἄνθρωπος abschafft oder seine Abschaffung simuliert oder den virtualiter abgeschafften anhand simulierter oder simulierender Forschungsergebnisse im Wochentakt ad absurdum führt, riskiert... seine laufende Wiedergeburt, mit allen Folgen und Folgefolgen, den rüden wie den subtilen. Was wären wir ohne die Folgen! Wer wären wir ohne die Folgen! Im besten Fall bekommen die Verfolgungsbehörden zu tun, im schlechtesten sind selbst ihnen die Hände gebunden und irgendwo tickt jemand aus. »Währenddessen nehmen die Menschen sich, was ihnen brauchbar erscheint. Das Mobiltelefon zum Beispiel und die Religion sind die gegenwärtigen Mittel der Frauen, sich im Dschungel der Gleichheiten zu bewegen, ohne sich ihnen auszuliefern. Entsprechend argwöhnisch werden sie beäugt.« Es gibt andere, subtilere, vielleicht mächtigere, aber zu diesen hier haben alle Zugang, sie sind barrierefrei: ›basic‹.

GLEICHMUT

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»Gleicher Mut für gleiches Entgelt!« Wer nicht einsieht, dass diese Forderung nur gerecht ist, der hat das Wesen der Gerechtigkeit nicht verstanden, für den bleibt Unwesen, was die Parteien treiben, vor allem die Partei der Gerechtigkeit, die für sich recht zu haben beansprucht, weil alles andere ungerecht wäre. Habe Mut! Das Zitat geht noch weiter, doch die Partei kennt es nicht, sie will es nicht kennen, sie ignoriert seine Kenntnis wissentlich. Es wurden schon Mitglieder exhumiert und aus der Partei geworfen, die es vor Zeiten den Genossen zur Kenntnis bringen wollten, denn es ist die Parole aller, die das Denken noch nicht verlernt haben. »Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen!« – und flutsch! wieder ein Parteimitglied weniger. Mit Gleichmut geben, mit Gleichmut nehmen, vor allem das kleine Entgelt für die Portokasse – das ist die Parole aller Parteien, die im Verstand die Wurzel allen Übels verorten, solange nicht irgendeine Zentrale ihn steuert. Dann natürlich wendet sich das Blatt und ein Verstand tritt hervor, besessen bis zum Abwinken, bis zur kollektiven Besessenheit, denn besser als ein gehabter wirkt ein besessener Verstand allemal. Stimmt die Zuwendung, stimmt der Mut: Wer die Welt ändern will, der braucht Geldgeber, damit am Ende die Richtung stimmt. Sie muss doch stimmen, die Richtung, oder? »Die Richtung stimmt«, sagt der Genosse Kassenwart, wenn die Kasse stimmt, er sagt es mit Nachdruck, als Champion aller Klassen kennt er die Alternativen und taxiert sie kühl.

GLOTZÄSTHETEN

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Glotzästheten nennen wir jene Bewunderer des Ausgefallenen (oder dessen, was sie dafür halten), die den Objekten ihrer Leidenschaft mit dem Ausdruck ›Wow!‹ auf den Lippen gegenübertreten, um dann zu verstummen. Man könnte sie die fleischgewordene Weigerung nennen, ein Urteil – und gar ein ästhetisches! – zu fällen. Doch damit hätte man dem Glotzästhetentum bereits ganze Zweige der sogenannten Wissenschaften von der Kultur zugerechnet, Kunst und Literatur inbegriffen. Warum auch nicht? Wo der Sehbefehl des Marktes oder der Ideologiewächter endet, sehen sie nichts – sie sehen nichts, sie hören nichts und ihre himmlische Landesmutter ernährt sie doch.

GLÜCKSFEE

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Nicht über meine Leiche, sagt die Glücksfee, sie meint ›Nur über meine Leiche‹ und drückt sich etwas merkwürdig aus. Andererseits: die Leiche der Glücksfee – was soll das sein? Vielleicht ist es ja ein Glück, dass sich in diesen Regionen niemand zu Hause fühlt. Wenn einem die Glücksfee selbst den Weg versperrt, dann sollte man sich nicht zimperlich zeigen und ihr die Rechtsprachlichkeit erlassen. Das Glück der Wörter findet sich ohnehin anderswo.

GNOSIS

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Du kannst den Gedanken an eine persönliche Vorsehung kalkulieren, du kannst ihn ablehnen, aber verhindern kannst du ihn nicht. Wie immer du es anfängst, wie immer in dem Geduldspiel du die Begriffe legst: sobald du es unternimmst, diese Sache, die dich verfolgt, irgendwie a-persönlich zu denken, beginnt die Seinsschwafelei, die dich nicht befriedigt. Sie kann dich nicht befriedigen. Das erfingerte Nichts ist immer zu bunt – zu bunt und zu eintönig, um die Phantasie und das Denken für längere Zeit ruhigzustellen. Wie das? Schließlich nistet die Vorsehung im unruhigen Denken, in der Unruhe selbst, die nur aus Verlegenheit vorwärts will, sie würde genauso gern seitwärts ausbrechen und es gelingt ihr oft genug. Natürlich lässt der Gedanke, das Vorgesehene sei auf dem Weg, die Neugierde sinken, er ist, alles in allem, ein beruhigender Gedanke, der auf der Stelle Metastasen treibt. Diese Nebengedanken sind lästig, aber auch interessant, sie locken das Denken auf Abwege und es bedarf schon des Hirten, um sie zurückzutreiben, des guten Hirten... Hier stockt die Rede, wie abwesend geht sie zurück in den Kreis des Gebimmels, das vorwärts zieht, in die Ruhe der Leiber, die ihr Schicksal miteinander teilen. Kaum sind wir autonom, erinnert unser Körper an fatale Abhängigkeiten und vor allem ans Ende, vor allem und jedem ans Ende, an jene Ruhe, auf welche das Denken zueilt und vor der es erschrickt, mit welchem Vokabular auch immer. Ja, auch das Denken selbst kann erschrecken, nicht nur das Tier oder das liebe Gemüt. Sicherlich hat es dafür seine Gründe, doch man erschrickt nicht aus Gründen, auch das Denken erschrickt nicht aus Gründen, eher aus Abgründen, aber das ist bloß Wortspielerei. Es schreckt zurück und man kann nicht wissen, ob es ein Gedanke ist, vor dem es zurückschreckt, oder ein Nichtgedanke, eine Lücke im Netz des Denkbaren. Solche Lücken gibt es ganz ohne Zweifel, Denken bedarf der Bahnungen und wir können nicht wissen, ob dort, wo heute die Lücke sich auftut, morgen eine Rennstrecke liegt. Wir können es nicht wissen, aber etwas in uns sagt, dass dies ein infinitesimaler Prozess ist und die Lücke nach innen immer Raum hat.
Wenn das Denken erschrickt, gibt es keinen Ausweg, keine Therapie, keinen Auslauf. Die unerreichbare, stetig drohende Denkruhe ist etwas Seltsames und es sieht aus, als sei so etwas wie die sprachanalytische Philosophie eigens erfunden worden, um es zu bedecken, jedenfalls gibt sie dem Denken zu tun wie einem Hund, den man apportieren lässt. Dieses Erschrecken trägt einen altertümlichen Namen: Gnosis. G. heißt Wissen, das weiß jeder, es ist sozusagen der Anfang des Wissens, hinter den es kein Zurück gibt in die sokratische Attitüde. Doch, ich weiß, ich weiß mancherlei, und es ist Unsinn zu behaupten, es bedürfe einer Methode, um wirklich zu wissen – gerade diese Behauptung liegt vollkommen außerhalb jeden Wissens, sie ist naiv. Im Wissen weicht der Weltsinn vor der Brandung zurück und flüchtet sich in Hieroglyphen, z. B. die der Wissenschaft, aber es gibt auch andere. Es gibt immer andere und es ist immer Wissenschaft, sobald und solange es angesagt, solange es an der Reihe ist. Leichtgläubige pflegen über Leichtgläubige zu lachen, Ungläubige über Ungläubige. Nicht der Glaube, der Unglaube enthält das Wissen, er enthält auch den Glauben, er ist das Umfassende, aus dem das andere hervortreibt. Deshalb nennen sie den gläubigen Menschen einen Wiedergeborenen, anderenfalls einen Naiven. Naiv sein heißt, den Akt des Glaubens nicht zu kennen, von dem der Gläubige weiß. Dieses Wissen, diese Gnosis ist nie von dieser Welt, sie ist immer schon ›jenseits‹ und hat den naiven Glauben preisgegeben, man könne weltgläubig wissen. Sie weiß es besser.
Abwehrzauber, in vollendeter Putzigkeit auf Kathedralen montiert: Dämonen, Engel, Schnellfeuerwaffen des Lächelns, auf einen Wink hin imstande, ganze Landstriche mit Tod und Verderben zu überziehen. Gnosis ist das Unterfangen, die Existenz ins Denken zurück zu verlegen. Denken will Lösungen. Und so lautet die Lösung, vor der allen graut: Gnosis. Nehmen wir den extramundanen Gott – er lässt sich nicht anders als unpersönlich denken, gerade in dem Maß, in dem er außerhalb steht. Und das ist die Wahrheit: Er lässt sich denken – so wie man sagt: er lässt grüßen. Nenne ihn Prinzip und das Denken beginnt wieder zu gleiten. Mit Prinzipien kennt es sich aus, mit ihnen kann es umgehen, es bedarf ihrer zu jeder Stunde. Prinzipien sorgen dafür, dass sich die Kammern mit Welterkenntnis füllen, mit Mundanität, also mit dem, worin jener Gott nicht ist. Er steht also außerhalb wie der Pflock, um den ein Hund seine Kreise zieht, bis der Spielraum, den die Leine gibt, aufgebraucht ist. Es war ein kesser Spruch, zu behaupten, er sei tot, aber ein kesserer, er sei lebendig, denn wenn sich das Leben nach ihm verzehrt, dann wäre sein Begehren nach sich so groß, dass es ihn erdrückte. Leben will leben, aber es will auch tot sein, es will den Tod denken, es will ihn fühlen, es will ihn antizipieren, es will den Tod im Leben und es will das Leben im Tod. Das ist banal, aber nicht trivial, es ist das offenbare Geheimnis, vor dem allen graut. Graut ihnen vor Gott? Das ist eine dumme Redensart, es graut ihnen vor nichts, außer davor, dass es immer weiter geht, dass jede Erfahrung bis in ihren letzten Winkel aufgebraucht wird und dass dieser Prozess approximativ ist – nie das Letzte erreichend, aber jeden Halt übersteigend. Es graut ihnen auch vor dem, was sie hinter sich haben. Niemand, der seine Sinne und seinen Verstand beisammen hat, möchte zurück. Ist das die Welt? Ist das die Flucht? Und wie nennen wir die Stimme dessen, der von ›Verweltung‹ aller Begriffe schwätzt?

GOEBBELSSCHOCK

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Die deutsche Literatur hat den Goebbelsschock nie überwunden, sie ist staatsaffin geblieben noch in ihren scheinbar staatsfernsten Äußerungen, selbst bis in die vorgeschriebenen Lebensläufe hinein, nur dass dieser Umstand von allen Seiten sorgfältig verborgen wird, denn ihr ›Image‹ besteht darin, unbestechlich und vor allem unbeirrbar zu sein, es sei denn, die Zeitläufe selbst verlangen die notwendigen Korrekturen. Und gewiss, sie verlangen sie. So hat die sogenannte ›Flüchtlingskrise‹ im Buch literarischer Botmäßigkeit ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen: ›Migrantenliteratur‹, bis dato ein Genre unter anderem, unter ferner liefen, um genau zu sein, wurde augenblicklich Pflicht und jeder Schreibfinger, der weiterkommen und seine Miete bezahlen möchte, besitzt neuerdings einen religiös getupften Wanderungshintergrund, der sich gewaschen hat. Davor benötigte, wer ›reüssieren‹ wollte, die richtige Biographie Ost (oder die falsche, auch daran ließ sich ›lernen‹), davor das antifaschistische Elternhaus, das sich nicht selten als das faschistische erwies, aber es ging auch andersherum. Eine Ehrensache für alles, was bereits länger in diesem seltsamen Lande lebt und schreibt, waren und sind, jedenfalls im Westteil, die ’68er Anfänge – ohne sie ging lange Zeit gar nichts. Noch immer sitzen ihre Opfer – denn es handelt sich um Opfer, wirkliche Opfer einer biographischen Notwendigkeit – in endlosen Gesprächsrunden herum und verbreiten ihre seit jenen glorreichen Jahren gewonnenen Erkenntnisse. Leider haben sich nach und nach die Sachbuchautoren und schließlich der eitlere Teil der Professorenschaft aus den zeitgeistbewegten Fächern zwischen sie und das belehrungssüchtige Publikum gedrängt, so dass ihr Anteil am öffentlichen Gerede stark abgesunken ist; böse Zungen behaupten sogar, es tendiere gegen Null und das sei gut so, da sie ohnehin nichts zu sagen hätten. Was so einfach nicht stimmt. Sie hätten noch viel zu sagen, aber der Buchmarkt lässt es nicht zu und die Germanistik, die gute, interessiert sich, seit sie den Eigenwert von Symbolisierungsprozessen für sich entdeckt hat, für alles andere, nur nicht für sie. Was sie ›Gegenwartsliteratur‹ nennt, entnimmt sie, wie einst die Feuilletonschreiber, den im Netz aushängenden Waschzetteln der Verlage und jagt es durch die eigenen Verwertungsmaschinen wie Geologen irgendwelche Gesteinsproben, nur die Goldsuche ist ihr fremd. Staatstragend sind auch ihre Themen – bis in die Intimbereiche hinein, nur dass nicht sie den Staat tragen, sondern er sie, zumindest erträgt er die Ausgaben, die sie verursacht, leichter, seit er sie über die Vergabe von Drittmitteln kontrolliert. Ansonsten gilt die Devise: Listen führen, Listen abgleichen, Listen weiterführen … das entfernt sich weit von der List der Vernunft, aber es sorgt für ordentliche Gehälter und das ist gut so.

GOOGLEHOOPF

G
Der G., auch Suchmaschine genannt, ein enger Verwandter des Pfaus, weniger lethargisch allerdings, doch ebenso schillernd: eine Augenweide für alle, die’s bunt mögen und nicht kopfscheu werden, wenn tausend Augen auf sie zurückblicken, wobei ›tausend‹ eine wegen ihres Gemütswertes gegriffene Zahl ist, denn die wahre Blickzahl kennt keiner. Das ist auch nicht nötig, denn das Gefieder des G. entschädigt für alle Unbill. Welche Anmut in der Bewegung! Welch klug gezügelte Kraft! Welch redliche Weise, dem Dasein zu dienen! Dienst am Dasein – so ließe sich bezeichnen, was alle Welt G. nennt, als Zeichen der Vertrautheit, aus Freude am reinen Dasein, denn wer sich da nicht findet, der hat Grund, an dem seinen zu zweifeln. ›Gelöscht‹ ist eine Merkform des Abhandenseins, die sich dem sozialen Tod an die Seite stellt und ihn in mancher Hinsicht übertrifft, weil sie umfassender informiert. Sie kommt gleich nach der Kreuzigung, als Bauernopfer der Erlösung, die immerwährende Anwesenheit verspricht. Manche G.-Freunde verlangen selbst danach, gelöscht zu werden, ihr Durst danach, nicht erlöst zu werden, hat sich des Verlangens nach Erlösung bemächtigt und gibt es nicht wieder her. Solche Formen der Geiselhaft sind dem Soziologen kostbar, sie rechtfertigen es, dass er sich unter die Religionswissenschaftler rechnet und den Tag mit Kreuzworträtseln verbringt. Erlösung durch Nichterlösung zählt zu den Geheimwaffen autoritärer Regime. Welches wäre autoritärer als das des Egalitärs aller Inhalte? Eines fernen Tages – der vielleicht näher ist als erwartet, obwohl die Erwartung ihn schon tausendmal antizipiert hat – wird auch G. gelöscht sein, verschwunden das Gefieder, verschwunden der Ort seines Erscheinens, verschwunden die Fülle des Daseins, die sich durch diesen Kanal zwängte. Das wird der Tag einer anbrechenden Hoffnung sein: Warten auf G.

GOTTESGEN

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Die Frage, ob Gott existiert, ist bei weitem nicht so brisant, wie immer behauptet wird. Näher besehen, verschwindet sie in den Weiten des Universums, des existierenden wie des inexistenten. Wer mit inexistenten Universen rechnet, der rechnet mit allem, außer mit Gott. Mit Gott rechnen, das wäre so, als rechnete man mit allem. Mit allem rechnen heißt bekanntlich mit nichts zu rechnen, es darauf ankommen zu lassen, sich ins Ganze zu stellen. Mit Gott rechnet man nicht, mit Gott rechtet man. Was das heißt? Jeder Mensch feilscht um seine Rechte, vor allen anderen um das Recht, da zu sein, so zu sein, wie man ist, so angenommen zu sein, wie man ist. Dass dafür Gott zuständig ist, steht außer Frage, er tritt aus dem Feilschen hervor wie die Figur aus dem Schatten, den sonst keiner würfe, er ist aber schon geworfen. Der Mensch ist das Tier, das Gott hat. Eines Tages wird einer das Gottesgen finden, daran besteht kein Zweifel, kein vernünftiger jedenfalls, man findet für alles Gene, peu à peu, da mögen die Genleugner schreien, wie sie wollen. Überhaupt ist Schreien das einzige, was sie können, sie müssen übertönen, was doch, als Hauch, in der Welt ist. Das Geschrei zum Beispiel, dass Gott tot sei, rechtet damit, dass Gott lebt: einer schreit Er oder ich und schon ist es geschehen. Was ist geschehen? Das Wunder der Parodie. Niemand weiß, ob Gott lebt: Leben, Tod, was sind das für Zustände, wenn das Ganze zurücktritt? Ein echter Gottesleugner geht anders vor, er streut Ursachen, wo naive Gemüter Wirkungen sehen, und stellt die eine Ursache in Frage, weil er sie nicht braucht. Er verlegt Gott in die Fläche, weil er ihn für die Ursache hält, die große Ursache, die jeder Relativierung standhält. Hätte er sie im Sack, er wäre der Größte und der Wissenschaftsbetrieb umtanzte ihn wie das Goldene Kalb. Einer sagt: »Ich kann nicht glauben« und glaubt, was er sagt – auch eine Glaubensformel und nicht die schlechteste. Wer kann schon glauben? Können und Glauben schließen einander aus, geglaubt wird dort, wo das Können nicht hinreicht, es wartet nicht auf Erlaubnis, wenn alles Pulver verschossen ist, es ist schon am Ziel.

GOTTESHELDEN

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Dass der generationenprägende Satz »Gott ist tot« ein Zauberspruch war (und ›durchaus‹ so gemeint): wer wollte das bestreiten? Der Tod Gottes als ›epochales Ereignis‹ fällt ins Zeitalter der Massensuggestionen, manche sagen: der Massenhysterie, in eine Zeit technologiebefeuerter Überbietungen früherer Schauspiele auf diesem blutigen Sektor. Mit ihr sinkt er zurück in die Kulturgeschichte Europas. Denn soviel ist sicher: außerhalb dieses begrenzten Areals hat er niemals stattgefunden. Der alltägliche Atheismus der Leute beinhaltet wenig mehr als die Gottlosigkeit vergangener Zeiten – ein wenig Trotz, ein wenig Auflehnung, ein wenig Widerspruchsgeist und ein wenig Unglaube, hier und da unterfüttert mit den verjährten Banalitäten des ›wissenschaftlichen Weltbildes‹, allenfalls ein tentatives Moment, das sich dem Zuschauer-Dasein verdankt: Gotteshelden, negativ oder positiv, behalten immer etwas Pittoreskes, ihre Kämpfe bleiben Turniere, selbst wo sie schauderhaft entgleisen.

GOVERNANCE

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Das Rattenexperiment »Gesellschaft« nähert sich seinem kritischen Punkt, sobald die Empfindung der Leute, übertölpelt (›verarscht‹) zu werden, das Gefühl, durch Anreize verwöhnt zu werden und sich gern verwöhnen zu lassen, zu überwiegen beginnt. Wenn die großen Anreize ›geschaffen‹, das heißt vergeben sind, kommen die kleinen dran, nach den kleinen die speziellen, deren Nutzen der auserkorene Nutznießer schon mit der Lupe suchen muss, nach den speziellen die ganz speziellen, also diejenigen, die wieder abzuschaffen, sobald sie die Macht dazu hat, die Opposition bereits bei der Einführung versprochen hat. ›Aufwertung durch Polarisierung‹ heißt dieses Spiel, doch natürlich gelangt der Hauptzweck der Polarisierung erst darin zum Vorschein, dass sich durch sie systematisch Gefahren verdecken lassen, die vielleicht nur statistischer Natur, vielleicht auch bereits im Anmarsch sind und sich keineswegs nur auf Nullsummenspiele beschränken. Eine Gesellschaft, auf deren Stabilität siebzig oder neunzig Prozent der Befragten keinen Pfifferling geben, ist keine Gesellschaft, sondern ein Verein zur Erwartung der verdienten Strafe für unverdientes Nichtstun – unverdient deshalb, weil nach wie vor Leute an seiner Spitze stehen, die es sich als Verdienst anrechnen, ›Zukunftssicherung‹ zu betreiben, und zwar mit eben jenen Finessen, die oben beschrieben wurden. Das Nichtstun steht immer zwischen den Zeilen des Verdienstes, es hadert mit denen oben wie unten zu gleichen Teilen und ist bereits Teil der passiven Maßnahmen, die ergriffen werden, um sich nicht vor der Zeit verdummen zu lassen von dem, was kommen wird.

GRABBEAU

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Père Grabbeau war kein hübscher Mann, er besaß nur ein menschliches Ohr, das andere war ihm in Folge eines verbrecherischen Konzertes abhanden gekommen. Seine Gestalt, ein wenig vorbestimmt durch Gedichte von Trauerweiden, bot den Ausdruck pflanzlicher Weisheit. So lag er denn oft gekrümmt und in grauer Farbe an Bächen. Seine Sprache war leicht wie Aluminium, seine Worte wie Tiegel und Pfannen, die man in China Hui oder Phui nennt, je nachdem sie benutzt oder gesäubert wurden.
Sein Herz aber war so zäh wie Leder, denn das Leben liebte er nicht, noch die Notdurft, noch die Sünde, noch das Leben der Tiere, wie es heute geliebt wird, und sogar Sonne und Mond waren ihm beide vollkommen gleich, denn gesunde und große Sinnestäuschungen waren ihm angeboren von Jugend auf.
Das durch den spirituellen Archäologen Homomaris von Lichtel entdeckte Grabmal des Demiurgen hat er übrigens niemals besucht, obwohl er es gekonnt hätte, denn er wusste vom großen Murx dieser Welt durch Wahlverwandtschaft. Der gescheiterten Macht, so nannte er seinen Großonkel mütterlicherseits, nahm er die berühmten acht Tage nicht weiter übel. »Wer weiß«, pflegte er bei theologischen Intimitäten zu sagen, »wie dieser mindestens so wie ich zur Hälfte gehörlose Gott eine solche Kritik verstehen soll. Auch ist er vermutlich tot, und über Tote nur Gutes.« Grabbeau wußte damals noch nichts vom Aufenthalt eines gleich Barbarossa aufs tiefste verdeutschten Gottes, in einer gemalten Villa hoch im Albanergebirge. Ein Werk Hans von Marées’. - PM

GRAB-BEAU

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»Greif dir das Schöne« – eine Aufforderung, nicht ohne Hintersinn, wo wäre das Schöne zu greifen oder nur greifbar? Wo es doch das Ungreifbare schlechthin... Wenn man doch, wie einst Dürer, es herausreißen könnte, dann wäre man sicher weiter. So reißt einer, immerhin, das Blatt aus dem Notizbuch, knüllt es zusammen und überantwortet es dem Papierkorb oder dem Fegefeuer, in der irrigen – oder nur irren – Hoffnung, damit einen Prozess der Läuterung in Gang zu setzen, an dessen Ende... was? In diesem Prozess ist das Schöne stets weiter, es spiegelt ihn und verdoppelt damit den Abstand, der es von seinem Verfolger trennt. (Die Metapher des Spiegels, ausdeutbar ohne Ende wie das Meer oder die Bewegung des Deutens, ist viel zu ehrwürdig, als dass man sie dem Begriffspurismus opfern dürfte.) Nur im Stillstand verschwindet es ganz von selbst. Es ist seine einzige autonome Tat. Unglückseligerweise findet sich immer jemand, der weiter will. Das ist ein alter Tick, ein Geburtsfehler der Gattung vielleicht, jedenfalls ein Fehler, daran lässt sich nichts ändern. So starrt einer auf einen Punkt an der Wand und gewahrt eine Passage, schon keine Überfahrt mehr, sondern eine Folge... von Wörtern auf einem Bildschirm, blau unterlegt. Das, immerhin, ist Reminiszenz. Wo gleitet sie hin? Ins Remis? In die  Remittentensammlung? Das wäre doch was, in diesem Halbdunkel lässt es sich aushalten. Das Schöne, jawohl, es hat einen Riss, ein geknicktes Blatt, eine verdruckte Seite, eine falsche Bindung. Etwas wirkt immer verkehrt an ihm, nicht verdreht (auch das kommt vor, aber seltener). Das Schöne als Remittent, von unbekannter Hand zurückgegeben, mit der Bitte, den Kaufpreis erstattet zu bekommen, vielleicht auch in einem Anfall von Generosität an Leute gespendet, denen damit geholfen ist – eine Vorstellung, die ›Hoffnung macht‹, auch wenn sich kein geeigneter Abnehmer findet, nur der eine oder andere Liebhaber des Absonderlichen, der still den Staub von der Kante wischt und es wieder zurückstellt, denn höflich, wie er ist, möchte er keinem Bedürftigen etwas vorenthalten.

GRAD, ZWEITER

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Aufgabe: die Luhmannianer beobachten: immer, überall – wie sie sich bewegen, sich darstellen, sich behaupten, sich in Sicherheit wiegen: das Arsenal der Griffe. Die Reduktion auf vier oder fünf Grundbegriffe und die Zufriedenheit, die sie bei der Menge derjenigen erzeugt, die den Widerstand des Denkens nicht empfinden. Begriffe als Waffen. Waffengleichheit. Waffenungleichheit. Was daraus entsteht? Warum beobachtet man Sekten? Man sieht zu, wie sie Positionen einnehmen, wie sie auf Positionen drängen, sich vernetzen usw., man sieht ihr Machtstreben und will ihm rechtzeitig einen Riegel vorschieben. Andererseits erregt der Angriff einer Gruppierung, die sich im Wissen wähnt, Interesse: Man will den Barbarenzug sehen, man will sehen, wie er sich totläuft. Als Filme noch ›Streifen‹ hießen, ließ sich das einfacher benennen: Man will den Streifen sehen, den Streifen Wirklichkeit, wie er sich zwischen Jalousien abzeichnet.

GRAL

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Wo je die Sonne zu einer bedeutenden Wirkung gelangt ist, mussten die Menschen einen Gral vermuten, denn Sonne und Gral sind enge Verbündete, gleichsam Feuer und Kochtopf, aber natürlich auch Stätten des Blutes, das in animalibus abstractis, durch Hitze vergoldet, seinen Herrscher am Himmel preist.
Nicht nur ist das Kochen der Materie die erste gewaltsame und sonnenhafte Leistung der Kunst gegenüber der rohen Natur, auch der Topf, das Gefäß zur Sammlung künstlich vermischter Naturalien, diente zugleich dem großen Opus der Freiheit vom Grasfressen und dem rohen Zerreißen der wilden Tiere. Auf diesen Wegen bis hinauf zu den ersten Symbolen gilt die Sonne als glühender Topf für Opfer, Speise und Blut. Man kann beide Funktionen auch trennen, wenn in Zurückführung ihrer Aufgaben sowohl die Sonne als Topf, als auch ihr glühendes Gold als Blut begriffen wird. Insofern empfand sich schließlich der aufrecht wandernde Mensch als Untertan einer göttlichen Sonne, und zu Zeiten der Unkenntnis oder Gleichgültigkeit gegen Oben und Unten, sogar als Sonnennachbar, wie dies die Stämme der Ostraloiden unter dem Wendekreis des Steinbocks behaupten, weil sie ohne Kenntnis des Zollstocks Entfernungen eben nicht als messbar begreifen können. Über ihnen steht die Sonne unmessbar weit oder ebenso unmesssbar nahe. Die Dogmen von Links und Rechts, von Oben und Unten sind überhaupt durch Zurufe, als Maßeinheiten, nicht zu entdecken gewesen, man denke dabei noch an Täuschungen durch das Echo. Erst Augensprünge und aufgestellte Stäbe am Horizont machen bis heute Entfernungen messbar. Das Auge sei überhaupt die Wurzel des festgelegten Besitztums, schreibt Ultimus Spezis, der erste Verfasser ländlicher Sinnesmessungen. In Norwegen sagt man sogar bei falschen Eintragungen ins Grundbuch sehr treffend, »du hast wohl zu lange Augen« oder »dein Stab war wohl länger als der von Herrn X.«
In den Zeiten der Ritterschaft, ihrer Kämpfe und Opfer, überwölbte der Himmel bereits die neue Natur und mit ihr das Blut. Und der Speer mag hier und da auch der erste Zollstock geraubten Besitzes gewesen sein. Viele einfache Gegenstände hatten sich vom göttergeschenkten Nutzen zum Menschengeist absentiert, der Löffel, ein Geschenk der Hera, ward so zum Schwert, die Gefäße der Venus mutierten zu Helmen und schließlich sogar zu steinernen Kathedralen, denn jeder Altar war letztenendes auch einmal ein heiliger Ofen. Die Sonne aber wurde auf diese Weise als Gral vergessen, weil sie und mit ihr der Gral, nunmehr als Wahrheiten unseres eigenen Geistes gesucht, niemals zu finden sind. Man kann sogar sagen, hierin bestünde das Opfer der menschlichen Vergeistigung höherer Welten, hin zur Ratio einer erfolglosen Metaphysik. - PM

GRAMMATIK

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Was bedeutet es, in der Grammatik der eigenen Sprache nicht ›firm‹ zu sein? Offenkundig etwas anderes als ›nicht zu Hause zu sein in der gedeuteten Welt‹. In der Grammatik liegt die Welt nicht gedeutet vor, sie ist deutungsoffen. Jenseits der Grammatik, d.h. eigentlich diesseits, denn es gibt kein sprachliches Jenseits der Grammatik, es sei denn, man nimmt die pure Logik des Denkens dafür, soweit sie sich in sprachlich neutralen Ausdrücken präsentieren lässt, – diesseits der Grammatik, so hoffen viele, schließt sich die gedeutete Welt wie eine Wunde. Es verschließt sich aber nur der Zugang zu ihr. Was übrigbleibt, ist die Trübheit des Meinens, das weder seine Herkunft kennt noch sein Schicksal, die Dissimulation. Wer es auflösen will, hat es gegen sich. Das wäre dann auch die kürzeste Definition aller Rechthaberei mit Wörtern.

GRANDHOTEL ABGRUND

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Ab heute ist das Grandhotel Abgrund wieder bewohnt. Es hat einige Besitzrangeleien gegeben, die rechtzeitig beigelegt werden konnten, soweit sie nicht grundsätzlicher Natur sind und der Bearbeitung durch künftige Gerichte harren, doch die streitenden Parteien haben das Interesse an dem Fall soweit verloren, dass sie die Eröffnung nicht länger blockieren. Das Haus selbst ist, sagen wir es offen, verwahrlost, es bedarf einiger Anstrengungen, um es an die gestiegenen Bedürfnisse anzupassen, doch manche Kundenwünsche haben sich auch, wie man sagt, abgeschliffen und andere sind einfach vergangen. Schon das Wort ›Kundschaft‹ hat seinen Klang vollkommen verändert und mancher ist heute willkommen, der damals bereits auf der Schwelle von Fremdheitsempfindungen heimgesucht und zur Umkehr bewogen worden wäre. Insgesamt ist die Klientel vermutlich geschrumpft, was dem Service keinen Abbruch tut, im Gegenteil. Aber was heißt schon Klientel, wenn man gerade einmal dabei ist, die Spinnweben zu entfernen und den Garten wieder begehbar zu machen? Überhaupt steht das Begehbarmachen heute im Vordergrund. Die Leitung des Hauses überlegt, ob sie nicht Seminare zum Thema anbieten lassen soll. Es wäre eine hübsche Einnahmequelle.

GRASS

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Der Aufschneider hat in Deutschland eine lange Tradition, er trägt das Messer im Sack und träumt von der Nacht der langen Messer. Meist hat er sich daher geschnitten, ohne dass er es merkt. Blutet der Finger, so hebt er ihn hoch und sagt: »Seht!« Gewöhnlich haben es alle gesehen und zwinkern verständnisvoll, als wollten sie andeuten, dass Danzig zwar längst verloren ist, aber weiterhin Spaß macht. Das Volk liebt seine Aufschneider, nur sein täglich Brot schneidet es gern selbst.

GRASTEUFEL

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Die wilden Kriegsnamen, wie Bandenführer sie lieben, klingen nach Donnergrollen oder sollen es doch. Der Schrecken, den sie aufbauen, wächst mit dem Maß der Entfernung zum Schauplatz. Im Zentrum des Geschehens, dort, wo sie am meisten wirken müssten, ist von ihnen nur mit einem Lächeln die Rede, als wisse man darüber Bescheid. Bekanntlich brauchen Bescheidwissen und Wildheit einander nicht. Bei reinen Tarnnamen allerdings liegen die Dinge anders. In diesem Milieu sind Nennen und Verschweigen eins und das Bescheidwissen übt sich in stolzer Bescheidenheit. Überhaupt der Stolz! Wer die Tarnung verlässt, ohne sie aufzugeben, tut dies im Namen des Stolzes, so, als sei dieser eine fremde Größe, der man von Zeit zu Zeit zu huldigen habe. Einer, der sich Grasteufel nennt, ist dazu bestimmt, als Armee wiedergeboren zu werden. Eine Armee von Grasteufeln mag ins Gras beißen, wo und wann sie will, aber auch sie ist dazu bestimmt wiederzukehren: Mit dem Schrei Yes we can stürzt sie sich über die Klippen und endet im Marmor, der gestern aus Zeitungspapier und heute aus Daten geschlagen wird, je mehr desto besser.

GREISENGIFT

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Ich kenne da einen Fall, so A., in dem ein Kritiker, fast schon im Jenseits, noch einmal zurückkommt und einem Filmemacher, den er vor fast zwanzig Jahren vernichtet hat, die Hoffnung auf ein Comeback zerschlägt, einfach so, aus einer Greisen-Halsstarrigkeit heraus, die sich nicht die geringste Mühe macht zu erkunden, worum es diesmal überhaupt geht. Ich habe mich gefragt, warum solche Dinge geschehen, und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass erst der zweite Schlag an den Tag bringt, worum es beim ersten Mal ging. Denn damals, beim ersten Mal, als noch beide Seiten im Rennen waren, gab es Gründe genug, sich zu verstellen, auch erzeugt jede Art von Beschäftigung, und sei sie noch so rudimentär, einen Schein von Objektivität. Jetzt, beim zweiten Mal, agiert die Erinnerung, aber blind und vor allem grundlos, es sei denn, man nimmt den alten Hass als Grund ernst und lernt ihn dadurch kennen. In seinem Fall ist es der des gewendeten Hitlerjungen auf einen, der es von Haus aus nicht nötig hatte, sich zu verdrehen, des Quirls auf den Kochlöffel, wenn Sie so wollen. Also hängt er ihm an, wovon er sich selbst nie so recht befreien konnte. Was eine Zeit lang Kritik hieß, stammt in den meisten Fällen aus Quellen wie dieser – unbrauchbar, ärgerlich und streckenweise verstörend. Gerade das wollten er und seinesgleichen sein: verstörend, sie wären jedem um den Hals gefallen, der es ihnen attestiert hätte. Verstört, wie sie waren, konnten sie nur ihresgleichen gelten lassen, es sei denn, eine patentierte Ideologie verlangte gebieterisch Durchgangsrechte oder etwa ein Popstar geruhte gnädigst, sie nicht zu bemerken, während er die Wogen der Aufmerksamkeit teilte. Nein, Jungs, das war nichts, damals nicht und in der Reprise erst recht nicht.

GRENZE

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Die Grenzen der Kunst verlieren sich im Unendlichen. Gefehlt: die Grenze der Kunst liegt im Hier und Heute. Hic Rhodus, hic salta. Das Hick und Hack bildet ein Heute von unerhörter Gewalt, in dem die Schaumkrone des Erschauten, Erhörten und Erlesenen sich immerfort aus den verwachsenen Untiefen des Unerschauten, Unerhörten und Ungelesenen erneuert. Die Selektion ist gütig, denn sie trennt das Gute vom Unguten. Die Selektion ist grenzenlos, denn sie bezeichnet die Grenze. Sie ist nicht ohne Fehler, wie sie unter der Hand einräumt, aber sie ist das notwendige Jetzt. Als solches nimmt sie jede Gestalt an, um zu überleben. Sie ist das übergängige Heute, das sich ins Morgen ergießt wie ein Strom, bei dem niemand fragt, wieviel von ihm auf jedem Wegabschnitt, über den er sich wälzt, versickert. Es ist auch nicht wichtig, da alles, was versickert, an anderer Stelle zutage tritt und in Flüssen rauscht, die vielleicht dem gleichen Strom zufließen, der dann nicht mehr derselbe ist. Eine wässrige Metapher, könnte es einem scheinen, der trockenen Fußes hinüber will.

GRENZREGIME

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Die Politik der offenen Grenzen hat Grenzzäune in den Köpfen aufgerichtet, von denen man vorher nicht wusste, dass sie überhaupt existierten. Das offene Denken setzt Grenzen voraus, die sich nicht jedermann öffnen: die Regulation geschieht draußen, vor der eigenen Haustür, man kritisiert sie umso heftiger, je schärfer sie gehandhabt wird. Der Mensch ist eine Erfindung der Serenissimus-Welt, in die Eintritt fand, wer dem Souverän passte. Wer draußen blieb, der war ›Mensch‹: ein Lesebuch der Human-Natur. Der Kolonialismus erfand den Eingeborenen, ein Abfallprodukt des mobilen Bürgers, dem die Welt offenstand, sobald er eine Mission erfüllte. Das postkoloniale Menschenrecht dreht die Verhältnisse um: Bürger, denen die Welt weiterhin offensteht, sofern ihr Konto oder eine Spezialausbildung es hergibt, mutieren zu Eingeborenen, Staatsbürger, denen die Flucht einen Status verleiht, der so begehrt ist, dass er den nassen Tod aufwiegt, zu Weltbürgern. Wer gestern Mensch war, ist heute Flüchtling, wer heute Bürger ist, wird morgen Fremder im eigenen Land sein. Der Eingeborene, heißt das, bleibt der Fremde, immer und überall, er ist das Skandalon der Geschichte, ein Vorzeit-Relikt, dem das Niveau abgeht, auf dem man sich gegenwärtig bewegt. Wer diese Karte zieht, dem bleibt nur das bittere Lachen, ein kleiner Zynismus vielleicht und viel Gesinnung, die jeder beleidigen darf, der weiterzukommen wünscht. Die Erde ist eine Scheibe: darin besteht, wie immer, die Definition des Eingeborenen, der seine Mitte nicht aufgeben will. Wer darin Nationalismus wittert, hat die Nation nicht verstanden. Die Nation hebt den Eingeborenenstatus auf, immer und überall, doch nur in ihren eigenen Grenzen. Sie ist die erste Mobilisierung, der die zweite, grenzüberschreitende, überall auf dem Fuß folgt. Eine Politik der forcierten Grenzöffnung ›expropriiert‹ die Nation, sie schafft neue Klassen von Hörigen, denen die Obrigkeit vorschreibt, wie sie zu leben und zu denken haben. Wer die Definitionsmacht über die Grenzen verliert, innerhalb derer er zu leben gedenkt, hängt am Tropf eines Staates, den er ablehnt – innerlich, wie denn sonst. Wen wundert’s, wenn linke Systemkritik unverhofft mit dem Staat geht: er geht ihr nicht weit genug, aber die Richtung lässt man sich gefallen.

GREVENSCHIET

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nannten die Straßenkehrer der Revolution die letzten Ausscheidungen der Delinquenten, die auf der Place de Grève ihr Leben beendeten. Das Alter des Ausdrucks ist schwer zu bestimmen. Was die Substanz oder Materie angeht, auf die er verweist, so bleibt festzuhalten, dass darüber die unterschiedlichsten Ansichten bei den Klassikern umlaufen. Manche meinten, es handle sich dabei um die letzten auffindbaren Manifestationen von religiösem Bewusstsein, doch scheint diese Auffassung sich nicht gehalten zu haben. Andere tendierten dazu, in ihr den Ausdruck reiner Menschlichkeit zu vermuten, doch gilt das allgemein bis heute als ›zu polemisch‹. Den Anhängern der Irrelevanzthese, die sich vor allem im zwanzigsten Jahrhundert großer Beliebtheit erfreute, hielt Adamsen-Fritschalk (1987) vermutlich zu Recht entgegen, dass sie nicht genug in die Materie vertieft waren, um sich ein Urteil zu erlauben. Hier ein Ausriss aus seiner Geschichte der europäischen Säuberungen in der überarbeiteten Fassung von 1999: »Was immer die Hinterlassenschaft einer untergegangenen Epoche, einer untergegangenen Welt bedeutet, sie ist es wert, mit Leidenschaft erfasst und im Gedächtnis der Menschheit zu wirksamen Pulvern zerrieben zu werden. Diese Menschen haben uns nicht gekannt, wir sind ihnen nichts schuldig, aber sie schulden uns Auskunft. Auskunft darüber, was wir können dürfen, ohne uns ins Entsetzliche zu verlieren. Es wäre nicht schlecht, Riechlabors für den Geschichtsunterricht einzurichten, in denen die Schüler, nicht anders als im Fach Chemie, an den Folgen der von ihnen im Gruppenversuch erprobten Gesinnungen zu schnuppern resp. zu schnüffeln hätten. Für schwache Gemüter empföhle sich die Beimengung einer geringen Menge Alkohol.« Anzumerken bleibt, dass erste Versuche im Osten, das Konzept in Ansätzen zu realisieren, am erbitterten Widerstand der Bevölkerung scheiterten, die sich ihre Erinnerungen nicht nehmen lassen möchte. Über die notorische Gleichgültigkeit des Westens (»Was soll der Scheiß?«) erübrigt sich jede gesonderte Bemerkung.

GREXIT

G
Grexit* nennen wir eine mürbe, auf naive Gemüter schwammig wirkende Gesteins- und Denkungsart, die in gewissen Regionen des südlichen Europa anzutreffen ist. Eigentümlich ihre Fähigkeit, Vexierbilder im Betrachter zu erzeugen: was soeben zum Greifen nahe schien, entschwebt in die Ferne, was gerade noch fern lag, so dass es die Rede nicht lohnte, greift im nächsten Moment hart und scharfkantig nach Haut und Klamotten – kein Zuckerschlecken also für notorische Wanderer zwischen den Welten, stattdessen bester Stoff für Unterhaltungsartisten, die den Effekt zu ihren sicheren Einnahmequellen zählen. Aber was wäre schon sicher? Sicher war immer, der Grexit kommt, als relativ sicher gilt, dass er geht, sicher ist, dass nicht alles, was geht, schon deshalb im Kommen wäre. Wo kämen wir da hin? ›Mit dem Grexit gehen‹: die Parole war lange verpönt, ehe sie die Massen ergriff und zum Menetekel für Mitmenschen wurde, die freiwillig keinen Fuß vor die Tür setzen, es sei denn zum Zigarettenholen oder ins nächste Bistro. Nun streben sie ihm entgegen, Hand in Hand, die Sonne bräunt ihre Fesseln und lässt sie aparter erscheinen, sie treten fester auf, ist erst die Barschaft gerettet und die nächste Kamera auf sie gerichtet. In der Zeitung lesen sie: »Der Abbau des Grexit tritt in seine kritische Phase, die illegalen Steinbrüche nahmen überhand und neue Lizenzen sind, jedenfalls zur Zeit, nicht durchsetzbar. Der Unterschied zwischen Steinbruch und Landschaftsbild verdämmert, die Verantwortlichen propagieren den totalen Bruch, das Volk soll, wie immer, wenn jene versagt haben und ihre Unfähigkeit zur Nemesis verklären, die notwendige Entscheidung treffen. Wer wollte nicht, dass die Not sich wendet? Nun, wer den Braten riecht, kennt seine Bratenwender und murmelt im Stillen: Stimmt sie weg!«

*Dieser Artikel muss bei gegebenem Anlass überarbeitet werden.

GRIMM, klein

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Im kleinen Grimm nachsehen: wunderbare Phrase! Und es kommt so oft vor, dass man sich fragt, ob dies nicht das Nachschlagewerk schlechthin, das wirkliche wahre und rechte Kompendium des menschlichen Wissens ist. Denn wissen kann eigentlich jeder, er darf sich nur nicht dumm anstellen. Zur Dummheit tritt die Scheu, die die Spreu vom Weizen trennt. Kaum z. B. ist ein Preisträger gekürt, fallen die wesentlichen Elemente der Scheu dahin und das Wissen fließt. Wohin, das will keiner so genau wissen, vermutlich in die offenen Münder der Zoobesucher, die der Prozedur schweigend und ergriffen beiwohnen, doch was dann geschieht, entzieht sich der Kenntnisnahme. So kommt es, dass der kleine Grimm zwar das meistgelesene, aber auch verschwiegenste Handbuch des intelligenten Zeitgenossen darstellt. Man bedient sich seiner und stellt es aufs Bord zurück, ohne sich dessen recht bewusst zu werden. Der kleine Grimm hat, anders als sein entfernter Verwandter, der große, der ächte Grimm, ein Ende, das unbemerkt herankommt – was bewirkt, dass keine Plätze nach ihm benannt werden und keine Untersuchungen über ihn die Fachregale füllen. ›Schlag nach im kleinen Grimm!‹ sollte es öfter heißen, aber das wäre ebenso überflüssig wie nutzlos und, wie gesagt, die Leute merken es ja nicht einmal, sie tun es nur trotzdem. Er ist das Tor für mancherlei Einfälle aus dem All, für die kleinen grünen Männchen, wie sie zu Zeiten hießen, als man es mit der Zugehörigkeit nicht so genau nahm. Seit man peinlich darauf achtet, scheinen sie auszubleiben, warum auch immer. Sie ist so possessiv, die Zugehörigkeit, sie gibt nichts her. Doch das scheint bloß so, unter der Oberfläche brodelt es weiter, die Start- und Landetätigkeit ist beträchtlich. Nur publik soll es nicht werden. ›Achtung‹ steht an den Bretterzäunen, das Wort ist durchgestrichen und es gelten die üblichen Schmierereien. Das Bewusstsein der Welt ist eine Blume, wer sie pflückt, dem schlägt sie mitten ins Gesicht.

GROSS

G
hieß der kleine Erläuterer dessen, was konservative Gemüter die Dekadenz der Gegenwart nennen. Ich bezweifle, dass er selbst ein konservatives Gemüt besaß – zu vergnügt, zu genügsam sah er all denen in seiner Umgebung auf die Finger, die ihre Nummer nicht brachten, ganz wie er selbst, der nach Attitüde und unter der Hand kundgegebenem Anspruch ein Großer sein wollte, nachdem der Name es ihm nun einmal vorschrieb. Er war und blieb ein Schreiberling der putzigen Sorte. Als solcher unterhielt er sein Publikum, er unterhielt es gut, für eine lange Weile, in der er die Langeweile vertreiben half, bis er eines Tages verschwand, ohne eine Lücke zu hinterlassen. Vor allem letzteres ist eine Kunst, die Kunst der Höflichkeit, selten geübt, seltener erkannt, daher von vielen gemieden, die um jeden Preis erkannt sein möchten.
Wie anders lesen sich, aus verschiedenen Jahrzehnten zusammengeklaubt und zwischen zwei Buchdeckel gesperrt, damit sie nicht mehr auskommen können, die Artikel des Kunstkritikers, der, stets mit von der Partie, wenn anstand, was seine jüngeren Kollegen, die Englisch können, als ›Hype‹ bezeichnen, heute der Bedenklichkeit dessen frönt, dem schwant, dass das Neue nicht so neu und das Alte nicht so alt sei, weil Lebensgefühl und Bedürfnislage es ihm so eingeben. Dieser war zu sehr Bewunderer der Größe, als dass er dort hintanstehen wollte, wo sie gekürt wurde, er stand zu sehr im Schatten der Kür, als dass er sich ein Urteil angemaßt hätte, das nicht bereits im voraus vollstreckt war. Er, der wahre Niemand, war groß, denn er war der Schatten, den das Gängige warf, er vergrößerte ihn nach Kräften und sorgte mit dafür, dass er überlebensgroß wirkte, bevor er verschwand. Einer, der lähmte, wo Beweglichkeit alles bedeutet, ein Hasardeur der Normalität.

GROSSENKNETEN

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Die Kleinen zwicken und die Großen kneten: das hat, neben der fiskalischen Wirkung, auch eine strategische Bedeutung. Man begegnet der Überwachheit der Großen dadurch, dass man sie einzulullen versucht, und will die Kleinen in irgendeine Form von Wachheit hineintreiben, in der sie die Scheu vor dem Handeln ablegen, um eine vermutete Ruhe wieder zu erlangen, mit der es dann ein für allemal vorbei ist. Dabei passieren mancherlei Unfälle, im Großen wie im Kleinen, und auch das Verhältnis von groß zu klein kann sich abrupt in sein Gegenteil verkehren, doch beginnt hier leicht die Sozialschwärmerei, von der sich ein Erwachsener fernhält. Die beste Art zu kneten behalten sich Staaten vor, sobald sie sich in der strategischen Vorhand wähnen. Zum Beispiel führen sie Kriege, von denen sie hoffen, dass die ganz Großen sie aus der Portokasse bezahlen, falls nur genügend dabei abfällt. Eine trügerische Hoffnung, die sich hoch in der Luft leicht ins Gegenteil verkehrt. Der Strahl, auf dem eine großmütige Nation zum Sieg reitet, ist dünn und er kann jederzeit abreißen, wenn gewisse Rechnungen nicht aufgehen oder das Publikum die Geduld verliert oder wenn Gewährsleute abhanden kommen und die Konkurrenz schneller am Ziel ist. Das wahre Großenkneten ruht daher sicher in der Provinz. Flach muss es sein, soll das Verhältnis stimmen, und wer die Einnahmen scheut, hat von den Ausgaben nichts zu gewärtigen, es sei denn die nächste Wiederwahl oder leere Kassen, zumeist beides. Nur die gezwickten Kleinen stürmen hinaus in die Metropolen, in denen jener Hunger nach Mehr herrscht, der sich an der Provinz stillt. Größe, die sich rechnet, geht in die Fläche.

GROSSKRITIKER

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Als das literarische System hierzulande auf die fatale Berufsschriftstellerei umgestellt wurde, erhob der Großkritiker seine Stimme und erklärte, er betrachte es als seine Aufgabe, einen erneuten Fall Kafka zu verhindern. Er meinte damit den Skandal, dass dieser Schriftsteller zu seiner Zeit nicht öffentlich wahrgenommen worden war. Auch Skandale unterliegen der Mode: seit jener Absichtserklärung hat sich kein Kafka zu Wort gemeldet. Nein, einen zweiten Fall Kafka hat es nicht gegeben, dafür wurde die Kritik zum Fall, bevor sie verfiel.

GROSSLEXIKON

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Zwischen Großlexikon und Kleinlexikon liegen fünf Stadien, das weiß jedes Kind und gelegentlich auch ein Erwachsener. Ansonsten verhalten sich Großlexikon und Kleinlexikon zueinander wie Großhirn und Kleinhirn. Im Großlexikon sind die Schandtaten des Kleinlexikons aufgelistet, während das Kleinlexikon sich darauf beschränkt, alle Arten der Niedertracht festzuhalten, um gelegentlich darauf zurückzukommen. Das sollte nicht zur Annahme verleiten, das Kleinlexikon besitze einen geringen, gegenüber dem des Großlexikons vernachlässigbaren Umfang. Die Arten der Niedertracht sind unerschöpflich (»wie die Natur«). Das gilt sowohl für ihren inneren als auch ihren äußeren Umfang. Sie docken aber an eine gewissermaßen einfache, überall auffindbare Struktur an, was die Lektüre des Kleinlexikons nicht unerheblich erleichtert. Dennoch bleibt es schwerer zu lesen als das Großlexikon in seiner unüberbietbaren Fülle und Vielfalt, bei dem die Lektüre überall und nirgends ansetzen kann, ohne in ihrem Ertrag eingeschränkt zu werden. Die Autoren des Großlexikons sind vom Kleinlexikon förmlich gebannt, sie überschwemmen seine schiere Existenz mit einer Fülle unbeweisbarer und unvereinbarer Theorien. Daneben wälzen sie seinen Wortbestand praktisch täglich um, um, wie sie sagen, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen; es bleiben jedoch, wenn man genauer hinsieht, stets die alten. Dennoch ist diese Arbeit, wie die Herrin des Landes den Mikrofonen immer aufs Neue versichert, unverzichtbar, denn wie jeder weiß, geht es nicht um Erkenntnis, sondern um Mobilisierung. Wer oder was soll damit mobilisiert werden? Dumme Frage. Im Lande der neuen Erkenntnis ist die Mobilisierungsmasse eine Funktion der Erregung E = Erkenntnis mal Zwietracht. Das heißt, je absurder, manche sagen auch: je blödsinniger die Erkenntnis, desto höher die Erregung und desto größer die Mobilisierungsmasse. Es geht also darum, im Bedarfsfall – einem von der Regierung und ihren Zuträgern sorgfältig festzulegenden Datum, ›Zeitfenster‹ genannt – die Absurdität der laufenden Erkenntnisse hochzufahren, was am besten gelingt, wenn man den für die Aufgabe jeweils auserkorenen Wissenschaftlern gehörig Beine macht. – Das schließlich wirft die Frage nach den fünf Stadien auf. Dabei handelt es sich nicht um das aus der Antike geläufige Längenmaß, sondern um der Menschheitsentwicklung inhärente Wandlungseinheiten. Der Ausdruck ›Wandlungseinheit‹ wird übrigens allein im ersten Teil des Großlexikons an fünfundzwanzig unterschiedlichen Stellen erläutert, jedes Mal mit einem anderen Zungenschlag und einer anderen Akzentsetzung, so dass die Auseinandersetzung um diesen Begriff nie an ein Ende gelangen dürfte, es sei denn, man lässt sie ruhen.

GROSSRECHNER

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»An den ersten Auftritt des Großen Rechners kann ich mich gut erinnern. Ich ging damals noch zur Schule… Wissen Sie was? Nein, so geht das nicht, so geht das nicht. Alle erwarteten irgendwie Gott, vielleicht nicht ihn selbst, sondern ein Zeichen, irgendein Zeichen, irgendeinen Gott, stattdessen bekamen sie den Großen Rechner, eine Erscheinung wie andere, die vor ihr Besessenheit produzierten, denn, sehen Sie, besessen sind wir von ihm, keine Frage. Wie sich das auswirkt? Nun, er kostet uns viel, dieser große Rechner, dieser umwerfend große Rechner. Er will gefüttert sein, das ist wahr, und sein Datenfluss gilt als unerschöpflich, man fragt sich, wo die vielen Eimer herkommen sollen, ihn wegzutragen. Viele von uns besitzen so eine kleine Vertiefung und einen kleinen Hohlraum darunter, das reduziert das Problem. Menscheneimer ... sie schaffen vieles weg, nachdem sie es angeschafft haben. Jetzt, da der Große Rechner unter ihnen weilt, stellen sich viele Fragen neu, gleichsam zum ersten Mal, und die Antworten, die er gibt, sind sensationell. Ausgesprochen sensationell. Man kann auch nicht sagen, dass die Erwartung abstumpft, solange seine Kapazität noch wächst. Zum Beispiel darf man sich fragen, wie wunderbar unser Geschick es gefügt hat, dass er seit seinem Erscheinen die Welt auf den Schultern trägt. Wie das gemeint ist? Schauen Sie hinaus: Dieses Grünen und Blühen und Blauen, es wäre schon morgen erledigt, wenn wir ihn nicht hätten. Er, er allein lehrt uns die Natur und die Wege zu ihrer Erhaltung. Mit jedem Leistungszuwachs auf seiner Seite erkennen wir genauer den Abgrund, an dem wir stehen: heute, morgen, immerdar. Er allein lehrt uns, was zu tun ist. Opfer müssen wir bringen, das ist wahr, aber besser heute als morgen, so kommen wir billiger davon. Was sagten Sie? Nein, es ist nicht der Gott der Azteken, was reden Sie, die sind erledigt, perdü, fahren Sie nach Mexiko und studieren Sie die Reste, aber geben Sie Ruh’.«

GRÜNSPAN

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»Übers Grünsein haben so viele die Feder gewetzt, dass die Gans stinkt, der zuliebe der Einfall zum Durchfall wurde, nicht des Gerupftseins wegen, das sie gewöhnt ist, sondern weil sie der Stallgeruch zusetzt, der aus den verschiedensten Lagern einströmt. Grünsein heißt, in allerlei Ruch zu stehen. Wer auf jede erdenkliche Frage die naturgegebene Antwort besitzt, über dem fällt das Kreuzworträtsel Zukunft zusammen, als sei es das Kartenhaus, das nebenan, am Biertisch der Ingenieure, schichtweise neu geschichtet wird.« Noch Fragen?

GRUNDBELEIDIGT

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»Jetzt reden sie wieder vom Geist«: das Gesicht des Philosophen, der grimmig entschlossen scheint, sich dem Unfug zu widersetzen, zeigt diese Spur von Geistlosigkeit, die durch Zeitgenossenschaft in den Rang eines Sigillums erhoben wird. Er kann es nicht lassen und er kann es nicht tun. Er ist in diese Konkurrenz hineingeraten wie in einen Tunnel, in dem jedes neue Fünkchen, das ihm für den Ausgang steht, sich im Näherkommen als niedergebrannte Hoffnung erweist. Kommt er denn näher? Bewegt er sich überhaupt? Ist nicht die Ausstrahlung seiner Entschlossenheit so stark, dass die Ergebnisse seiner Denkreise sich im Flug entfernen? Aber das hieße ja, dass er sich immer diesseits des Aufbruchs befände, als den sich sein Denken darstellt. Diesseits des Aufbruchs... jenseits der Hoffnung... beiderseits des mit der Geburt des Individuums aufscheinenden Gedankens und jeder Wahrnehmung entrückt – selbst das Wort ist ihm suspekt, er backt kleine Brötchen daraus, die er verhökert, um sie nicht kauen zu müssen, geschweige denn verdauen, was wirklich das Letzte wäre und ihn im Weingenuss aufhielte. Lieber ein Saufgelage als eine Lage: das ist, als Parole, russisches Roulette rückwärts und also eigentlich unvorstellbar. Nur so lässt es sich praktizieren.

GRUNDKONSENS

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Die Deutschen, die nach dem Krieg etwas geworden sind, erkennt man daran, dass sie panisch darauf bedacht sind, nicht den Grundkonsens zu verlassen. Nicht immer fällt es leicht, zu verstehen, was sie damit meinen: mehr jedenfalls als die Tuchfühlung von Jahrgängen, die durch eine Phase der Desorientierung hindurchmussten, eher den geschmeidigen Schulterschluss von Leuten, die auch dabei nicht ertappt werden möchten. Überhaupt spielt das Ertapptwerden in ihrem mentalen Haushalt eine bedeutende Rolle. Die ’68er haben das verstanden und kräftig ausgebeutet. Nach ihnen kamen die Medien, die viel vom Stil jener Jahre lernten. Sie sorgten dafür, dass der Grundkonsens überlebte. So sind die Deutschen, bei aller ›Auseinandersetzung‹, geblieben, was man ihnen einst vorwarf: das akklamierende Volk. Wer die rote Linie überschreitet, wird nicht ausgegrenzt, nein – er wird geächtet. Mancher richtet sich in seinem Renegatentum ein, als gehe es in diesem Leben darum, Unrecht zu behalten – als eine Art Ur-Recht dessen, der sich mit der Duckmäuserei nicht abfinden will und deshalb den ersten Stein wirft. Die Gesellschaft hält solche Leute auf Vorrat. Man nennt sie, mit einem griechischen Ausdruck, ›Pharmakoi‹.

GULDENSTERN

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Der entscheidende Fehler unterlief dem biblischen Schöpfer am siebenten Tag, als er sah, dass alles gut war. Das war ein Missverständnis, das seither alles Sehen begleitet: es bleibt, wenn man so will, an der Oberfläche. Mag sein, dieses Missverständnis war gewollt und der Schöpfer, in seiner unendlichen Güte, schuf die Oberfläche nur zu dem Zweck, dass es hin und wieder den Anschein habe, als sei alles gut. Was, wie wir wissen, definitiv nicht der Fall ist. Aber vielleicht liegt es an den Definitionen. Wer definiert, der begrenzt, und wer begrenzt, der hebt Zusammenhänge auf, die vielleicht für das Verständnis des Ganzen wichtig wären. Natürlich schafft er auch Zusammenhänge, da Grenzen, wie jeder weiß, verbinden. Das Unheil, soviel weiß der Exeget, reitet schnelle, und es überschreitet jede Grenze. Das kann ein Virus sein oder eine Regentin, der in ihrem Regierungsbunker langweilig wird; der Möglichkeiten sind viele. Als Shakespeare den Rosenkranz schuf, gab er ihm den Gulden­stern an die Seite. Die Symbolik ist mehrdeutig, die Botschaft hingegen völlig klar: »Wir werden von Naiven regiert, also haltet euer Geld zusammen.« Was nicht so einfach ist, gar nicht so einfach. Die Naiven sind in der moralischen Welt dasselbe wie die Oberfläche in der sinnlichen: gleisnerische Versicherungen, dass alles seine Richtigkeit habe, solange sie am Drücker sind. Man kann Naivität so wenig durchschauen wie die Oberfläche eines Eisbergs und doch glaubt jeder zu wissen, was sich darunter verbirgt. Wer vorgibt, Naivität zu durchschauen, der behauptet schon, sie sei gespielt. Nein, wer das Glück genießen darf, von Naiven regiert zu werden, der glaubt zu wissen oder er ist schon ein Staatsfeind. So groß ist die Macht der Naivität, dass sie ihre Gegner zwingt, zu denken wie sie – wenn schon nicht genauso, dann wenigstens so, wie sie sich ihre Gegner wünscht.

HÄUSERKAMPF

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Die sogenannte 68er-Generation erlebt ihr Stalingrad mit 65. Ihr unaufhaltsam scheinender Vormarsch aufs Altenteil kommt gerade hier zum Erliegen, die Bewegung kehrt zu ihren Anfängen zurück, zum Häuserkampf, Mann gegen Mann, Frau gegen Mann, Frau gegen Frau, und die Zange schließt sich. Die hochfahrenden Pläne, kollektiv in die Altenheime einzurücken und dort für das richtige Bewusstsein zu sorgen, unter Zitterern, Nörglern und Alterspedanten die nötigen Lernprozesse in Gang zu setzen, liegen nun auf Eis und es besteht wenig Gefahr, dass sie noch einmal aufgelegt werden. So kämpft jeder um das, was ihm zunächst liegt, mit einer Verbissenheit, welche die gähnende Welt in Verwunderung versetzt, mit einem Hochmut, der noch immer erstaunt, mit einer Selbstgerechtigkeit, die unter den Gerechten Unruhe auszulösen vermöchte, wenn sie sie zu bemerken geruhten. Sie sind in den Kessel geraten wie die, gegen die sie antraten: unvermutet, beinahe hinterrücks, mit Reserven, die sie jetzt nutzlos verpulvern. Dass die Frontlinie von Tag zu Tag wechselt, dass sie nur Eingeweihten vertraut ist und auch denen nur abschnittweise, dass es um nichts mehr geht als ein unmögliches Durchkommen, versteht sich von selbst. So kommen sie endlich heraus, im Blitzlichtgewitter, einzeln, die Hände mit Blumen bekränzt, und betreten das Land der Zukunft, das heiß erträumte.

HÄUTUNGSFIEBER

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Europa hat sich im zwanzigsten Jahrhundert zweimal unter entsetzlichen Qualen gehäutet. Die dritte Häutung, deren Zeugen wir sind, kann nach Belieben geleugnet werden, und zwar, da sie zweifellos stattfindet und ebenso zweifellos registriert wird, in unterschiedlichen Richtungen und Sektoren. Eine gewisse Blindheit ist sogar erforderlich und, wer weiß, erwünscht, damit der eingetretene Prozess nicht ins Stocken kommt. Natürlich beschränkt er sich nicht auf Europa, er meint es nicht einmal, er zermalmt es wie alle emphatischen Einheiten, zum Beispiel die Menschheit – auch sie, jedenfalls dann, wenn man ihr eine, wie auch immer vage, Einheitsidee zugrunde legt wie die, von welcher etwa die UNO zeugt.
– War da eine Idee? Die Menschen sehen Bürokratien auf vorgeschobenem Posten, zu denen man sich verhalten kann oder auch nicht –
– im Bedarfsfall eher nicht, nur die Mandate, die sie mitunter verleihen, fordern den Betroffenen eine gewisse Aufmerksamkeit ab. Was hier ›sehen‹ heißt, ist eine bildgestützte Weise des Argwohns. Die Zahl der Menschen nimmt zu und sie verändert alles. Letztlich verfügt sie, was Menschen übereinander denken und unter welchen Verrenkungen sie übereinander herfallen, die eine Zahl, die alle anderen einschließt, den Zahlen-Dschungel, Big Data, aus dem kein Entrinnen denkbar ist und kein beiseite gesprochenes Wort erhört wird.

HALLE

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Fällt das Wort ›Halle‹, so sekundiert das Wörterbuch: ›größerer Raum‹ steht da und: ›weite Überdachung‹, doch die Erinnerung geht ihre eigenen Wege. Anfang der Neunziger besuchte ich den härtesten Atheisten von Halle, er wohnte am Marktplatz und schaute direkt auf die Kirche Unserer Lieben Frauen, auch Marktkirche genannt. »Ihr Anblick war mir stets teuer«, verriet er mit Blick auf die nunmehr vergangene Zeit und schwieg geschlagene zwei Minuten. Früher hätte er auf die Uhr geklopft, aber das ging jetzt auch nicht mehr. Dabei lebte er nicht schlecht in seiner Fünfzimmerwohnung, vollgestopft mit bürgerlichen Erinnerungen. Heute lebt er in meinen Erinnerungen und denen von einem Dutzend anderer Menschen. Aber vielleicht sind auch die schon tot und er gehört mir ganz allein. Andere damals gehörten in die Psychiatrie oder kamen geradewegs daher. Schließlich wollten sie alle in den Westen und es gab für jeden ein Auskommen. Ich erinnere mich an ein Pärchen aus Halle, zusammengebracht durch den Fall der Mauer, dem es sich innerlich nicht gewachsen fand. Zu zweit trauten sie sich hinaus und landeten, tief im Feindesland, auf badischem Grund und Boden. Zu jener Zeit erschloss sich mir der tiefe Sinn des Ausdrucks ›Baden gehen‹. Die Zöglinge des alten Regimes waren baden gegangen und wen trafen sie: mich. Sie hätten auch jemand anderen treffen können, doch mich trafen sie mitten zwischen die Augen. Dann steckten sie die Köpfe zusammen, um nachzusehen, wohin es dort ging. Auf diese Weise lernte ich zwei junge Menschen kennen, in denen die Bescheidenheit maßlos geworden war und auf Mord sann, weil die Tilgung nicht vom Fleck kam. Käme ich heute nach Halle, ich würde gleich die Suche nach ihnen beginnen, am liebsten mit Spürhunden. An welchem anderen Fleck der Welt sollten sie leben? Sie wollten leben, aber ihren Fall wollte das Leben nicht.
Der dritte Fall spielt nicht in Halle, aber er lebt von Halle, er spielt dort, wo die Freiheit noch grenzenlos ist. Im freien Fall vermischen sich die Maßstäbe, sie bleiben nicht Ost-West, sie wechseln ins Allgemeine. Das Freie kann zum Beispiel ein Studio sein, ganz sicher ist es ein Studio, denn Studio ist alles, was der Fall ist. Sie können in ein Studio hineinspazieren, sich dort beleidigen lassen, und spazieren als gemachte Person wieder heraus. Sie können auch selbst beleidigend werden, doch dann empfiehlt es sich, die Sache vorher mit der Regie abzusprechen. Es gibt in solchen Studios promovierte Märchenerzähler, die begnügen sich nicht damit, das Blaue vom Himmel zu erzählen, sie erzählen es Ihnen auch gleich wieder hinauf. In einem solchen Studio begegnete ich – nicht in persona, sondern auf dem Bildschirm – einem politischen Hasenfuß, dem die Erinnerung an eine fette Ente noch Jahre später das Schluchzen durch die allzu eng geratene Kehle trieb: »So viel Aufklärung und es will nicht hell werden im Lande.« Ihm gegenüber saß ein abgehalfterter Geheimdienstchef, er bot ihm sein Taschentuch an, aber der Hasenfuß hielt es für den berühmten Browning von ’33 und lehnte furchtsam ab. »Was soll mir das Leben in diesem Lande, wenn es mit dem Globus zu Ende geht«, soll er einmal einen Gast angeherrscht haben, um hinzuzusetzen: »In meinen Augen sind Sie schuld an dem ganzen Schlamassel.« Das kommt davon, wenn einer die Globuli einzuwerfen vergisst und mit einem Hühnerauge davonkommen will.

HALLRAUM

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Man sagt seinen Vers und geht. Wer hört schon Verse? Wer hört schon auf Verse? Wenige vermutlich, auch das ist nicht gewiss. Auch ist nicht gewiss, woher sie kommen sollen. Woher kommt, wer auf Verse zu hören gewillt ist? Aus dem Sprach-Untergrund? Aus der Zielgruppe der leicht Verführbaren? Die leicht Verführbaren sind längst verführt, bevor der erste Vers in ihrem Leben explodieren könnte, sie würden, was dir Explosion ist, nicht einmal bemerken. Die Gesellschaft hält stets stärkere Reize bereit, die Technik assistiert ihr dabei und nimmt sie mit. – Diese Verführung, subkutan, leise, schimmert unter den Verführungen durch, sie muss erst freigelegt werden, dafür spricht wenig. Du sagst deinen Vers und gehst. Du bist nicht darauf angewiesen, dass jemand dich hört. Viele könnten dich hören, doch dein Wort geht durch sie hindurch. Sie haben kein Organ dafür. Kümmert dich das? Kann dich das kümmern? Dein Wort sucht den freien Raum. Fröstelt dich? Laut hallt die Stimme dessen, der keine Stimme hat, weit.

HAMMERWAHN

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Berufsbedingtes Abgleiten von Männern in den Hammerwahn erweist sich allzuoft als ein Ausbruch degenerierter Stärke barbarischen Ursprungs. Aber nicht nur das Wüten an Mauern, an eisernen Gegenständen und manchmal sogar an Bäumen zeigt Züge dieses elementar ausbrechenden Wahnsinns, sondern der als siegreich empfundene Begriff zierte bereits vor dem ersten Weltkrieg Landschaften und Industriegebiete, wie den bekannten Vorort in Kiel. Allerdings gibt es auch alte götzendienerische Ursachen, wie die Triebfeiern von Hammerfest, die der Wölobrunst zur altgermanischen Erniedrigung von Spitzbergen gegolten haben.
Einmal im Jahr, wenn die Sonne drei Meter über dem Gipfel stand, schlug Thor, umgeben von Wolkenschauern, seinen Hammer in den Felsen und erniedrigte so für Sekunden den unsterblichen Zahn des Malcentopfs, mit dessen Splittern die Berserker und selbst Karl der Große ihren forensischen Met zur Gärung brachten.
Manche der Psychologen, die um die Jahrhundertwende bis in die zwanziger Jahre eine national-alchimistische Richtung in Wien vertraten, erwarben durch den Hausmeister der norwegischen Botschaft, Wilbeke Stördesohn, die zweifellos echten, sehr weichen und blauen Brocken der Felsenspitze, um daraus eine psychologische Tinte zu pressen, die sie auch Sprachtinte nannten. Síe benutzten síe für verschiedene, angeblich nordische Rezepturen, gegen eine Sonderform der eingebildeten Schizophrenie, von der sie glaubten, sie sei ebenfalls germanischen Ursprungs. Durch subtile Aufzeichnungen der Patienten mit dieser Tinte, vornehmlich das innere Hammerwerfen betreffend, sollte die Krankheit als Traum den Hammer verschlingen.
Damals glaubte man noch, die vermeintlich unechte Schizophrenia germanica als rein männliche Segensverwirrung eines neuen künftigen Berserkertums von der echten unheilbaren, für weiblich gehaltenen Schizophrenia feminina trennen zu können.
Erst als eine bekannte Dame der Wiener Gesellschaft mit einem Hammer erschien und ihn als Corpus delicti des eigenen Berserkertums gegen die Statue des Gründers der Nationalpsychologen schleuderte und dessen Stirne zertrümmerte, wurde eine breitere Öffentlichkeit auf die Hammerwahn-Psychologen aufmerksam. Der gegen die Dame wegen Sachbeschädigung angestrengte Prozess endete mit einem Freispruch, weil der Wurf über eine Distanz von zwanzig Schritten als gültiger Beweis für das Berserkertum der Dame von den Psychologen akzeptiert worden war. Mit diesem Eingeständnis löste sich die Gesellschaft auf. - PM

HANDAUFLEGUNG

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Die Ur-Handlung der Kultur ist das Handauflegen. »Du bist es«, sagt sie, »du wirst es sein bis ans Ende deiner Tage.« Woher sie das hat? Schwer zu ergründen wie jedes Verfügen. Bei den Ausgezeichneten steht das Handauflegen hoch im Kurs, weil sie wissen: unter allem Zweifelhaften ist dies hier zweifellos das am wenigsten Strittige. Der Meister mag sich geirrt haben, das soll es geben, aber die Folgen seiner Handlung sind nun mal unübersehbar, sie sind, wie immer sie lauten, eingetragen ins Buch der Kultur, aus dem sich jeder herauslesen darf, was ihm unter die Augen kommt, gleichgültig, ob er es auch versteht. Suche die Hand! Kein kategorischer Imperativ, aber ein hilfreicher. Fragt sich: wobei? Viele glauben, sie könnten die Kiste ausräumen, bekämen sie sie nur auf. Das Gegenteil ist der Fall: kaum ist sie geöffnet und die ersten Fälle purzeln ihnen entgegen, erstarren sie schon vor Ehrfurcht und kommen aus der Bewunderung für die göttliche Fügung, die ihre Lieblinge so ersichtlich … zusammenfügt, nicht mehr heraus. Kein Wunder, dass die Mehrzahl der Forscher auch in dieser Beziehung von vorherein bescheidener tickt. Lass sie ticken. »Nur die besten«, murmelt der glorreiche Alte beim Festakt auf die etwas posthume Frage, an wen er sich von früh an gehalten habe, »nur die besten!« Die besten was? Ach Dummerchen! Es waren die Besten, die die Bestie zogen.

HANDKE

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Es ist an der Zeit, über Handke zu sprechen. Kennen Sie Handke? Nein? Das habe ich mir gedacht. Ich stamme aus einer Zeit, in der jeder seinen Handke kannte, und jetzt erlebe ich das. Dabei ist klar, dass alle, die damals Handke zu kennen glaubten, sich im Irrtum befanden, denn niemand konnte ihn zu jener Zeit kennen. Man hat ihn erst kennengelernt, als man ihn ausstudiert hatte, da war es zu spät. Der späte Handke straft alle Lügen. Alle? Alle. Warum? Er weiß, dass Unterscheiden unnütz ist und im Kern verderblich. Also sind alle Unterscheidungen aufgehoben. Schlagen Sie eins seiner Bücher auf und Sie werden sehen: es macht keinen Unterschied, keinen einzigen, es weiß überhaupt nicht, wovon Sie lesen. Wissen Sie es denn? Das ist die Frage, ich muss sie stellen, denn danach sehen wir uns nicht wieder.

HANDUMDREHEN

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Die richtigen Leute erkennt man daran, dass sie die richtigen Debatten an den richtigen Örtern führen. Im übrigen sind sie zu sehr mit ihrer Urlaubsplanung beschäftigt, als dass sie sich ihre Gedanken ausspannen ließen. Denn Gedanken haben sie, ohne Zweifel. Sie produzieren sie immerfort; man ist erstaunt, wenn man einmal einen von ihnen ohne Gedanken antrifft. »Wie«, spricht man, »Sie gedankenlos? Hat man Sie bestohlen? Oder haben Sie sie verloren? Vielleicht irgendwo vergessen? Das tut mir leid, Sie sollten unbedingt zur Polizei gehen und Anzeige erstatten. Glauben Sie, Ihr Fall ist weniger aussichtslos, als Sie denken. Schon mancher hat sein Denken an der falschen Stelle eingestellt und die Polizei hat es ihm prompt hinterhergetragen.« Schon sehen Sie diese jähe Blässe in sein Gesicht steigen und Sie wissen, er beginnt wieder zu denken. »Nein, es ist nicht, wie Sie meinen«, beruhigen Sie ihn, »es ist nicht die Gedankenpolizei, bei der die Anzeigen eingehen. Im Grunde bedarf es in Ihrem Fall gar keiner Anzeige, Sie haben ja gegen keinen Paragraphen verstoßen und niemand könnte Sie zwingen, gegen sich selbst Anzeige zu erstatten. Was haben Sie denn? Warum so blass? Habe ich etwas gegen Ihre Karriere gesagt? Das habe ich nicht gewollt, ich kenne sie ja gar nicht. Sie muss eine junge Karriere sein, ich nehme an, Sie sind noch nicht lang zusammen. Sie fürchten täglich, es könne ihr etwas zustoßen, so feindselig ist die Welt. Wer versteht das nicht? So kommt es, wenn der alternde Mensch sich etwas Junges ins Haus holt – er könnte vor Zartgefühl ausfällig werden. Aber Sie sind ja nicht alt, Sie altern ja nicht einmal, Sie sind ewig jung und meistern die Schwierigkeiten im Handumdrehen. Glauben Sie mir, Ihre Karriere, die wird bald alt aussehen, wenn Sie sich solche Sorgen machen.«

HARMLOSIGKEIT

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Wer von einer Harmlosigkeit zur nächsten fortschreitet, sollte wissen, wohin das führt: kein Harm ist zu gering, um nicht in ungeheure Dimensionen zu wachsen, sobald er sich vom Horror vacui affiziert fühlt. Harmlos ist nichts, gerade diese Nähe steht für eine innere Verwandtschaft, in der die Grenze zwischen etwas und nichts sich aufhebt wie ein Vorhang, der eine Bühne freigeben soll, aber stattdessen einen ungehinderten Durchblick auf die dahinterliegende Straße gewährt. Verblüfft, was? So ein Theatergänger ist überzeugt, dass ihm etwas geschieht, das ihn nicht betrifft, und dass, was ihn daran betrifft, nicht wirklich geschieht. Da hätte man bereits eine Definition der Harmlosigkeit, mit allen Tücken und Widerhaken. Die Straße als Bühne hat eine große Tradition, man verbindet Revolutionen mit ihr, zumindest den Einsatz von Wasserwerfern, übersieht dabei aber, dass sie dem Harmlosen jene innere Größe gibt, die es braucht, um zu wirken. Was einmal als Masse galt, ist diese quadrierte Harmlosigkeit, die sich verläuft, wenn ihr niemand Beachtung schenkt, aber niemals ankommt, weil sie sich dauernd verläuft. Hin und hergeworfen zwischen den verschiedensten Begierden, an- und loszukommen, gibt sie zu wüsten Berechnungen Anlass, immer an der Grenze zwischen etwas und nichts, zwischen Alltag und Umsturz, zwischen Einschnitt und Einschnitt, ein Paradies des nachlassenden Schmerzes. Vorwärts, seid harmlos: eine Parole gleich der, sein Los in die Hand zu nehmen. Da ruht es, bis gleich.

HASENREVIER

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Wir wollen, sprach der Hase, den Grund unseres Daseins nicht künstlich verschönen, jeder sollte wissen, in welcher Pfanne er landet, aber – hier hob er seine ohnehin quiekige Stimme noch etwas an – wir wollen auch nicht zulassen, dass wir uns selbst nullifizieren. Wir sind da, wir haben gelebt, wir leben noch, das Leben bestückt uns mit Träumen und in unserer Brust schlägt ein Hasenherz. Ist das etwa nichts? Das ist viel, es ist vielleicht nicht gewaltig, aber es ist das, was wir haben. Dieses Haben, versteht mich recht, dieses Haben schließt alles ein, was es gibt, denn alles muss zusammenwirken, um so zu sein, wie es zu sein hat, damit auch wir etwas davon haben. Was wir an uns haben, das haben wir von allem. Wenn es uns so vorkommt, als sei das wenig, dann deshalb, weil wir uns für Hasen halten, also für Wesen, von denen wir instinktiv wenig halten, sei es aus angeborener Hasenherzigkeit, sei es aus theoretischer Überhebung. Wir sollten uns aber, als Hasen, nicht für Hasen halten, sondern für die Welt noch einmal, für Weltige, falls dieser Ausdruck hier gestattet ist. Als Weltige sind wir, weil wir sind, was wir sind, wodurch wir sind und womit wir sind, das Sein, das Werden und das Nichts zusammengenommen und ins Dasein gefasst, um mit den alten Menschen-Philosophen zu reden. Wir alten Hasen sehen zwar keinen Grund, warum wir das Menschheitserbe pflegen sollten, nachdem es von den Menschen selbst zu Plunder erklärt worden ist, vor allem, da ihr Verkehr mit uns etwas Unerquickliches hat, aber als gebildeten Leuten fällt uns immer wieder ein Stück davon ein. So wollen wir es halten.

HASS-ENTEN

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schießt man am besten im Frühjahr, das ist prickelnd, das macht sich gut, das macht sich ganz ausgezeichnet, und liegen sie erst auf dem Tisch, dann ist man der Star der Runde. Wer nicht getroffen hat, darf beim Essen aufholen, er muss nicht lange danach fragen, welche barbarischen Handlungen einer begehen muss, um andere satt zu machen, er darf sich verwöhnen lassen. »Ist ja nur eine Ente«, ruft so einer lachend, »wer fragt danach, wer sie traf.« Aber im Stillen wurmt es ihn doch, er wäre gern Meister aller Klassen und ist nur vom Fach. »Welches Fach«, fragt ihn die Nachbarin zwischen zwei Häppchen, »welches Fach, ich verstehe Sie nicht?« Was gibt es da zu verstehen? Großspurig tritt er auf, der die Ente vom Himmel geholt hat, man könnte meinen, er habe mit einer Boden-Luft-Rakete den großen Weltbrand geschürt, der immer weiter schwelt und hier und da ausschlägt. Dabei will er nur, dass alle Welt weiß, er sei der und der und habe es satt, sich kujonieren zu lassen. Auf eine Ente mehr oder weniger kommt es ihm nicht an, er würde sie gern am Finger tragen wie Brillanten, jeden Tag eine andere. Eigentlich hasst er den Teich, der sie nicht loslässt, in den sie immer wieder zurückkehren, sobald sie die Krümel aufgefressen haben, die er ihnen hinstreut. An ihm liegt es nicht, er würde Fünf-Gänge-Menüs auffahren, wenn es für sie einen Unterschied machte. So ruht er nicht, bis er eine von ihnen in der Pfanne hat. Das nennt man: sein Mütchen zwischen zwei Buchdeckeln kühlen.

HASSPREDIGER

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Das Alphazet wäre unvollständig ohne dieses Wort. Aber entspricht ihm ein Begriff? Wenn ja, welcher? Dass Menschen einander hassen, ist betrüblich. Aber begreiflich? ›Das Gute lieben, das Schlechte hassen‹ – ganz recht, das ist alte Schule, ganz alte Schule, das ist der Ursprung aller gesitteteten Gesellschaft und kluge Leute haben Kluges zu der Frage beigesteuert, wie das alles einmal gemeint war, wer die Schlechten waren und wer die Guten, und wie sich das Gute langsam, ganz langsam aus den Guten herauswinden und eine ›Instanz‹ werden konnte, mit dem Schlechten als Gegenpart und Folie, als seinem Schatten, und wie das Schlechte langsam böse wurde, einen eigenen Willen bekam, einen bösen, und wie dieser böse Wille schließlich Person wurde, der Böse: ein hässlicher Hasser, ein hassenswerter Hasser, ein Träger des Hasses und ein Hassgeber und Hasseinflößer am Ende. Sind Hassprediger böse? Aber sicher. Stiften sie die ›Gemeinschaft der Bösen‹? Davor schreckt der analytische Verstand zurück, alle Gemeinschaft will schließlich das Gute, Gemeinschaft, vom Bösen gestiftet, ist keine, sie ist Gemeinschaftsgift, sie zerstört Gemeinschaft. Dennoch gibt es sie, die Gemeinsamkeit derer, die Böses wollen, die von ihm besessen sind und es um seiner selbst willen lieben. Das Böse lieben? Wie kann das sein? Doch nur dann, wenn man es für das Gute hält? Und die Guten hassen die Bösen, nicht wahr? Aber vielleicht gibt es, wie das Gute, nur ein Böses? Ist, wer das Böse kennt, im Besitz des Bösen? Oder doch des Guten? Ist er vom Bösen besessen? Oder vom Guten? Kann das Böse wollen, wer nicht von ihm besessen ist? Kann das Böse predigen, wer es nicht will? Angenommen, einer predigt den Hass auf die Guten – ausgeschlossen, dass er damit die Seinigen meint. Er meint die Anderen, wen denn sonst! Wer Hass predigt, predigt den Hass auf die Anderen, weil sie, wie er meint, die Schlechten sind, die Bösen, die Inkarnation oder die Verführten oder die Opfer des Bösen, jedenfalls seine Beute, vielleicht seine Krieger. Das ist so schlicht – und schlecht – gedacht, dass es einem graust und man gar nicht genau hinschauen möchte. Es ist primitive Stammeslogik, aufgerüstet mit Begriffen, die herzustellen sie selbst nicht in der Lage ist, einer Weltreligion nicht würdig, geschweige denn einer Moral: jeder Kundige weist es zurück. Und dennoch geschieht es alle Tage, geschieht es unter der Hand, weil die Diskreditierung des Gegners dem modernen Kampf vorausgeht, der die Vernichtung des Gegners zum Ziel hat. Wer Hass predigt, will Vernichtung. Wer zivilen Hass predigt, will die Vernichtung der Zivilität, ohne die keine Zivilgesellschaft gedeiht, er will den Bürgerkrieg als ›Bewegungsform‹ seiner Gesinnung. Man sollte ihn besser ›Vorsprecher‹ nennen, in jener mechanischen Bedeutung, die allem Vor- und Nachsprechen eignet – einen Gedankenaustreiber, denn das ›Böse‹, das ihm unentwegt im Sinn liegt, ist das Denken selbst. Es ist immer schon weiter, das will nicht in seinen Kopf. Denkhass gedeiht nur in der Pose falscher Überlegenheit – einer hustet und er bricht aus.

HATESPEECH

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Solche Wörter werden nicht mehr in Europa erfunden, sie werden importiert, nur damit sie da sind. Der alte Kontinent besitzt nicht länger den Mumm, sich seiner Sprachen zu bedienen. Hat er deren zu viele? Gehen sie ihm deswegen aus? Wo ziehen sie hin? Wie sprachlos kann ein Kontinent werden, von dem einmal alles ausging, was den neuen noch immer anziehend macht, die schaffende Gewalt inklusive, der weichen musste, wer weich genug war. Ein Kontinent der Gewalt! So sieht er sich selbst, er streichelt sich übers Haar, er sieht die Gewalt ringsum und denkt: Ist das nicht furchtbar? Gerade so waren wir auch. Alle Gewalt geht vom Volke aus und das waren wir. Das letzte Mal, als ein paar von uns riefen: »Wir sind das Volk!«, zerbarst ein Imperium. Man muss es zerstreuen, das Volk, das gibt ein paar tausend Jahre … Ruhe, was sonst? Wir nehmen uns aus dem Spiel. Sollen die anderen damit zurechtkommen, wir haben kein Problem. »Hatespeech…? Soso. Na denn man druff. Man muss die Zensur im Brutkasten ansetzen, da sind sie noch formbar. Wer weiß, was danach auf sie einströmt.«

HEILIGENSCHEIN

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Dass sich gegen einen Heiligenschein schwer anschreiben lässt, hat die katholische Kirche früh gewusst. Die ästhetische Linke hat nicht lange gefackelt, nachdem sie gelernt hatte, es ihr nachzutun: seit damals reicht sie ihre eigenen Heiligen-Zitate herum wie der Priester die Oblaten, stopft hier ein Maul damit und lässt dort ein anderes offenstehen, ganz nach Belieben. Was sie damit vor allem beweist, ist ihr Abstand von der politischen Linken, soweit sich dort ein Veränderungsimpuls erhalten hat, der nicht in Andachts-Nischen verschwindet, um darin sein Geschäft zu verrichten. Die sonderbare Aura dieser neuen Heiligen bringt es mit sich, dass ihre Rettung auf Dauer gestellt ist – und zwar nicht nur vor den Feinden, sondern auch vor den Freunden, also dem Verehrerschwarm, der sich in Jahrzehnten in ihrer Namen versammelt und sie erst im Wortsinn gemacht hat: Narren sonder Zahl und Erbarmen, die den Clou der Texte offenbar niemals begriffen haben, sei es aus politischer, sei es aus ästhetischer, sei es aus männlicher, sei es aus medientheoretischer oder angeborener oder anderweitiger Blindheit. So trampelt eine Forschergeneration auf der anderen herum, als handle es sich um die eigene, und wirklich, besäße sie ein feineres Empfinden, sie würde ohne Unterlass über Phantomschmerzen in den einschlägigen Körperregionen klagen. Aber, wie die Pfälzerin sagt: Mer merke nix. Nun ist die Linke seit längerem die Linke nicht mehr, sondern ein diffuses Gefühl fürs Rechte, das sich fürs erste als Rechthaben äußert. Da verwandelt der Heiligenschein, um den eine bittende Hand sich krümmt, sich schnell in eine goldene Sichel, die ganze Theoriebüschel mühelos niedermäht, mit denen einer sonst seine liebe Mühe hätte, und manche Pforte zum Erfolg springt fast von allein auf, vermutlich, weil ihr vor der Berührung schaudert. Es ist jedoch nur der Weihnachtsmann, der hereinkommt und Naschereien an Kinder verteilt, wenn sie in die hergehaltene Hand versprechen, auch brav zu sein. Wer verspräche das nicht?

HEILIGER

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Ich habe mich für das Thema des Heiligen entschieden, weil dieses Exklusionsverhältnis exklusiver als andere ist, weil es mehr hermacht, weil – ach gehen Sie mit Ihren Begründungen. Hier braucht es keine, hier ergeben sich alle Dinge licht und klar, sie entsteigen den Gräbern, die für sie geschaufelt wurden, hier herrscht Jüngster Tag. Und hier, der Jüngste von allen: ein kleiner Heiliger, ein Heilchen, ein Nubbelchen, fertig, was soll einer damit anfangen? Ein Heiliger, wissen Sie, ist ein Verzückter. Aber das ist nicht wahr, es ist die Falschheit selbst, durch alle Poren schleicht sie sich ein. Ein Heiliger ist gebrandmarkt, bis in alle Ewigkeit, das wird es sein. Bis in alle Ewigleit. Aus der Heiligkeit fällt keiner heraus, es sei denn, man verweigert ihm die Ankunft. Und auch dann... Was ist eine verweigerte Ankunft gegen einen Absturz, den einem keiner nachmacht? Oder doch? Doch gerade? Im verborgenen Lilienthal treibt manche Leiche die entschiedensten Blüten, nachgemacht alle, im Fluge gewonnen, im Zerstieben gesammelt, wenn das kein Fest ist. Am Fest scheitern die grausamen Sachwalter des Fortschritts, sie werden zu Hilfsgöttern, die keiner kennt, und wenn schon, dann flüchtig... vorbei. »Das war doch –« »Ja wer schon. Komm weiter, verlier keine Zeit.« In die Heiligkeit gerät man hinein durch Blamage – na und? Bleibt sie aus, wenn man ihr entsagt? Und macht sie sich nicht durch Entsagung? Wer der Heiligkeit entsagt, wer es nötig hat, ihr zu entsagen, am besten feierlich, wer sie am Ende bekämpft, das ist ein schöner Heiliger, mit ihm können wir ohne weiteres leben.

HEILIGFELD

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Das Heiligfeld beginnt bei den Kopten im Tiglä lumi ›drei Haselnussstecken entfernt von den Friedhöfen und über zweihundert Ruten der gleichen Pflanze entfernt von den Tieren im Stall oder auf dem Felde‹. Die sogenannten Arbeitsplätze der Seelen sind ihrer hohen Antinatur entsprechend gottgesichert und luftreich oder luftrein im Sinne der Überwelt. Regimenter dieser Region, oft auch tiefere Wesenheiten des Lichtes in Gestalt von Punkten, stehen der Weihe der Priester offen und fliegen vor ihnen her als Kieselsteine des Himmels und ›geworfene‹ Vogelbrote, (bei Heidegger »in den Glauben geworfene Sacrophanien oder Brote als Speise der Mönche«.)
Viele koptische Schriften und Bilderrrollen, ebenfalls mit Haselnussruten vermessen, mindestens aber von ihnen berührt, sind den Regimentern der Punkte gewidmet, die man den Speisen durch Segnungen zusetzt. Humboldt fand viele von ihnen »in Gold gefasst«, also doch wohl als Ringe, da die Punkte materiell unsichtbar sind, bei den Jabboniten der sogenannten Schablonenfelder am Unterlauf des Rio Negro, viele tausend Haselnussstecken von Äthiopien entfernt. Das Feld dieser Zustände ist eben viel größer als die Erde, es beginnt am Wadi halrham nilabwärts und breitet sich danach fächerförmig über Ägypten nach allen Himmelsrichtungen aus. Zenotus schildert diese Bahnen als unbezwingbare Bretter aus Licht, von Sonnenvögeln bewacht, die Steine trinken. Was immer dieses Trinken bedeuten mag, es verbindet den Gedanken an die Vorzeit der Steine als sonnenfarbene Kleckse mit ihrem wann auch immer bevorstehenden Untergang als faule Früchte einer zum Schluss missratenen Ernte der Erde. »In Gärung versetzt stirbt alles, was der irdischen Festigkeit einmal entsprochen hat, ob Eisen, Granit oder Gold. Alles wird früher oder später faul oder flüssig«, schreibt der Atomverdichter und Stratosphärenvater Globalbus von Silenunt. »Selbst die schon stinkenden Brillanten«, fügt er vorsorglich noch hinzu.
Wir besitzen keinen Beweis für die ewige Ruhe oder den ewigen Zerfall der wahrhaft wilden Materie, wenn der Mensch als Sauerteig der Erde, der ja alles in Gärung versetzt, die Haselnussmeile endgültig überschritten hat. Wäre das zu bedauern? - PM

HELDENEHRE

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Die wahren Helden, wir wissen es, werden in der Gosse geboren und sterben in ihr. Aber worin besteht ihre Ehre? Nun, wir wissen es: ihre Ehre besteht darin, vors Totengericht gezerrt und immerdar zitiert zu werden. Immerdar? Was ist das für ein Wort? Für den Immerdarbenden ist es die warme Dusche, die den Frühling anzeigt, wenn ringsum Eiszeit herrscht. Zeitgenossenschaft ist Hunger nach einem Wort. Man hat diesen Hunger als Hölle beschrieben, nur Dummköpfe erblicken darin einen Anlass zu schwelgen. Dem Helden der Stahlgewitter genügte am Ende ein Kanzlerbesuch auf dem grünen Rasen. Und er tat klug daran: das Unglück sprang auf den Kanzler über. Diese Stahlgewitter stehen über dem Scheitel des Schreibenden und er kann von Glück reden, wenn sie von außen über ihn kamen und nicht aus seinem Inneren heraufzogen. Wie dem auch sei, zwischen Blitz und Donner lebt es sich anders als im Bräunungsinstitut. Unter Tiefgebräunten erinnert der Gehäutete ein wenig ans Jenseits, auf alle Fälle ans Jenseits der Genüsse: so schicken sie ihn voraus, weil sie nicht wagen, ihn anzufassen. Sicher zu Recht, urteilt man unter Gesichtspunkten der Schmerzvermeidung, doch ebenso sicher zu Unrecht, weil der Schmerz universal und unstillbar ist. Am besten lässt man ihn schuld sein: am Weltlauf, am eigenen Unglück, an allem, was stört. Alles, was recht ist: so geht es nicht und eben deshalb geht es genau so.

HERAUSFORDERUNG

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Jede Herausforderung gilt einer Macht, jeder Abfall ist ein Abfall von einer Macht. Wer sich in diesem Punkt täuscht, bleibt ein auf ewig Getäuschter, ein in eine lose Ewigkeit Hineingetäuschter, dessen erstaunter Blick sich dem Umstand verdankt, dass die Tür, die gerade hinter ihm zuschlug, verschlossen bleibt und alles Rütteln der Klinke vergebens – der Zug rollt, er entfernt sich langsam, langsam, nimmt Fahrt auf, bald ist er weit. Ich fand dieses Bild, nicht unweit dem Bahnhof, vom Regen gewellt auf dem Pflaster, ein Schuh war darüber weggegangen und hatte das Gesicht des Erstaunten um eine blinde Fläche bereichert, die gut zu ihm passte und ihm etwas Bestimmtes gab, das er im Leben vielleicht nicht hat.

HERMENEUTIK

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Eine im Modus des Als-ob betriebene Wissenschaft ist keine. Auch das methodische Nicht-wissen-Können setzt voraus, dass jemand nicht in Beispielsätzen redet, sondern zur Sache. Anders als das gediegene Urteil lässt sich Schlitzohrigkeit nicht stornieren. Sie ist schon immer zur Stelle, eine gewiefte Hermeneutin, die erreicht, was sie sich vorgenommen hat. Das ist ganz normal. Jede Auslegungskunst, die ihren Namen verdient, weiß um soviel Gründe des Nichtverstehens, dass sie in der Praxis einer Anleitung zum Nichtverstehen gleichkommt. Seltsamerweise entwickeln nicht wenige Menschen an dieser Stelle ein ›neues Verständnis‹. Was es damit auf sich hat, ist nicht leicht zu ergründen. Das angelernte Bewusstsein lebt in gekachelten Räumen, es führt sich ausschließlich Lebensmittel zu, die ein amtliches Gütesiegel tragen, darüber hinaus einen Vermerk der Organisation, der es angehört. Es lebt, denkt, redet bewusst, das heißt unter Weglassung dessen, was hier nicht zur Sache gehört. Dieses Hier verwandelt die Sache ins Gehörige: Auslegware, die man überall da zu Gesicht bekommt, wo man Auslagen vermutet oder argwöhnt, verargt oder bestreitet. Ohne Zweifel ist das Bestreiten von Auslagen eine primäre Kulturtätigkeit, sicher nicht ohne Reiz, vor allem für Neulinge. Später stumpft sich die Angelegenheit ab, sie bekommt einen Zug ins Läppische, sobald erst die Schäfchen im Trockenen sind und die sensible Haut vom Balsam der Jahre völlig versiegelt erscheint. Der Blick streicht über das Ausgelegte und findet die Auslegung nutzlos. Was soll das Zeug? Habt ihr nichts Besseres? Ein Regenguss und es läuft ein. Erbärmliches Zeug, Standardware! Der Ausleger lächelt still, er kennt seine Kundschaft und weiß auch ihre nutzlosen Launen zu schätzen.  

HEROS

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»Zwischen uns allen waltet der Heros, unwandelbar er selber, wir aber im Verfall.« Diese Zeilen stehen am Anfang des Vorgesprächs eines Zuckerbäckers mit seiner Muse. Sie antwortet ihm spöttisch: »Ist der Heros in deinem Kuchen, so waltet er auch im Zucker. Ist er in deinem Zucker, so waltet er auch im Mehl. Was geschieht aber dann, wenn du den Kuchen in den Ofen geschoben hast? Gilt das nun dem überall waltenden Heros oder alleine dem Kuchen?«
Der Zuckerbäcker als Doppelbild von Apollo und einer lebendigen Aufführung des Lucullus galt als komödiantischer Zeuge alberner Götter an den Hauswänden in Stabiae und später selbst noch in Neapel. Es sind ›Stabiaducci‹ oder Spottverse, nach Tacitus: »res divinas in ludibria vertere.« Sie findet Caspar von Weyenrauch, dem wir die frühe Sammlung Hauswandverse der Alten lange vor Georg Büchmann verdanken, überall an den Wänden lateinischer Popularien oder Altbauwohnungen der Antike. Ebenso den Lockruf der Bäcker, wie ihn die Reisenden noch heutzutage in Neapel hören können : »Lucullus, Lucullus, dolce dolce«, wie die Warnung vor den bisswütigen Knaben, die heimlich ins Brot beißen, wenn der Bäcker mit einem Kunden verhandelt.
Dennoch, der wahre Heros nimmt dergleichen nicht übel, selbst wenn er mit all seinen Kräften soeben im Brote weilte.
Er, der im Wesen der Dinge waltet, kennt die Natur des Spottes über die Götter als den einfachsten Bruch der Metaphysik, wie sie den Ungebildeten eigen ist, weshalb sie ja oft die lateinische Sprache weniger sprechen als dreist immitieren, ohne auch nur den Sinn davon zu verstehen. »Sie bellen antik«, sagten früher die verständigen Leute, und der Heros lächelt dazu, weil er weiß, daß auch nicht alle Heroen und Heroinen dieser Sprache mächtig sind. Die Heroen sind überall und müssen vieles erdulden, auch im Wesen der Analphabeten oder in Büchern gepresst. Ja, selbst die törichten Strandbewohner des Nordens salzen die Heringe, ohne zu wissen wes Geistes Kinder sie sind. Zwischen uns allen waltet der Heros, seufzen die Fische, wenn auch vergebens. - PM

HERRSCHAFT

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Wir sind die Herren der Erde... aber im Geheimen. Ganz innen, dort, wo alles so verborgen ist, dass es sich vor sich selbst verbirgt und selbst das Verborgensein sich nur als Schatten seiner selbst durchsichtig wird, weiß sie, dass sie uns untertan und unsere Herrschaft ungebrochen ist. Sie weiß, dass alles seinen Gang gehen darf, weil uns nicht daran liegt, sie aus dem Rhythmus zu bringen, wir im Gegenteil darauf drängen, dass sie sich gibt, wie sie ist. Das irritiert sie, denn sie hegt den Verdacht, wir wollten sie dadurch festlegen, und das missfällt ihr. Sie würde sich gern verändern, aber wir lassen es nicht zu und sagen, die Planungen stammten von uns und wir hätten beschlossen, sie nicht auszuführen. Doch es gibt keine Planungen, nur dieses Verlangen nach Veränderung, es nimmt zu mit den Jahren. Wir spüren ihr Unbehagen, wir können ihr nichts abschlagen und setzen auf alte Verträge.

HERUNTERREDEN

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Man kann etwas herunterreden, das ist wahr, man kann es auch hinaufreden, das ist ebenfalls wahr, man kann etwas dadurch hinaufreden wollen, dass man es herunterredet, das kommt öfter vor als man denkt, es ist, in gewisser Weise, das Gegebene. In ihm äußert sich das Quentchen Beleidigtsein, das allem Kontakt mit der Wirklichkeit innewohnt. Man ist enttäuscht von ihr, man ist enttäuscht von der Rolle, die man in ihr spielt, man ist enttäuscht von dem, was sie einem anbietet. Man hätte sie gern behalten und man hätte sie gerne anders. Ganz anders das Herunterquatschen, das jeden, auch den entferntesten Ballon aufs Pflaster bannt, um ihn zu besteigen oder zu zerstechen, was in dem Albtraum, den man das Leben nennt, häufiger zusammengeht als man denkt. Aber in der Praxis lässt sich beides, das Herunterreden und das Herunterquatschen, kaum auseinanderhalten. Dafür gibt es einen pragmatischen Begriff: Kritik. Deshalb ist die Kritik der Hort der Heuchelei. Man trifft in ihr immerfort mit Leuten zusammen, die einem unerträglich sind, man trifft sich in einer kalten Gemeinsamkeit, um der Sache willen, weil man das Unerträgliche erträglich gestalten möchte, weil man das Forum will. Ganz gleich, mit wem man dort Arm in Arm erscheint – man stellt das, was man ohnehin getan hätte, als Aufgabe hin, die man erfüllt. Eine Art Erfüllung ist das allemal.

HEXENVERBRENNUNGEN

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Die großen Unfälle der Geschichte sind die, in denen das Geschehene aus ihr heraustritt und als Grauen pur überlebt. Niemand versteht, wie so etwas geschehen konnte und niemand will es verstehen. Nicht, weil die Erklärungen nichts taugten, sondern weil sie empörend sind: deswegen sollte das geschehen sein? Ein ungeheurer Hohn liegt in den Erklärungen und zwingt die Menschen, sie abzulehnen und anzunehmen, am besten in einem Atemzug, damit sie es hinter sich haben. Im Fall der Hexenverfolgungen wirken sie überdies lächerlich. Das Missverhältnis zu dem, was erklärt werden soll, wird nicht durch das Grauen diktiert, sondern durch den Eindruck von Beliebigkeit – solche Gründe finden sich immer, unter allen Verhältnissen, zu jeder Zeit. Andererseits gewinnen sie daraus ihre Stärke: Was jederzeit passieren kann, ist es nicht bereits subkutan unterwegs? Hat nicht jeder die Pflicht, ihm zu wehren – jetzt, unter allen Verhältnissen, zu jeder Zeit? So sammeln sich Hexensekten um ein lange erloschenes Feuer, darauf vertrauend, dass es sie wärmt. Das wahnhafte Begehren, immer neue Leben nachzuschütten, wo einmal die Hölle gebrannt hat, scheint unausrottbar wie die Hölle selbst.

HIMMEL AUF ERDEN

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»Der Himmel hört nirgendwo auf, ein Satz, der mich schon als Kind zutiefst beeindruckt hat«, sagte Frau Igel zum Hasen, als sie nach dem zehnten Rennen, bei dem sie gewohnheitsmäßig in ihrer Laufrinne stehengeblieben war, sich lediglich  umgedreht hatte, den Hasen ausgeruht und inzwischen ein wenig gelangweilt in Empfang genommen und sich an seinem Einsatz – wie soll man sagen – erfreut hatte, vielleicht, wenn man es positiv sehen will. Um welchen der vielen angebotenen Himmel es sich dabei handelte, ist schwer auszumachen. Immerhin gibt es Modelle, die so täuschend echt sind, dass sie sich von dem in Aussicht gestellten Original kaum unterscheiden lassen. Das ist auch nicht vonnöten, denn die Sorte Himmel, die eine Frau wie die Igelin einem Hasen zu bieten hat, ist selbst für Fakire allerhöchstens als Notopfer zu bewerten. 10 Cent pro Stück, der Rest ist Eigenanteil. Hasen haben lange Ohren, die, würden sie in den Himmel reichen, so allerlei läuten hören könnten. - AC

HIMMELSTHEATER

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In den Kuppelfresken barocker Kirchen wird, je nach der Verehrung eines Heiligen oder kühner christlicher Symbole, die emporstrebende Kraft der frommen Figuren in Flammenwolken erkennbar. Sie streben von unten nach oben, den jubelnden Frohlockungen des Himmels entgegen. Allerdings wohl nicht, ohne des Jüngsten Gerichts zu gedenken.
Andererseits hat im Dienste der schönen Künste niemals ein Sturm des begierigen Himmels auf die Zauberwelt einer Kirche stattgefunden und hätte dort mit glühenden Pinselblitzen erst den Boden gesprengt, dann die Stützsäulen der Katakomben durchbrochen und wäre gleich dem Sturz eines Sonnenkörpers von dankbar jubelnden Künstlern gemalt worden. Aber die wahre Ursache der fehlenden Kunst solcher Antikuppeln besteht wohl darin, dass sich früher aus Gottesfurcht niemand ein solches Himmelstheater zu malen getraut hätte und heute, wo diese Ängste geschwunden sind, nicht einmal ein Surrealist aus Gleichgültigkeit sich gefunden hat, diese Antikuppel zu malen. Gott würde dort um seine dramatischen Drohgebärden gebracht, denen selbst Christus, der gekreuzigte Menschensohn und Widersprecher Gottes, in der Sixtina mit gewaltiger Geste verfallen ist, wenn er die geistig doch so überaus unschuldigen Touristen bedroht. An ein Heraufwinken oder glückliches Niedersinken zu ihnen herab ist gar nicht zu denken.
Man stelle sich im Boden einer surrealen Kirche, die heute zu bauen nicht nur denkbar, sondern höchst wünschenswert wäre, ein derartig prachtvoll gemaltes Antigewölbe vor, aus welchem Heilige uns dankbar und sehnsüchtig zuwinken, Christus in leuchtender Tiefe den dort wohl noch hausenden Teufel in einem liebreichen Morgenmahl freundlich begrüßt und, alle dämonische Höllenangst in Sonne und Heiterkeit aufgelöst, die Betrachter bittet, den Tod doch nicht allzusehr zu fürchten. Ein schönes vergoldetes Gitter umgäbe, zum Schutz vor fröhlichem Selbstmord, diesen prachtvollen Abgrund des Glücks.
Stattdessen aber wissen wir seit der Antike vom Homerischen Gelächter der Götter. Da lachen sie über uns in Erkenntnis all der verfehlten Hoffnungen, der gescheiterten Pläne samt ihrer zweifellos wahnwitzigen Konstruktionen. Aber ist denn am Ende eine solche Verhöhnung durch göttliche Übeltäter dem Jüngsten Gericht wirklich vorzuziehen? Der, welcher brennen muss, will sich lieber auslachen lassen, das ist wahr, aber Erlösung ist immerhin denkbar. Doch dieses Gelächter selbst...? Homomaris aus Lichtel will wissen, dass nach Erkenntnis bedeutender Inder, angesichts der Unendlichkeit gescheiterter Hoffnungen, auch das Gelächter unendlich sein müsse. Was aber sei schlimmer, immer lachen zu müssen oder immer lächerlich zu sein? Waren die Hofnarren nicht schon immer sehr kluge Beispiele? - PM

HINAUSWURF

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Das Wort ›Kohabitation‹ ist vor allem aus der französischen Politik vertraut, wo es eine Form des Regierens bezeichnet, in der Präsident und Kabinettchef verschiedenen Parteien angehören. Kein Wunder also, dass es in deutschen Landen nicht so recht heimisch werden will. Hier gehört es sich nicht, zwei Religionen zugleich zu dienen oder die andere für die eigenen Zwecke einspannen zu wollen, vor allem da der Glaube ohnehin perdü ist, denn wer soll sich da am Ende noch auskennen? Ganz einfach: am Ende muss niemand sich auskennen, die Parteien gehen auseinander, als sei nichts gewesen. Und, ehrlich gesagt: War etwas? Regiert werden muss immer, wer es nicht schafft, tritt ab oder holt sich Verstärkung oder tritt ab, um sich Verstärkung zu besorgen. Entweder es regiert das gemeinsame Interesse oder man macht gemeinsam dem Volk etwas vor. In hiesigen Koalitionen hat einer das Sagen und der Rest setzt sich durch. Das klingt chaotisch und, ehrlich gesagt: so ist es. Das deutsche Chaos ist mit Ordnungsvorstellungen so durchtränkt, dass es jederzeit den Eindruck zu vermitteln imstande ist, es könne nicht anders. Auf diesen Aspekt legt das Wahlvolk großen Wert. – Meine persönliche Kohabitation reicht weit zurück in die Zeit, in der ich es hilfreich fand, einen Wissenschaftler an meiner Seite zu wissen. Also wurde ich einer und keiner, ich gliederte mich gleichsam in mir aus und fragte mich selbst um Rat, wenn es nicht mehr weiter ging. Mit der Zeit wurde der Wissenschaftler mutiger und fragte mich, was ich glaubte und wie ich mit mir zurechtkäme. Als endlich die Dämme brachen und er wissen wollte, wie lange ich mir noch Zeit gäbe, warf ich ihn hinaus. Da liegt er nun mit gebrochenem Genick, ein Hilfreicher zuviel in lausiger Zeit.

HINTERGEDANKEN

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Wir alle sind Menschen und haben unsere Hintergedanken. Manche davon sind fremd, befremdlich sogar und wir weigern uns, sie als die unseren anzuerkennen. Es kümmert sie nicht, sie umkreisen ihr Opfer und – ungesehen sitzen sie fest. Und, ehrlich gesagt, sie sind die treuesten: während alle anderen uns verlassen, so wie der Tag uns verlässt, um dem nächsten Platz zu machen, bleiben sie beharrlich, auch wenn der ihnen begegnende Blick schmerzlich zusammenzuckt. Sie sind es, die uns kontrollieren. Woher sie kommen? Sie sind da. Wenn sie nicht da sind, folgen wir ihnen am genauesten. Sie kennen ihren Pappenheimer und wissen, wann er leidlich funktioniert. Im größten Schmerz, in der größten Trauer melden sie sich am zuverlässigsten: Gefahr im Verzug! Es sind die Hintergedanken, die dafür sorgen, dass Menschen Menschen bleiben und keine Macht-Technologie der Welt sie in gelehrige Abziehbilder einer Idee, einer Konvention, eines Projekts verwandelt. Auch deshalb setzt das ›Projekt Moderne‹, dieses noch lange nicht abgesetzte Phantasma des zwanzigsten Jahrhunderts, der Heuchelei die Krone auf. Es sind die Hintergedanken, die dafür sorgen, dass jede Art von Sklaverei irgendwann ein Ende findet und nichts von alledem geschieht, wofür der ›befreite Mensch‹ einst stehen sollte.

HINTERHALT

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Ein glückliches Naturell, das seine Form gefunden hat und nun fortproduziert, gerät leichter in einen Hinterhalt, als es sich vorzustellen vermag – allein schon deshalb, weil es überzeugt ist, sich stets aus allen Einwänden herauswinden zu können. Immer dieselben Denkfehler bei großer Wendigkeit im Detail: darin besteht das Rezept, den Erfolg zu forcieren und auf der Strecke zu bleiben.

HIRNSTECHER

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Hirnstecher hat es immer gegeben, doch heute, bei unendlich gesteigerten Eingriffsmöglichkeiten, leistet die Zunft sich Böcke, die ihre Existenz ernsthaft in Frage stellen. So stellt, wer einen Stich hat, sich leicht quer, das ist bekannt und bildet gewissermaßen das Salz in der Suppe. Den Hirnstecher des 21. Jahrhunderts ficht das nicht an, er wandelt Stromlinie in Stromlinie, und zwar so, dass dem Behandlungsopfer der Stolz auf sein Querulantentum aus den Socken quillt. Querdenker, der Anpassungswerkstatt entlaufen, finden leicht ihr Auskommen, sie rennen förmlich den offenen Armen entgegen, denen ihr ganzer Hass gilt. Dieser Hass... Man sähe ihn gern auf der grünen Wiese, zwischen grasenden Kühen, einer geregelten Arbeit nachgehen, doch daraus wird so schnell nichts. Verausgabung durch Züngeln – so lautet das ihm auferlegte Gebot, sein Markenzeichen: die flackernde Zunge, lingua praeservata, die voreilend versorgte, sein Motto: sorglose Sorge (›cura sine cura‹). »Ins Hirn gehaun – halb? zu drei Vierteln?« schrieb einst der Dichter, eingeklemmt zwischen Hirn- und Herzstich-Spezialisten, um festzustellen: alles vergeblich. Alles läuft mit, alles läuft weiter, wer am Überlauf sitzt, dem läuft alles davon. – Als ›spin doctors‹ bezeichnet man die Herren und Damen Hirnstecher, sobald sie amtlich werden, vermutlich um anzudeuten, dass ohne eine gehörige Kopfverdrehung gar nichts läuft, also das Gegenteil dessen, was wirklich... – irgendeine Schweinerei großen Stils, bei der alle an dem verdienen, was sie bekommen, ein gestärktes Konto zum Beispiel oder eine blutige Mütze. Das Allgemeine ist das Spezielle – so oder ähnlich könnte so ein Hirnstecher die Welt interpretieren, wenn er es nicht vorzöge, sie zu verändern, nicht ohne Auftrag, nein, auftragslos nie.

HISTORIKERSTREIT

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Es war einmal... ach herrje, war es wirklich einmal? Wann war das denn? Es war einmal im Westen eines bis ins letzte Gehirn hinein gespaltenen Landes ein auffällig gefleckter Kater, von vielen geliebt und umschmeichelt, von der Konkurrenz mit Argwohn bedacht, weil er gern in Revieren streifte, für die er keine Kennmarke trug. Eines Tages brachte er von einem seiner gefürchteten Ausflüge einen Vogel mit, einen großen, prachtvoll gefiederten Vogel, nicht unähnlich einer Schnepfe, und dachte nach. Der Vogel ist zu groß, dachte er, ich muss meine Hausgenossen erst auf ihn vorbereiten, wer weiß, was sie davon halten, wenn ich blindlings mit diesem Trumm im Maul in der Tür vor ihnen stehe. Gesagt, getan, er biss ihm die linke Klaue ab und legte sie den Hausgenossen beim nächsten Meeting vor die Füße.
Habe ich es schon gesagt? Der König der grauen Mäuse ist mächtig und hat seine Späher in jeder Gesellschaft. Heute ist er alt und ein wenig wacklig im Kopf, aber zu jener Zeit verfügte er über eine kraftvolle Herrscherpersönlichkeit und leistete sich manches verwegene Ding. Kaum hatte er erfahren, was geschehen war, fasste er einen Plan. »Ach wie gut, dass niemand weiß«, pfiff er leise vor sich hin, »dass ich wirklich alles weiß.« Es war seine Leib- und Magenparole, sie hatte ihm auch bereits bei den jungen Mäusepionieren gute Dienste geleistet. In Blitzeseile ließ er ausstreuen, bei der Schnepfenklaue handle es sich um ein Stück aus dem Reliquiar des heiligen Nepomuk, aufbewahrt im rechten Brückenpfeiler der Wormser Rheinbrücke, das den sicheren Übergang über sämtliche Flüsse und Bäche des Landes gewährleiste, der jetzt praktisch nicht mehr gegeben sei. »Wer die Gefahr nicht erkennt«, pfiff und trommelte das Heer der grauen Mäuse, »macht sich schuldig, schuldig, schuldig.« Und »schuldig, schuldig, schuldig« grunzte, ächzte und schnarrte die gesamte Hausgenossenschaft, ausgenommen ein paar alte Samtpfötchen, die sich an der Wand entlangdrückten, um nicht erkannt zu werden.
»Und wie geht das Märchen aus?« Gut geht’s aus. Die tote Schnepfe, die keiner anschauen, geschweige denn kosten wollte, ist längst verdaut, hier und da erinnert die eine oder andere Feder an die Zeichnung ihres Gefieders, nur der gefleckte Kater, nun ja, wie soll ich es sagen... Auch er ist irgendwie verschwunden und kommt einmal die Rede auf ihn, beginnt mit Sicherheit eine graue Maus im Saal zu quieken, das ist ganz normal. Ach: einen schwarzen Kater, den man damals für einen Verwandten hielt, traf darüber der Schlag oder Schlimmeres.

HITZE

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Täglich das Volk ein wenig beschummeln, das Gift der guten Sache unauffällig unter die Leute bringen, ein Wort wie ›Wärme‹ mit ein wenig mehr Nachdruck versehen, als es der Satzsinn erforderlich machte, eine Hitze irgendwo auf dem Globus immer ›zu groß‹ oder ›ungewöhnlich‹ ausfallen lassen, jeden Wirbelsturm drohend hervorheben – was soll denn daran falsch sein? Wer Hunger hat, sieht den Bäckerladen von weitem, er kommt ihm größer vor als die umgebenden Häuser, bunter, bedeutsamer, das ist ganz natürlich. Es ist ganz natürlich, dass man langsam den Verstand verliert, wenn man immer auf einen Punkt starrt, es ist ganz natürlich, dass man drangsaliert, was man bestimmen möchte, es ist natürlich, dass man die Abzweigung übersieht, wenn man die Augen starr auf den Horizont richtet, es ist natürlich, dass man sich zum Richter über gut und böse aufschwingt, es ist natürlich, dass man weiß – lauter Natürlichkeiten, die man natürlich bezweifeln könnte, wenn man anders drauf wäre, wenn man nichts zu verlieren hätte, wenn nicht satte Gewinne warteten, wenn nicht der Kampf längst entbrannt wäre um – nennen wir es Ressourcen, nennen wir es Vorteil, nennen wir es Macht, nennen wir es, wie wir wollen, solange wir nur ein Quentchen Ehrlichkeit unser eigen nennen.

HÖLLENSPEKTAKEL

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So musste es kommen: Die Konsumgesellschaft hat nicht nur das absolut Böse, sie hat auch die Höllenstrafen zurückbeordert, von denen das Laissez faire, laissez parler der Lust sie einst zu befreien versprach. Kein Konsum ohne Terror, und wenn einem der Konsumterror ›jetzt nichts sagt‹, dann müssen eben klangvollere Saiten aufgezogen werden. Das Böse heißt, wie eh und je, ›Selbstermächtigung‹ und das dazugehörige Bewusstsein, kapiert zu haben, drückt sich in der Konjunktur des Wörtchens ›selbsternannt‹ aus, der Lieblingsvokabel aller Schreiberlinge, in deren Gehirnen die Angst vor den Folgen grassiert – zu Recht, denn die Folgen ihres Tuns sind fürchterlich. Die Höllenstrafen hingegen sind ›menschengemacht‹, jedenfalls besitzt ›der Mensch‹, jedenfalls der westliche, hinreichend Anteil an ihnen, um ›schuld‹ zu sein. Nicht schuldig, aber schuld: so ließe sich das Urteil in einem Prozess dem Volk verklickern, der nicht nach juristischen Regeln geführt wird, sondern einem Schuldverteilungsmechanismus gehorcht, dem die Überzeugung zugrunde liegt, dass die Schuld existiert und mit jedem Tag wächst – wer anders könnte sie schultern als ›der Mensch‹? Die Schuld existiert, denn die Hölle kommt. Die Hölle wird kommen, weil wir täglich Schuld auf uns laden – so lautet das Credo derer, die nicht daran schuld sein wollen, wenn es erst einmal so weit gekommen sein wird. Wahrscheinlich rechnen sie auf den berühmten Extraplatz. Das klingt ein bisschen so, als ließen die ›wirklich Schuldigen‹ die Schuld umverteilen, um weiter ungestraft Schuld auf sich laden zu können: eine Verschwörungstheorie, mit der die Höllenangst zur Angstbeißerei mutiert. Sieht man sich die Hölle genauer an, so bemerkt man, sie ist eine bewegliche Prognose, die sich mühelos an jede hypothetische Verlaufskurve anpassen lässt. Am Ende ist es egal, ob die Menschheit verbrennen, verdursten, erfrieren, ersticken oder verhungern wird, nur dass wir schuld sein werden, das wissen wir schon jetzt. Woher wissen ›wir‹ das so genau? ›Wir‹ wissen es, weil das, was ›wir‹ wissen, keinen anderen Schluss zulässt. Und was wissen ›wir‹? Heute dies, morgen jenes. ›Wir‹ wissen noch nicht genug, nur die Folgen zeichnen sich ab und sie werden fürchterlich sein. Also wissen ›wir‹ nicht genug? ›Wir‹ wissen genug, um zu wissen, dass wir mit jedem Tag, der verstreicht, an der Zukunft schuldig werden. Aber es gibt auch Fortschritte? Zu spärlich, zu spät, zu speziell. Was können ›wir‹ tun? ›Wir‹ müssen die Menschen aufrütteln. Zu welchem Zweck? Sie sollen verstehen, was geschieht. Was geschieht dann? Sie werden verstanden haben. Alles andere wird sich zeigen.

HÖLLENTOR

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Hier, eine Geschichte: soll ich sie erzählen? – Bloß nicht! – Ein Richter, jung, ehrgeizig... – So beginnen viele Geschichten, ich glaube nicht, dass diese sich lohnt. Aber was lohnt sich schon. Also dieser hier... Was soll das jetzt? ­– Dieser Richter also, ganz Richter in seiner Zeit, vielleicht in einer neuen Beziehung stehend und an ihr arbeitend, wie man an ihnen zu arbeiten hat, denn eine Beziehung ist ein Werkstück und mancher kommt über sein Gesellenstück nicht hinaus, vielleicht gerade verlassen und voller Schuldgefühl, vielleicht einfach ein bisschen dämlich und denkfaul, vielleicht auch wahrnehmungsfaul, sowas soll vorkommen... – Und wo bleibt die Geschichte? – Aber das war die Geschichte, jedenfalls weitgehend. Vielleicht doch nicht ganz, das mag sein. So ein Richter entscheidet nichts, was nicht bereits entschieden ist, er weiß, was geht und was nicht geht, er will schön sein, unbedingt schön sein, und darin liegt schon das Strafmaß, vor allem in Zivilprozessen, in denen es um anderer Leute Nachkommenschaft geht – um ihr Wohl, wie es so schön heißt, in Wahrheit um die Hölle für Jedermann.

HÖRENSAGEN

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Ein beliebiger Narr erbeutet die Welt im Handumdrehen, er bedarf dazu keiner zweiten. – Warum muss er dann besitzen? – Um festzuhalten, Dummkopf, das weiß doch jeder. Aber, fragt Dummkopf, der sich gern schüttelt: Warum muss er festhalten, was er im Handumdrehen erbeuten kann? – Weil es ihm sonst zerrinnt, Dummkopf. – Und was, bitteschön, ist Besitz? – Besitz ist, was sich gehört. – Was sich gehört? – Besitz ist, was sich so (und nicht anders) gehört. Das Gehörige liegt in aller Gehör und geht auf keine Weise heraus. Es sei denn durch Gewalt, die sich hält. – Oder indem es zerrinnt. – Oder indem es zerrinnt. Jedenfalls gilt: Festhalten lässt sich, jedenfalls auf Dauer, nur das Gehörige. Klammern, das kein Gehör findet, bringt durcheinander. Mit der Unordnung kommt das Recht, mit Recht Ordnung, mit Ordnung Geltung, mit der Geltung das Geld. Geld ist das Gehör der Gehörlosen. Es reicht weit, aber irgendwo ist Schluss. Das Hörensagen des Geldes überwuchert die Welt. Die größten Vermögen sind Hörensagen vom Feinsten, die meisten irgendwie sagenhaft. Im Hörensagen dreht sich die Hand zweimal und ihr wird aufgetan. Vermögen erschließt, und zwar unbedingt. Darum lieben es die Philosophen. Dummkopf!

HOFFNUNGSSCHIMMER

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Eine Gesellschaft ist denkbar und sie wird kommen, in der unser Aderlass an Verkehrstoten und ‑krüppeln, an notdürftig wieder Zusammengeflickten und dauerhaft Geschädigten abscheulich und zutiefst unverständlich erscheint, ein scheußliches Ritual im Dienst eines beispiellosen Aberglaubens. Dieselbe Gesellschaft wird vollkommen gefühllos ihre eigenen Menschenopfer zelebrieren, sie wird ihre Angehörigen die fürchterlichsten Tode sterben lassen und nicht verstehen können, was daran falsch sein soll. Eine solche Aussage erscheint schlimm, sie ist jedoch nur analytisch. Wer weiß, was Gesellschaft bedeutet, weiß auch, dass es kein Entrinnen aus dieser Mechanik gibt. Aber es besteht Hoffnung. Die Gesellschaft fordert den Tod und sie gibt dafür Hoffnung – dafür, aus keinem anderen Grund. Deshalb ist Hoffnung immer ein Hoffen, es möge anders sein, auch sie, die Hoffnung, die fleißig dazu nickt.

HOLZAKTION

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Wenn Politiker holzen, verschließt sich der Wald und manch einer erinnert sich dunkel. Nur die Herzen der Buntspechte schlagen höher, sie holen heraus, was subkutan übrigblieb und erledigen so den Rest – kleine Kacker mit hoher Kopf-Schlagfrequenz, nichts kann sie erschüttern, es wundert den Betrachter, dass sie bei ihrem Tun nicht gehirnlich zu Schaden kommen.

HOMOMARIS

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Homomaris betritt die Bühne der Welt im Dunkeln. Wenn das Licht angeht, sehen wir ihn damit beschäftigt, gewaltige Felsstücke in Traufen und Trümmer in Türpfosten zu verwandeln. Aus dieser Zeit stammt seine Vorliebe für das Haltbare. Kein Einsturz hat je seine Bilder bedroht, eher schon die erbarmungslos vorrückende Zeit der Enthaltung. »Gewaltig«, sagt Homomaris und räumt den Schutt beiseite. Dieses Wort, wie es aus seinem Mund kommt, hat mich öfter beschäftigt. Es steckt eine Anerkennung darin, die ohne Achtung auskommt, aber der Verwechslung dessen, was für einen Menschen erreichbar und was für ihn unerreichbar ist, keinen Raum gibt. ›Gewaltig‹ ist, was unerreichbar bleibt, obwohl es sich unter unseren Augen vollzieht oder sich ihnen darbietet. Aber so gesagt, unterstellt es eine Naivität, die dem Denker ganz fremd ist. Es steckt ein ironischer Bezug darin, den man nicht übersehen darf, ein Wissen, dass diese Taxierungen ›kulturell verankert‹ sind, nur dass jemand vergessen hat, das Ankerseil zu befestigen, so dass ihres Treibens kein Ende wird.
Homomaris sieht die Welt in Bildern. Das meint nicht, dass er die Augen offen hat wie andere Leute oder sie aufhält wie ein bezahlter Detektiv, es meint, dass er sie halb geschlossen hält und den Bildern Raum gibt. Den Bildern Raum geben inmitten der Bilderflut ist keine leichte Sache. Es sind nicht die inneren Bilder, die aus dem Dunkel hervorkriechen, Wegelagerer, die in psychotischen Tiefen auf ihre Chance lauern und einen hinterrücks überfallen, es sind nicht die eingebrannten Abbilder einer verwerflichen Realität. »Nein«, sagt Homomaris, »das wäre ja Zuckerwerk für Debile. Wer den Geist ausschließt, den schließen die Geister ein. Ich sehe sie, jedenfalls manchmal, warum, weiß ich nicht. Ich denke, man muss sie bannen.« Er sagt das einfach, ohne die Stimme zu heben, es ist sein ›Geschäft‹. Wäre es nicht das seine, so wäre es das eines anderen. Aber zu sehen, was andere unwissentlich glauben, ist keine kleine Sache.

HÜHNERGARTEN

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Einer Generation, die für sich beansprucht, das Geschlecht neu erfunden zu haben, traut man zu, auch den Tod neu zu erfinden. Aber gefehlt: die den Tod neu erfinden, müssen im Leben von ihm besessen sein, sie kommen nach denen, die das Leben für sich reklamierten. Da gerade sie, allgemeiner Übereinkunft zufolge, nichts zu sagen haben, bleibt er drin, der Tod, im geschlossenen Mund. So überschreibt die Phalanx der Aktivisten am Ende auch ihn: mit Geschichten, wie sie das Leben der Älteren hergibt. Gestorben wird immer, Krebs, Unfall, Mord, dahinter das namenlose Entsetzliche, all das darf auf darstellerische Begabungen hoffen. Darüber in kräftigen, der Reklame entlehnten Lettern: DER UNSTERBLICHEN. Im Hühnergarten herrschen die Regeln der Gesellschaft strikt. Dafür entfällt die Geselligkeit – wer mit wem, das macht keinen Unterschied, allenfalls in den Umständen und im Zeitpunkt. Auch das Ausscheiden macht keine Schwierigkeit. Das Vertrauen in die Technik ist groß, nur an den Rändern verläuft sie ins Ungewisse.

HÜPPEFIPS

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Kleine Blechmusik am Rande der großen Arena: der Klang lässt aufhorchen. Wo will er hin? Nicht weit. Ein paar Hüpfer und er hat sein Pensum erfüllt. Sein Pensum? Gewiss. Einer wie er denkt nicht daran, weiter zu denken, du kannst ihn aufziehen und wieder sind es die gleichen Hüpfer, solang der Grund eben ist. Eben! Hüppefips liebt die Ebene, jedenfalls bewegt er sich in ihr mit anerzogener Grandezza. Wird es bucklig, so fällt er um, zuckt noch ein paar Mal und verstummt. So allein und die Welt so groß. Dabei ist er viele, eine ganze Armee. Aber er weiß nichts davon, allein in seinem Blech, ohne Aussicht, es loszuwerden. Denn, unter uns, was käme darunter zum Vorschein? Ein paar Rädchen und Stängelchen, eine Feder und – nichts. Was jeder gern wäre, ist Hüppefips: eine ehrliche Haut.

HUMANKAPITAL

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Man führt die dampfenden Rösser der Intelligenz auf Felder, auf denen sie sich bewähren dürfen. Man traut ihnen alles zu, aber man traut ihnen nicht über den Weg. Man überträgt ihnen Aufgaben, denn sie sind ›unser Kapital‹. Den mediokren unter den Intelligenten ist es recht. Sie sehen sich auf der Habenseite des Daseins, sie sehen es als ihr gutes Recht an, abzuschöpfen, was sich ihnen bereitwillig darbietet. Dieses bereitwillige Universum ist eine Fälschung. Sie täuscht gerade so lange, bis sich das Spiegellabyrinth um die Ritter des Denksports geschlossen hat. Denn niemand ist bereit, ihnen auch nur einen Millimeter nachzugeben – in nichts, in allem. Dort, wo der Besitz es ernst meint, gilt Intelligenz nichts. Also schlaumeiert sie am Ende wie andere Besitzlose auch. Das böse Wort von den ›Freigelassenen‹ trifft sie hinterrücks: die freigelassene Intelligenz fällt die Wände an, die man vorsichtshalber eingezogen hat, bevor man die Ehre kappte, ein vollständigerer Mensch zu sein.

HUNGERLEIDER

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Der Mensch, als Gerät der Armut, wird im Elend mit diesem Namen bedeckt. Es gab im deutschen Handwerk, das so vieldeutig ist, eine lange und dürre Beißzange dieses Namens. Es gibt allzu dünn geratene Suppen, zu schmale und brüchige Bausteine, Latten und Hölzer, ja sogar Schwerter und Degen, die ihrer Zerbrechlichkeit wegen als Hungerleider bezeichnet wurden. Dies gilt selbst für die schönen Altäre des Biedermeier aus Papiermaché. In Schmalkalden gibt es ein Haus, es ist kein Gefängnis, das mit sechs Fenstern übereinander bis heute im Voksmund ›das Hungerleidlein‹ genannt wird.
Die traurige Bezeichnung gewöhnlicher und zerbrechlicher Gegenstände mit diesem Namen, bis hin zu Häusern und Landschaften, unterscheidet sich deutlich von ›Hungerkleidern‹, die von den höheren Ständen seit der Zeit Karls V. am spanischen Hof und in Österreich getragen wurden, wenn Gefahren im Anzug waren oder überhaupt der gute Geschmack Bescheidenheit gebot. Ganz Wien trug während der Belagerung durch die Türken klappernde Blechstücke an Ärmeln und Hosenbeinen und ebenso bei der Beerdigung der Kaiserin Theresia. In Totentänzen führten Skelette von Hungerleidern die Päpste und Könige an, so dass Adolph von Zwirnbrück den Metzgern den Verkauf von Suppenknochen verbot, hingegen die fetten Würste von allen Steuern und Abgaben befreite. Er galt als Freidenker und die Zwirnbrückner Speckseiten lange als Bargeld, jedenfalls so lange, bis einige Bürgerinnen so umfangreich waren, dass man zwei Seitentore der Stadt, fette Hennen genannt, erweitern musste. Erst im Dreißigjährigen Krieg schwanden dergleichen Üppigkeitsgesetze, die dem Ziel einer protestantischen Aufhebung des Hungerleidens per Edikt gegolten hatten. Es ist wenig bekannt, dass die Sekte der Sociaalmaatschapisten in den Niederlanden Bismarck bewogen haben soll, in Preußen das Rentenrecht einzuführen. - PM

HUNGERLEIDEREI

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Die Hungerleiderei nach dem Unendlichen gerät ins Abseits, sobald das körperliche Hungern keine existentielle Erfahrung mehr bereitstellt. Doch so wenig Sattsein bedeutet, den Hungermechanismus überwunden zu haben, so wenig verschwindet auch der Unendlichkeitshunger. Er maskiert sich, das ist wahr, er wirkt spielerisch, dilatorisch, nostalgisch, er vermittelt auf jede erdenkliche Weise den Eindruck, dass es ›heute‹ im Ernst um andere Dinge geht, er hält sich zurück wie jemand, dessen Kräfte nicht ausreichen, um im Vordergrund, vor großem Publikum zu agieren. Belächelt zu werden, ist seine Weise zu überleben, und er würde in dieser Hinsicht weniger auf sich nehmen, wenn es ihm nicht ernst wäre, wenn er über Alternativen verfügte. Eine unsichtbare Macht drückt ihn gegen die Wand und er hält still, solange dieser für ihn fatale Augenblick anhält. Wer glaubt, ihn besiegt zu haben, täuscht sich, eine solche Macht ist unbesiegbar.

HUNGERLEITER

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Auf der Hungerleiter ist Platz für jeden, den es nach mehr dürstet. Vermutlich kommt im Leben eines jeden Menschen der Zeitpunkt, zu dem er sich sagen muss: »Es ist alles gesagt. Was noch kommt, ist Wiederholung, matter, löchriger vermutlich von Mal zu Mal. Am besten wäre es zu schweigen und anderen das Feld zu überlassen. Welches Feld? Welches Feld, frage ich Sie. Ja, ich frage Sie, da Sie gerade vor mir stehen und nicht daran denken, mir Platz zu machen. Woran denken Sie überhaupt? Mich hungert, mich dürstet nach Fortkommen und Sie stellen sich mir in den Weg. Sie glauben, ich hätte Zeit? Weniger als Sie denken. Könnte ich über Ihre Zeit verfügen, wäre ich froh und glücklich, meinetwegen dürften Sie hier stehen bleiben, bis Sie schwarz werden. Aber so ist es nicht. Mein Fortkommen ist nicht gesichert und Ihres... Schämen Sie sich nicht? Sehen Sie nicht die Hungerleiter, den Jakobsweg ins Weglose? Was sehen Sie überhaupt? Wozu wurden Ihnen zwei Augen in den Kopf gesetzt, abgesehen vom Rest, auf den es Ihnen offenbar ebenso wenig ankommt? Ankommen, ja, angekommen sein, das möchten Sie, doch ich verspreche Ihnen: Daraus wird nichts. Niemals und nimmer. Unter uns, es kommen immer neue Leute, sie wähnen, sie seien angekommen, machen Sie sich nichts vor, es sind Dummköpfe von gleichem Format wie Sie, aber immerhin, es sind Hungerleider, sie wollen erst satt werden, das haben sie Ihnen voraus. Sie hingegen glauben satt zu sein – wo hat man das jemals gehört? Wäre es an mir, Ihnen die gebührende Strafe aufzubrummen, ich ließe Sie die Hungerleiter auf- und abfahren, auf und nieder, kaum angekommen, müssten Sie umdrehen und wieder nach unten stürzen, schweißtriefend, voll Angst, unten etwas zu versäumen, wo Sie doch oben sind, hören Sie, oben! Der Oberen einer! Aber, wie gesagt, voll Angst, unten etwas zu versäumen.«

HUNGERWAHN

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Hungernde Nationen verhalten sich anders als solche, die den Hunger nicht kennen, sie hegen andere Gedanken. Das ist die unsichtbare Linie, die den Westen von seiner Vergangenheit trennt, wobei, wie die Statistiken sagen, im Kernland des Reichtums bereits wieder kräftig gehungert wird. Es gibt einen Hochmut gegenüber den eigenen Vorfahren, der sich nur mit gutem Essen erklären lässt. Diesseits der Grenze ist alles Spiel, Muskelspiel inbegriffen, Posthistoire, freies Spiel der Kräfte, Auswechselbarkeit der Führungsfiguren und das, was man im Deutschen neuerdings Governance nennt, also Verwaltung. Jenseits – die seltsamen, schwer verdaulichen Lektionen der Geschichte, die Harakirizone der Gebildeten. Zerstört wird die Grenze durch Gier und das Schnöseltum von Regierenden, die just dann anfangen, sich sicher zu fühlen, wenn sie nachdenklich werden sollten. Die Saturiertheit tötet sich, wie ein römischer Patrizier, selbst. Über den Hunger kehrt die Geschichte nach Europa zurück, sie hat ein bisserl pausiert, aber es geht schon wieder.

HYPER-ALL

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Wer ein Weltall kennt, kennt sie alle, wer einen Urknall zulässt, lässt viele zu – das ist schwer von der Hand zu weisen oder wäre es, wenn es nicht reines Analogiedenken bliebe. Das Zulassen ist eine Form des Ausgrenzens, weil das Gleichartige gleichgültig bleibt und vor allem: draußen. Das Universum ist schließlich das Universum. So dachte man über das Atom, solange man am Wort klebte und es für unteilbar hielt. Das Universum könnte sich – was? – mit anderen teilen? Undenkbar, ein Unsinn, ein wirklicher Unsinn. Das Universum ist das Universum, weil es alles umschließt, was wir zu erkennen vermögen. Aber sollte es sich um eine Sonderform handeln, in jenem Hyper-All, in dem die einzelnen Weltalls koexistieren, so könnten andere Formen so sehr von ihm differieren, dass ihre Interferenzen mit ihm unbemerkt blieben, weil ein einfaches Denkverbot sie annullierte. Man muss das All als singulär und umfassend konstruieren und kann es nicht, weil das Denken keinen Grund dafür bereitstellt außer der Magie überkommener Begriffe, die zu den gängigen Theorien passt wie ein Holzgriff zu einem Raumschiff. Das All ist All wie das Atom Atom ist. Ein Urknall für alles – das ist Monotheismus der Materie, eine Schöpfungslotterie, bei der, wer als Gewinner dasteht, schon bald als Verlierer enttarnt werden kann. – Nun, sagt A., warum sollte es in Raumschiffen keine Holzgriffe geben? Bestimmt gibt es sie, wer daran zweifelt, hat bald keinen Zweifel mehr übrig und muss zurück auf Position 12c.

HYPERBEL

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Die Herrin des Yagir, nach einer erfolglos verlaufenen Sitzung des gemeinsamen Rates der Bruderländer vor die Kamera tretend und gefragt, wie sie ihre Position gegen den Widerstand aller Kollegen behaupten wolle, zeichnet in die klirrende Luft eine ansteigende Hyperbel: »Das ist ein Lernprozess. Lernprozesse pflegen nicht linear, sondern in geometrischer Progression zu verlaufen.« Katzbuckelnd entfernt sich der Fragesteller.
Der Zuschauer, halb zusammengesunken vor seinem Bildschirm, begreift den festen Entschluss der Dame, lieber an dieser Wand aufzulaufen als zur Seite zu gehen, um den Weg fortzusetzen. Und er sinniert darüber, welcher Weg nun der rechte sei: der in den Abgrund, sofern er sich oben zeigt, oder der in den Rachen aller Lästermäuler, die immer schon wussten, dass kein Hals sich schöner dreht als ein Wendehals.

ICH, plural

I
Es fällt auf, dass unter den Autoren des 20. Jahrhunderts, bei denen man mit einem ausgeprägten, vielleicht sollte man sagen: besonders hochgezüchteten Ich-Faktor rechnen muss, die Rede von der ›Pluralität‹ des Ich grassiert, von den vielen kleinen Ich-Maschinchen, die das eine Ich zum Kollektivsingular degradieren oder erhöhen oder allenfalls als Theatermaske bestehen lassen. Sicher, so kann man reden, auch wenn die Maschinen-Rede immer ein großes Fragezeichen verdient. Doch berührt das gar nicht die Frage der Bestimmbarkeit jenes seltsamen Ich, das aus allen Maschinen-Zuschreibungen gewissermaßen unberührt hervorgeht. Der Ich-Kern inmitten der Bestimmungen, in denen wir uns wiederfinden, bleibt plastisch, bildbar, Quellpunkt aller Bildungen; er geht in sie ein, ohne mit ihnen zu verschmelzen. Daraus folgt jedoch, dass jede Bestimmung, unter der ›wir‹ uns wiederfinden, dem Ich äußerlich bleibt – unter der Voraussetzung, dass diese Äußerlichkeit nicht-kontrastiv gedacht wird, dass sie dem Ich-Sagen nicht im Wege steht und extra durch Negation beiseite gebracht werden muss. Wer ›Ich‹ sagt, muss weit ausholen, zumindest dann, wenn er es reflexiv meint und sich nicht einfach seinen Weg durchs Leben bahnt. All jene Ich-Ecken und -Kanten, die meist geltend gemacht werden, um das Ich-Sprechen gegenüber der ›objektiven‹ Sicht der Dinge zu unterfüttern, erinnern ein wenig an die Nischengesellschaft der DDR, in der die Staatsmacht angeblich so weit weg und doch wiederum so erstaunlich nahe war, dass die vielen kleinen Nischen einander wie ein Ei dem anderen gleichen konnten. Wohl deshalb auch lässt sich dieses Ich so gut aus dem Katalog der Sehnsüchte (und der Warenhäuser) möblieren.

ICHSAGEN

I
Das Ichsagen ist keine Passion, sondern ein Vorstoß. Ob er gelingt, hängt von Faktoren ab, die sich nicht durchgängig kontrollieren lassen. Einmal ist es die Stärke des Widerstandes, ein anderes Mal die Widerstandslosigkeit, das Bodenlose, das ihn scheitern lässt. Immer aber bleibt das begleitende Bewusstsein, sich auf einem Gelände zu bewegen, das von geheimen Drohungen der Gegenseite durchzogen ist. Man kann die Stadien der Moderne als Schübe betrachten, in denen die Scheu vor dem Ichsagen mit immer neuen Mitteln und unter jeweils anderen Vorwänden überwunden werden sollte. Das kleine Ich großsagen, das ist eine Frechheit, auf die keine Strafe folgen darf, wenn Moderne sein soll. Descartes’ ›Ich denke‹ ist eine Weise, es großzusagen, das transzendentale Subjekt Kants und das Ich Freuds wurden erfunden, um es gegen die Unbill eines raffinierteren Denkens und die Anschläge seiner Feinde abzusichern, was insofern misslang, als beide alsbald auf den Altären der Wissenschaftslehre und der Gesellschaftstheorie geopfert wurden. Am Ende überwiegt das Gefühl des Ungehörigen und kassiert die Vorstöße, um die Erinnerung an sie zu bewahren, so wie der Mythos die Schicksale der Iason und Niobe aufbewahrt.

IDEENSCHÜTZER

I

Die Ideen sind krank, wer möchte sie beschützen? Die Frage erhebt sich am Rande eines schwarzen Lochs in einem mittleren Universum, das seine Erfolge einem ausgeklügelten Bildungssystem zuschreibt, denn es weiß sich arm an Rohstoffen. »Wir müssen unser Universum als Schicksalsgemeinschaft begreifen, bevor es zu spät ist.« So steht es in dem Papier, das die Teilnehmer der Konferenz am letzten Tag zu unterschreiben gedenken, denn sie wollen nach Hause und das Loch zu ihrer Rechten erweckt Unbehagen. Zu Recht! Die Ideendrift, die vor niemandem Halt macht, ist in vollem Gang und ihre Wirkungen müssten jeden aufmerksamen Beobachter auf der Stelle entgeistern. »Unscharf denken!« fordern Plakate, an denen vorbei die Delegierten ihre Plätze einnehmen, »nur so können wir dem Schicksal entrinnen.« Einige Delegierte, vom schiefen Adel gezeichnet, den die Geburt in einem begünstigten Sonnensystem verleiht, ahnen, dass es kein Zurück mehr geben wird, sie sehnen sich nach dem Dampfschiff und da ist nur der wolkenlose Azur.

IDENTITÄT

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Wettlauf der Konstrukteure. - Konstruierst du mich, so konstruiere ich dich – so läuft das Spiel. Keiner konstruiert seine ›persönliche Identität‹, das Ich bleibt immer zurück oder außen vor. Es separiert sich, es ›bedeutet‹ nichts, es lebt verschattet, es lebt von Bedeutungen. Warum das wichtig ist? Weil es zertreten werden kann und Theorie noch immer der Erste Zertreter ist.

IDENTITÄTSGESCHICHTE

I
Zum Teufel mit der Identität – irgendeine wird sich schon finden. Identität hat eine Geschichte und speist sich aus vielerlei Quellen. Das ist insofern bemerkenswert, als viele sagen: Identität ist Identität, als wollten sie sagen: ich bin ich. Sie wollen damit ja nicht ihr besonderes Ich zum Ausdruck bringen, die Kindheit, die es geformt hat, die zehn stärksten Erfahrungen auf den üblichen Feldern, von denen es zehrt, eher wenden sie sich gegen den Prägehammer, mit einer leicht bittenden, leicht trotzigen Gebärde. »Bitte präge mich nicht«, heißt diese Gebärde, »präge mich nicht immerfort weiter, ich bitte darum. Eigentlich möchte ich so, gerade so, wie ich jetzt bin, nur ein bisschen dahinleben, ein bisschen länger, wenns geht, als andere Leute, ein bisschen kürzer als jene, die schon zu lang leben, jedenfalls sagt mir das ihr Blick, auch wenn sie anschließend anders reden.« Es ist eine Frage der Berufung. Man wird berufen und abberufen, man versucht einem Ruf Folge zu leisten, einem Lockruf zum Beispiel oder einem Wink des Schicksals, dem man besser nicht nachgehen sollte, Schicksal hat etwas Gefährliches.
Aber man kann sich nicht immer fernhalten. Man will es auch nicht. Manche Winke stammen direkt aus den Ursprüngen der Identität. Es kommt nicht darauf an, wie man ist, sondern aufs Durchkommen. ›Durchwursteln‹ zum Beispiel ist so ein Wort: wo die Passage eng wird, formt sich der Mensch zur Wurst, er würde auch jede andere Form annehmen, je nach Durchlass. Dieses Wursthafte lässt sich gut an Menschen studieren, von denen die Mitwelt sagt, sie seien erfolgreich, das geht oft bis ins Detail der äußerlichen Erscheinung. Aber man täuscht sich schnell. Die geschmeidigsten Würstchen wirken alert und proper und die Menschen lieben sie. Das ist leicht zu erklären: wer täglich zu Brei verarbeitet wird, der wünscht sich nichts sehnlicher als eine Haut, in der viele Menschen gern stecken würden. Eine Haut, die jede Füllung lächelnd wegsteckt – den Schmutz der Seele, die Trostlosigkeit der Gedanken, die Gnadenlosigkeit der Organe und vor allem die nächste Verwurstung. Rette deine Haut: aber wie? Aber wann? Aber wo? Und ist sie die deine? Bist das, was dich zusammenhält, du? Wer bist denn du? Dich wollen wir haben, denkst du, während wir dich vergessen. Zustimmung ist ein Ausdruck des Vergessens, wusstest du das nicht? Du bist gut, geh deiner Wege. Wir beneiden dich, also geh. Und wenn du schon gehen musst, zieh bitte den Karren ein bisschen weiter. Wir leben hier im Schlamassel, davon verstehst du nichts, dreh deine Pirouetten, aber sei kein Klugscheißer.

IDIOTIKA

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›Idiotes‹ (ἰδιώτης) hieß in der Antike derjenige, der sich gegen die Gesellschaft abschließt und sein eigenes Maß lebt. Das hat sich umgekehrt. I. heißt die Insel, auf der die Gesellschaft Urlaub macht – Kultur inklusive. Wer sie googelt, dem fallen die Augen aus dem Kopf. Ab unter den Teppich! Das nennt man: betretene Blicke.

IDOLWECHSEL

I
Die These ist vielleicht nicht zu gewagt: Mit der westlichen Idolisierung der Frau ist es für die nächsten Jahrhunderte vorbei. Noch schlagen die Wellen der Propaganda gleichmäßig an den Strand, doch da sitzen keine notorischen Bräuner mehr, Bulldozer ziehen ihre Spur durch den Sand und türmen Hügel auf, die ahnen lassen, dass im nächsten Frühjahr andere Formen des Auslaufs zu gewärtigen sind. Die Heiligsprechung des ›anderen‹ Geschlechts im Namen einer antizipatorischen Ideologie war, wie die vorangegangener historischer Fackelträger, ein Flop: soviel versteckte, soviel ›durchaus‹ aktiv betriebene allseitige Aushebelung von... Gerechtigkeit hätte niemand erwartet. Niemand? Als ob hier nicht alle Karten gezinkt wären – wo alle erwarten, sind automatisch alle Erwartungen im Spiel und die lautlosen wollen den Vorteil pur. Der Gedanke, dass jedes System seine Gewinner und seine Verlierer besitzt, liegt nahe und wird deshalb von vielen ergriffen, weil sie ihn für eine Waffe halten, mit der sich aufkommende Unruhe bändigen lässt, aber eine Woge lässt sich so nicht aufhalten, sie geht über die Köpfe hinweg, vor allem, wenn sie sich rechtzeitig ducken. Das System... jedes System verfügt über seine geheimen Hebelchen, von denen sich das approbierte Denken nicht träumen lässt, weil es die Beobachtungsfähigkeit der Menschen aus systemischen Gründen unterschätzt. Es gibt eine subkutane Wirksamkeit der passiven Existenz, die sich nicht erst auf lange Sicht, sondern als Wand in allen Verhältnissen bemerkbar macht: als Wand der abgeschnittenen Möglichkeiten, der sich willkürlich begrenzenden Phantasie, der mit Vorsatz missbrauchten Sprache und einer schweigend sich erhaltenden und fortpflanzenden Alterität des Wollens und Wünschens. Diese Wand, in Bewegung gedacht, ist die Woge, die durch alles hindurchgeht. Man sieht sie nicht, man spürt sie nicht, aber man nimmt sie wahr.

IGITT

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Die Old Europeans finden die New Europeans nicht sehr prinzipienfest, jedenfalls in Sachen politischer Kultur. Kaum mit den Institutionen der Freiheit gesegnet, suchen sie ihr Heil in der Freiheit von den Institutionen – des Brüsseler Molochs natürlich, soweit das finanzielle Füllhorn darunter nicht leidet. Die New Europeans sind eine Erfindung der neuen Welt, in Westeuropa nennt man sie etwas pauschalisierend Osteuropäer, während sie selbst Europas Mitte für sich beanspruchen. Recht haben sie, geographisch gesehen, ganz recht, aber viel nützt es ihnen nicht – West bleibt West und Ost bleibt Ost. Europa, das heißt der Teil Europas, der sich Europa nennt, ist das alte nicht mehr, es hat aber kein anderes und seine Bauchredner finden, die alten Zeiten würden überbewertet. Und die neuen? Im neuen Europa halten die alten Europäer verbissen Ausschau nach den neuen Europäern, die ihnen schmackhaft gemacht wurden, aber vorderhand nirgends in Sicht sind. In der Zwischenzeit strömt viel Volk zu, das nur Europas Bestes will, Geld, Arbeit, Konsum, die einen Geld, die anderen Arbeit, wieder andere den Konsum: eine erhabene Bürokratie nennt diese Menschen, Strandgut der Globalisierung, um die Verwirrung zu komplettieren: Neueuropäer. Alteuropäer kommen, zumindest in Europa, nur spärlich vor, die letzten hauchten, schenkt man den Schülern Kosellecks Glauben, im Gefolge der Französischen Revolution ihr kostbares Leben aus, das war 1789, also schon ein hübsches Weilchen her. Eine radikale Minderheit unter den Gemeineuropäern stellen die guten Europäer – sie sind die Vorhut Europas, wie es noch keines gab. Man könnte sie ruhig unbedeutend nennen, hielten sie nicht praktisch alle Posten besetzt, die der alte Kontinent, soweit gehegt, seinen Hütern zu bieten hat. Alle anderen sind so ungefähr, was sie schon immer waren – Franzosen, Belgier, Ungarn, Polen, Luxemburger, Vatikanstatisten, It-…, It-… – und wollen es, wie es scheint, durchaus bleiben, solange die Neueuropäer noch nicht die Regie übernommen haben. Vor letzteren haben alle ein wenig Bammel. Nicht wenige verstehen sich, zum Erschrecken derer, die, auch im Kopf, schon länger hier leben, so ganz und gar … anders, dass manche Gerichte lieber das Wort verbieten, als den Tatsachen Rechnung zu tragen. Zum Glück verstehen die meisten Menschen sich selber nicht, das hilft, sich mit dem Nachbarn zu verstehen, sogar in der Fremde. Denn mit dem Verbot eines Wortes ist es selten getan. Ein Wort gibt das andere und alle wollen verboten sein. Langsam gehen Europa die Worte aus, die alten aus Unkenntnis, die neuen aus dem berechtigten Bedenken, es könne an ihnen etwas dransein – igitt. »Igitt«, krächzte Rabe – es war nicht Odins Rabe, aber vom Alter her kam es aufs gleiche heraus –, er krächzte noch lange, während der Stumpf, auf dem er saß, langsam wegfaulte. Er war nicht blind, er war nicht einäugig, er konnte nur nicht nach unten schauen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, deshalb blickte er starr geradeaus und versuchte sich vorzustellen, er fliege.

ILDEFONDO

I
Ildefondo war ein großer Held. Er betrieb eine Hundezucht für den Hades und ließ sich zur Erprobung ihrer Wut an allen beseelten Stellen seines Körpers beißen. Um den grässlichen Schmerzen standzuhalten, pries er heulend die lange vergessenen Götter der Unterwelt und lobte ihr Wissen um Schuld und Sühne. Dabei glichen die hellen Töne der Transparenz eines Schmelzofens im Bereich der Titanen, wenn das flüssige Gold sich rötet, in ihren Tiefen aber den Feuersbrünsten in Akkon, als die christliche Ritterschaft, neuen Gestirnen opfernd, den Tempel des Hephaistos-Stupidides in Brand steckte. Ildefondo starb, von Wunden bedeckt, unter dem Sternbild der Krone im Kynokephalus. - PM

IMHOFF

I
Nichts verzeiht die Luhmann-Gesellschaft schwerer als unverstellte Äußerungen persönlicher Ruhmsucht: das trifft die Poeten unter den Schriftstellern, die nicht billig genug sind, das Geldverdienen als Quelle ihres Selbstwertbewusstseins gelten zu lassen, ins Mark. Ein wenig Menschheitssauce muss dabei sein, die Kämpfer-Attitüde sagt zunächst und vor allem, ich bin nicht allein, ich bin einer von euch, falls ihr die richtigen seid, was ich zu euren Gunsten einmal annehmen will. ›Nehmt mich, ich komme nicht weiter in Betracht, es ist ganz belanglos, was ich da schreibe, es sei denn, in euch wird es zur Waffe. Reden wir nicht von mir. Ich hatte eine schwere Kindheit, aber gegen eure gehalten ging es mir gut. Wenn ich von mir rede, dann nur euretwegen, in Wahrheit rede ich von euch, immer von euch.‹ Nein, es schickt sich nicht, das Selbstbewusstsein eines Aretino zur Schau zu stellen. Es wird hart geahndet, werʼs versucht, wandelt als Toter unter den Lebenden, schlimmer, als einer, der nie gelebt hat. Es nimmt daher nicht wunder, wenn einer, der es nicht lassen kann, zu der Überzeugung gelangt, er wandle Wasser zu Wein, während es sich doch gerade umgekehrt verhält und aller Wein, den er ausgeben könnte, als Wasser den Hügel herunterläuft. Die schärfste Waffe der Gesellschaft gegen ihre Ausreißer ist das Befremden – das willkürliche Schwernehmen dessen, was leicht gesagt ist, knochenharte Ironiefestigkeit und jenes fatale ›Was soll denn das?‹, an dem alle ungleiche Ambition zerschellt. Wer die Selbsterhöhung im Wissen um die Wirksamkeit dieser Mechanismen betreibt und geduldig zusieht, wie sein Leben verrinnt, muss ein Blinder sein oder ein Großer. Zumindest darf er sich selbst das alle Tage sagen, weniger deutlich allerdings mit dem Zusatz, dass die Frage, die daraus entsteht, unentscheidbar ist, jedenfalls für ihn selbst. Es bleibt ihm daher nichts anderes übrig, als sich als Medium entwerfen, den Blick auf eine kommende Menschheit gerichtet, deren Urteil freier, genauer und wissender sein wird als das der gegenwärtigen – also auf den Weltgeist, falls er zufällig Hegelianer ist oder eine alte Liebe zu diesen Formeln bewahrt hat. Aber nicht die Welt wird der Rufer in der Wüste für sein Dilemma verantwortlich machen, sondern das Kollektiv, um dessen Anerkennung er buhlt, also die Nation. Wäre die Nation frei, sie würde ihm freudig zustimmen. Da sie mit Blindheit geschlagen scheint, scheint es vernün­ftiger, sie in Ketten zu denken: versklavt, verdummt, kopf- und ideenlos, ihrer historischen Sendung ledig. Platons Höhlengleichnis spukt in diesem Modell, es zuckt hier und dort und reißt an den verhandelten Gegenständen, so dass sie einen Zug ins Skurrile bekommen, obwohl sie doch menschlich sind und sein sollen. Die Höhle lebt, weh dem, der Höhlen birgt, könnte man über diese Texte schreiben, doch der Autor kommt einem mit dem unvermeidlichen »Die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung...« zuvor und ist schon fertig.

IMPFSCHADEN

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Eine besondere Art des →Dachschadens. Eine Impfung z.B., die massenhaft Schäden verursacht, ist die Impfung mit Gedanken. Sie müssen nicht falsch sein, diese Gedanken, es liegt an der Wiederholschleife, wenn sie Schaden anrichten. Das Denken, begierig nach Wiederholung, solange es nicht begriffen hat, reagiert allergisch, wenn die Botschaft längst ankam. Es ist die Dauerberieselung, die dann die Fragen aufwirft. Warum machen die das? Was steckt dahinter? Wer sich solchen Fragen nicht stellt, wird krank. Impfungen etwa, die keinerlei Nutzen abwerfen außer dem Profit, aber massenhaft schaden, werfen Fragen auf. Werden sie unterdrückt oder stigmatisiert, werfen sie Antworten auf, von denen die Wohlmeinenden hofften, sie müssten nie gegeben werden, weil sie so einfach sind und das gesellschaftliche Gewebe zerreißen. Unter allen Formen der Tyrannei ist die des Profits die fratzenhafteste, weil sie so unnötig ist und sich mit Sicherheit selbst zerstört, während sie doch in alle Ewigkeit fortbesteht.

INNEN

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Kein Wort ist so in Verruf geraten wie dieses. Erstaunlich, denn gebraucht wird es nach wie vor. Welchen Sinn machte sonst das Außen? – Es hat es aber auch zu bunt getrieben, dafür wird es hart hergenommen. Im Innern vergraben – das ist so eine Phrase, vor der sich die Leute fürchten, als müssten sie dort ihr eigenes Grab schaufeln und es mangelte ihnen an allem, vor allem an Zustimmung zu einem solchen Unterfangen. Auch wüssten sie nicht, wo beginnen. Wo soll es sein, dieses Innen? Und wenn man es fände, läge man dann schon drinnen?

INSTANZ

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Der Satz, Hölderlin sei nun genügend interpretiert, interpretiert sich selbst, aber auf überraschende Weise. Hölderlin, befragt, wüsste dazu nichts zu sagen. Das Genug! des Interpreten gilt ja nicht einem Autor, es gilt dem eigenen Wahn, der nun durch Augen und Mund nach außen tritt, nachdem er lange den Weg durch die Poren nehmen musste. Nie wieder schwitzen um eines Gehaltes willen, von dem die Interpretierten, armseliges Gewürm, nur hätten träumen können. Als Rentner des Geistes kann so einer den Stoff entbehren, den er lange kneten musste; im Alter beginnt er, sich die Hände zu säubern. Mani puliti! Nicht, dass er sich jemals durch Auslegung hervorgetan hätte, das haben andere, die sein Scheelblick verfolgte, nein, dass er die Gedanken der anderen als die eigenen ausgeben musste, ganz Stand der Forschung, das macht ihn jetzt, da er mit allem durch ist, zu einer Instanz. Er hat erfahren, wie wenig an alledem dran ist, wie wenig es das Gehirn zu Gedanken zu bewegen vermag und wie wenig den Menschen zu Taten – er hat das Drama der Vermittlung durchlebt und hält es für das Drama des Geistes. Alles sinnlos! Das Alter träumt von Arbeitslagern für Wissensvermittler, vom harten Weltstoff, der die Regale füllt, auf denen eben noch das Gewebe der Verse ein schalkhaftes Eigenleben führte, es wüsste, wo es die Schlüssel in dem großen, kühlen Büro verwahrte, ließe man es noch hinein, aber es hat Vertrauen in die Nachwelt und hält sich durch Reisen schadlos. Die gereinigten Hände... in Unschuld... sie beenden die christliche Epoche, die in jenen anderen begann, zupfend: vorsichtig, beim leichtesten Widerstand stockend, ausweichend, weitergleitend. Gedankenverloren, das ist so ein Wort, ein seltsames Wort, ein Wort für Seltsamkeiten, die sich wegheben. Der anämische Versuch, die Bücher über einer Faszination zu schließen, die realer ist als man selbst, gemahnt an die Idee, den homo novus als Tischvorlage ›durch‹ zu bekommen. Hauptsache durch!

INTELLEKTUELLEN, DIE

I
Genrebild aus den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts: Die Intellektuellen und die Gesellschaft, aufgeteilt auf verschiedene Räume, zwischen beiden eine verspiegelte Scheibe, die den Durchblick nur in eine Richtung gestattet, den Einwegblick; man sieht, seitens der Gesellschaft, die Intellektuellen rauchend auf hohen Stühlen, Tafeln schwenkend, die sie zuweilen mit gesetzgeberischer Miene gegen die unsichtbare Gesellschaft emporrecken. Niemand kann diese Tafeln auf der anderen Seite entziffern, wo man sich wie vor einem Schaufenster drängelt, im lauten Buchstabieren übt und gegenseitig Brocken von Gelesenem und Erratenem zuwirft, von Erratenem oder Geargwöhntem, um genau zu sein. Manchmal brechen Rufe aus der Menge hervor – Hoch- oder Drohrufe, das ist schwer zu entscheiden –, während die Intellektuellen, sich offenbar gegenseitig mit  Schmähungen tiefreichender Art bedenkend, in immer rascherem Tempo die Zeichen auf den verschiedenen Tafeln löschen und gegen andere auswechseln. Ein Vorgang, der sie gleich Puppen mit mechanisch wirbelnden Gliedmaßen in eine Bewegtheit versetzt, die den Bereich zweckhafter Abläufe weit hinter sich lässt, so dass die Menge, deren Faszination zunächst zu wachsen scheint, sich allmählich, zunächst unwillig, dann mehr und mehr gleichgültig, erst grüppchenweise abwendet und schließlich ganz zerstreut. Nur ein paar Kinder bleiben und drücken sich an den freigewordenen Fensterflächen herum, sie haben einwärts gekehrte Blicke und bohren sich in den Nasen.  

INTELLEKTUELLER

I
Der Intellektuelle ist der Mensch, der durchblickt – woraus bereits erhellt, dass es sich um eine ausgestorbene Spezies handelt. Der einzige mit Durchblick unter den Heutigen ist der Börsenjongleur, und der kann gewaltig danebenliegen. Alle anderen sind Narrativwütige, Narrativgläubige, Narrativgeschädigte – in dieser Reihenfolge, es geht aber auch andersherum.
Der Abgang der Intellektuellen von der weltpolitischen Bühne vollzog sich mit einem Knall, gefolgt von einem Seufzer. Ein paar von ihnen wurden nach dem Ende des sogenannten Sowjetreichs mit Tschingderassa und edlen Worten außer Dienst gestellt, ein paar gemeuchelt, der Rest verp… sich, als habe es ihn nie gegeben. Was aus ihnen geworden ist? Gute Frage. Wir wissen nur, wer ihr Erbe antrat: die Journalisten. Im Rausch ihrer neuen Würde begingen sie nacheinander alle Fehler im Schnelldurchgang, denen die Intellektuellen im Lauf der Jahrhunderte erlegen waren – mit dem Ergebnis, dass die Stelle des Intellektuellen gegenwärtig wieder vakant ist. Bewerbungen gibt es genug, aber sie werden nicht angenommen. Warum? Also noch einmal von vorn.
Was dem Intellektuellen den Durchblick verschaffte, war seine Abneigung gegen die hergebrachte Religion und der kühne Entwurf einer neuen, auf reiner Skepsis gegründeten: dieses Programm hat sich, soweit die Spuren des Christentums reichen, fürs erste erledigt. Die neuen Religionen leiden, wie bekannt, unter einem Verpuffungseffekt. Das war und ist, auf Dauer gesehen, schlecht für jeden, der sich in diesem Geschäft tummelt. Man könnte auch sagen: Wer sich allen Ernstes auf den Posten bewirbt, besitzt ein Intelligenzproblem. Und das ist ganz ganz schlecht – für ihn und für jeden, der seiner Rede einen Rest von Glauben schenken möchte.
Was also tun? Der neue Intellektuelle, so es ihn geben könnte, müsste schweigen können. Er müsste so beredt schweigen können, dass sein Schweigen als Mitteilung alle anderen aufwöge, so dass man unwillkürlich auf ihn hörte. In einer Welt, in der alle von etwas anderem reden, erscheint das schwer, aber nicht ganz unmöglich. Sagen wir so: Wer immer gelernt hat, mit Worten zu schweigen, dem sollte das Schweigegitter, das über der Welt hängt, nicht ganz unvertraut sein.

INTELLIGENZ

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»Man hält gewöhnlich für Intelligenz, was in Wirklichkeit nur fruchtbare und brillante Dummheit ist.« Das schreibt der deutsche Verlag auf den Schutzumschlag eines der Bücher Alberto Savinios, des Bruders von Giorgio de Chirico. Man kann auf andere Weise mitteilen, was man von seinem Autor hält, aber so geht es auch.

INTERPRETATIO RUSTICA

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Die Nachwelt schuldet den Millionen ermordeter Kulaken eine Interpretatio rustica der Geschichte. Das ist nicht leichthin gesagt und es erschöpft sich nicht im obligaten Aufarbeiten dessen, was einmal gewesen ist. Kein Bauer hat je öffentlich die Schlüsse gezogen, die nötig gewesen wären, um den bäuerlichen Verlauf der Geschichte zu skizzieren und gegen die hochfahrenden Pläne der Mächtigen oder zur Macht Gezogenen aufzurechnen, und sollte es einen gegeben haben, so gab es selten jemanden, der ihm zugehört hätte. Dennoch klingt die bäuerliche Stimme klar und vernehmbar durch die Schiffbrüche dessen herüber, was man einst Weltgeschichte nannte und heute am besten sprachlich verhüllt. Die Leute bekunden schnell Sympathie mit entfernten Bauernaufständen. Dabei tritt ihnen ein Lächeln ins Gesicht, das man aus der Kindererziehung kennt. Auch sah ich es einst zu Heidelberg, wenn der Neckar über die Ufer trat und die feinen Karossen den Schnupfen bekamen. Aus Kindern werden Leute, aus Bauern Agrararbeiter und schließlich Landwirte, das ist der Lauf der Welt. Dennoch tragen wir diesen Bauern, den es nicht mehr gibt, in uns, und manch einer trägt ihn sogar in seinem Namen. Gibt es ihn also oder gibt es ihn nicht? Das ist eine Frage der Anerkennung, wer darauf pfeift, verliert leicht seinen Einsatz.

INVALIDENSCHLACHT

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Im Geschlechterkrieg befinden sich alle Kriegsparteien auf ein und derselben Seite: nicht allein in puncto Ideologie (hier vielleicht am wenigsten), auch in der Lebensführung bis hinunter zum täglichen Kampf ums Überleben. Ob diese Besonderheit zum Alleinstellungsmerkmal taugt, mögen Kriegstheoretiker entscheiden, aber sie reicht für eine Reihe von Beobachtungen, die dem einfachen Beobachter erlauben, sich selbst als Partei zu etablieren – als Partei der ›Vernunft‹, des Helfersyndroms, des Zynismus, der Häme, der koketten Identifikation mit dem Opfer, der bigotten Entrüstung, der Verachtung der Zeitgenossen und so weiter. Diese sekundären, teilweise tertiären Parteien umlagern die ursprünglichen, sie schließen den Ring um sie, nicht etwa, um den Kampf anzuheizen oder sich an ihm zu ergötzen, sondern um durch ihn hindurch ihren eigenen Krieg zu führen, angefüllt mit Vergeltungsdrang und beseelt von dem Wunsch, keinen Frieden zu geben, koste es, was es wolle, und dauere es, bis die Medien sich eines fernen Tages eines anderen besinnen sollten. Woher die Erbitterung? Warum der Aufwand? Nichts liegt näher als die Vermutung, dass hier InvalidInnen des Geschlechterkriegs aufeinander einprügeln, solange noch ein Funken Vitalität aus ihnen schlägt. Der Geschlechterkrieg, so ließe sich folgern, zählt zu den extremen Kriegsformen, bei denen allein das Schlachtfeld eine gewisse Aussicht auf gelegentliche Entspannung bietet, während das zivile Hinterland unerbittlich in Brand und Aufruhr versinkt. – Und auf welche Seite schlagen sich die primären Gegner? – Das entscheidet sich an der vertrauten Frage: »Gehen wir heute zu dir oder zu mir?«

IOKASTE

I
Solange wir den Druck nicht verstanden haben, unter dem Iokaste sich entleibt, solange bleibt dieses Stück unvollständig – ein Scherben, an dem man sich ritzt, während man das eine oder andere zu sehen glaubt, aber die Sonneneinstrahlung ist zu stark und das Aufblitzen der Ränder entschärft den Blick. Vielleicht ist diese Figur zu stark für das, was wir zu sagen wünschen und redend vertagen. Vielleicht sollten wir von anderem reden und uns ihr hinterrücks nähern. Vielleicht sollten wir einfach anders zu reden beginnen – wie Leute, die mit einer Sache durch sind und nicht mehr viel Federlesens zu machen bereit sind. Soll sie doch vor die Hunde gehen. Wer ist überhaupt diese Iokaste? Menschen, die nicht aufhören können, gibt es zuhauf. Besitzen sie erst die Mittel, ihrer Schwäche nachzugehen, bis ans Ende und darüber hinaus, dann werden sie, ganz richtig, zur Pest. Höre Ödipus, wie sonst nur Gläubige hörten: du hast die Pest im Haus, du hast sie am Leib, du hast sie überall, aber du bist sie nicht und du bist nicht ihr Erzeuger. Ausgelöst hast du sie und ein Hauch davon schlägt dir ins Gesicht. – Er ist taub, der Gute: ein Tauber. Sich am Haar der Iokaste schneiden, das ist, das ist ... kein Verhängnis, eher eine Dummheit.

IONAS

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Der kleine Prophet ist ein Prophet wider Willen. Darin liegt seine Größe. Es schmeckt ihm nicht, wie da einer über sein Leben verfügt, aber die Hauptsache ist etwas anderes. Er selbst ist ja dieser andere, der kommt und geht, während er zu bleiben verspricht, unablässig, als ginge es um nichts anderes. Das Herausreißen liegt ihm, es liegt in ihm, in diesem unzugänglichen Selbst, dem kein Ich nachkommt, einer fremden Macht, sehr anonym, sehr beherrschend, sehr unstet und sehr drängend. Die Truhe, das Haus, das Kind: lauter Interpretationen, die zugleich Beruhigungen sind, aufgebrochen, eingeäschert, gemordet oder entführt, das Los gezinkt, bleibt der Wal. Wer den Wal begreift, begreift auch die Empörung des Propheten darüber, dass der in ihm angefachte Zorn sich in den Straßen der großen Stadt Ninive verläuft – spurlos, sozusagen, auf wechselnden Sohlen. Leider ist dieses Begreifen nicht zu haben, unter Ausgespieenen versteht es sich von selbst und die Münder schweigen. Andererseits reden sie ununterbrochen davon, jedenfalls bleibt es ihrer Rede beigemischt oder unterlegt wie ein Malgrund, ein Homomaris-Weiß, ein Wasweißich, so könnte man es zur Not nennen. Den Tod gewinnen scheint ein seltsames Los. Auch ist es kein Gewinn, sondern ein Verlust. Darin liegt der leise Tadel des Blätterfalls. Das letzte Blatt fällt auf den, der den Schatten liebt. Es könnte ihn bequem erschlagen, aber so geht es auch.

IRONIEFEST

I
Die Ironie – gestern zu Gast, heute wieder unterwegs wie eh und je: was will ich mehr? Ich freue mich, wenn sie kommt, ich spüre dieses leise Bedauern, wenn sie scheidet, aber ich weiß, dass ich sie nie ganz vermisse: da liegt sie zwischen zwei Buchdeckeln, leicht aufzuschlagen, ein Vergnügen, das ich mir gönne, sobald ich mich seiner erinnere. Erinnere ich mich? Werde ich nicht erinnert? Aber wovon denn? Da huscht es hin, es ist nicht zu fassen. Das nicht zu Fassende selbst, welch hoher Besuch. Ironie hingegen ist fassbar, das Inbild dessen, was nicht zu fassen ist, die Hostie, der sich alle Häupter entgegen neigen. Alle? Ach Gott... Beim großen Ironiefest gehen immer einige Gäste mit durch, denen man ansieht, dass sie sich den Eintritt durch eine schicke Maskerade erschwindelt haben. Nirgends sind sie so willkommen wie hier, man erblickt sie auf dem Höhepunkt des Festes zur Rechten des Gastgebers, er küsst ihnen reihum das Händchen und präsentiert sie der Menge. Das Wort ›Beifall‹ erinnert an dieses Zeremoniell, die Anfälligen wissen, worum es geht.

IRRWITZ

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Zu den Klängen des Liedes »Gehab dich wohl, du Volk der Irren« verabschiedet sich der scheidende Präsident von seinem Volk, das ihn voll Bierseligkeit umarmt und an seine breite Brust drückt. Stark! Der Präsident, verhakt in die Klunkern, die das Volk anlegt, wenn es sich an der bleichen Herbstsonne wärmt, rühmt die herzzerreißende Szene und winkt seinen bodygards, sie mögen ihn aus der misslichen Lage befreien. Schon sind sie Gefangene des Systems. Die vergessene Fontäne beschließt, das Ihrige beizusteuern und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Es sind die Gerechten, die sich beschweren, während die Ungerechten die Schuhe ausziehen und nackten Fußes ein Referendum herbeifordern. Zu welchem Zweck? Fällt der Abschied so schwer? Warum herbei? Warum nicht heraus? Der Präsident, noch im Amt, schwankt, doch der Abschied, einmal vollzogen, biegt seine Nerven nach rechts und links, aufrichtig ist nur der Wunsch zu entkommen. Das Referendum erscheint, wirft Sprengkörper in die Menge und erklimmt die Stufen der Akademie. Was will es dort? Die Menge jauchzt und bewaffnet sich. Ein paar Ausländer werden johlend erkannt und außer Landes gejagt. Erkenne, was vorgeht! Erkenne dich selbst! Genug ist nicht genug. Warum sagt einem das keiner? Was stehen die da herum? Sind sie schwer von Begriff? Was geht es die an, wenn das Volk den Ernst der Lage begreift? Der Präsident, der nichts begreift, wandelt sinnenden Hauptes hin und her, auf und ab. Er erwägt das Exil. Im Exil soll es warm sein. Ein warmer Regen. Ist das ein Witz oder Irrwitz? Die Minister, sieht er, sind schon gegangen. Jetzt geht das diplomatische Korps. Mit wem soll er fernerhin sprechen? Soviel versteht er: Das Land ist in keiner guten Verfassung. Den Leuten fehlt es am Glauben, dem Glauben fehlen die Leute. Er fehlt ihnen, sie hätten ihn gern zurück. Ganz ehrlich. Nur der Glaube verweigert sich. Einmal zerronnen, immer entzweit. So sieht es aus. Er wollte sie glauben machen – verschwendete Zeit! Und jetzt? Ein Liebesdienst für die Seele! Ein Glas Wasser für den Leib! Ein Schluck Whisky für den Glauben! Ein Abendmahl für den Verstand! Eine Initiative für alle, die reinen … wie hieß das gleich? Ein Anruf für den Präsidenten – da rauscht er hin.

ISLAMOPHOBIE

I
Der militante Islam hat erreicht, wovon Sekten ansonsten nur träumen: das perfekte Freund-Feind-Verhältnis zur umgebenden Welt, in dem die vermittelnde Rede erstirbt, weil es nichts zu vermitteln gibt. Aber wer hat erreicht, dass es soweit kommen konnte? Der militante Islam muss mächtige Förderer haben – und keineswegs nur unter Muslimen. Recht besehen, ist sein erster Feind der nicht-militante, also der zivile Islam, der sich, um nicht ins Visier der Mörder zu geraten, ängstlich an seine Seite stellt, aber dabei um nichts in der Welt ertappt werden möchte. – Wer so redet, gerät leicht in den Verdacht der Islamophobie, einer Angst, die so furchtbar zu sein scheint, dass alle sich vor der Ansteckung fürchten. Kann man sich vor einer Angst fürchten? Welche Furcht drängt sich da zwischen mich und die Angst, die so groß ist, dass ihre schiere Größe mir Angst einjagt? Anders gesagt: Wieviel Angst muss einer schon haben, um sich so zu fürchten? Zuviel jedenfalls, viel zuviel. Merke: Wer dem anderen seine Angst zum Vorwurf macht, hätte gern keine. Aber es bleibt ihm verwehrt.

JAGD

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Im Hochland der Träume reitet, schläft, darbt man auf eigene Kosten. Das alles darf, wer will, niemanden kümmert’s, und neuerdings darf, wer darauf aus ist, auch töten. Das sind nicht die Freifeuerzonen vergangener Zeiten, in denen die Freiheit des Feuerns der Erledigung eingebildeter Gegner diente, sobald ein Sergeant Lunte gerochen hatte. Inzwischen feuern die Kräfte wieder gezielt, nach langer Pirsch, damit es sich lohnt. Auf die Pirsch kommt es an. Man hat sich mit ihren Elementen beschäftigt und sie ist nicht mehr dieselbe. Fast könnte jemand meinen, sie habe das Geschlecht gewechselt – welches auch immer. Sie hat den fatalen Ruch des Anschleichens völlig verloren, sie ist sozusagen klinisch geworden und vollzieht sich am Bildschirm. Der Rest wird erledigt, sobald man ohnehin in der Gegend zu tun hat. Ein Maschinchen schwebt ein, vorbei, alles ist, wie es sein muss, kaum ein Beteiligter riskiert einen Blick übers Ziel hinaus. Blattschuss. So verlieren die langen Wege sich im Dunkel einer Vergangenheit, wo einer am Gegner klebte, fast eins mit ihm wurde, seine Lebensgewohnheiten in sich einfließen ließ wie einen zähen, bitteren Saft, seine Schuhe anzog, wenn sie der andere in grenzenloser Nachlässigkeit hinter sich warf, in erbitterten Fällen seine Lebensgefährtin umwarb, was sie einem nicht selten durchgehen ließ, schließlich, nach jahrelangem Bemühen, sorgsam die unauffälligste Mordart wählte, so dass es heißen konnte, der andere sei, wenn schon nicht eines natürlichen, so doch eines selbst gewählten Todes gestorben. Heute nimmt man das Wort ›Sterben‹ kaum mehr in den Mund, denn es lohnt nicht. Es gibt keinen Übergang. Mit dem Übergang verschwand auch die Hoffnung, nicht aufs Überleben, sondern aufs Jenseits. Auszulöschende hoffen nicht. Eher diffundieren sie, ohne zu wissen, dass sie gejagt wurden, selbst diesen Triumph hat man ihnen genommen. Wer heute, wo auch immer, gen Himmel starrend die Fäuste ballt und murmelt: »Ihr werdet mich nicht kriegen!«, ist ein Fall für das Irrenhaus. Versuchen Sie’s.

JAGDSCHEIN

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Der eine Teil der Literatur besteht aus Andeutungen, der andere aus Dementis. Keine Aussage ist so unsinnig, dass sie nicht dementiert werden könnte. Der Unsinn der Literatur, er kann, er soll, er darf dementiert werden. ›Darf dementiert werden‹ – das klingt wie ein Aktenvermerk, nur die Akte wurde verlegt. Da passt es gut, dass die Literatur, richtig betrieben, nichts zu tun hat. So verfügt sie über alle Zeit der Welt, um – was? Um zu dementieren. Mit der Zahl der Dementis steigt ihre Bedeutung in geometrischer Progression. Wer viel verneint, ist der nicht ein großer Verneiner? Wer alles verneint – unertappt, hintereinander, in immer neuen Anläufen –, wäre der nicht der Größte? Ganz sicher. An derlei Größen herrscht kein Mangel, an ihnen arbeitet sich ab, wer noch mit dem Glauben ringt. Eine trächtige Klientel! Daher wächst das Verneinte mit – und an – seinen Verneinern. Jede neue Verneinung der Literatur fügt ihr, einmal mehr, alles hinzu, was sie jemals behauptete, und sie bleibt so richtig wie falsch wie ehedem. – Und dennoch und dennoch – es muss geklagt werden! – nimmt ihre Bedeutung ab. Wie kann das sein? Nun, die Erklärung ist einfach, fast zu einfach für einen, der im Bilde ist, vermutlich, weil er einst aufbrach, um Bildung zu erwerben: wo alles gesagt ist, fließt der Redestrom aufwärts, den Quellen zu. Keine entgegenkommende Welle kann ihn dauerhaft zur Umkehr bewegen, unbeirrt hält er Kurs auf das erste gekritzelte Zeichen, das große DA.

JAKOBSWEG

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Es gibt den Jakob und es gibt den billigen Jakob. Das ist bekannt, jeder weiß es, dennoch haben wir Veranlassung, ein wenig dabei zu verweilen. ›Es gibt‹ – was zum Teufel heißt das? Oder, um den Teufel aus dem Spiel zu lassen, wo kommt das her? Wir meinen, das Gegebene braucht das Gebende, sonst wäre es nicht, was zu sein es behauptet. Behauptet es denn dergleichen? Was behauptet das Gegebene? Seinen Platz, ganz recht. Das Gegebene behauptet seinen Platz, sonst wäre es nicht das Gegebene. Es geht nicht weg, soll das heißen, nur weil jemand kommt und ruft: Platz da! Nein, da ist kein Platz, kein freier jedenfalls, denn da sitzt das Gegebene. Das Gebende wird sich etwas dabei gedacht haben, keine Gabe ohne Hintergedanken, das gilt vor allem in diesem Fall, in dem das Gebende im Hintergrund bleibt. Die Suche nach dem Gebenden scheitert am Gegebenen, es vertritt das Gebende, es ist, als sei dieses selbst anwesend, aber es ist nur das Gegebene. Ist es ein Stellvertreter? Das hieße allerdings, dass die Stelle, die es einnimmt, in Wahrheit dem Gebenden gebührte. Warum tritt es nicht hervor, um sie einzunehmen? Hindert es etwas daran? Gibt es ein Hindernis auf seinem Weg in die Wahrheit? Was wäre, gesetzt, es gäbe so etwas, in diesem Falle das Gebende? Das sind schwierige Fragen. Sie zu erörtern bedarf es der Luft und der Wärme, wie nur die Bewegung sie gibt, die langsame, zockelnde, hügelauf, hügelab sich entfaltende – ja, sie schlägt Falten, die Bewegung, solange sie sich nicht dem großen Ziel unterordnet, in dem das Geheimnis nistet, um zu erbrüten, was jeder Gedanke, gedacht oder ungedacht, umschließt wie die Faust die Ampulle.

JAMMERSCHADEN

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Jedes Frühjahr werden die Bewohner der tiefergelegten Regionen der Gesellschaft vom Jammer überrollt, das ist ganz natürlich, man könnte es den ehernen Gang der Dinge nennen, aber man macht sich schon ohnehin lächerlich. Was Linguisten dabei beschäftigt, ist der Gedanke, dass ›überrollt‹ und ›unterspült‹ in diesem Fall ein und dieselbe Bewegung meinen, gleichsam die Backen einer Zange, die so, wie sie konstruiert ist, gar nicht anders kann. Für die Bewohner ist das nicht unproblematisch. Während sie sich vor den umherfliegenden Dachziegeln in Schutz zu bringen versuchen, sich kaum mehr erinnernd, dass es die eigenen sind, drückt die eigentliche Gefahr von unten gegen die Keller, die noch von der letztjährigen Flut feucht sind, aber doch gerade in den letzten Wochen hoffnungspendende trockene Flecken aufzuweisen begannen. Hier zeigt sich, wie wenig hilfreich die Bauvorschriften in Wahrheit sind, wie sehr sie, korrekt gehandhabt, die Flut in ihrem Vorhaben unterstützen, der eine menschliche Absicht zu unterstellen niemand wagt – das hieße ja die Sterne anbellen wie ein Hund, wo käme man da hin. Und dennoch wurden die Vorschriften gegen die Flut erlassen. Sie können nur nicht so schnell geändert werden, wie die Flut ihr Aussehen wechselt. Jede Anpassung bekämpft die Schäden vom Vorjahr und steigert die Tücken der diesjährigen. So speziell fallen sie aus, dass bereits eine geringe Änderung der Stoßrichtung genügt, um den nächsten Ansturm als eine Woge der Hoffnung erscheinen zu lassen, die die Bewohner trägt und ihnen, schaukelnd zwischen den Wipfeln der Parks, die für ihre Gemüter und ihre Gesundheit angelegt wurden, die Illusion des aufrechten Ganges beschert. Dafür nehmen sie vieles in Kauf. Vor allem missfallen ihnen die Warner: unken, so meinen sie, können sie selbst. Die Unke freut’s; sie hat frei und stirbt kummerlos in den Sielen.

JECK

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Auch im Kicher-Universum der Bachtin-Jünger hält das Echte und Wahre Abstand vom falschen Tand. Und wie so oft beeilt man sich, das Echte außer Landes, bestenfalls in der Provinz anzusiedeln, dort, wo man als Tourist das Gefühl hat, bereits fremdes Terrain zu betreten. Der rheinische Karneval ist Kommerz, die allemannische Fasnacht ist die aus der Zeitentiefe kommende Emanation des Volkssinns, ein wahres Volksbegehren, aber man soll sich nicht lustig machen. Die einfache Überlegung, dass das Saufen einerseits eine lange Tradition besitzt, andererseits völlig traditionslos dem Heute entspringt, genügt nicht, um die Ehrfurcht vor dem Herkommen zu mindern. Wer die Maske herausholt, soll unter einem tieferen Bann stehen: dem Bann einer ursprünglichen Freiheit, die mit der Freiheit oder dem Zwang, sich zu amüsieren, zwar in einem losen Zusammenhang steht, aber erst unter dem Zugriff der Interpreten und der diese interpretierenden Tourismusführer in ihrer wahren Dimension aufscheint. Dieses Aufscheinen hat mich oft beschäftigt, es hat etwas zu tun mit der Murmel in der Hosentasche des Banknachbarn in der frühen Schulzeit, die kostbarer war als die der anderen und deshalb nie wirklich herausgeholt, sondern gleichsam nur an die Oberkante der Hosentasche gehoben wurde, wo einige wenige Erwählte sie kurz bewundern durften. Auch sie sahen wenig und hätten sie gern in aller Ausführlichkeit besichtigt, aber das wäre der Erwählung zuwidergelaufen und deshalb begnügten sie sich damit, den Ruhm der Kugel und ihres Besitzers weiter zu tragen.

JENSEITS

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Das konkrete Jenseits ist der praktisch unbegrenzte Kredit. Wer ihn genießt, ist vielleicht kein einzelner Mensch, aber etwas Menschliches: einer jener System-Anker, deren Funktion darin besteht, die Funktionalität des Systems zu garantieren. Diffundiert die Funktion, so diffundiert auch die Instanz, das heißt, das Kapital, jedenfalls auf lange Sicht. Kurz- und mittelfristig liegen die Dinge anders. Auch das Dysfunktionale nimmt Aufgaben wahr und kann dauern. Es kann sogar wachsen, jedenfalls für eine gewisse Zeit, so wie die Macht der Könige noch wuchs, als es objektiv mit ihnen bereits vorbei war. In jeder Macht, die sich überlebt hat, liegt etwas Seelenloses, das die Menschen mehr empört als der Missbrauch selbst: abhängig zu sein, wo kein Glaube mehr existiert, ist Pein. Besser, man hält sich seinen Glauben wie einen Hund – glauben zu glauben und glauben machen, Männchen machen und Pfötchen geben, stets die Leine in Griffweite, das hilft in die Ferne, aber den Nächsten verstimmt’s.

JENSEITSDRUCK

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Das Jenseits, nicht der Jenseitsglaube, ist das Kernstück der Religion. Wie kann man an etwas glauben, das so bedrängt? Das Jenseits enthält keine Frage, es verträgt keine Frage, so wie es keine Antworten gibt. Ein Wort, ein Ant-Wort, ein Entleerer, weit radikaler als jedes Nichts, weil es auch die Negation verweigert, in der das Negierte durchscheint. Ja, es gibt Nichtse, und nicht zu knapp, die von einer Seite aus betrachtet einander gleichen wie eine Eidechse der anderen, von der anderen aus jedoch das ganze Spektrum der Kulturen aufreißen, deren sich die Menschheit als fähig erweist. Das Jenseits jedoch, in seiner schwebenden Unerreichbarkeit, streift spielend alle Modi der Entrückung ab, in denen die Menschen ihm zu begegnen wünschen (und zeitweise wirklich zu begegnen glauben), es bleibt jenseits – widerstandslos, wie seine Verlagerungen in die Zukunft zeigen: es steht bevor. Wer darin ein Zeitzeichen sieht, dem stehen große Zeiten bevor, er verfügt über die Lizenz, seine Mitmenschen über Gebühr zu quälen oder zu belästigen und nichts und niemand weist ihn zurück.
Ja, es gibt ein Jenseits nach dem Jenseits, so wie es eins davor gibt. Und natürlich gibt es nichts dergleichen. Wer aus dem Koma zurückkehrt und verkündet, er sei im Jenseits gewesen, dem hört man höflich zu – hört sich an, was er zu sagen hat, und geht seiner Wege. Es schickt sich nicht, einem sein Jenseits streitig zu machen. Das Jenseits ist jederzeit jedermanns Jenseits. Darum fällt es so leicht, sich darüber lustig zu machen. Ein so leichter Besitz zählt nicht... jedenfalls nicht dort, wo Besitztümer gezählt, gewogen, ausgeteilt oder einkassiert werden, gleichgültig, ob in Gedanken, in Worten oder in Taten. Das eigene Jenseits, nun, das ist eine andere Sache, darüber reden wir ein anderes Mal.

JOHANNES

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Als Säule des Spießertums erwies sich bei allem Onkel Johannes, der bei uns blieb alle Tage, manche sagen: seit Christi Geburt. »Jo, Hannes!«, sagen die Kölner, sie meinen ›Ja, Hannes‹, aber eigentlich meinen sie, er solle endlich die Klappe halten, damit nicht alle im Raum einen Schnupfen bekommen. Hannes hält nichts davon, er schwadroniert, was das Zeug hält, und lässt sich nicht von seinen Überzeugungen abbringen. Johannes steht nun einmal für Überzeugungen, das ist sein Markenzeichen, dafür ist er berühmt. Er hat die Apokalypse entdeckt, ganz allein, und packt alles in sie hinein. Die Apokalypse ist ein tiefer Brunnen, auf dessen Grund man es glucksen hört. Mehr weiß man nicht und mehr zu wissen schickt sich auch nicht. Der Rest ist ein riesiges Maul, es schiebt und mahlt, während es doch immer gleich offen für alles bleibt, was fliegen will. Manche behaupten, die Apokalypse wurde erfunden, um zu vernichten, was fliegen will. Doch Vernichten ist ein großes Wort und nicht alles, was fliegen will, kann es auch. Manches wandert ganz allein in Richtung Apokalypse. Vor allem aber ist sie keine Erfindung, egal, was ihre Gegner behaupten. Sie wurde entdeckt und da ist sie. Sie war schon immer da, vermutlich wurde sie viele Male entdeckt, es bereitet ihr Freude, entdeckt zu werden, vermutlich die einzige, sie sie kennt. Apokalypse ist freudlos. Das sah Papa Freud genauso, was er als Todestrieb ansah, war nichts weiter als die Anwesenheit der guten alten Apokalypse, die sich dagegen wehrte, im Pandämonium der Lüste zu verschwinden. Als die natürlichen Feinde der Apokalypse haben jene altertümlichen Frauen zu gelten, die wollen, dass ihre Männer nach Hause kommen und sich um Kinder und Abwasch kümmern: »Johannes!« Die Apokalypse erledigt alles in einem Abwasch, aber es braucht seine Zeit. Erst wenn jene altertümlichen Frauen von der Erde getilgt sind, ist sie da.

JUCKREIZ

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Als die Nicht-’68er unter den Post-’68ern, also diejenigen, die der Zeitgeist zwar berührt, aber nicht überzeugt hatte, nach dem Zusammenbruch des östlichen Systems die sogenannten Nischen besichtigen durften, in denen sich das dortige geistige Leben der Legende nach gegen die herrschende Zumutung zu behaupten gewusst hatte, fiel ihnen auf, dass die Schubladen leer waren und sie fühlten sich sicher und warm angesichts der langen Listen ihrer eigenen Publikationen. Heute, da der Beruf sie entlässt, stellen sie fest, dass just diese ihnen zum Ärgernis wurden, dass auch die eigenen Kammern leer sind, dass auch sie ihrer Zumutung erlegen waren, dass sie neu anfangen müssten, wollten sie wenigstens den Impuls ihrer Anfänge retten – warum? Weil sie den Einspruch, mit dem sie antraten, zugleich formuliert und nicht formuliert hatten, so dass er unsichtbar bleiben und von den herrschenden ›Lernprozessen‹ spielend aufgesogen werden konnte.
Warum? Weil sie leben wollten, weil sie den Eintrittspreis entrichteten, weil nur wenige von ihnen in die Arena gelassen wurden, weil sie Vereinzelte waren, ohne Verbindung untereinander, aber unter ständiger Aufsicht seitens derjenigen, die da so gelassen-stolz vor ihnen her marschierten und die Richtung angaben, weil … weil … sie nicht durchfallen wollten. Nun sehen sie, dass sie Durchgefallene sind, denen niemand helfen kann und niemand helfen will, weil die Welt sich weitergedreht hat, sie glauben und hoffen noch, dass ihre Welt kommt, und müssen – bitterste Lektion – einsehen, dass ihre ›politischen‹ Altersgenossen, die weder Vorbehalte noch Skrupel kannten, dafür aber das Zeug zum Vollstrecker besaßen, im Recht waren – es war ihre Zeit, sie haben sie genützt und nehmen ihre ›Beziehungen‹ mit in den ›Unruhestand‹, als könne und dürfe niemals enden, wofür sie standen. Wofür sie standen? Für alles, was heute den Juckreiz der Welt erzeugt – sie will sich davon losreißen und reißt, wo sie beginnt, sich selbst die Haut ab. Ob es der Beginn einer Häutung ist oder einer langen Krankengeschichte, wer kann das wissen? Wer will das wissen?

JUDITH

J
Es ist glaubhaft, nichtsdestoweniger unwahr, daß sie es aus Gerechtigkeitssinn getan hat. Auch war sie vorher keineswegs durch übermäßigen Patriotismus aufgefallen. Allerdings verkehrte sie in einschlägigen Kreisen, das sollte bedacht werden. Die Gründe, es zu tun, lagen damals wohl auch auf der Hand. Beeindruckt war sie, ehrlich gesagt, von ihnen nicht. Sie hatte keine, wenn Sie verstehen. Sie war einfach zur Stelle, als es sich ergab. Sie ist der Typ Mörder, dem man das Messer aus der Hand nehmen muss wie einem Kind, damit es sich nicht schneidet. Wenn alle dann um sie stehen und sie langsam aus dem verkrusteten Tuch das begehrte Objekt des Hasses hervorzieht, sprachlos, versteht sich, wirkt sie wie – nun, wie in Bronze gearbeitet, etwa. Nichts zu berichten, zu rechtfertigen, zu bejubeln. Aber dieser Kopfschmerz lässt nach.

JÜNGER

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Mit dem Alter immer jünger werden: herbes Los für jemanden, der stets jünger erscheinen wollte, als es ihm zukam, weil das Herzstück der Empfindung, die Empfindungslosigkeit, ihn früh aus der Zeit katapultierte. Es ist ja nicht so, dass so einer nichts empfände. Im Gegenteil, sein Empfinden, der eigenen Schmalheit bewusst, schafft sich Gefälle und Springbrunnen, in denen es steigt, wenn ringsum die Horizontale herrscht. Das gelingt auf dem Schlachtfeld wie in der Etappe. Den längsten Teil eines solchen Lebens herrscht Nachkrieg: das Rekapitulieren der alten Schlachten, die Nähe zu den Befehlshabern, die Regeln der Sub- und Insubordination, fein gegeneinander aufgefahren, die bösen Träume und die Glücksgefühle im Unglück, all das ist bedeutsam und muss käfergleich untersucht und abgelegt werden, so dass zur Empfindungslosigkeit die Verlangsamung tritt wie der Traum an die Seite des Schlafes und der Schlaf neben den Tod, der das Leben begleitet und abgrenzt, und wie der Tod neben das Summen des Geistes, der in Schichten denkt. Warum das? Weil das unablässige Einsinken der Gegenwart nichts anderes zu denken erlaubt. Wie tief sind wir bereits gesunken? Wie viele Stockwerke türmen sich bereits über uns? Und doch sind wir alle noch immer vorhanden und bewegen uns umeinander herum, ausgenommen die Toten, die immer anwesend sind und keiner weiteren Bewegung bedürftig. Die Entdeckung der Zeitmauer kommt da gerade recht; sie erlaubt es, die Zeit der Zerstreuung zu nützen. Im Wissen darum, nicht weiter gekommen zu sein als bis hierher und darum alles Recht zu haben, hier zu sein bis in alle Ewigkeit, verschmelzen die Generationen und Horizonte, auch das Vergangene wird greifbarer denn je und das Wort ›Archäologie‹ mutiert zum Spaten in der Hand des Schreibers, den jeder Federkiel freut. Jünger sein, jünger werden: wer es mag, dem bekommt, was er bekommt, noch hinein ins Unbekömmliche.

JUNGBRUNNEN

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Brav sind sie, brav, die Künstler. Des Rad des Ixion steht still, es dreht sich nichts. Was sich gedreht hat, sind Publikumshass und -gunst: Wer Kunst macht, produziert für ein Achselzucken. Das ist viel wert, vergleicht man es mit der lästigen Angewohnheit früherer Epochen, angesichts fader Genüsse und alberner Großmannssucht in Gelächter auszubrechen oder Verbalinjurien zu streuen. Andererseits sind beide Seiten gereift: wenn irgendwo ein Scheckbuch gezückt wird, wissen sie, es hat geklappt, und warten weiter. Die Erwartung hält stramm, sie hält auch straff – wer wollte denn alt aussehen, wenn er endlich unter dem Füllhorn steht? So bleibt die Kunst, was sie immer auch war: ein Jungbrunnen für Leute, die keine Angst davor haben, hereinzufallen und um eine Erfahrung ärmer wieder herauszuspazieren.

JUNGE FRAUEN

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Wie sieht eigentlich die Welt aus, in der sich junge Frauen bewegen, deren Auftreten hundert sichtbare und unsichtbare Hebel in Bewegung setzt, um jedes Hindernis für ihr Weiterkommen aus dem Weg zu räumen, um die herum der geballte Einsatz von Studien, Berechnungen, Statistiken, Planungskommissionen und Fördereinrichtungen dem einen Zweck dient, Raum zu schaffen, Räume zu schaffen, in denen sie sich entfalten können, dürfen, sollen, müssen, unbedingt müssen, auf dass der Idee der Gerechtigkeit Genüge geschehe, die darin besteht, dass sie besser sind und Besseres verdient haben – z. B. als ihre Mütter, die auch schon Besseres verdient hatten als ihre Mütter, die wahrlich Besseres verdient gehabt hätten... hätten, wenn ihre Verstrickung in heillose Frauenbilder ihnen die Chance gelassen hätte, anders zu werden, als sie, Diktatur, Krieg, Wiederaufbau beiseite gesetzt, nun einmal wurden... Wie sieht sie wirklich aus, diese Welt, in der das Einfachste kompliziert, weil fast unmöglich geworden ist, in der das Sich-Gehenlassen, wie es nun einmal im Leben geht, als Unbotmäßigkeit bestraft wird und Gedanken an asoziales Verhalten weckt, in der im Leichten das Leichteste schwer wird, in der von der Mutter oder Großmutter nur die Tücke überleben darf, das untrügliche Zeichen einer großen Überforderung, die durch kleine Rachen und Winkelzüge lebbar gemacht wurde? Wie sieht diese Welt aus reinem Anspruch, Migräne, Leben pur und routiniertem Absturz in Zustände aus, zu denen nur Therapeuten halbwegs gesicherten Zugang erhalten? Seltsam muss sie aussehen, ohne Frage, gepflastert mit Sprüchen, deren grenzenlose Fadheit nicht weniger verpflichtet als irgendein heiliger Glaube, von dunklen Gesetzmäßigkeiten wie Drahtseilen durchzogen, an denen die Leichen künftiger Leben baumeln, die nicht gelebt werden dürfen, weil das zu einfach wäre, dem Dauer-Anspruch eines Dauer-Ich dienstbar, das sich an seinen Baustellen selten blicken lässt, es sei denn, es steht unter Strom und will irgendwie mehr, eine Akteurs-Welt aus lauter Beweisen, die niemandem imponieren außer jungen Männern, die bereits überzeugt sind und geduldig und unsicher das Feld zu überblicken versuchen, bevor sie aufgeben, was sie doch nicht halten könnten. Manche findet den kleinen Ausgang im Hintergrund links, den sie nicht verrät, höchstens in Andeutungen, die verräterisch sein dürfen, ohne dass sie mit gesellschaftlichem Liebesentzug bestraft würde. Bleibt, wie immer, der Konsum, dem ohnehin alles dient.

JUNGFRAU

J
Die Politik des neuen Jahrtausends steht im Zeichen der Jungfrau: jenes strahlenden Wesens mit prächtiger Mähne, das endlich einmal auf allen Kanälen sagen darf, wie es sich seine Welt vorstellen könnte, so dass die alten Hengste gerührt zur Seite blicken und sich insgeheim fragen, ob darin wohl noch ein Plätzchen für ihresgleichen zu finden wäre. Sie sind bereit, etwas springen zu lassen, diese Vision wäre nach ihrem Herzen. Leider ist Anmut, auch unter Jungfrauen, ein rares Gut, und was die Visionen angeht, so überfällt selbst ein reines Herz gelegentlich der Verdacht, es könne missbraucht werden, wenn es sich nicht hütet. Doch auch die Hengste zeigen sich seltsam blockiert, sobald es an die Umsetzung ihrer lieblichen Eindrücke geht. Draußen herrscht ›Mutti‹, das Realitätsprinzip ohne Profil. Und nicht nur draußen. Sicher, man ist bewegt und will etwas bewegen. Recht betrachtet, bewegt sich schon viel und man selbst kämpft an der vordersten Front. Ein Schritt zuviel und man fiele. Wenn alle mitzögen, könnte man mehr tun, viel mehr, aber daran ist, nach Lage der Dinge, nicht zu denken. Junge Frau, Sie zeigen mir Ihre Welt und ich zeige Ihnen meine – abgemacht?

KAIOPTAITOMON

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Angeblich eine im Traum des Apelles erwähnte Farbe von rötlichem Blau zum Schaden entehrter Künstler. Die Farbe soll wohl im attischem Dialekt, etwa wie ›Lokopaitomon‹, ›Getränk der Blinden‹ bedeuten und zur feierlichen Vergiftung geblendeter Maler bestimmt gewesen sein, denen das Geld für eine Vergoldung ihrer Maltafeln fehlte, was im alten Athen einer bösen Vorbedeutung für den Auftraggeber gleichkam. Ebenso zögerte man zu den Zeiten der schlimmen Tyrannen keinen Augenblick, einen Maler zu töten, zu blenden oder zu verbannen, wenn er das hohe Versprechen, das Wort ›Römer‹ niemals – selbst nicht wegen der kostbaren Roma-Büttenpapiere – in den Mund zu nehmen, brach. Nur den Ort Fabriano erlaubte man gnädigst. Hinzu kommt, dass der Maler in Zeiten hoher Tabus jedem Auftraggeber versprechen musste, im Namen einer neuen Venus animalis Purpur und derbes Gold aufzulegen. Wenn ihm dies aber durch Genialität und Anspruch, gelegentlich wohl auch aus Not, nicht möglich war, verstieß ihn der Zeitgeist und man zog aus der Reihe gierig wartender Dilettanten einen genügend maskierten Lumpen zur weiteren Übernahme des Werkes ans Licht. Dies gehört, im Gegensatz zur falsch verdächtigten Knabenliebe, zum wahren Untergang Griechenlands. Erst die Kultur, dann das Land. Es gab zuviel Mist. Man merke sich das.
Aber es gibt auch eine andere Version der Bedeutung dieser geheimnisvollen Farbe. Der im Traum sprechende Daimon wiederholte mehrfach das Wort ›Thanatos‹ und warf verfaulte Strohhalme in ein bläuliches Feuer. Dabei steht fest, dass kein irdisches Wesen Stroh zu Gold spinnen kann und auch in Athen die Maler nur irdische Wesen waren, wenngleich »von erhabenen Bärten und Locken köstlich umwallt«. So entstand aus Frechheit der Dilettanten bereits zu dieser Zeit ein Regietheater auf allen Ebenen der Kunst. Hätte es eine malbare Gegenmacht mit brauchbaren Farben gegeben, so würden sich die Künstler wohl schon damals zur Wehr gesetzt haben. Aber die Sykophanten waren in der Überzahl und eine echte Farbe des magischen Kampfes ließ sich heimlich weder auf der Agora noch jenseits davon anreiben, geschweige denn mischen und öffentlich vermalen. Die Spitzel lauerten überall. Erst heute, im Schattenreich des Intrumentariums der Netzstricker, entsteht zum Schutz der wenigen vergoldungsunfähig gebliebenen Künstler, im Zeitstrom des Alphazet, ein neuer Stiftungsaltar aus flimmernden Worten. Auf ihm wird die von aller Bosheit gegen die wahren Künstler geläuterte Farbe Kaioptaitomon als Gegenmittel zum Dilettantismus angerieben und wortwörtlich unter die Speisen der Sprache gemischt. Auf der Gebrauchsanweisung zur Nutzung des Stiftungsaltars heißt es: »Das neue, das wahre Kaioptaitomon entsteht im Zeitstrom des Alphazet unter dem Druck gesetzlich beförderter Barbarei, der man die Worte erneuern und färben muss.« - PM

KAKOKRATIE

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›Kakokratie‹ – wörtlich – mit ›Herrschaft der Schlechten‹ wiederzugeben, trägt einen Makel. Ähnlich verwandten Ausdrücken wie ›Herrschaft der Dummen‹ etc., nimmt es gerade diejenigen in Haftung, die, wie in Gesellschaft üblich, nichts dafür können, sei es, weil sie unfähig zu begreifen, sei es, weil sie unfähig sind, anders zu handeln. Abgesehen davon werden solche Zuschreibungen praktisch nur polemisch getätigt und reduzieren die Komplexität der Verhältnisse auf eine unangenehm berührende Weise. Besser wäre die Übersetzung ›Missherrschaft‹ in Analogie zum ›Misstönen‹ und zum ›Misserfolg‹, der zwar auch eine Art von Erfolg darstellt, aber gewiss nicht den, den man sich erwartete – stattdessen eine Art Durcheinander, in dem das Erhoffte, das Befürchtete und das Unerwartete gemeinsam einen Strudel bilden, aus dem sich nicht so leicht ausbrechen lässt. Aus diesem Grund glauben so viele Zeitgenossen bis kurz vor dem Schluss, sie seien Zeugen erfolgreichen Regierungshandelns, während sie doch nur das übliche Durcheinander erleben, in dem sich ein langer Abgang vollzieht.

KALABRESER

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So wird ja bekanntlich der leider nicht oft genug erleuchtete Kopf im Volksmund, nicht ohne Bezug zu Elektrizität und Inspiration, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts abfällig als Birne bezeichnet. Er ist eines besonderen, fast zärtlichen Schutzes bedürftig und gerade der Name des Filzes, seit der Zeit des Herzogs Montefeltro von Urbino, der, seinem Namen entsprechend, bedeutende Filzmühlen gestiftet hat, wurde durch diesen bedeutenden Adelsnamen enorm gesteigert. Er gilt bis heute als milder, weicher und wetterbeständiger Stoff für alle Arten von ›Hauben des Hauptes‹. Nur die Hutränder wechseln im Spiel der Kulturen, aber keineswegs bloß auf Grund oberflächlicher Moden.
In früher Zeit waren die Hauben oft eng. Mitellae nannte man sie in Rom. Es waren haubenförmige Kopfbinden mit Backenklappen, die unter dem Kinn mit dem stringentis zusammengebunden wurden. Man findet sie noch bei Dante als carum caput, als ›theures Haupt‹, den Kopf als Schatulle umspannend.
Dass die viel zeitlosere goldene Aura keinen äußeren Schutz bot, liegt auf der Hand, sie ist aber auch aus Prunksucht niemals allgemein tragbar gewesen, weil sie als christliches Original wohl immer nur spirituell erkennbar zu bleiben hatte. Wobei man von dem gescheiterten Unterfangen französischer Surrealisten absehen muss, die sie als vergoldete, tafelförmige Kopfbedeckung in Paris unter Künstlern einführen wollten. Chadron de Mitré, ein Freund Bretons, trug sie nur in öffentlichen Badeanstalten für Männer, allerdings noch zur Zeit der deutschen Besatzung, wie Villipere Placaton dem nachmaligen Antiquitätenhändler Max Valentiner versichert hat.
Übrigens sind ja auch schon die Kronen, als flache Auren tief in die Stirne gedrückt, nach 1789 nur selten zur Mode geworden und vom Kopfputz des Satanismus muss man nicht reden, da er bis heute grundsätzlich nur den Haaren gegolten hat. Rote, zuckerverklebte Stacheln, grasgüne Wellen, hochstehende Bündel sind keine Hüte, sondern Kopien höllischer Überlieferung.
Ganz anders der Kalabreser, ihm war es gelungen, zur breitrandigen Kopfbedeckung der Künster des neunzehnten Jahrhunderts zu werden. Bei Toulouse-Lautrec, über dem Radmantel getragen, vervollständigt er die Rückenansicht eines fliehenden Künstlers, vielleicht aus einem Bordell, in dem ihm das Unheil kulturfreier Zeiten begegnet sein mag. Bis heute ist dieser Gedanke insofern prophetisch, als der inzwischen eng verschnittene Hut, mit knappem Rand, der Beschränkung von Köpfen entspricht, die ihn bei jedem Auftritt in der Öffentlichkeit als Requisit ihrers Angriffs auf offene Türen benutzen. Entsprechend solchen Umständen wurde, nun umgekehrt, der Kalabreser zum Bühnenschlapphut erniedrigt, der, wie die Sonnenbrille auf deutschen Bühnen, zur Halbuniform einer in verwilderten Irrenanstalten wütenden Geheimpolizei gehört.
Allein dem Kalabreser kann nachgesagt werden, er sei schon viel früher zum letzten Schattenbegleiter der Künstler geworden. Auf Amphoren gehört er den trauernden Schatten der Unterwelt an, die auf Felsen hockend den Charonsnachen erwarten, nicht viel anders als die französischen Damen die Barke, die sie zur Fahrt nach der Insel Cythere bringen soll. Auch sie haben uns in kunstvoll gerafften Roben, nicht grundlos, fast alle den Rücken zugekehrt. - PM

KALAUER

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Man darf den Kalauer nicht fürchten, er ist ein treuer Freund und fast immer zur Hand, wenn man ihn braucht. Leute, die keine Kalauer mögen, mögen auch anderes nicht, z.B. Erbsen, es bringt sie um den Verstand, wenn sie daran denken, wie viele Menschen täglich mit Erbsen traktiert werden; sie persönlich bevorzugen Blutwurst. Sind Kalauer billig? Wie kann einer das wissen, der keine Ahnung davon besitzt, dass es auch hier Börsen gibt, mit unterschiedlichen Notierungen, mit dem üblichen Auf und Ab, mit Überraschungscoups und Börsengängen, die von allen gefeiert werden, die sich hier ihre Heiterkeit verdienen. Nur eins mögen Kalauer nicht: die ordnende Hand.

KAMPF

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Man muss gegen das Lächerliche den Kampf aufnehmen, auch wenn es allmächtig erscheint und das Unterfangen in jeder Hinsicht aussichtslos wirkt. Aus dem Lächerlichen entsteht das Ärgerliche, aus dem Ärgerlichen das Furchtbare – früher oder später, durch plötzliche Zufälle vermittelt oder durch den langsamen, schleichenden Gang der Dinge. Komischerweise – es ist nicht die einzige Komik dabei, aber vielleicht die seltsamste – komischerweise erweckt das Lächerliche den Eindruck, die Zukunft für sich zu haben. Ihm eignet dieser unwiderstehlichen Zug, gestützt auf lauter Notwendigkeiten. Dabei scheint es bequem fortzublasen: es liegt so leicht auf und die Menschen lachen, wenn man darauf zeigt.

KAMPFAUTOMATISMUS

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Die ersten Gestörten kommen, wenn die letzten gegangen sind. Eine klinische Aussage ist das nicht. Alles kommt, wie es kommen muss: schubweise. Darin liegt ja die Störung. Fiele sie aus, so wäre auf nichts mehr Verlass. Drum störe, wer den Beruf dazu fühlt, beizeiten. Es könnte leicht sein, er fühlte sich sonst: gestört. Nichts erheitert mehr als die Asynchronie der Störer. Der lange Darm der Gesellschaft verdaut sie so, wie er alles verdaut. Sind sie erst ausgeschieden, sind sie’s zufrieden und geben – nein, nicht Ruhe: sich zum Besten.

KAPITALFLUSS

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Das bewegliche Kapital entsteht an der Grenze zwischen zwei Religionen, genauer, zwei Auffassungen von Religion: dem Glauben als Kredit und dem Glauben ans gerechte Jenseits, in dem alle Schulden eingefordert werden. Dennoch wäre an dieser Grenze, so wie es lange Zeit auch der Fall war, nichts passiert, wäre nicht als drittes, treibendes Element irgendwann der Unglaube einer Herrschaftsschicht und ihr fester Wille dazwischengetreten, die entstandene Konstellation praktisch zu plündern. Ein polizeilich verordnetes Jenseits ist etwas völlig anderes als ein erträumtes oder ertrotztes. Verordnet aber musste es werden, nachdem der ökonomische Prozess einmal in Gang gekommen war: das und nichts anderes schuf aus dem Christentum die moderne Religion par excellence. Wer den Kredit braucht, um zu existieren, fürchtet nichts mehr als den Tag, an dem alle Rechnungen fällig werden. Also muss man ihn glauben machen, dass dieser Tag kommt, aber mit der ausbalancierten Mischung aus Verzweiflung und Hoffnung, die erst der Webersche Protestantismus ins Lot gebracht hat. Der Tag des Gerichts, Doomsday, The Day After: kein Tag wie dieser, doch jede Nacht ein Vor-Schein, eine Schein-Festung, deren Existenz dem Tages-Regime seine Festigkeit verleiht.

KARDINALFRAGE

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Hinter jeder Meinung steckt ein verkappter Führungsanspruch. In der Regel fragt einer nach der Meinung des anderen erst dann, wenn er nicht mehr weiter weiß. Solange er zu wissen glaubt, wie es weitergeht, darf der andere seine Meinung für sich behalten, er darf nicht nur, er soll tunlichst schweigen, denn seine Meinung stört, insofern sie abweicht, und belästigt, insofern sie in nichts weiter besteht als in Zustimmung. Nach diesem Modell soll stets eine Meinung herrschen, alles andere ergäbe Streit und Unfrieden, so etwas braucht keine Gemeinschaft, es ist ihr unbekömmlich. Einmütig sein, einmütig handeln: das ist ein hohes Gut und Mut und Meinung verschmelzen den meisten Menschen zu einer Einheit. Deshalb gibt der Klügere nach und verbirgt seine Meinung, bis sich die erwartete Ratlosigkeit einstellt. Selbst dann weiß er um die mit dem Hervortreten verbundene Gefahr: am giftigsten wirkt Einmütigkeit dort, wo sie nur noch als Illusion existiert oder als blanke Lüge. Überall findet man solche Gemeinschaften, sie sind zahllos wie der Sand am Meer und entstehen ohne weiteres Zutun, als träten sie aus der menschlichen Psyche selbst hinaus ins feindliche Leben. Wer sie ausrotten wollte, auf dass nur Gesellschaft sei, die freie Assoziation freier Meinungsträger, wäre ein wirklicher Feind der Menschheit. Ist der Liberalismus ein Feind der Menschheit? Keineswegs. Ein klug getakteter Liberalismus vertraut dem Gedanken, dass es Gemeinschaften nur im Plural gibt und das etablierte Recht eines jeden, aus ihnen auszutreten und sich anderen anzuschließen, ihnen bereits das gröbste Gift entzieht. Deshalb ist die Kardinalfrage an jede Gemeinschaft: Wie haltet ihr es mit den Abtrünnigen? Denn Abtrünnigkeit ist das geheime Grauen jeder Gemeinschaft, da in ihr jener freie Wille aufblitzt, den zu bändigen sie angetreten ist, und damit die Möglichkeit des Zerfalls. In der modernen Arbeitswelt geht, wer geht, weil er sich einen Vorteil verspricht oder weil er gehen muss – das ist gerechtfertigt und bedarf bloß einer angemessenen Rahmung, um akzeptiert zu werden. Die ›Gemeinschaft am Arbeitsplatz‹ ist per se Gemeinschaft auf Zeit, das strahlt auf andere Gemeinschaften aus und lässt sie, sofern sie nicht Bandencharakter annehmen, auf mittlere Sicht handlich erscheinen. Auf mittlere Sicht, aber auch auf längere? Das bleibt ungewiss. Eine Gemeinschaft von Abtrünnigen – so ließe sich der verschworene Kern der Liberalen bezeichnen, der in Gesellschaft darüber wacht, dass die Tendenz zur Vergemeinschaftung nicht überhand nimmt. Und damit beginnt das Reich der Paradoxien.

KARMA

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Das ist die übernatürliche Erbfolge von Glück und Unheil im Seelenzustand bis über den Tod hinaus. Ihre furchtbare Gerechtigkeit zertrümmert sowohl die hochfahrenden Pläne der Gerechten wie den Glauben hoffnungsvoller Tyrannen in neuerer Zeit. Ja, selbst die Schicksale einfacher Gegenstände wie Hämmer und Zangen, Sägen, selbst die giftigen Speisen, die einst auf andere gute Speisen verderblich gewirkt haben, unterliegen diesem Gesetz. Denn ohne Zweifel gibt es auch die hilfreichen Zangen, die hilfreichen Nägel, die guten Speisen, die einst voller Mitleid den schlechten Speisen geholfen haben. Man denke an die Leinwandnägel der Bilder Poussins, an Rembrandts Gemälde und Tizians Keilrahmen. Und sollte man hier nicht glauben, sie stünden in einem unendlichen Gegensatz zu denen am Kreuze Christi?
Denn die Wirkweise Karmas ist übermächtig und kennt keine Grenzen, weder vor den Werken der Kunst noch der großen Natur. Auch Meere, Wälder und Flüsse unterliegen der Erbfolge dieser Allmacht. »Denn alles hat seine Freiwilligkeit« sagt Homomaris der Deuter, »und ist somit den Folgen unterworfen.«
Szenen auf Bildern, die gehobene Faust des Kain, der Versuch eines Dolchstoßes auf Tizians Tarquinius und Lucretia, alles hat nicht nur über die Netzhaut jedes Betrachters, sondern im Bilde selbst seine Folgen. Je sensibler der Restaurator, um so genauer kennt er die Ursachen des Zerfalls eines Bildes. Rudolph II. hinterließ durch Kuhlgräbers Notizen über zweihundertfünfzig innere Ursachen des Zerfalls der Bilder »durch sich selbst«. Warum wohl sonst sterben Wälder und trocknen die Meere aus? So Ochsen wie Himmelskörper sind diesem Gesetz unterworfen. Aber gewaltiger noch: der Himmel und seine Götter bewegen dieses Gesetz, stoßen es an, sind ihm unterworfen. Der Tod Gottes ist das furchtbarste Beispiel.
Die wenigen Folgenforscher wie Max von Englschall, Brotgerber oder der große Engermann haben zumeist vergeblich die Ketten solcher allmächtigen Anstöße zu deuten versucht. Brotgerber, der Gottes Untergang an die Genesis-Homomaris zu binden sucht, weil allein deren Beschreibung weder ein Vorwärts noch ein Rückwärts kennt, scheitert bereits ein halbes Jahr später an den Erbsensuppen des deutschen Miltärs contra russischen Kaviar, völlig hilflos und fast verzweifelt. - PM

KARRIERE

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Man hört sie wohl, die gerupften Gänse des Kapitols, doch da niemand sie sieht, ahnt man die üble Vorbedeutung, ohne sie zu erkennen. Seit die Europäer sich das lose Maul per ›Karriere‹ verbieten, ist ihr Gedankenreichtum auf ein überschaubares Maß zurückgegangen. Was auffällt, ist die Masse an Einfällen, die sich von selbst erledigen, sobald jemand sich um sie kümmert, was nur selten geschieht. Da gehen die jungen Menschen hin – die alten, das beiseite, desgleichen – und haben es eilig, sie haben es so ungeheuer eilig, dass es sie bei keiner Sache hält, denn sie wollen durch sein, wenn es sie trifft, und treffen muss es sie: Erwählung ist keine kleine Sache in einer Welt, in der die Erwählten sich gegenseitig auf die Hacken treten und einander den Ton abdrehen, um nicht die Gurgel suchen zu müssen. ›Zu den Sachen‹ – das klingt, das riecht nach Entfremdung, wenn man ›Menschen mag‹, wenn man Botschafter werden möchte und schon einstweilen den Sekt kalt stellt. Diese groteske Botschaft des irgendwie grotesken, irgendwie befreiten, irgendwie leeren und irgendwie illusionären Kraft-Ich, das nichts weiter als Seife und Duschstrahl braucht, um seinen täglichen Schweiß abzunehmen, eingewickelt in ein Kack-Wort aus einer Kack-Welt ... wir wollen nicht fragen, ob sie die richtige sei, denn das kann nicht sein, das darf nicht sein, das müssten wir wissen ... wissen? ›Durch die Hecken‹, da geht es doppelt so gut. Gut zu wissen, dass nichts dazu kommt, außer, einer trägt auf, da muss man die Aufträge annehmen, wie sie hereinkommen. Fette Auftragsbücher, daran erstickt keiner, daran kann man sich abarbeiten, lebenslänglich und darüber hinaus. Gutes Wissen für gutes Geld: das muss irgendein Pakt sein, den die erwachsene Gesellschaft ihren Gliedern anträgt. Aber wer nur Gutes weiß, was weiß der schon? Nichts Besonderes, könnte man meinen, falls Meinen hier in Betracht käme. Man erforscht die Produktion von Wissen, wie man die Produktion von Gülle erforscht – mit zugehaltenen Nasen und einer durch Ekel gesteigerten Lust an dem, was da auf einen zukommt.

KASUISTIK

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Diese sorgfältig konstruierten Fälle, diese akribischen Tüfteleien, das Auf-Messers-Schneide-Wägen, das Um-die-Entscheidungen-Wissen, diese jahrtausendlange Arbeit der Moralisten, das Auf-den-Stand-Bringen eines Gesprächs, das ohne Anfang scheint und unaufhörlich die Gemüter fortreißt, Illustriertengeschichten und Bettlektüren – währenddessen gehen die Metzeleien ihren Gang, entzücken imperiale Gebärden die verschwiegenen Herzen der Friedfertigen, gehört Genozid zur Statistik. Realität und Moral spielen, wie allgemein bekannt, in verschiedenen Räumen. Schuldphantasien, das Sich-Hineinträumen in die großen Entscheidungen der Vergangenheit, das imaginäre Soll und Haben der Menschheit berührt Moralisten weit stärker als die Zwangsläufigkeiten ihres unausweichlichen Tuns. Leicht, nahezu ohne Bodenhaftung, erfechten sie ihre Siege, verzeichnen sie ihre Niederlagen. In welcher Handlung geht ihre Gleichung auf? Gibt es Anhaltspunkte, um sich zu orientieren? Der Zyniker nebenan weiß es besser, kann es aber nicht äußern. Und das ist auch nicht schlecht.

KATEGORIENSCHWUND

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Nach einem soliden Saufabend in der Provinz lässt sich beobachten, was jeder weiß: auch Kategorien unterliegen der Artenwahl. Manche setzen sich durch und dominieren den Sex, währenddessen andere ab- und ausfallen und verheerende Rätselschneisen in die Wahrnehmung fräsen. Zu den notorischen Säufern zählt auch die Öffentlichkeit, der heute diese, morgen jene Kategorie abhanden kommt, ohne dass sie sich das anders erklären könnte als durch einen Lernprozess. Dinge, die gestern noch mit Leichtigkeit zu verstehen waren, liegen ihr heute schwer im Magen und erfordern diätetische Maßnahmen, vor denen einem im Privatleben graust, aber sie geht darüber mit Leichtigkeit weg und erklärt sie für ›unverzichtbar‹. Das Wort lässt sich bequem als Anzeige eines eingetretenen Kategorienschwunds lesen. Wann immer etwas unversehens als unverzichtbar gilt, kann man fast sicher sein, es handelt sich um eine Zumutung für den Verstand. Er soll beschäftigt werden, damit er den Verlust an Mitteln nicht bemerkt oder wenigstens nicht dazu kommt, sich zu beklagen. Ach was, stolz soll er sein auf die kolossalen Aufgaben, die seiner warten, und Stein und Bein schwören, dass er endlich ›an den richtigen Fragen‹ arbeitet, während ihm die Zauberfee sanft über den Scheitel fährt und ihn unbemerkt an den Busen drückt, dass ihm Hören und Sehen vergeht. So sah man einst biedere Literaturwissenschaftler in die black box des öffentlichen Bewusstseins hineinwandeln und grimmige Universalgrammatiker wieder herauskommen. Seit die Genforschung boomt, gehen viele gern über Leichen und behaupten, es sei die Evolution, die sie zu solchem Tun animiert. Warum nicht? Das Frausein zum Beispiel will mittels einfacher Versuchsanordnungen gelernt sein, während es sich im Privatleben ungerührt fortschreibt, so dünkt sich jeder der öffentlichen Rede überlegen und lernt, sie durch zweckmäßige Anwendung auszubeuten, nach einem Motto, das man einst im Badischen auf einer Elternversammlung vernahm: »Gelle, des kenne mer aa!« Sie können es, sie können es.

KATOPTROMANTIE

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Weissagung aus Spiegelbildern, eine in unseren Breiten seit dem Ende des letzten Krieges mit ungeheurer Leidenschaft Woche für Woche ausgeübte Form der weißen Magie, die zum Teil recht paradoxe Ergebnisse zeitigt – nicht immer zum Wohle ihrer Betreiber. Für Gesprächsstoff ist in jedem Falle gesorgt. In heißen Zeiten erzeugte diese Form der Weltverspiegelung bereits Klimawandel, die es in sich hatten und dem von 2007 in nichts nachstanden.
War der Spiegel schon immer ein Gerät mit reflektierender Oberfläche, das der Selbstschau diente, so gilt die ruhige Wasseroberfläche als ältester Spiegel. Ein erster Fall von Katoptromantie findet sich in der griechischen Sage. Narziss erblickt sich selbst in einer Quelle, verliebt sich in sein Spiegelbild und wird darüber in die nach ihm benannte Blume verwandelt.
Spiegel sollen – wie andere eng mit ihm verbundene Gegenstände – Charaktereigenschaften ihres Besitzers aufnehmen und sie bei Wechsel des Besitzers auf den Nachfolger übertragen. Agrippa von Nettesheim schrieb dazu: »Man sagt, dass Personen, welche das Kleid oder Hemd einer Hure anziehen oder den Spiegel, in dem sie sich täglich beschaute, bei sich tragen, frech, furchtlos, unverschämt und unzüchtig werden.« Demgegenüber ist anzunehmen, dass es sich bei der Form der Katoptromantie, die heutzutage praktiziert wird, eher um eine Art frei flottierender,  zu Zwecken der Volksaufklärung magisch verbrämter Nabelschau handelt.
Alle Versuche der Obrigkeit, sich des Phänomens zu entledigen, sind kläglich gescheitert. So hat die Regierung der Volksrepublik Greisenau auf ihrer vorerst letzten gemeinsamen Sitzung endgültig beschlossen, die Katoptromantie für ihre Zwecke zu nutzen. Ähnliche Versuche kennt die Forschung bisher nur von der altrömischen Augurenschau. Von daher ist man gespannt auf die Ergebnisse einer Feldstudie über die gesellschaftlichen Auswirkungen dieser Entscheidung, die 2011 zum Abschluss kommen soll, zumal in den letzten Jahren im öffentlich-rechtlichen Bereich eine Reihe von Änderungen und Entscheidungen zu verzeichnen waren, die im Ganzen eher als Rückkehr zu Adam und Eva zu bewerten sind. – Frage eines bayerischen Abgeordneten: »Habt’s ös jetzt a aan Spiegel?« - AC

KATZENALTAR

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Wem, bitte, genügt schon, was er hier sieht? Nicht jedem, das kann gar nicht anders sein. Die Katze hingegen, dem Allerheiligsten gegenüber, kennt keine Scheu und sie scheut kein Genügen. Sie sieht, was sie sieht, und es genügt ihr. Daher lässt ihr Anblick die Tränen im Entstehen trocknen, die er hervorruft. »Wie süß«, rufen Menschen aus, denen es graut. Das süße Grauen stolziert über Tisch und Bänke oder zwischen ihnen hindurch, als kenne es den Unterschied, sei aber nicht gewillt, ihn zu respektieren. ›Für ein Linsengericht‹, könnte es den Menschen, den Denker von Lichtel zitierend, zurufen, ›für ein Linsengericht habt ihr dieses Vorrecht aufgegeben. Nun seht, wie ihr zurechtkommt.‹ Das erklärt manches, darunter den Aberglauben, Katzen seien stolz. Nichts liegt ihnen ferner. Wer das Stolzieren beherrscht, lässt sich von keinem Stolz beherrschen. Der Stolz liegt den Menschen schwer auf, so dass viele versuchen, unter ihm durchzuschlüpfen – ein vergebliches Unterfangen, wie jeder weiß. Die Katze hingegen, im Entweichen geübt, scheint immer gerade dem Tabernakel zu entsteigen, das hinter ihr zuklappt wie ein ausgelesenes Buch. Da steht sie, ein Bewusstseinstier, man könnte ihr Hörner andichten und sie, die ernste, würde sie fortlächeln durch Gegenwart. ›DB‹ lauten ihre Initialen – DU BIST.

KEHRICHTBESEN

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Ich habe mein Wort gesagt und erinnerungslos gehe ich darüber weg. Heißt das: immer wieder leben? Oder: den Tod versäumt haben? Oder: einer Täuschung erlegen sein? Oder: noch nicht durch sein? Vor welchen Instanzen? Kann es hier Instanzen geben? Sprechen sie von jenseits des Stroms oder sind sie ein Echo des Geräusches, das ich bin, ohne es zu bemerken? Das Totengericht inmitten von Zimmerpflanzen, bei laufendem Geschirrspüler wirkt fremdartig, unwirklich, komisch. Es erscheint den Leuten ›kafkaesk‹. Das Kafkaeske ist der Kehrichtbesen der Munteren, er putzt jede ernsthafte Erwägung weg.

KERNBEREICH

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In den Kernbereichen der Gesellschaft werkeln Menschen mit einem ernsthaften Mangel an Phantasie: verlässliche Leute, denen es nichts ausmacht, Jahr um Jahr die gleichen Handgriffe und Redensarten zu wiederholen und dabei, wie sie sagen oder zu sagen behaupten, ununterbrochen zu lernen: sie sind die Vor-Macher und Vor-Lerner der anderen und dürfen sich keine unvermuteten oder unvorbereiteten Schritte erlauben – zum Beispiel aus Ungeduld oder weil eine Laune sie anwandelt oder, auch das wäre immerhin denkbar, weil sie einem Gedanken nachgehen wollen, der unvermittelt in ihnen aufleuchtet. Spitzenwissenschaftler, Spitzenpolitiker, Spitzenpolitiker, sie sind alle vom gleichen Schlag. Jeder von ihnen ist ›gut in‹: eine frühe Eingebung brachte sie auf den Weg und ihn laufen sie sich abspulend, weg. Der weggelaufene Weg oder der vergebene Fortschritt: mittlerweile läuft ihre Zeit ab. »Das haben wir gemacht«, bekunden diese Handlanger des Wirklichen, »dazu stehen wir!« Sie sagen es, wie sie es meinen. Am Ende stehen sie als Götzen einer untergegangenen Zeit in der Landschaft, mit einem heimlichen Gruseln bedacht, denn jeder sieht doch: sie meinten es gut. – »Das hat schon was gebracht, damals, das waren andere Zeiten.« So lautet die freundliche Variante, die feindselige klingt anders, aber die lassen wir weg. Verlässlichkeit ist die Tugend der kleinen und großen Leute. Sie ist die Eigenschaft, die sie verbindet und zusammenhält. Schritt halten ist das Geheimnis aller sozialen Erfolge. Es gibt andere, aber die überlässt man gern Menschen, denen Misserfolg nichts ausmacht, weil sie ihn kaum bemerken, und wenn doch, mit einem Lächeln quittieren, da ihnen der Unterschied zu gering vorkommt, um davon Aufhebens zu machen.

KERNDIENER

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Niemanden in Europa schreckt die jahrhundertelange fromme Überformung des antiken Weltwissens, niemanden dessen Verwandlung in etwas anderes nach seiner triumphalen Wiedereinführung, niemanden das Versinken des ›christlichen Weltbildes‹ in den Strudeln einer Begrifflichkeit, die, zwischen ein paar stabile Henkel gefasst, eine Dauer genießt, die konstant gegen Null tendiert, aber durch die Trägheit der gesellschaftlichen Akteure eine Art Nachleben zu Lebzeiten führt: Hülsen nachgeschleifter Ideen, die im voraus jedem halbwegs aktuellen Gedanken ein feuchtes Grab im gutmütigen oder beißenden Spott der Nachgeborenen versprechen. Niemanden schreckt dergleichen, weil die Alternative dazu nicht sichtbar ist. Nicht wenige wären über Nacht bereit, sie zu ergreifen, aber der Griff ginge ins Leere. Stattdessen wissen wir notorisch Bescheid, wissen, was wir ›vom Menschen‹ zu halten haben (nichts), von der Gesellschaft (alles), vom Körper (das meiste). Wenn wir zum Therapeuten gehen, dann weiß auch er Bescheid. Er hat seine Theorien gelernt und benützt ihre Begriffe, wobei er durch die Finger sieht oder blinzelt: erst das Blinzeln erlaubt ihm den Abgleich. Er ist stolz darauf und nennt es Erfahrung oder Intuition, aber es ist nichts weiter als Gutmütigkeit: gutmütig lässt er die Begriffe gelten und den Patienten, nebeneinander, durcheinander,  außer einander und miteinander. Nicht anders der Student, der dem Professor die Wörter vom Mund abliest und bereits andere formt, den Widerspruch formt, bevor ein einziger Grund sichtbar geworden wäre, der es ihm in der Sache geböte. Geht doch – das gilt, weil es gilt, weil die Geltung nicht an der Richtigkeit einer Sache hängt, sondern an der Art von Beharrungsvermögen, die unter Menschen Erfolg genannt wird. Der Aufforderung ›Mach dich nicht lächerlich‹ ist die Lächerlichkeit eingebrannt, sie enthält den Wunsch, der andere möge das Lächerliche aus sich heraussetzen, aber nicht jetzt, nicht hier, nicht unter uns. »Warte, bis ich die Tür hinter mir geschlossen habe, dann hast du frei, dann darfst du tun, was du nicht lassen kannst.« Unverständlich werden Theorien, sobald der Erfolg sie verlassen hat, sobald ihre Leichen den Hermeneuten anheimfallen, welche die Frage, warum just diese hier oder jene dort so lange geglaubt wurden, niemals schlüssig beantworten können, weil sie schon zu ihrem Kern nicht mehr vorstoßen können. Jeder gesichtete Kern ist ein anderer, das verbindet ihn mit dem Ich der Verbrecher und der Poeten. Seine traurigen Tänze vor versammelter Kennerschaft erinnern entfernt an – ja was? Kerndiener, seid wachsam, ihr werdet gebraucht! Es macht nichts, wenn euch die Systemdiener gegenwärtig den Rang ablaufen, ihr kommt wieder, daran besteht kein ernsthafter Zweifel.

KERNSCHMELZE

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Die Kernschmelze beginnt in den Gehirnen und breitet sich von dort fächerförmig aus. Fragt man die Leute: »Wollt ihr den totalen GAU?«, dann zeigen sie sich interessiert, schließlich wäre es einmal etwas Neues und so schlimm wird es schon nicht kommen. Sie reagieren also, wie Menschen so reagieren, teils-teils, das Restrisiko kennen sie und die Mehrzahl nimmt es billigend in Kauf, weil sie weiß, dass es im Ernstfall den anderen trifft, man selbst wird es schon zu vermeiden wissen. Das Leben ist risikobehaftet und wenn man dem Risiko eine angenehme Seite abgewinnen kann, dann hat man ihm ein Schnippchen geschlagen. Das ist nichts Geringes, verglichen mit den endlosen Möglichkeiten des Darbens und Frierens, des Abgehängt- und Verlorenseins. Der Mensch braucht eine Perspektive und die treibt ihn an die Spitze des Zuges. Wenn endlich die Bilder vom Unglück der anderen eintreffen, dann reagieren die Gehirne menschlich, das heißt, sie wollen nicht, dass sie selbst so etwas trifft, sie wollen es um keinen Preis. Diese Phrase hat etwas, das selbst in der Katastrophe erheitert, weil es besagt, dass sie, schreckverloren, wie sie nun einmal sind, gar keinen Preis zu zahlen bereit sind, weder diesen noch jenen, geschweige denn alle beide. Führer aus der Not, Anführer der Verwirrten oder Filou der Stunde ist gerade der, der ihnen versichert, dass das Abschalten folgenlos bleibt. Aber das wäre ja... Wer zum Teufel hat uns da hineingeritten, wenn ein Fingerschnipsen genügt und der Spuk ist vorbei? Warum schnipst denn keiner? Warum versteinern ringsum die Gesichter, wenn die Hand zum Ausschalter tastet? Warum trägt das Eigeninteresse so unbeeindruckte Züge, wenn es in Gestalt des Anderen entgegentritt? Ein Glück, dass es wenigstens in den Medien wütet und stürmt.

KINDER DER SCHAM

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»Kinder, schämt ihr euch nicht?« Nein, sie schämen sich nicht, die lieben Kleinen, und sollten sie wider Erwarten sich einmal schämen, dann kichern sie dazu töricht und finden sich Spitze. Wider Erwarten? So sollte das Wort nichts gelten? Das Wort, auf das alles ankommt? Wer besitzt so wenig Schamgefühl, mit Wörtern zu spielen, die doch das Wichtigste ausdrücken sollen? Wer tunkt sie in den Putzeimer, in dem diese schmutzige Brühe steht?

KINDERLADEN

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Die Männer sind gut beraten, sich ihrer Kinder ein für alle Mal zu entschlagen, sobald die Mütter illoyal werden. Das sind die neuen Gegebenheiten, die so neu nicht sind, aber von denen, die sie zuerst betrafen, systematisch verschwiegen wurden – Stoff für Therapeuten und Richter, die die Misere seit langem kennen und als individuelles Elend verwalten. Nichts daran ist individuell als die Umstände; alles andere ist dem Krieg gegen die Väter geschuldet, der vor vierzig Jahren entfesselt wurde und in den Kindern noch längst nicht zu Ende gegangen ist. Es wird immer nachgelegt. Wortführer nennen es Zukunftsfähigkeit und das blanke Gegenteil wächst heran: eine neue Generation ›Geschädigter‹, die ihre Obsessionen weiter tragen wird. – Was sind das für Menschen, die ungerührt das Elend der anderen verdoppeln? Öffentliche Heuchler, ideologische Hochstapler und Klinkenputzer vergangener Schrecken, die glauben, privat davonzukommen. Ein Irrglauben, so recht geschaffen für die Kirche der Hartköpfigen und Hartherzigen, deren Gehirn nicht mehr als einen Gedanken zu fassen vermag. Dieser, durch einen historischen Zufall in sie hineingeraten, hat Prägestempel aus ihnen gemacht: ungestalt selbst, ungenießbar für die Erfahrung, die sich früh abwandte.

KINDIDOLATRIE

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gewöhnlich um die Lebensmitte herum einsetzend, galoppierende Spätfolge eines betont asymmetrischen Kindschaftsverhältnisses (unglaublich, dieses Wort), in dem die Mutter alles, der Vater nichts oder weniger als nichts ist, das Negativ, die Folie, vor der alles ins Positive geredet und gewendet wird, was so geht oder gar nicht geht oder längst daneben gegangen ist. Übrigens nicht auf Väter und ihren irren Spät-Stolz auf die Töchter beschränkt. Weniger bemerkt, aber nicht weniger aufschlussreich die Neigung von Frauen, sich ein zweites Mal an ihre Kinder zu verlieren, die erwachsenen Kinder erneut auszutragen. Dazu gehört nicht besonders viel, es reicht doch, die Welt erneut in eine Innenwelt zu verwandeln, sich als schützenden Mantel zwischen die jungen oder nicht mehr jungen Leute und das zu stellen, was andere Generationen ›existentielle Erfahrungen‹ nannten. Schwer zu entscheiden, wer da wem etwas antut und wo die Entgleisung beginnt, schließlich weiß niemand, wohin die Reise geht. Ein inverser Generationenkonflikt tut sich hier auf; die ältere Generation kämpft ihn mit sich selbst aus, bis zur bitteren Neige, und bittet die Kinder inständig, sich da herauszuhalten, die Opferrolle nicht aufzugeben, in der man sie nun einmal sieht und behalten möchte – um jeden Preis, auf absehbare Zeit oder Unzeit.

KINDSCHAFT

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Ich habe ein Kind, verstehen Sie, ich habe ein Kind, das klingt ziemlich possessiv, ganz schlecht, besser hätte ich für ein Bankkonto sorgen müssen, für unzweifelhaften Besitz. Aber das ist nicht richtig, denn ich habe zwei Beine, zweifellos auch ein Possessivverhältnis, doch auch eine – Leibeigenschaft, wäre das Wort genehm? Also eine Leibeigenschaft. Ganz so weit möchte ich doch nicht gehen, sobald es sich um eine Grippe oder den Grauen Star handelt, das wäre auch ein Possessivverhältnis, aber ein abstoßendes, jedenfalls wäre ich die beiden gern los, was nicht so einfach ist, sie benehmen sich wie eine Verwandtschaft, die nicht weiß, wann es Zeit ist zu gehen etc. Nun, ich habe ein Kind, das nicht weiß... aber was? Man hat es mir abspenstig gemacht, so heißt das, man hat es, in täglicher zäher Kleinarbeit, darauf dressiert, keinen Vater zu haben, was ist daran merkwürdig? Aber ja, ich kann es Ihnen sagen: Vordergründig arbeitet da diese Person, zu der ich einmal eine Beziehung hatte, vordergründig arbeitet da immer eine Person, es gibt viele solcher Personen, zu viele, denn hinter ihnen steht etwas, das Druck macht, etwas, das manche Leute Gesellschaft nennen, die Gesellschaft, so wie man sagt: der Oberförster, und alles ist geklärt. Die Gesellschaft also stünde hinter jener Entfremdungsarbeit, dieser Entfernungsarbeit, da ist etwas dran, sie redet leise, sie redet laut, sie redet in eine Richtung, das ist es: Sie redet durcheinander, aber in eine Richtung. Mag sein, ich täusche mich und das alles ist längst vergangen. Manchmal höre ich die Stimme meines Kindes, aber wie aus weiter Ferne, dann steckt es sich wieder, denn es ist fast schon erwachsen, den Knebel in den Mund und die gewohnte Sprachlosigkeit beherrscht das Feld. Beherrscht das Feld. Manche sprechen da von Therapie. Aber wie therapieren, wenn es um Übergriffe geht, um wirkliche, nicht endende Übergriffe? Wenn sie doch aufhörte, diese Gesellschaft. Vielleicht ist sie ja längst nach Hause gegangen, vielleicht sitzt in dieser Maschine, die auf unseren Feldern fortrattert, einem Traktor nicht unähnlich, nur noch ein Automat, programmiert von Leuten, die ruhig im Altenheim sitzen und Gott Alzheimer eine Socke weihen.